Ulrich R. Matthes; Jesus schrieb Das Neue Testament vom Kopf auf die Füße gestellt, Hamburg 2024
Kein Geringerer als der gute alte Karl Marx, ja, der mit dem Bart, stellte den noch älteren Hegel vom Kopf auf die Füße. Dieses Verfahren wendet Ulrich R. Matthes mit dem Neuen Testtament an in seinem Buch „Jesus schrieb“.
Er schreibt: „Ich möchte mich mit dieser Heilsgeschichte gerne beschäftigen, weil sie mir in mehrfacher Hinsicht verdächtig ist“ und wenig später „.Ich persönlich halte von Mystik überhaupt nichts und bin der Ansicht, dass immer, wenn in einer Geschichte etwas Mystisches geschieht, in Wahrheit etwas verdeckt werden soll.“ (S. 19)
Damit beginnt seine Reise 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Das Land, in dem Jesus geboren wird, gehört zum römischen Reich wie auch die anderen Gebiete rund um das Mittelmeer. Die Juden glauben an ihren unsichtbaren Gott und warten sehnsüchtig auf den Messias, der sie befreit. Das erregt den Argwohn und das Misstrauen der Besatzer, die einen Aufstand von diesem unruhigen Volk befürchten. Von den vielen selbst erkorenen Messiasen gefällt ihnen Jesus am besten, da er Frieden und Gewaltfreiheit predigt. Das brauchen die Römer. Matthes führt einen fiktiven römischen Agenten ein, der Jesus Anliegen unterstützt.
Das erscheint mir zwar unnötig, aber den Verlauf der Handlung stört es nicht. Es geht um den Werdegang Jesu, den der Autor anschaulich und spannend erzählt, gespickt mit vielen bemerkenswerten Details.
Allerdings bin ich nicht besonders bibelfest und die MaMaLuJo, wie Arno Schmidt die vier Evangelisten nennt, kenne ich nur oberflächlich. So erscheinen mir etliche scharfsinnige Betrachtungen des Autor-Detektivs vielleicht erstaunlich, die den Kenner nicht beeindrucken.
Wie bei jedem Krimi nähern wir uns dem Höhepunkt des Geschehens: die Kreuzigung.
Ich will hier nicht auf Einzelheiten eingehen, die jede nachlesen kann. Raus kommt: Jesus stirbt nicht den Kreuzestod, überlebt und taucht unter. Die genauen Umstände werden am Tatort rekonstruiert, und die Leserin kann sich dadurch ein eigenes Urteil bilden, ob es so gewesen sein könnte.
Das Ergebnis der Recherche entspricht zwar nicht der gängigen Meinung, und schon gar nicht der christlichen, ist aber auch nicht gerade exotisch. Zum gleichen Ergebnis kommt auch Mohammed, - ein besonders prominentes Beispiel - wenngleich er den Tathergang anders darstellt.
Wie geht es weiter?
Könnte es sein, dass Jesus sich an die Küste des Schwarzen Meeres zurück zieht und dort seine Lebensgeschichte niederschreibt? Könnte es sein, dass Marcion dieses „Evangelium“ nach Rom bringt, und es dort als Grundlage der vier Evangelien des Neuen Testtaments dient?
Ja, das könnte sein, meint der Autor.
Hm.
Jesus hätte – unter Pseudonym versteht sich – die Grundlage des Neuen Testtaments selbst verfasst. Die Originalversion ist verschollen, die „Abschriften“ der Evangelisten finden sich im Neuen Testament. Jesus wäre damit einer der bedeutensten Schriftsteller der Weltliteratur. Fürwahr eine krasse Spekulation!
Während ich noch abwechselnd den Kopf schüttele und nicke, kommt es noch dicker. Die Seiten 144 – 149 übertreffen an Kühnheit alles zuvor Behauptete. Kann das stimmen? Passt das zu den vorliegenden und gesicherten Daten?
Denkbar ist das, meint der Autor-Detektiv. Das übersteigt mein Vorstellungsvermögen, und ich weigere mich das zu glauben
Worum es geht? Das verrate ich nicht!
Auf jeden Fall verdient diese Vermutung eine überzeugende Widerlegung.
Wo sind die Theologen, die sie liefern?
Mit diesem Hilferuf endet meine Besprechung.
Das spannend geschriebene Buch hat 172 Seiten, enthält Illustrationen von Anna Jäger-Hauer und kostet als Hardcoverversion 26,99 €.
ISBN 978-3-384-16194-9