Mit Hitler in einer Zelle

Szene zum Thema Kommunikation/ Dialog

von  Graeculus

Nehmen wir an, daß Adolf Hitler und ich auf eine unbestimmte Zeit zusammen in einer Gefängniszelle eingesperrt sind. Für ihn liegt der Haftgrund klar auf der Hand, für mich kann man sich etwas einfallen lassen. Es ist aber auch möglich, daß wir uns in einer Situation befinden ähnlich der von Lukians Totengesprächen oder Sartres Mini-Hölle.

Was wird sich jetzt ereignen? Eine Auswahl an Gesprächspartnern haben wir nicht, sprechen müssen wir aber miteinander – und sei es, weil einer zuerst Waschbecken und Klo benutzen darf, den Boden aufwischen muß und eine Entscheidung zu treffen ist, wie lange bei kaltem Wetter die Zelle gelüftet werden soll. Zum unmittelbaren Einsatz physischer Gewalt haben wir beide keine Neigung – wir müssen und können uns nur miteinander unterhalten.

Die Rhetorik des Brüllaffen verfehlt bei mir ihre Wirkung, und als Hitlers geliebtes Massenpublikum kann ich auch nicht fungieren. Ich ertrage keine Monologe, sondern gehe dazwischen. Das tue ich mit Argumenten.

Wie wirken sich Argumente, beharrlich vorgetragen, auf einen Typen wie Adolf Hitler, der die Intellektuellen haßt, auf Dauer aus, wenn kein Ausweichen möglich ist?

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Kommentare zu diesem Text


 Regina (24.11.20)
Die Geschichte wäre sicherlich ganz anders verlaufen, wenn du diese Begegnung zum Argumentieren genutzt hättest. Hitler glaubte an die Vorsehung, das hätte er dir beweisen müssen.

 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
Ich verstehe nicht recht. Es handelt sich um ein Gedankenexperiment, in dem ich mir vorstelle, mit Hitler zu diskutieren und argumentieren, und zwar unter einer sehr speziellen, konstruierten Bedingung. Diese Gelegenheit hätte ich nicht verstreichen lassen, nichtmal verstreichen lassen können.
Käme Hitler mir mit seiner Vorsehung, wäre ich prüfend darauf eingegangen ... so wie ich ihn denn im April 1945 gerne gefragt hätte, was denn nun daraus geworden sei.
Seine historische Aussage, er sei von seinen Generälen verraten worden, ist ja bekannt.

 Ralf_Renkking (24.11.20)
Das Wesen des Menschen wird geprägt durch sein Umfeld und dieses wiederum durch die jeweilige Zeit, in der jemand aufwächst.
Zeitreisen sind faktisch unmöglich, dieses Bewusstsein, über das Du jetzt verfügst, hättest Du damals knicken können, umgekehrt verhält es sich ebenso, hätte Eure Zellteilung allerdings zur Zeit der Weimarer Republik stattgefunden, vermute ich mal, dass Hitler mit Dir den Boden aufgewischt hätte.

 loslosch antwortete darauf am 24.11.20:
der hinweis auf zeitreisen triffts. tucholsky schrieb einmal, hitlers stimme habe er als fast sympathisch empfunden.

und dann gibt es noch den stockholm-effekt!

 Graeculus schrieb daraufhin am 24.11.20:
Stimmt schon, wir unterscheiden uns grundsätzlich von den Menschen der Vergangenheit, insofern wir ihre Zukunft kennen.
Ein Argument aus diesem Wissen heraus ("Du wirst den Krieg verlieren.") hätte ich nicht beibringen dürfen.

In Landsberg wäre eine solche Begegnung möglich gewesen, auch wenn Hitler dort über eine Einzelzelle verfügte. Nein, den Fußboden hätte er dort nicht mit mir aufgewischt. Abgesehen davon, daß er Prügeleien nicht schätzte, wäre er dazu physisch nicht imstande gewesen. Allenfalls hätte er mich im Schlaf erdolchen können.

Was mich interessiert, ist die Frage, ob man den Geist eines Monomanen nicht irgendwie öffnen kann, unter der einzigen Bedingung, daß ihm das Ausweichen unmöglich ist.

"Zellteilung" ist schön gesagt!

 TassoTuwas (24.11.20)
Der Sinn der Hölle ist doch, dass die Schlimmen gequält werden.
Speziell dem letzten Satz zufolge, denke ich, du bist der, der Hitler Feuer unter dem Arsch machen soll.
TT

 Graeculus äußerte darauf am 24.11.20:
Wenn wir die Szene als Hölle interpretieren, wäre ich Hitlers Teufel geworden. Aber ich fürchte, er auch der meine. Homo homini lupus.

