Ein unvergesslicher Wettkampf

Essay zum Thema Sport

von  Quoth

Wer so unsportlich ist wie ich, schaut gern einmal in die Arena der Sporthelden und -heldinnen, um sich an Leistungen zu berauschen, die ihm selbst mehr oder weniger versagt sind. Als ich laufen lernte, war das Essen schlecht. Mit Mühe ergatterte meine Mutter eine Extraration Milch. Ich kam aus dem Krankenhaus, war übers Laufen schon hinaus, die schwachen Füße knickten und sanken ein, der Kalkmangel tat das seinige, und so bin ich ein einlagenbehafteter Attestinhaber geworden, ein vielleicht nur Verzärtelter, aber de facto von all den schönen Schweißdingen Ausgeschlossener. Einmal aber, das ist mir klar, werde ich aus meiner Hässlichkeit und Unsportlichkeit glänzend heraustreten und die versammelte Welt durch einen enormen Hochsprung verdutzen. Meine Beine sind lang, ein bisschen Training und eine verblüffende Technik werden genügen, um es den Sportassen zu zeigen: Hohe Sprünge können auch aus dem Kopf kommen! Vorläufig ist das nur Träumerei, und ich kehre zur Wirklichkeit zurück, in der vor kurzem die olympischen Spiele stattfanden, und zwar in Helsinki, der Hauptstadt des tapferen Finnenvolkes, das aus den Weiten Asiens herbeigelaufen kam und im Lande der Seen und Stechmücken heimisch geworden ist. Dort nun trat zum Fünftausendmeterlauf ein Tscheche an, der seinen Namen der olympischen Ehrentafel auf immer eingemeißelt hat: Emil Zatopek. Dieser gewaltige Läufer hat nicht nur meine Bewunderung, sondern förmlich meine Liebe erobert. Er läuft so, wie ich laufen würde, wenn ich den Willen fände, meinem schwächlichen Körper diese Leistung abzutrotzen. Er verzieht scheinbar vor Schmerzen das Gesicht zu einer furchtbaren Grimasse, die Haut am Hals strafft sich zu hässlichen Falten wie bei einer alten Dame, die deshalb ein Samtband trägt, sein Atem soll, so sagen die Reporter, stoßweise gehen – er keucht, hechelt, röchelt – und läuft schneller als alle anderen – über die langen Strecken, versteht sich, nicht über die kurzen, auf denen die amerikanischen Schwarzen dominieren mit ihrer explosiven Kraft. Die Lokomotive hat man Zatopek wegen seines ungewöhnlichen Laufstils getauft, der eigentlich das genaue Gegenteil eines Stils ist, nämlich nützliche und erholsame Stillosigkeit. Warum, so fragt dieser Philosoph von einem Läufer sich, soll ich zur Anstrengung des Laufens noch die der Beherrschung meines Mienenspiels hinzufügen? Bekomme ich die Medaille für mein stoisches Gesicht oder für mein Tempo? So hat er in wunderbarer Zweckmäßigkeit die Schönheit auf dem Altar der Leistung geopfert, wo es doch letztlich weder um Schönheit noch um Leistung geht. Was da läuft, sich abschindet und ächzt, ist keines von beidem, es ist die unerfreuliche, aber zugleich freiwillige und starke, zu Tränen rührende Wahrheit. Nur drei Läufer konnten Zatopek, wie man sagt, über fünftausend Meter gefährlich werden: der Deutsche Schade, der Engländer Chataway und ein zierlicher, dunkler Mann namens Mimoun, von den Zeitungen als Kolonialfranzose apostrophiert, also ein Bruder des Oraners Camus, ein nerviges kleines Kerlchen, dem ich den goldenen Lorbeer gut gegönnt hätte – aber gegen die Wahrheit kam er nicht auf. Wie bei Langstreckenläufen üblich, kristallisierte sich schon früh eine sog. Führungsgruppe heraus, der die vier genannten Läufer bei jeweils wechselnder Führung angehörten. Zur Taktik des Langstreckenlaufes, den zu sehen für jeden Fan ein hohes intellektuelles Vergnügen ist, gehört es, den Gegner durch raffiniert ausgeklügelte Zwischenspurts zu zermürben und in der letzten Runde noch die berühmten und oftmals wie ein herrlicher Lichtschein aufgehenden Energiereserven, auch zweite Luft genannt, zu besitzen. In diesem Lauf nun geschah etwas ganz Unerwartetes. Chataway führte souverän – o diese Sportjournalistenworte! – und lief einem unangefochtenen Sieg entgegen – da stürzte er über die Aschenbahneinfassung, lag jämmerlich am Boden, wo er sich vor Schmerz krümmte, während die anderen drei, das noch immer nicht ganz nahe Ziel in Blick und Kopf, gleichmütig an ihm vorbeizogen. Es war etwas Schneidendes, was in diesem Augenblick vor sich ging – das Unglück des einen, der Gleichmut der anderen ... Was mag Zatopek gedacht, empfunden haben? Verzog sich nicht sein Gesicht zu einem noch tieferen, gramvolleren Entsetzen? Hätte er, der Zarte, Freundliche, dem gestürzten Laufkameraden nicht am liebsten wieder auf die Beine geholfen, sah sich aber dem unerbittlichen Gesetz des Wettkampfs: siegen oder untergehen – verpflichtet und nahm es schnaufend und ächzend weiter auf sich? Schades Brille beschlug, selbst der ausdruckslos spurtende Mimoun zog schmerzlich die Brauen empor – ich glaube, in diesem Augenblick haben die drei Giganten der Langstrecke Liebe gefühlt, Liebe zu einander, zum Sport, zum gefallenen Kameraden, zum Publikum, das die Hand vor den Mund schlug.




