Das Schwimmdock aus Litauen

Kurzgeschichte zum Thema Krieg/Krieger

von  Koreapeitsche

Das Schwimmdock aus Litauen

 

Ich wollte einen Bericht über unseren Stadtteil für den offenen Kanal erstellen und telefonierte deshalb mit einer Geschichtslehrerin, die im Nachbarstadtteil wohnte. Sie erzählte davon, dass kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs mit einem Schwimmdock KZ-Häftlinge aus Stutthof über die Ostsee nach Kiel transportiert wurden. Von den 700 Häftlingen, die in Gotenhafen aufgenommen wurden, kamen nur 200 in Kiel Holtenau an. Das geschah im Rahmen des sogenannten Todesmarsches. Das Trocken- und Schwimmdock wurde zuvor in der Stadt Memel, heute Klaipeda, demontiert und sollte nach Kiel überführt werden. Bisher lautete die Darstellung der demontierten Werft, dass die Familien der Arbeiter mit dem Schwimmdock nach Kiel transportiert wurden. Doch das widerlegte die Lehrerin in dem Telefonat. Sie sagte, dass das Schwimmdock im damaligen Gotenhafen einen Zwischenstopp einlegte, wo im Rahmen des Todesmarsches die Häftlinge auf das Schwimmdock getrieben wurden. Von Gotenhafen ging es über die Ostsee bis Kiel-Holtenau zum Tiessenkai. Dort betraten rund 200 Häftlinge aus Stutthof in Häftlingskleidung das Land. Sieben sollen sofort am Tiessenkai erschossen worden sein. Das Kriegsende stand kurz bevor. Die Menschen müssen temporär irgendwo in der Region weiter inhaftiert gewesen sein, wahrscheinlich größtenteils in den Baracken der nahen Arbeitslager, vor allem in Schurskamp. In der Stunde Null wurden sie jedoch freigelassen, oder, anders ausgedrückt, das Wachpersonal wurde abgezogen und die Tore waren nicht mehr verriegelt.

Wie viele von den 200 Häftlingen überlebten, ist nicht belegt, ebenso, ob sich in der Region eins oder mehrere Massengräber befinden, das heißt auf der Strecke zwischen dem Tiessenkai und den Bereich um das Arbeitslager Schurskamp. Ebenso ist nicht belegt, was aus den anderen 500 Häftlingen wurde, die in Gotenhafen das Schwimmdock betraten. Was jedoch für die Darstellung der Werft spricht, dass Arbeiterfamilien mit dem Dock transportiert wurden, ist die Tatsache, dass in dem Stadtteil Friedrichsort eine Menge Menschen aus Litauen wohnen, was sich teils an den Nachnamen erkennen lässt. Jedoch müssen die nicht zwangsläufig mit dem Schwimmdock geflohen sein. Ferner wohnt ein ehemaliger Waffen-SS-Mann in dem Stadtteil, der in Litauen stationiert war, der den Rang eines Leutnants hatte, also ein SS-Untersturmführer, Richard Paulsen.

Nach der Stunde Null geisterten die ausgemergelten Menschen noch in Häftlingskleidung durch den Ort. Darüber gab es Augenzeugenberichte von Anwohnern, mit denen die Geschichtslehrerin sich unterhalten konnte. Die Menschen wurden von den Einwohnern mit dem Nötigsten versorgt und aufgepäppelt, bis schließlich die britischen Truppen unter Generalfeldmarschall Montgomery die Region unter Kontrolle brachten.

Ich wusste zunächst nicht, was ich von der Geschichte halten sollte, bis ich in einem Café in der Innenstadt eine Polen kennenlernte, der mir unabhängig von der Geschichtslehrerin die gleiche Version von der Reise des Schwimmdocks über die Ostsee erzählte, ebenfalls mit dem Zwischenstopp in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia.

Die Werft hingegen, die sich früher im Baltikum befand und seit Ende des Krieges ausschließlich in Kiel Schiffe baute, hält weiterhin an der Auslegung fest, dass ausschließlich Arbeiterfamilien mit dem Schwimmdock nach Kiel transportiert wurden. Diese Darstellung teilen auch die lokalen Medien, allen voran die große Lokalzeitung. Es gibt also noch etwas aufzuarbeiten und klarzustellen.

The answer my friend is blowing in the wind.


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Kommentare zu diesem Text


 Alazán (05.01.26, 23:36)
Dann arbeite es auf und stelle es klar, bitte. Eine Beobachtung ist noch kein literarischer Text. Aber ich sehe hier Potential.
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