Außerdem schlafen die Ratten nachts

Kurzgeschichte

von  autoralexanderschwarz

Als die Sonne über dem Gazastreifen untergeht, ist es auf einmal für einen Moment ganz still. Die Verwundeten und Verschütteten hören auf zu schreien, nicht einmal in der Ferne kann man Explosionen hören und selbst die israelischen Drohnen fliegen in dieser Nacht so hoch, dass man ihr bedrohliches Surren nicht mehr vom Rauschen des Meeres unterscheiden kann.

Alles scheint zu schlafen. Nur der kleine M. ist noch auf den Beinen und geht mit unsicheren Schritten den Strand entlang. In seinen Händen hält er ein Stück Schnur, das er am Tag zuvor im Geröll gefunden hat.

„Was machst du da?“, fragt da plötzlich eine Stimme aus der Dunkelheit und ein alter Mann tritt aus dem Schatten hervor. Wie alle Anderen ist er ärmlich gekleidet, doch trotz all dem Staub glänzen seine Schuhe im Mondlicht.

„Hier kannst du leider nicht lang“, sagt er und tritt ihm in den Weg, „weißt du denn nicht, dass dort hinten die Toten ruhen? Die Luft ist dort so schlecht, dass man sie kaum atmen kann.“

„Das weiß ich“, sagt der kleine Junge, „doch man kann ja auch durch den Mund atmen.“

„Das ändert aber nichts“, sagt der Alte, „das ist kein Ort für kleine Jungen. Was machst du denn hier überhaupt so allein? Deine Mutter macht sich bestimmt die größten Sorgen.“

„Die Mama ist ja tot“, sagt der kleine Junge, „und muss sich, so Gott will, nie wieder um mich sorgen.“

„Dein Vater aber sorgt sich ganz bestimmt“, sagt der Alte sanft.

„Der Papa ist ja auch tot“, sagt der kleine Junge, „und weil er als Märtyrer gestorben ist, ist er jetzt mit der Mutter im Paradies.“

„Das tut mir leid“, sagt der Alte, „dann bist du ja ganz alleine.“

„Alleine bin ich nicht“, sagt der Kleine, „da ist ja noch mein kleiner Bruder. Als die Bombe das Haus traf, haben wir im Garten gespielt. Die Mutter hat gesagt, dass ich auf ihn aufpassen soll.“

„Und was machst du dann hier?“, fragt der Alte, „wo du doch auf ihn aufpassen sollst.“

„Er schläft ja“, sagt der Kleine, „und weil er solchen Hunger hat, hat er den ganzen Tag geschrien. Darum gehe ich ja auf die Jagd“, sagt er und zeigt dem Alten seine Schnur, „ich fange uns eine Ratte und dort hinten, da sind die Ratten alle fett, weil sie die Toten fressen.“

„Mit einer Schnur?“, fragt der Alte und lacht, „wie soll das denn gehen?“

„Ich schleiche mich an sie heran, dann werfe ich die Schlinge. Und wenn ich sie erst einmal gefangen habe, dann kann ich sie mit einem Stein totschlagen.“

„Ratten fressen aber gar keine Toten“, sagt der Alte, „wo hast du das denn her?“

„Ein Onkel hat es mir einmal erzählt.“

„Da hat der Onkel sich wohl einen Spaß erlaubt“, sagt der Alte und lächelt.

„Ratten sind ja Raubtiere“, sagt er „und fressen keine Toten.“

„Ich weiß nicht, ob ich dir wirklich trauen kann“, sagt der Kleine unsicher, „der Onkel aber hat noch nie gelogen.“

„Wo ist denn der Onkel jetzt?“, fragt der Alte, „vielleicht kann er dir helfen.“

„Ich weiß es nicht“, sagt der Kleine und weil seine Beine schwach sind, setzt er sich für einen Moment auf den Boden.

„Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.“

„Außerdem schlafen die Ratten nachts“, sagt der Alte, „versteckt unter der Erde.“

Er zögert einen Moment, kramt dann aber doch in seinen Taschen und zieht ein Stück Brot hervor, von dem er ein Stück abbricht.

„Ich tausche es gegen die Schnur“, sagt er zu dem Kleinen, „aber nur, wenn du damit zu deinem Bruder zurückgehst.“

„Ich weiß nicht“, sagt der Kleine und betrachtet das Stück Brot.

„Es reicht nicht für uns beide und mit der Schnur kann ich immer wieder Ratten fangen.“

Eine Weile betrachten sie einander.

Der Alte weiß nicht, was er sagen soll.

Er hat einen Gedanken, den er aber dann doch nicht ausspricht.

Schließlich erhebt sich der Junge schwerfällig.

Auch wenn er noch so klein ist, bewegt er sich schon wie ein alter Mann,

denkt der Alte. Er ist ja gar kein Kind mehr.

„Ich muss weiter“, sagt der Kleine, „ich muss ja vor dem Morgengrauen zurück sein.“

Der Alte aber schweigt noch immer, doch zum Abschied streicht er ihm mit der Hand sanft durch die Haare. Eine ganze Weile blickt er ihm noch hinterher.

In der Ferne aber kann man nun wieder Explosionen hören.



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