Hinter dem Fenster liegt die Dunkelheit. Sie sieht bedrohlich und erhaben aus. Das Leben und die Sonne schlafen.
Die Menschen auch. In den meisten Fenstern ist es ebenso finster, wie dort draußen in der Kälte.
Keine Ahnung, wie spät es ist. Welcher Tag heute ist. Und, wieso ich mal wieder nicht schlafen kann.
Ich stecke mir die dritte Kippe an und schnippe die Asche in den Aschenbecher auf dem Nachttisch.
"Ätzend.", denke ich. Das Leben. Diese mickrige Bude. Ich. Du. Alles. "Alles zum Kotzen."
Quäle mich aus dem warmen Bett und schleiche zum Fenster. Der Blick ruht auf irgendeinem winzigen Lichtfleck,
der sich irgendwo weit weg in dem dunklen Irrgarten verliert.
Die Gedanken kreisen um dich. Um ihn und seinen Bruder. Um sie und ihren Mann. Um mich und das Monster, das
irgendwo in mir wohnt. Sich eingenistet hat, ohne zu Fragen. Ohne Miete zu zahlen. Ohne liebevoll zu sein.
Ich breche an mir kaputt. Jeder weiß das. Jeder sieht es. Nur ich will es nicht sehen. Nicht hören. Schon garnicht
wahrhaben. Greife nach der Flasche auf der Fensterbank. Sie ist halb leer. Halb voll? Keine Ahnung, ich bin eben
Pessimist, also ist sie halb leer und Punkt. Klappernd landet der Deckel irgendwo auf dem schrabbeligen Schreibtisch.
Ich mache mir garnicht erst die Mühe in die Küche zu gehen, um mir ein Glas zu holen. Setze die Flasche an und trinke
einen großzügigen Schluck. Wärme strömt in meinen vereisten Körper, der keine Gefühle mehr zulässt. Der einfach nur da ist.
Da ist, und die Menschen um mich, anwidert. Der einfach bloß da ist, damit ich immer einen Brechreiz verspüre, wenn ich mich
im Spiegel sehe. Der da ist, damit die blasse Haut voller Narben, Schnitte und blauer Flecken ist. Nehme die letzten Züge der
Zigarette, drücke sie am Handgelenk aus. Einen kurzen Moment lang, kann auch ich, in meiner Aphatie, spüren, dass ich am "Leben"
bin und etwas empfinde. Keinen Schmerz. Aber etwas wie "Dasein". Ja, ich merke, dass ich doch lebe. Nicht nur vor mich hin vegetiere.
Ich weiß es nicht genau, aber ich denke, ich müsste gerade lächeln. Auch egal. Ich leere die Flasche in einem Zug und werfe sie auf den
verdreckten Boden, zu den anderen Korn und Whiskyflaschen. Stecke mir die nächste Zigarette an und begebe mich in meiner 12m²-Wohnung
auf die Suche nach etwas. Ich höre es deutlich nach mir rufen, aber weiß nicht, von woher mir diese zwieträchtige Stimme ruft.
Im Halbdunkel taumel ich durch Dreck und Zigarettendunst. Neben dem Bett wühle ich mich durch einen Stapel Bücher und Zeitschriften.
Staub und Dreck wirbeln auf und tun meiner Lunge ebenso wenig einen Gefallen, wie die Kippe in meinem Hals. Gefunden.
Ich greife nach dem Gegenstand am Boden. Lasse das Messer aufschnappen. Schiebe die Ärmel des schwarzen Pullovers hoch.
Narben springen mich an. Verblasste. Und frische, vom Vortag. Angst starrt mich geradewegs aus ihnen heraus, an. Diese Bedeutungslosigkeit
meines Seins, belastet mich mehr, als alles andere zuvor. Mehr, als die Schuld am Tod fünf geliebter Menschen. Mehr, als die Schuld, von jemandem
missbraucht worden zu sein. Mehr, als das zermarternde Wissen, unfähig und einfach nur dämlich und unnütz zu sein.
