Der Ruheraum

Kurzprosa zum Thema Geheimnis

von  niemand


Der Geruch von Weihrauch war mir aus der Kindheit bekannt und vertraut, wie auch die Atmosphäre eines sakralen Raumes, sprich einer Kirche. Ich weiß nicht ob ich immer gerne in einem solchen Raum weilte, ich weiß nur, dass ich ihn meist ohne Furcht betreten habe, es war sogar so etwas wie ein winziges, heimisches Empfinden dabei. Alte Kirchen hatten etwas, was ich nicht so genau benennen konnte. An echte Angst kann ich mich in diesem Zusammenhang jedoch nicht erinnern. Bis zu meinem Unfall und einem längeren Krankenhausaufenthalt. Nach einigen nicht unerheblichen Brüchen, konnte ich mich nur noch per Rollstuhl innerhalb des Hauses bewegen und ich tat es gerne, schon deswegen, um dem Liegen im Bett und der plappernden Mitgenossin zu entkommen. Es war nur ein einfaches Gerät, dieser Rollstuhl und per Hand zu bedienen, also kein Elektroding. Die Unfallklinik war fünfgeschossig, die Flure waren wie alle Krankenhaus-Flure, eintönig und langweilig. In der obersten Etage sollte sich ein so genannter Ruheraum befinden, habe ich mir sagen lassen. Dort könnte man wunderbar in sich gehen, ein Buch lesen, oder einfach nur Löcher in die Wand starren, wenn man wollte. Und ich wollte irgendwo hin wo man vielleicht der Krankenhausatmosphäre ein wenig entkommen konnte. Hätte ich es doch lieber nicht getan. Nun denken einige sicher, dass mir dort etwas passiert ist, das mit Empörung quittiert werden könnte. Nein, es passierte nicht und doch so viel. Schon beim Hinausfahren aus dem Fahrstuhl kam mir eine seltsame Stimmung entgegen. Es übermannte mich ein Gefühl aus Neugier und Angst. Die Fenster in dem Korridor waren auf Kippe und ein Wind pfiff laut durch die Etage. Kein Mensch befand sich weit und breit. Ich schob mich also, halb Räder Weise, in die Richtung besagten Ruheraumes. Mit jedem Meter des Näherkommens, steigerte sich das komische Gefühl in mir. Zurück, oder weiter, dachte ich und entschloss mich dann doch zum Weiterrollen. Ein dunkler, sakraler Raum öffnete sich und ein Geruch von Weihrauch und Myrrhe schlug mir ins Gesicht. Zum ersten Mal empfand ich einen Ekel von solch einem Duft, ohne es mir erklären zu können. So nach und nach fühlte ich mich am ganzen Körper wie gelähmt. In mir sind keine Bilder entstanden, keinerlei Horrorvisionen bemächtigten sich meiner, nur dieses eine Gefühl, es stünde ein kranker Geist hinter mir. Ich konnte die Krankheit spüren, dieses Ungesunde hinter meinem Rollstuhl breitete sich aus und befüllte den gesamten Raum. Kein Wort, kein Ton, nur dieses seltsame Fühlen von etwas das in kein Krankenhaus, besonders in keinen Ruheraum gehörte. Dazu dieses penetrante Pfeifen des Windes. Wie und wann ich aus diesem Raum herausgerollt bin, ist mir bis heute eher ein Rätsel. Dieses ungesunde Gefühl begleitete mich bis ins Zimmer, wo ich das Plappern der Mitgenossin als eine Art Erlösung, eine Art Wiederkehr ins Irdische empfand. Seit dieser Zeit hasse ich den Geruch sakraler Räume. Etwas hat sich festgesetzt, das ich mir bis heute nicht erklären kann.



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