Kein Gott - keine Moral.

Text

von  Willibald





1. Das universale Ordnungssystem Moral

Zwar gibt es unter den Menschen Krieg, Vernichtung und Aggression. Doch wissen wir im tiefsten Inneren, dass dies Unrecht ist, schreckliches Unrecht ist: Alle Menschen – unabhängig von Rasse, Kultur oder Religion – kennen nämlich als obersten Wert den Schutz  des Lebens und den Schutz der Familie und die Norm der Gleichbehandlung. Somit ist auch im menschlichen Zusammenleben ein steuerndes „System“, eine „gute Ordnung“, ein angeborenes Gewissen, ein Gerechtigkeitsgefühl  zu beobachten. Die Welt ist – bei allen Konflikten und Scheußlichkeiten – gut geordnet.

2.  Der Schluss von der Ordnung auf den Ordnungsstifter: natürliche Offenbarung

So wie von einem menschlichen Artefakt, z.B. einer Uhr, also von  einem komplexen und zielgerichteten Gegenstand auf einen intelligenten  Planer als Urheber geschlossen wird, so lässt sich von der Welt insgesamt auf einen göttlichen Planer und Urheber schließen. Wo eine Ordnung ist, das sagt uns die Vernunft, muss ein Erschaffer dieser Ordnung existieren. Denn alles Geschehen hat eine Ursache. Und wo ein Schöpfer ist,  der eine Ordnung schafft, da muss ein Plan und eine Absicht, ein Ziel, ein „telos“ vorhanden sein, eben diese Ordnung zu schaffen. Der Schöpfer schafft teleologisch, also zielorientiert. Dass ein Gott mit dem Willen und der Absicht zur Ordnung existiert, das also sagt uns die Vernunft beim Betrachten der Natur, die jedem Menschen zugängliche „natürliche Offenbarung“. 

3.  Allgüte und Allmächtigkeit: natürliche und übernatürliche Offenbarung

Dass dieser Gott eine allgütige und allmächtige Person ist, das zeigt sich in den zehn Geboten zur Regelung des Zusammenlebens, in der Stimme unseres Gewissens in Fragen von Gut und Böse, in der Verkündigung des Gebotes zur Nächstenliebe durch seinen Sohn, in den  vielen Wundern, welche die mächtige  Natur des Vaters und seines Sohnes  beglaubigen. All das sagt uns die „übernatürliche Offenbarung“ der Bibel, welche auf göttliche Eingebung und Inspiration zurückgeht.


4. Theologisches Geschwurbel?

Sparen wir uns einen Ausblick auf kosmologische Gottesbeweise oder das teleologische Argument vom „Feintuning“ im „Intelligent Design“. Sparen wir uns den Spott der hartleibig-kurzsichtigen Materialisten, die diese Argumentation als "religiöses Geschwurbel" abtun.

Unsere Conclusio ist bereits ausreichend abgesichert: Keine Ethik, keine Weltanschauung, keine Lebensvorschrift kann uns größere Sicherheit geben als diejenige Ethik, die letztlich in Gottes Gebot und Gottes Willen gründet.
Oder?
Gibt es ernstzunehmende Schwachstellen in dieser Argumentation?

5. Das Argument aus dem Gewissen

Nun ja, es gibt einiges an Schwäche in der Argumentation, dass  Moral ohne Gott und Religion unmöglich funktionieren könne.

Über die Zeiten hinweg gibt es erhebliche Veränderungen in dem, was das Gewissen für richtig hält: Sklaverei oder Glaubenskriege waren alles andere als gewissenskonträre Erscheinungen.  Heute denkt man großenteils anders.
Auch innerhalb ein und derselben Gesellschaft. gibt es zum gleichen Zeitpunkt recht unterschiedliche Auffassungen. Sogar Christen zeigen recht unterschiedliche Meinungen, etwa zu  Homosexualität oder Stammzellenforschung. Diese Beispiele legen die Schlussfolgerung nahe, dass das menschliche Gewissen nicht mit einer, sondern mit vielen Stimmen  spricht. Und es scheint über lange Jahrhunderte ganz zu schweigen.

