Das fantastische Zimmer

Kurzprosa zum Thema Eigene Welt

von  niemand



Du bekommst ein wunderbares Zimmer, schon morgen fange ich an es umzugestalten, sprach die Mutter und blickte zufrieden auf ihren Sohn. Es wird dir ganz bestimmt gefallen. Seit Tagen sprühte sie vor lauter Ideen. Ideen, welche sie aus diversen Zeitschriften und Ratgebern zusammengetragen hatte. Das Kind nickte ihr zu, sagte aber nichts. Du fährst jetzt für ein paar Tage zur Oma und wenn du wiederkommst, dann wird alles anders, ganz anders. Das Kind war aus dem Hause und Mutter begann sich auszutoben. Neue Tapeten, neue Möbel, Lampen,Teppiche, Wanddekorationen, dass einem die Augen zu schmerzen begannen. Überall setzte Mutter ihre persönlichen Markierungen ab.Das Zimmer quoll über, die Spielsachen stapelten sich auf den Regalen und was nicht zu stapeln war, das wurde auf die Tapeten gemalt. Tiere, Pflanzen, Fantasiegestalten und, und, und. Mutter schien glücklich zu sein. Das Zimmer ist das reinste Märchen, dachte Mutter stolz und klopfte sich beinahe auf die Schultern, wenn sie es gekonnt hätte. Na, sag doch endlich etwas, sprach sie zu dem kleinen Jungen, in Hoffnung dass dieser ihr zumindest vor lauter Begeisterung um den Hals fallen könnte. Doch das Kind konnte nicht. Langsam, ganz langsam ging das Kind durch den Raum. Es war schon irgendwie beeindruckt, allerdings nicht so, wie Mutter es sich ausmalte. Hier und dort blieb der Kleine stehen, sah auf dies und jenes und schwieg. Ist das nicht wunderbar, rief die Frau immer wieder, inzwischen allerdings schon ein wenig genervt von der Reaktion des Kindes Schau doch, diese wunderbaren Pflanzen. Ja, ja, sagte der Junge und schwieg. Und diese fantastischen Tiere dort, auf der Tapeten, sag dass sie dir gefallen. Ja, sagte der Junge und schwieg weiter. Nach ein zwei Stunden des steten Rundgangs, mit Mutters Fragerei, wirkte der Junge müde. Ich lass dich jetzt alleine, sagte die Mutter. Du musst dich mit allem hier erst vertraut machen. Es ist sowieso schon ziemlich spät. Morgen sieht alles ganz anders aus. Schlaf erst mal drüber, dann sehen wir weiter. Als die Mutter den Raum verließ, setzte sich der Junge auf den Teppich, lehnte seinen Rücken an ein Regal. Seine Augen gingen über die Tapeten, als suchten sie irgendetwas. Alles, aber auch alles war zugestellt, zugemalt, zudekoriert. Nicht ein kleines, freies Stück, dachte er, als sein Blick an einer Ecke des Zimmers hängen blieb. Dort hat sie es vergessen. Dort war ein Stück unbemalter, weißer Tapete. Nicht groß, aber groß genug um es zu entdecken. Der Junge schaute und geriet ins Träumen. Seine eigene Fantasie fing an zu leben, machte sich in dem weißen Stück unbemalter Tapete breit. Verfangen in eine eigene Welt, wurde der Kleine müder und müder. Er schaffte es nicht mehr in sein neues Bett zu gelangen und so fand ihn die Mutter am morgen gelehnt an ein Regal, mit dem Blick auf das gestern entdeckte Stück weißer Tapete. Nun sag schon, drängte die Mutter, sag dass es dir gefällt, sprach sie in froher Erwartung. Der Junge blieb sitzen, den Blick immer noch auf das Weiß gerichtet. Ja, das gefällt mir, das gefällt mir wirklich, sprach er und es klang, als wäre er grade meilenweit entfernt.



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