Songs aus Ravenna

Tagebuch zum Thema Reisen

von  S4SCH4

Es ist wirklich schön in diesem Garten: Scheinbar vögelnde Schildkröten – Doggystyle. Ein Hund läuft herum. Katzen streifen um die Beine. Ein Granatapfelbaum. Lichterketten. Ein Brunnen plätschert. Viele Palmen und Blumen, mit Steinen verfliester Untergrund, Holzmobiliar. Wo das? In Ravenna, im Innenhof eines Stadthauses.

 

Nur die Sonne ist fort. In einem grauen Himmel ziehen noch grauere Wolken von einer Seite zur anderen. Erinnert mich an die fortlaufenden Schäfchen aus dem Schießstand des Schützenfestes, jene, die es zu treffen galt, um den Gewinn – Plüschtier und Co. – einzufordern.

 

Aber in den Himmel ballern, mit Gewehren oder derlei Eisen – nee, lieber nicht … irgendwann und irgendwie müssten diese Kugelgeschosse ja auch wieder runterkommen. Und Plüschtiere gibt es dafür ja auch nicht. Höchstens etwas, das vielleicht antwortet: „Ich bin aus allen Wolken gefallen wegen Dir!“

 

Aus allen Wolken fallen. Es müsse sich um Regen handeln, meinte man. Wer auch sonst?

 

Durch den ganzen Stress der letzten Tage verordnet mir mein Gemüt Ruhe und will, dass ich genieße. Mich nicht aufrege und akzeptiere. Dankbar bin usw. Ja, „… what goes up, must come down …“ und: „… we don’t control the chance that plays with us …“.
Nachdem ich so Alan Parsons Project (What goes up … vom Album Pyramid aus 1978) mit John Frusciante (This cold vom Album Will to death aus 2004) verwurstet habe, stellt sich mir die Frage, was ich eigentlich sagen will.

 

…

 

Ich? Ja, Du! Nicht Du, er! Ich?

 

WTF!

 

Ich komme mir vor wie ein Vorführmodell. Vorgeführt. Und was es nicht noch alles zu sagen gäbe, aber will ich das? Was soll ich schon sagen?

 

Ich? Ja, Du! Nicht Du, er! …

 

WTF!

 

Eine Schildkröte kommt auf mich zu. Ich schaue, rege meine nackten Füße, sie zieht ihren Kopf ein. Wartet. Ich schreibe weiter, sie geht weiter. Sie hat einen Panzer, ich habe ein … Engelskostüm. Hmm … vielleicht ist das ja aus den Wolken gefallen. So kommt eins zum anderen.

 

Ich muss mich sammeln. Der Stress der letzten Tage hat mich demontiert. Meine Einzelteile liegen ausgebreitet neben mir. Ich will mich beschweren. Ich habe schlechte Laune. Will aber nicht aus der Fassung geraten. Erst recht will ich nicht diejenigen vor den Kopf stoßen, die mir helfen möchten. Es scheint ein ausgeklügeltes Spiel: Leid bringen, durchladen und scheinbar Unschuldige ins Visier nehmen. Aus dem Zusammenhang fallen, sich entschuldigen und irgendwie wieder zu sich kommen …

 

„Shouldering your loneliness like a gun that you will not learn to aim, you stumble into this movie house, then you climb, you climb into the frame.“*

 

Was soll ich noch sagen?




Anmerkung von S4SCH4:

* Leonard Cohen mit Love Calls You By Your Name vom Album Songs of Love and Hate aus 1971.

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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (08.10.26, 16:14)
Hallo Sascha,
Du einsamer Wanderer.Auf XY suchen sie einen einsamen Wanderer, der quer durch Europa zog und seit 11 Jahren verschollen ist. Der bist du aber nicht. 
Aber er muss sich so ähnlich gefühlt haben wie du jetzt.

Lebe deine Gefühle aus, lieber Sascha, bevor sie vorbei sind, wenn du alt und grau geworden bist, kannst du immer noch bereuen....
Lieber Gruß! JHartmut

 S4SCH4 meinte dazu am 08.10.26 um 17:49:
Hi Harmut, 

ob es soweit wohl kommt?

11 Jahre verschollen und
Gefühle ausleben.

Ich befürchte manchmal die Gefühle sind verschollen und leben mich aus. 

Aber das ist auch ein Gefühl (vom Gefühl (vom Gefühl) ...)

Oh je, Hartmut, ich glaube ich kollabiere ... vielleicht sollte ich nochmal in die Stadt gehen und ne Cola und a Biere trinken?

Bis bald mein Lieber,
sascha
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