 Dieter_Rotmund (24.11.20)
Ein Anfang könnten gerade diese banalen Sachen wie Lüften, Saubermachen sein, um ins Gespräch zu kommen. Du musst dich ja nicht als Besserwisser-Intellektueller zu erkennen geben, sondern als Schicksalsgenosse, was Du nolens volens bist. Den Nürnberger Prozeß kannst Du nicht mit ihm nachholen...

 Graeculus ergänzte dazu am 24.11.20:
Nein, es ist nicht geschickt, Realschule gegen Hochschule auszuspielen. Der Anknüpfungspunkt wären in der Tat die Alltäglichkeiten gewesen. Falls Hitler mir damit gekommen wäre, er sei der Führer und das Bodenwischen daher meine Aufgabe, hätte ich ihm zeigen können, daß solche "Argumente" nur dann ziehen, wenn man die Macht auf seiner Seite hat.

In der Tat, im historischen Rahmen war das IMT ein solches Experiment, dem Hitler sich leider entzogen hat.
Und Goering hat man damals tatsächlich in einige Verlegenheit bringen können - nicht im Hinblick auf Gestapo und Judenmorde (das ließ der selbsternannte Renaissance-Mensch an sich abprallen), sondern auf von ihm zu verantwortende Kriegsverbrechen (Erschießung von Kriegsgefangenen), denn das ging an seine Offiziersehre. Solche Stellen muß man finden.

 EkkehartMittelberg (24.11.20)
hallo Graeculus, Hitler hasste zwar die Intellektuellen, aber er war nicht dumm. Ich kann mir vorstellen, dass man ihn auf Dauer (kein Ausweichen möglich) auf andere Denkweisen hätte neugierig machen können. Dennoch hätte sein Charakter ihn wohl daran gehindert, jeder Form von Toleranz zuzustimmen. Er hielt bekanntlich Fanatismus für eine Tugend.

 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
Dumm war er ganz und gar nicht (das hat Sebastian Haffner gut gezeigt), aber er sah für sich nur die Rolle des Überlegenen, des Befehlshabers vor. Und Toleranz ist ja primär ein Wert für Menschen, die unterlegen sind.
Als Hitler aus dieser Rolle herausfiel (1945), hat er sich den Folgen durch Suizid entzogen. Mein Gedankenexperiment beruht auf der Annahme, daß ihm das nicht möglich wäre und er sich in die neue Rolle eines Gleichberechtigten hätte einfinden müssen.

Im WK I war er Befehlsempfänger, aber auch da dachte er hierarchisch, d.h. in der Relation von Befehl und Gehorsam, also nicht von gleich zu gleich. Ist das die Situation, in der Argumente die größte Chance haben: unter Gleichen?
Immerhin hat sich dieses Argumentieren in antiken Demokratien ausgebildet.

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 24.11.20:
Ja, ich denke auch, dass Argumentieren als Grundhaltung nur in Demokratien wirklich eine Chance hat.

 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
Wir sind uns - wie des öfteren - einig.

 TrekanBelluvitsh (24.11.20)
Auf gewisse Weise beschreibst du die Stimmung in der "Wolfsschanze" - dem "Führer"hauptquartier im Kriege - der letzten Jahre. Denn sein Kastellan Keitel und dessen Helfershelfer sorgten dafür, dass die Besucher - Generäle, Parteigrößen, Minister, Industrielle - niemals in der Überzahl waren, wenn sie Hitler persönlich begegneten.

Wollte z.B. ein jemand Hitler für etwas gewinnen und brachte dazu neben sich selbst noch drei Experten mit - damit waren es also 4 Personen -, auf der anderen Seite waren neben Hitler aber z.B. nur Keitel und ein Wehrmachtsadjudant eingeplant - was 3 Personen ergibt - musste ein Experte draußen bleiben (Mindestens einer. Von Experten und Argumenten hielt Hitler nicht so viel.)

Dazu kommt noch: Alfred Jodl - derChef des Wehrmachtführungsstabes im OKW - beschrieb die Stimmung in der Wolfsschanze als eine Mischung aus Kloster und Konzentrationslager. (Er mag das wegen der Alliteration getan haben, verriet aber damit, dass er sehr wohl eine Ahnung davon hatte, was ein Konzentrationslager ist.)