Anmerkung von Quoth:

Das war ein Schulaufsatzthema, an das ich mich so gern erinnere, dass ich es, 65 Jahre später, nachgeschaffen habe.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (18.04.22, 14:53)
Das gibt zu tiefsinnigen Überlegungen Anlaß: Ein Kamerad und Gegner stürzt. Hilft man ihm auf die Beine, oder nutzt man die günstige Gelegenheit für den eigenen Sieg?

 Quoth meinte dazu am 19.04.22 um 08:43:
Passiert so ein Unfall bei den Bundesjugendspielen (gibt es die noch?) mag es kameradschaftliche Hilfe geben, bei einem so gnadenlosen Prestigekampf wie den Olympischen Spielen ist sie seltenst. Danke für Empfehlung mit Kommentar! Quoth

 GastIltis (18.04.22, 18:54)
Übrigens habe ich einen Freund, vorgestern habe ich mit ihm telefoniert, der auch ein begnadeter Läufer war, der zur Beerdigung von Emil Zatopek zu Gast war. Und er hat dort selbstverständlich mit Alain Mimoun gesprochen. Manchmal gibt es Dinge, die scheinen fast unmöglich. LG von Gil.

 Quoth antwortete darauf am 19.04.22 um 08:48:
Ja, Zufälle gibt's! Dies Foto https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9e/Herbert_Schade%2C_Alain_Mimoun%2C_Emil_Z%C3%A1topek_1952.jpg
ist für mich immer noch eines der eindrucksvollsten Sportfotos aller Zeiten! Danke für Empfehlung und Kommentar. Quoth

 GastIltis schrieb daraufhin am 19.04.22 um 17:42:
Stimmt, das Foto ist wirklich eindrucksvoll!

 Graeculus äußerte darauf am 19.04.22 um 18:26:
Ein starkes Photo. Daß der Gestürzte, wie Du schreibst, bis dahin in Führung gelegen hatte, muß man sich dazudenken.

 plotzn (20.04.22, 15:31)
Hallo Quoth,

Zatopek und Nurmi kenne ich nur als Namen früherer Läuferlegenden, habe mich aber bisher nicht genauer mit ihnen beschäftigt. Dein interessant zu lesendes Essay hat mir einen der beiden näher gebracht.

Danke dafür,
Stefan

 Quoth ergänzte dazu am 20.04.22 um 20:40:
Freue mich darüber, plotzn! Zatopek hat seinen Nachruhm verdient, und nicht nur durch seine Leistung, auch durch seinen Charakter. Vielen Dank für Empfehlung mit Kommentar! Gruß Quoth

 Lluviagata (23.04.22, 08:06)
Ach Quoth,

wie gern gehe ich spazieren, wandern, auch mal joggen. Würde ich jedoch lange laufen, hauchte ich inmitten Gänseblümchen und Anemonen mein unsportliches Leben aus. Ein sinnloser Tod. 

Meine Bewunderung für alle Leistungssportler mischt sich oft mit einem gewissen Bedauern. Deine Geschichte bestärkt mich darin, die ich wie immer sehr gern gelesen habe und mich frage, ob ich sie jemals so hinbekommen hätte. ;)

Liebe Grüße
Llu ♥

 Dieter_Rotmund (20.05.22, 12:58)
Textverwandt dazu ist "Brot und Spiele" von Siegfried Lenz.
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram