Als Mutter zur Fliege wurde

Kurzprosa

von  niemand



Das soll es ja bekanntlich geben, dieses Wiederkehren nach dem irdischen Ableben. Und ich glaube,sie kam bereits. Es ist zwar inzwischen eine Menge Zeit vergangen seit ihrem Ableben, aber sie ist es. Ich könnte meine Hand ins Feuer legen. Meine Mutter ist eine Fliege. Das erste Mal saß sie auf der Tageszeitung. Immer auf einem Artikeln, bei dem ich schwören könnte, dass er ihr auch früher nicht zugesagt hätte. Sie saß da und schüttelte fortdauernd das Köpfchen. Dann sprang sie auf eine andere Seite, schüttelte wieder das Köpfchen und so ging es die ganze Zeit, in welcher ich die Zeitung las. Einmal schien sie besonders in einen Artikel vertieft zu sein. Sag mal Mutter, was gefällt dir denn nicht daran, fragte ich vorsichtig. Es kam keine Antwort, aber Mutter erhob sich, flog eine Runde durch die Stube, um am Ende zurück zu kehren und einen Fliegenschiss zu hinterlassen. Das war eine Aussage, dachte ich. Früher sprachen wir über so etwas nie. Das ist allerdings noch nicht alles. Mutter verfolgt mich täglich. Da wäre die Sache zum Beispiel mit dem Badezimmerspiegel. Ich schaue hinein, Mutter kommt. Kriecht auf dem Silber, kriecht und summt irgend ein unverständliches Liedchen und scheißt mir am Ende aufs Glas. Was ist denn daran auszusetzen, frage ich, doch Mutter schweigt. Sie war schon immer gegen Eitelkeiten. Beim Kochen, ist Mutter auch immer da. Sie ist ein richtiger Topfgucker geworden. Manchmal denke ich, so fall doch endlich rein, dann bin ich dich und dein blödes Gesummse los, aber Mutter hält sich tapfer. Die fällt nicht. Nur dieses ewige Kriechen am Topf-Rand, und das Schütteln ihres Kopfes machen mich nervös. Mutter, denke ich, wenn du jetzt noch, wage es nicht! Sie hat es verstanden, ein kurzes Summ-summ und sie fliegt in Richtung Gardinenstange. Die findet bestimmt etwas, denke ich und Mutter nickt. Ich kann es fühlen. Abends beim Fernsehen, sitzt sie auf dem Rand meines Rotweinglases und schaut mich mit ihren Stecknadel-Äuglein kritisch an. Herrgott, Mutter, spring doch einfach mal rein, nimm einen Schluck, denke ich, aber sie schüttelt nur ihren Kopf. Mutter war schon immer dagegen, den Tag angenehm ausklingen zu lassen. Vor einem Tag habe ich sie aus dem Suppentopf fischen müssen. Sie hat noch nie etwas von meinen Kochkünsten gehalten. Aber probieren musste sie die Suppe dann doch. Zur Qualität hat sie sich nicht geäußert. Doch ich kann es mir denken. Mutter ist da. Jeden Tag rund um die Uhr. Und das ist anstrengender als früher, als sie noch auf zwei gesunden Beinen neben mir stand, um alles zu überprüfen.Gestern allerdings rührte mich Mutter zu Tränen. Ich fühlte mich ziemlich schlecht. Ob es das Wetter war, oder nur das Alter, weiß ich nicht, aber im Laufe des Abends kam mir etwas über die Lippen, dass mich an Mutters Fliegen-Existenz endgültig glauben lässt. Kann mich den heute keiner mal in den Arm nehmen. Es war nicht beabsichtigt hörbar zu werden, aber Mutter scheint es gehört zu haben. Sie erhob sich, flog eine Runde im Zimmer, breitete die Flügel aus und steuerte auf mich zu. Dass sie dann in meinem Nasenloch landete war allerdings ihrer Größe geschuldet. Im Moment versuche ich herauszubekommen, wo sie sich aufhält. Es wäre doch möglich, dass ihr der gestrige Auftritt peinlich ist. Mutter war noch nie ein Gefühlsmensch.



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Kommentare zu diesem Text


 Verlo (23.06.26, 16:21)
Deine Mutter hat es gut, niemand.

Wenn meine Mutter bei mir auftaucht, greife ich zur Fliegenklatsche, bevor es zum Gespräch kommen kann, und eine innige Annäherung ist grundsätzlich ausgeschlossen.

 HannaScotti meinte dazu am 23.06.26 um 16:43:
Lese ich eine Kritik an den Müttern?Ich bin eine Mutter und ich bin eine Tochter.Ich habe viele Fehler gemacht und auch Gutes getan.Ich bin ein Mensch und eine Frau.
LG Hanna

Antwort geändert am 23.06.2026 um 16:45 Uhr

 Verlo antwortete darauf am 23.06.26 um 17:03:
HannaScotti hat geschrieben:
Lese ich eine Kritik an den Müttern?
Ich habe geschrieben:
Verlo hat geschrieben:
Wenn meine Mutter bei mir [aus dem Kontext: als Fliege] auftaucht, greife ich zur Fliegenklatsche ...
Ob sie tatsächlich als Fliege erscheint, weiß ich nicht, denn  noch keine Fliege hat sich entsprechend geäußert.

Sicher ist nur, daß meine Mutter in meinen Träumen als meine Mutter erscheint – so eine große Fliegenklatsche gibt es nicht –, obwohl schon viele Jahre nicht mehr unter den Lebenden.

Wann meine Mutter mich das letzte Mal besucht hat, erinnere ich nicht.

Was sie sagte, auch nicht.

Hanna, ich hoffe, du hast nicht die Fehler meiner Mutter gemacht, denn die sind nicht zu verzeihen.
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