Der Rollladenkasten, die Berufsgenossenschaft und der Tod

Lyrischer Prosatext

von  Redux


Ich träumte ich sei tot.

Man hatte mich irgendwo liegen sehen,
untersucht, gewaschen, aufgebahrt und so weiter.
Ich stand daneben und schaute mir zu.

Ich träumte, ein Großteil meines Gehirns
sei schlagartig zerstört worden.
Etwas immer schon versteckt Erlebtes,
latent, doch chronisch,
schien in eine andere Phase der Wirklichkeit getreten zu sein...

Nach dem Erwachen musste ich erst einmal Ordnung schaffen:
wie ein Klappmesser, langsam,
öffnete sich Reales und Irreales,
und ich saß auf der Bettkante,
während Fetzen verwehenden Traums
in den jungen Morgen hinein flatterten.

Heute war die Bauberufsgenossenschaft mit ihrer Pflichtveranstaltung dran.

Bevor ich mich auf den Weg machte
zu dieser flatterbunten Schulung
der lieben Genossenschaft
„ Arbeitssicherheit, Arbeitgebermodelle zum Arbeitsschutz blablabla…“ –
diesem nekrophilen, zu Vorschrift und Gesetz gewordenen
Abgesang auf unser klein wenig Leben –
tötete ich unsere motorisch betriebene Rolllade
des großen Terrassenfensters vom Wohnzimmer.

Sie blieb nach einem infernalisch lauten Todesknall
unten, und hellseherisch erkannte ich mich,
wie ich den säuberlich tapezierten Rollladenkasten
aufschrauben und sezieren,
in die verreckten Eingeweide fassen
und drehen und instand setzen musste:
ich, ein Quacksalber mit verkreuzten Händen!

Auf der Fahrt zur Schulung der Bauberufsgenossenschaft
durcheilte ich Pappelwälder,
die sich willenlos und suizidartig entblätterten.
Ich durchfuhr das Dorf meines ehemaligen Chefs,
der vor gut einem Jahr den Kopf auf den Tisch legte –
für immer!

Einige Minuten lang war ich ganz allein
auf herbstschwangerer Landstraße,
alle Wagen schienen verschluckt worden zu sein,
regenträchtige graue Wolkenfetzen
sogen eine goldene Oktobersonne in sich auf.
Gleich würde der Sprit versiegen, dachte ich,
ich müsste den Wagen stehen lassen,
zu Fuß weiter gehen, um nichts,
kein Dorf, keine Stadt, keine Bau-BG-Schulung zu erreichen.

In den Schulungsräumen:
Fremde, stumm dasitzend wie ich,
ein fremder Unterweiser mit totenkopfähnlichem Schädel;
er redete von Unfallverhütung und Waisenrenten,
Halbwaisenrenten, Renten im allgemeinen und überhaupt vom danach,
powerpoint-unterstützt warf er Statistiken an die Wand:
tödliche Unfälle 2021 gesamt,
davon Wegeunfälle,
davon Stürze, davon Stromschläge,
Schwerstunfälle, anerkannte Berufskrankheiten.
Er fuhr die Rolllade hinunter wie einen surrenden Sargdeckel,
draußen fiel Nieselregen dicht wie eine Wand.

Mein Kopf war ein Vakuum, eine herbstliche Einöde.
Ich bin tot, dachte ich.
Hier sind alle tot.
Der Unterweiser und die Unterwiesenen,
gefangen in einer Zeit,
die nur Statistiken über Beinbrüche und Kopfquetschungen
und asbestverseuchte Arbeiterlungen der Jahre 1991 bis 2007 kennt.

Ich öffnete meine Kolaflasche.
Die Kohlensäure war, wie auch immer, nicht mehr da!

Die Zeit blieb stehen.
Vielleicht war sie schon ohne Bedeutung.
Vielleicht ist das die Hölle, dachte ich, die Ewigkeit,
meine Ewigkeit in einem halb verdunkelten Raum
mit Fremden, deren Existenz lediglich aus
Unfallverhütungsvorschriften
und arbeitsmedizinischen Dienstleistungen besteht,
äonenlange bürokratische Kacke.

Nach Schulungsende ging ich zum Wagen,
ich fühlte mich wie ein Skelett.
Leichte Müdigkeit ergoss sich in mir.
Plötzlich hatte ich, grundlos, einen stehen:
Da, eine untrügliches Indiz gegen den Tod!
Die Hölle des Trübsinns und des Herbsts öffnete sich einen Spalt breit und dahinter schimmerte eine Welt der Wunder.

Auf der Heimfahrt hörte es auf zu regnen.

Und es fielen Blätter in den Waldgebieten,
die ich passierte, in gelb und rot.

Daheim die sterblichen Überreste meiner Wohnzimmerrolllade.

Leidlich gut löste ich die Verschraubung des Rollladenkastens.
Ich erblickte die Bescherung, überlegte, erkannte…
sie war noch nicht ganz tot,
ich würde sie wieder beatmen und reparieren können.

Allerdings war die Haushaltsleiter zu kurz,
sie zu benutzen, war zu gefährlich:
Stürze selbst aus geringer Höhe können tödlich sein.

Wo doch alles so voller Leben war!




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