Egal was kommt, es kann nur schlimmer werden. Wie lange ich mich schon in diesem Teufelskreis aus immer wiederkehrenden Vorwürfen, Ängsten und
verdrängten Erinnerungen bewege, weiß ich nicht mehr. Wie da rauskommen soll, und ob ich das überhaupt kann, weiß ich ebenfalls nicht.
Ich habe aufgehört, etwas ändern zu wollen. Änderungen, haben bis jetzt alles nur schlimmer gemacht. Mein Selbstbild liegt irgendwo in den Scherben der
Alkohoflaschen und den Pfützen von Korn und Wodka. Wann all das hier endlich zu Ende geht, kann mir keiner sagen. Und genau das ist es, was mir Angst macht.
Ich kann nicht mehr warten. Den Schmerz und das alles drum herum nicht mehr ertragen. Ich vermisse dich schrecklich. Ich liebe dich noch immer bedingungslos, wie am ersten Tag.
Ich hasse dich, obwohl ich diejenige war, die gegangen ist. Die Klinge glänzt in meinen Augen. Mich starrt rotes Blut an. Es läuft immer weiter meinen Arm entlang. Dreiviertel meines
Unterarms sind mit triefenden Schnitten bedeckt. Drücke die Kippe irgendwo dazwischen aus. Starre fassungslos, überwältigt und irgendwie "glücklich" auf die Zerstörung, die sich dort
vor mir in aller Jungfräulichkeit offenbart. Spüre keinen Schmerz. Keinen Kummer. Keine Last. Erst, als es aufhört zu bluten und ich wieder das Hämmern der schwarzmetallischen Musik aus den Lautsprechern wahrnehme, weiß ich, dass meine Reise vorbei ist. Dass ich nicht mehr ausbrechen kann. Dass ich ohne Rückfahrschein wieder ausgesetzt worden bin. Irgendwo, in einer Hölle, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Dieses Leben ist mir zu brutal. Ich kann es nicht ertragen. Hasse es, jeden Tag die Bilder von dir zu sehen. Mich an deine Stimme zu erinnern. Mich wieder auf deinem Bett liegen zu sehen. Wehrlos. Nackt. Frierend. Tränen im Gesicht. Lauter blaue Flecken am Körper. Wieder hat mich die Realität zurückgeholt. Aus meiner heilen Parallelwelt gerissen, die ich nur betreten kann, wenn ich mit meinem Blut um Einlass bitte. Wenn ich den Preis des Lebens zahle, kann ich dem Tod endlich näher sein, als jemals zuvor. All diese Bilder und Grausamkeiten vergessen. Ja, wunderschön...
Wühle irgendwo unter dem Schreibtisch einen Block hervor - kariert. Einen Kuli finde ich auch, wobei mich das bei meiner Unordnung echt verwundert - egal. Meine Hand fliegt über das Papier.
Ein paar unförmige, hässliche Schlenker und Kleckse. Das Plätschern im Bad gewinnt meine Aufmerksamkeit. Lasse den Stift fallen. Verlasse diesen Raum, um den anderen zu betreten. Den Zettel lasse ich zurück. Scheinbar, habe ich auch "mich" im Nebenzimmer zurückgelassen. Mich. Mein altes "Leben" und meine "Hoffnung". Umklammere das Messer, als könnte es mich vor all dem hier, auf dieser Welt, wirklich, ernsthaft beschützen. Ich lächle und reiße die Pulsadern entschlossen auf. "Ja...". "Das war's dann wohl". Halte die Arme ins eisige Badewannenwasser. Tauche den Kopf unter die Wasserdecke. Spüre langsam den Schlaf kommen und den Lärm des Lebens leiser werden. Ja. Und alles was bleiben wird, ist dieser Zettel, Nebenraum. Meine geschundene Seele, die auf ewig, irgendwo dort unten nach Frieden sucht. Der leblose, zerschnitte Körper, der über dem Wannenrand kauert. Und dieser Zettel, eben mal in drei Minuten dahingekritzelt. Ich bin mir sicher, er wird genauso achtlos weggeschmissen, wie ich. Ohne Achtung verloren gehen, wie mein Leben.