Aber grundsätzlich hängt das von der Beschriebene davon ab, mit "welchem Hitler" du es zu tun hast. Der Hitler von 1944/45 würde nach einer kurzen Zeit wohl nur noch dumpf vor sich hinbrütend in der Ecke sitzen. Der 1942/43-Hitler hätte wohl etwas mehr Energie, allerdings auch viele matten Phasen.

Der fröhlichste Hitler wäre wohl der 1914-1918 Hitler. Denn in dieser Zeit war er wohl am glücklichsten, wenn auch in sich gekehrt. Recht gut zu ertragen - auf der "Hitler-Skala".

Womöglich wäre der Wiener Hitler für dich persönlich am schwersten zu ertragen. Der würde unaufhörlich über Kultur fabulieren und dich nerven. Nicht nur wegen der Quantität seines Geredes, sondern auch und vor allem wegen der Qualität.

Soweit eine kleine Einschätzung von mir.

 franky meinte dazu am 24.11.20:
Ich denke der Hitler war Großteils zugedröhnt, das war zu der Zeit Gang und Gebe.

 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
An Trekan:
Interessant Dein Hinweis auf Hitlers Vorliebe für eine Überzahl, gerade im Hinblick auf Experten (das sind ja die Leute mit den Argumenten).
Am liebsten war es ihm sicherlich, Befehle geben zu können und damit Erfolg zu haben.
In meinem Gedankenexperiment habe ich ihn künstlich aus der von ihm bevorzugten Rolle herausgelöst.

Der Wiener Hitler ist interessant im Hinblick auf die Frage, ob man da noch etwas hätte korrigieren können. In einer Zelle hätte er mir mit seinen Monologen nicht kommen können.

In allen Phasen seines Lebens dachte er wohl hierarisch: als Befehlsempfänger im WK I, als Befehlsgeber im III. Reich und im WK II. Mit unterschiedlicher Stimmungslage, das stimmt.
In der letzten Zeit hat er ja nichtmal mehr im Radio gesprochen.

Was aber, wenn diese hierarchische Struktur in einer Beziehung (als Zellengenossen) aufgebrochen wäre?

 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
An franky:
Die Nazi-Größen und die Drogen (Hitler, Goering, Ley) - das ist ein Thema für sich! Aber eine Haft ist ja auch eine Entziehungskur. Und danach ist Goering beim Nürnberger Prozeß wieder zu großer Form aufgelaufen. ("Entlöwen Sie Goering!", kabelte man aus den USA einem Staatsanwalt.)
Vermutlich hätte ich in meinem gedachten Knast das Ende der Entzugsphase abwarten müssen.

 TrekanBelluvitsh meinte dazu am 24.11.20:
Was aber, wenn diese hierarchische Struktur in einer Beziehung (als Zellengenossen) aufgebrochen wäre?
Genau das hat Hitler ja in Beziehungen mit Menschen vermieden. Er hatte nur Interesse an Frauen, die er auf eine Art und Weise dominieren konnte bzw. die sich in seiner Gegenwart dominieren ließen. Und zu dem einzigen wirklichen Freund, den er jemals hatte - Albert Speer -, gab es auch eine hierarchische Beziehung. Darum vermute ich, dass sich Hitler in einer solchen Situation eher verschlossen hätte, aktiv oder passiv.

 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
Genau das hat er gemieden - immer.
Deshalb habe ich eine Situation konstruiert, in der er es (m einer Vermutung nach) nicht vermeiden könnte. Einer von uns muß ja den Boden aufwischen.
Der Weg von da bis zu weltanschaulichen und damit den eigentlich interessanten Fragen ist natürlich weit.

 eiskimo (24.11.20)
Ein spannendes Experiment. Du wirst gewinnen, weil Du die größere Distanz zu Dir selbst hast und somit taktisch variabler bist.
Mach ihn fertig!

 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
Das nehme ich nun als Kompliment. Dennoch solltest Du nicht darauf wetten, daß ich gewinne. So alt wie Argumente sind, sind auch die Methoden, sich gegen sie abzusichern ... fast hätte ich gesagt: sogar älter, aber das ist ja logisch unmöglich.

Als rational denkender Mensch, wie ich Dich erlebe, wirst auch Du Deine Erfahrungen damit gemacht haben.
Palytarol (59)
(24.11.20)
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 Graeculus meinte dazu am 24.11.20:
Tja. Im Verlaufe des Textes wird dann hoffentlich deutlich, daß ich uns nicht als Brüder im Geiste ansehe.
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