Formulieren wir vorsichtiger: Das Gewissen ist wohl nicht die unmittelbare Stimme Gottes, sondern eine "natürliche Anlage"  des Menschen, so wie etwa der Sprachapparat, den Chomsky nennt. und den Rawls in seiner Gerechtigkeitsdiskussion als Analogon nutzt (John Mikhail 2011).

Etwas, das vielleicht auf einen übernatürlichen Ursprung hinweist? Durch das Gewissen hätte Gott die Menschen mit einem Verhaltensmaßstab ausgestattet, das ihnen das Tun des Guten und das Meiden des Bösen gebietet, wobei die materiale Füllung im Laufe der jeweiligen Sozialisation erfolgen kann. Als Indiz dafür, dass das Gewissen – ungeachtet dessen, was es im Einzelfall gebietet oder verbietet, – nicht allein von dieser Welt und ihrem Nutzendenken sein kann, ließe sich sein eigentümlicher Verpflichtungscharakter anführen. Häufig nehmen Menschen extreme Nachteile, sogar den Tod in Kauf. So ließe sich das Gewissen zwar nicht in einem naiven Sinn als »Stimme Gottes«, wohl aber als »Ort« verstehen, an dem der Mensch eine besondere Erfahrung macht.

Wer das Argument so baut,  sieht sich mit alternativen Erklärungen konfrontiert: .  Freuds Theorie des Über-Ich ist durchaus plausibel:

Das Gewissen wäre so etwas wie die  »Internalisierung von Anforderungen« , »die unmittelbar von den Eltern und der übrigen Umgebung, letzten Endes jedoch von den Traditionen und Institutionen der betreffenden Gesellschaft ausgehen« (Mackie 1979, 74).

Selbst in einem evolutionären Weltbild muss die Entstehung des Gewissens kein völlig unerklärliches Rätsel bleiben. Die Rekonstruktion der Evolution des Gewissens (Boehm 2012)  ist bei Darwin angedacht, bei Pjotr Kropotkin weitergedacht  und ist in der Moderne Thema, nicht nur bei Frans de Waal.
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Boehm, Christopher:
Moral Origins. The Evolution of Vir tue, Altruism, and Shame. New York 2012.

Mackie, John L.:
Ethik. Auf der Suche nach dem Richtigen und Falschen. Stuttgart 1981.
Mackie, John L.:
Das Wunder des Theismus. Argumente für und gegen die Existenz Gottes. Stuttgart 1985.
John Mikhail:
Elements of Moral Cognition. Rawls’ Linguistic Analogy and the Cognitive Science of Moral and Legal Judgment. Cambridge 2011.

Waal, Frans de: Morally Evolved. Primate Social Instincts, Human Morality, and the Rise and Fall of »Veneer Theory«. In: Macedo, Stephen/Ober, Josiah (Hg.): Primates and Philosophers: How Morality Evolved. Princeton 2006, 1–59.

6. Die Notwendigkeit von Gottes Existenz für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen

Graeculus hat darauf hingewiesen: Wenn jeder Mensch ein Gewissen hat, das eine moralische  Stimme  oder einen Rat oder einen Befehl gar in Entscheidungssituationen empfängt, dann braucht es keinen Gott und keine Religion. Ein paar nähere Betrachtungen zu diesem Problem:

Dostojewskijs  Romanfigur Iwan Karamasow behauptet, es wäre  alles erlaubt wäre, wenn es Gott nicht gäbe. Im Umkehrschluss würde daraus folgen, dass, soll nicht alles erlaubt sein, Gott existieren muss. Also setze Moral die Existenz Gottes voraus.

Nunja:  Unklar bleibt zunächst, ob es tatsächlich um die Existenz Gottes oder nicht vielmehr um den Glauben daran geht. Unklar bleibt außerdem, was mit ›erlaubt‹ gemeint sein könnte. In unserer Lebenswelt  war niemals irgendwo alles ›erlaubt‹, und zwar völlig unabhängig von den jeweils vorherrschenden religiösen Überzeugungen. In jeder Gemeinschaft oder Gesellschaft galten bzw. gelten bestimmte Normen als verbindlich und deren Übertretung als unerlaubt, seien sie hygienischer Art, seien sie sozialer Art (8Zwerg).

