Zwischen zwei Atemzügen

Gedicht zum Thema Zeitgeist

von  Saira

Es gibt im Abend eine schmale Stelle,
an der die Zeit den eignen Namen vergisst.
Ein letzter Schein verweilt noch auf der Schwelle,
bevor die Nacht ihn aus den Formen löst.

 

Kein Weg führt hin. Und dennoch sind wir dort,
wo selbst der Schritt sein leises Echo meidet.
Ein Blick genügt. Er nimmt die Jahre fort,
indes das Schweigen Wort um Wort entkleidet.

 

Die Luft wird still. Der Wind verliert die Spur
und streift im Gehn die Schatten an den Wänden.
Was eben noch Entfernung hieß, wird nur
ein wenig Raum zwischen zwei nahen Händen.

 

Ein Atemzug. Mehr braucht der Abend nicht.
Die Dunkelheit rückt näher an die Welt.
Und etwas löst sich lautlos aus dem Licht,
als ob die Nacht uns in die Stille hüllt.

 

Vielleicht war es die Wärme einer Hand,
die einen Augenblick zu lange weilte.
Vielleicht ein Schritt in unbekanntes Land,
den keiner ging und den doch jeder teilte.

 

Die Stunden ziehn. Wir hören sie nicht gehn.
Sie mögen draußen ihre Kreise schließen.
Nur manchmal bleibt ein leises Leuchten stehn,
als wollte Ungesagtes darin fließen.

 

Der Morgen lässt die Welt von Neuem scheinen,
lässt Tür und Fenster aus den Schatten steigen.
Doch was uns hielt, vermag er nicht zu meinen,
es bleibt bei uns und wird sich keinem zeigen:

 

ein Augenblick, der keine Stunde kennt,
ein Atem, der sich kaum vom andern trennt.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 EVdR (02.09.26, 13:22)
Zwischen zwei Atemzügen ...

Die Zeit und der Geist.
Ein Moment, den man nur erleben kann, wenn man sich die Zeit nimmt.

Ein schön eingefangen Augenblick

 Saira meinte dazu am 04.09.26 um 10:10:
Moin EVdR,

für mich ist das eines der stillen Paradoxe der Zeit: Erst wenn wir aufhören, ihr hinterherzulaufen, schenkt sie uns Augenblicke, in denen sie selbst keine Rolle mehr spielt. Man nimmt sich Zeit und bekommt für einen Moment Zeitlosigkeit zurück.

Ich danke dir!

Liebe Grüße

Saira

 Reliwette (02.09.26, 14:46)
Liebe Saira,
 wenn Stunden sich  iim Nichts auflösen,
 Gesagtes still im Raum verharrt
 und Gutes trennt sich von dem Bösen, 
 wo Eudämonie mich traumlos narrt.

  Der Morgen, sanft mit seinem Licht
  hält still die Sehnsucht mir umfangen
  man sieht die Lebensjahre nicht
  die man im Eilen eingefangen

 "Ein Augenblick, der keine Stunde kannte,
    ein Atemzug der sich an deine Nähe wandte"

Mit poetischen Grüßen!
Reli

Kommentar geändert am 02.09.2026 um 14:51 Uhr

 Saira antwortete darauf am 04.09.26 um 10:13:
Lieber Reli,

deine Verse sind wie ein kleines Echo, das aus meinem Gedicht zurückkommt und dabei einen eigenen Klang angenommen hat. Besonders schön finde ich, dass du aus meinem Atem zwischen zwei Augenblicken einen Atemzug zur Nähe werden lässt.

Ich danke dir für dieses schöne Weiterschwingen.

Mit ebenfalls poetischen Grüßen
Saira

 Didi.Costaire (02.09.26, 18:31)
Guten Abend Sigi,

jetzt ist die Zeit gekommen, dein Gedicht zu loben. Du hast schöne Worte gewählt.

Liebe Grüße,
Dirk

 Saira schrieb daraufhin am 04.09.26 um 10:15:
Moin Dirk,

wenn bei einem Gedicht über die Zeit schließlich auch noch „die Zeit gekommen“ ist, es zu loben, hat sich der Kreis ja beinahe von selbst geschlossen.  :)

Ich danke dir!

Liebe Grüße
Sigi

 EkkehartMittelberg (03.09.26, 08:29)
Hallo Sigi,
Diese "schmale stelle, an der die Zeit ihren eigenen Namen vergisst",
ist ein winziger Augenblick, in dem man sich vom Irdischen löst.
Es ist dir gelungen, etwas zu beschreiben, das sich nur sehr schwer in Worte fassen lässt.
Liebe Grüße
Ekki

 Saira äußerte darauf am 04.09.26 um 10:22:
Moin Ekki,

liegt darin nicht das Paradoxum? Wir versuchen mit Worten festzuhalten, was sich eigentlich erst dort zeigt, wo Worte nicht mehr hinreichen. Sobald wir einen solchen Augenblick benennen, gehört er schon wieder der Zeit und damit ein wenig dem Irdischen.

Umso mehr freut mich, dass du diese „schmale Stelle“ zwischen den Zeilen gefunden hast.

Liebe Grüße
Sigi
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