Ulla und Axel trennen sich

Lyrischer Prosatext

von  Redux

Ulla und Axel trennen sich.

Eher hätte ich erwartet, dass sie die Finanzämter abschaffen

oder den Winterregen.

Oder dass sie Florian Silbereisen zum Bundeskanzler machen,

dass sie endlich zum Wesentlichen kämen,

die Oberflächlichkeit stoppten

auf dem Sturzflug ins Bodenlose in einen

unendlich dünnen RTL-2-Himmel hinein,

verdammte Kacke…

 

Aber nicht dass die zwei sich trennen.

Die, die regelmäßig in die Kirche gingen.

Drei prächtige Gymnasiasten aufzogen.

Denen die Liebe zum Anderen  aus den Augen quoll.

 

Ulla und Axel trennen sich.

Ulla und Axel, nach denen sie sicherlich im nächsten Jahrzehnt

eine neue Show benannt hätten:

„ Das perfekte Ehepaar“

 

Letzte Nacht erschienen sie mir im Traum, die beiden.

 

Jasmin, die Älteste, öffnete.

Ulla torkelte, aus der Küche kommend,

über den Flur entlang Richtung Haustür.

Sie musste von Jasmin und den anderen beiden Kindern

gestützt werden und taumelte

von rechts nach links

und von links nach rechts

gegen die Wände.

Ulla war betrunken,

sie trug eine durchsichtige Bluse,

die einen Blick auf ihre spitzen Brustwarzen erlaubte.

Ihre Augenlider glimmerten

in einem karmesinfarbenen Rot:

sie sah aus wie eine Nutte.

 

Axel, der ewige Nichtraucher, kam dazu.

Im Mundwinkel steckte ein erkalteter Zigarillo.

Sein weißer Rollkragenpullover trug Kaffeflecken.

Er lächelte wie immer.

Lächelte, als wenn nichts wäre.

 

Als unten im Keller der Heizungskessel explodierte,

reagierte niemand.

 

Viel schlimmer als das war der Blick in Axels Augen:

Nichts ist gewiss,

auch du und alles,

ist frei dem Zufall,

unterliegt dem wilden Tier

eines unfassbaren Geschicks,

steht vielleicht eines Tages

vor dem Maul des Ungeheuers,

 

eine Sekunde entfernt.



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