Nun kann man den Glauben zumindest verteidigen: Wer nicht oder nimmer  an Gott glaubt, könnte versucht sein, "über Leichen zu gehen". Gerade dann, wenn er nicht damit rechnen muss, bestraft zu werden, sei es jetzt oder später. Und ein trickreiches Verbergen von dem, was unstatthaft ist, das könnte ja auf jeden Fall sanktionsfrei bleiben.

Also passt der Glaube an einen allwissenden und Handlungen wertenden Gott in das Bedingungsgefüge  einer funktionierenden Gesellschaft, einer möglichst gut funktionierenden Gesellschaft. Kurz: Die entscheidende Frage, ob Gott nun existiert oder nicht, bleibt völlig offen. Selbst wenn es zuträfe, dass nur  der Glaube an die Existenz Gottes Menschen wirksam davon abhalten könnte, über Leichen zu gehen, würde dies nicht für die Existenz Gottes sprechen, sondern eben nur für die moralisch-praktische Effizienz des Glaubens an Gott.

Kommentare zu diesem Text


 loslosch (14.07.20)
sprach der pater und besprang die nonne!

 Graeculus (14.07.20)
Wenn (!) 1 wahr ist ("Alle Menschen kennen ...";), wozu brauchen wir dann noch 4?

Die Annahme der Allgüte Gottes erledigt sich eigentlich bei genauerer Lektüre des 1. Gebotes: "... denn ICH dein Gott bin ein eifernder Gottherr, zuordnend Fehler von Vätern ihnen an Söhnen, am dritten und vierten Glied, denen die mich hassen, aber Huld tuend ins tausendste denen die mich lieben, denen die meine Gebote wahren."

 Willibald meinte dazu am 15.07.20:
Ja, die Kooperation etwa im Tierreich - Tiere haben sicher keine Religion - entkräftet die starke Formulierung der Überschrift. Immerhin kann man die Ansicht vertreten, dass man auf eine ordnungsstiftende Instanz ansatzweise schließen darf. Dass das nicht ganz unmöglich ist.

Was Theologen alles tun, um den tribalistischen Hintergrund der 10 Gebote zu verdecken, ist gewiss vor allem zu kritisieren.

greetse
ww

 eiskimo (14.07.20)
Deine Ethik trägt so wie eine Ehe trägt. Blinde Treue ist da Bedingung.
vG
Eiskimo
Aha (53)
(14.07.20)
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 Willibald antwortete darauf am 15.07.20:
Hm, mir ist nicht klar, lieber Aha, worauf das mit dem advocatus diaboli Bezug nimmt?

 LotharAtzert schrieb daraufhin am 15.07.20:
Mir ist es dafür umso klarer.
Ich möchte aber, lieber Willibald, dieses nicht so direkt sagen, sondern, der Eigendeftigkeit folgend, in eine einfache Frage packen:
Wie oft und wie lange meditierst/betest du und auf welcher Grundlage?

 Willibald äußerte darauf am 15.07.20:
Grüße dich, Lothar,

der Blick nach innen ist mir wichtig. Mir scheint, dass auch der götterlose Buddhismus über den Karmagedanken und die Kette der Wiedergeburten so etwas kennt wie den Verstoß gegen die innere Stimme und eine strafbewehrte (Verlängerung) freundliche Verpflichtung, auf diese innere Stimme zu hören.

Aber die Details sind kompliziert und verlangen oft rationale Zusatzenergie, scheint mir.

 LotharAtzert ergänzte dazu am 15.07.20:
Danke.
Nicht götterlos, der Buddhismus sieht im Stolz (- als die in die Götterwelt führende Eigenschaft) ein Geistesgift, welches die Erlösung verhindert und infolgedessen zu tiefem Fall führt, sobald das entsprechende Karma verbraucht ist.

