Mein Maß ist voll!

Gedicht zum Thema Zerstörung

von  Saira

Mein lieber Wirt, es ist so weit,
nun endet unsre Zweisamkeit.
Ich hab für dich genug geschafft,
du trankst und hast dabei gelacht.

 

Du brachtest Bier, du brachtest Wein,
auch Korn floss reichlich in mich rein.
Du trankst dich fröhlich durch die Nacht,
ich hab die Drecksarbeit gemacht.

 

Du trankst auf Liebe, Glück und Geld,
auf dich, auf Gott und alle Welt.
Gab’s keinen Grund, war’s einerlei:
Dann trankst du auf die Trinkerei.

 

Du nanntest jeden Schluck Genuss,
für mich war jeder Überfluss.
Du nanntest Trinken Lebensart,
für mich war diese Deutung hart.

 

Am Morgen lagst du müd und schwer
und schworst: „Ich trinke niemals mehr!“
Du sprachst von Wasser, Sport und Tee.
Ich kannte dich und dachte: Nee.

 

Denn abends warst du längst genesen,
der gute Vorsatz: nie gewesen.
Das erste Bier hieß „nur zum Essen“,
beim fünften war der Schwur vergessen.

 

So ging das Spiel jahrein, jahraus:
Du schenktest ein, ich hielt es aus.
Ich tat für dich stets meine Pflicht,
ein Dankeschön bekam ich nicht.

 

Der Arzt betrachtet den Befund,
sein Blick verrät schon seinen Grund.
Er sagt: „Die Leber ist sehr krank.“
Ich denke nur: Na schönen Dank.

 

Du blickst ihn an, empört, verletzt,
als hätte man dich falsch geschätzt.
„Ich trinke mäßig“, sagst du schlicht.
Mein lieber Wirt - ich leider nicht.

 

Ich führte Buch seit langer Zeit,
die Zeugen stehen schon bereit.
Der Whisky kennt dich ganz genau,
der Korn sagt aus - und zwar als GAU.

 

Das Bier weiß über dich Bescheid,
der Rotwein steht zum Schwur bereit.
Der Kräuterschnaps erklärt sodann:
„Ich war als Medizin nur dran!“

 

Die Beweislage ist recht klar,
ich weiß genau, wer bei dir war.
Du hoffst auf Gnade und Rabatt?
Zu spät. Ich hab die Sache satt.

 

Der Arzt betrachtet den Befund
und nennt dir nüchtern seinen Grund.
Kein Einspruch hilft, kein Betteln mehr,
mein Arbeitsplatz bleibt künftig leer.

 

Du wirst mich eines Tags vermissen
und dann vermutlich eines wissen:
Beim Herzen spricht man gern von Leid,
bei mir von deiner Restlaufzeit.

 

Drum heb dein Glas ein letztes Mal
auf deinen eignen Schadensfall.
Du rufst wie immer laut: „Zum Wohl!“
Ich sage nur: „Mein Maß ist voll.“

 

Ich habe lang genug pariert,
für dich geschuftet, funktioniert.
Nun endet unsre Zweisamkeit.
Zum Abgang bin ich längst bereit.

 

Hochachtungsvoll und ramponiert,
von dir persönlich ruiniert,

 

deine Leber

 

P. S.

 

Du sagtest immer:
„Einer geht noch.“

 

Stimmt.

 

Ich.

 

 

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026




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Bild mit Hilfe von KI kreiert






Anmerkung von Saira:

Inspiriert durch das gestrige Gedicht von Reliwette „Fröhliches Trinken“

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (01.09.26, 11:20)
Hallo Sigi,                                                                                   die überraschende Pointe deines Gedichts zeigt, dass lyrische Motive nahezu grenzenlos sind. Du trägst viel zu ihrer Erweiterung bei.

Liebe Grüße
Ekki
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