Es gibt im Abend eine schmale Stelle,
an der die Zeit den eignen Namen vergisst.
Ein letzter Schein verweilt noch auf der Schwelle,
bevor die Nacht ihn aus den Formen löst.
Kein Weg führt hin. Und dennoch sind wir dort,
wo selbst der Schritt sein leises Echo meidet.
Ein Blick genügt. Er nimmt die Jahre fort,
indes das Schweigen Wort um Wort entkleidet.
Die Luft wird still. Der Wind verliert die Spur
und streift im Gehn die Schatten an den Wänden.
Was eben noch Entfernung hieß, wird nur
ein wenig Raum zwischen zwei nahen Händen.
Ein Atemzug. Mehr braucht der Abend nicht.
Die Dunkelheit rückt näher an die Welt.
Und etwas löst sich lautlos aus dem Licht,
als ob die Nacht uns in die Stille hüllt.
Vielleicht war es die Wärme einer Hand,
die einen Augenblick zu lange weilte.
Vielleicht ein Schritt in unbekanntes Land,
den keiner ging und den doch jeder teilte.
Die Stunden ziehn. Wir hören sie nicht gehn.
Sie mögen draußen ihre Kreise schließen.
Nur manchmal bleibt ein leises Leuchten stehn,
als wollte Ungesagtes darin fließen.
Der Morgen lässt die Welt von Neuem scheinen,
lässt Tür und Fenster aus den Schatten steigen.
Doch was uns hielt, vermag er nicht zu meinen,
es bleibt bei uns und wird sich keinem zeigen:
ein Augenblick, der keine Stunde kennt,
ein Atem, der sich kaum vom andern trennt.
©Sigrun Al-Badri/ 2026