In dem Maße, wie die innere Stimme verdrängt wird, schrumpft die Kraft des Immunsystems, mit den Folgen, die man sich leicht vorstellen kann. Weniger leicht vorstellbar ist wohl, daß jeder äußerer Eingriff nichts anderes, als eine Krücke ist, die nur dann hilfreich sein kann, wenn der Kranke es lernt, wieder auf die innere Stimme zu hören. Statt dessen aber kennt die Welt inzwischen nur noch Krücken, weiß aber nicht mehr, daß es solche sind. Die ganze Wissenschaft, die Rechtssprechung usw. usf. ist inzwischen reine Krückenwissenschaft, insofern Advocatus diaboli.

Liebe Grüße an euch beide
Lothar

 Willibald meinte dazu am 15.07.20:
Jetzt hab ich verstanden, Wissenschaft und rationales Argumentieren sind ein wenig teuflisch. Und wer diese Sprache nutzt, ist zumindest ein "advocatus diaboli".
Das heisst ja vielleicht auch, dass man die Willibaldredeweise verteufelt? Nein, natürlich nicht, sie ist nur nicht der wahren Wahrheit teilhaftig?
Beste und nichtteuflische Grüße. Auch an den götterarmen Buddhismus.
ww

Antwort geändert am 15.07.2020 um 10:07 Uhr
Aha (53) meinte dazu am 15.07.20:
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 Willibald meinte dazu am 15.07.20:
Hm,

kennst du Mel Gibsons Film "Apocalypto" von 2006?

Kannst du deine Reolik von oben präzisieren?

Ist es für dich unwahrscheinlich, dass in den Lebewesen Aggression und Kooperation angelegt sind?

greetse
ww
HerrNadler (33) meinte dazu am 15.07.20:
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Aha (53) meinte dazu am 15.07.20:
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Aha (53) meinte dazu am 15.07.20:
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Aha (53) meinte dazu am 15.07.20:
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 Willibald meinte dazu am 15.07.20:
Ok, im Film werden Jagd- und Opferrituale durchgespielt, die offensichtlich mit grosser Freude und instinktiver Lust praktiziert werden Es gibt wohl beim Menschen eine Lust am grausamen Schauspiel, ähnlich wie es von Hexenverbrennungen, öffentlichen Hinrichtungen, Gladiatorenkämpfen anschaulich berichtet wird.
Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, der sich in der Filmhandlung, erschreckt von der grausamen Ooferung, abwendet. Der Grossteil der Filmfiguren ist absolut fasziniert. Und auch die Zuschauer im Film - so kam es mir vor - zeigen Abscheu und Faszination.
Das bedeutet für mich, dass es eine tierisch-aggressive und eine kooperativ-faire Grundausstattung des menschlichen Bewusstseins gibt. Empirische Befunde stützen seit langem diese These.

Dein Liebesdialog macht Spaß.

greetse
ww

Antwort geändert am 16.07.2020 um 09:49 Uhr
HerrNadler (33)
(15.07.20)
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 AchterZwerg meinte dazu am 15.07.20:
Ja,
ein anrührend-wunderbares Buch.

Lächelnde Grüße
der8.

 Willibald meinte dazu am 15.07.20:
Das Thema "Kooperation und Aggression" in der Ethologie finde ich spannend. Sehr. Kropotkin, Portmann, de Waal....

Antwort geändert am 15.07.2020 um 09:30 Uhr
HerrNadler (33) meinte dazu am 15.07.20:
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 Dieter Wal (15.07.20)
Bertrand Russell beschrieb nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten das Wesentliche für eine Ethik ohne Gott in "Eroberung des Glücks. Neue Wege zu einer besseren Lebensgestaltung.". Suhrkamp 1977.

Mich überzeugt diesbezüglich ebenso Epikur.

 Willibald meinte dazu am 15.07.20:
Danke, Dieter, für den Hinweis auf Russell und Epikur.
greetse
ww

 AchterZwerg (15.07.20)
Hallo ihr Lieben,
ich verstehe nicht viel von solchen Auslegungen, weiß aber doch, dass sich die Mehrzahl der "göttlichen Gebote" auf nachvollziehbare Hygienevorschriften, auf Wasserrechte und das Erbrecht gründen.
Dadurch wrden sie nicht weniger wichtig.
Ein tragbares Wertesystem ist vermutlich die Grundlage jeder funktionierenden Gesellschaftsordnung.

Herzlihe Grüße
Der8.
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