L'appel du vide

Kurzgeschichte zum Thema Krieg/Krieger

von  Judas

Dieser Text ist Teil der Serie  Soldat

Wasser war rar.
Es war wertvoller als Blut. Und deshalb wurde für Wasser getötet. Fro wusste das, seine ganze Kompanie wusste das. Es war der Grund, weshalb sie hier waren: für Blut und Wasser. Jeder von ihnen besaß einen Injektor... für Serum, wie man es nannte. Injektor war vielleicht das falsche Wort, denn nur sehr selten wurde er noch genutzt, um Flüssigkeiten in irgendetwas hinein zu spritzen. Stattdessen wurde er für anderes missbraucht.

Seit die Wasserkriege begonnen hatten, suchte das Militär nach neuen Möglichkeiten, an das heilige, nasse Gut zu gelangen. Unterirdische Seen waren enorm schwierig und aufwendig zu finden, geschweigedenn anzuzapfen. Die wenigen oberirdischen Süßwasserquellen, welche der Mars besaß, wurden heiß umkämpft. Aber man hatte noch eine andere Quelle ausgemacht. Rund 60% Wasseranteil hat der Körper eines jungen, erwachsenen Mannes. Serum nennen sie es in der Forschung. Und aus Serum lässt sich Wasser gewinnen.

Das Dorf, welches sich vor den Soldaten in ein kleines, windgeschütztes Tal schmiegte, war gezeichnet von den vielen Jahren des Krieges. Die Menschen hier waren einfache Bürger, die fern der Militärregierung versuchten, zu überleben. Der Ort war abseits, zu weit abseits von Valles Marineris, es lohnte sich nicht, ihn zu annektieren. Er bot nichts und der Aufwand, die Menschen hier mitzuversorgen, war viel zu groß. Das Dorf lag zu weit weg von jeglicher Infrastruktur und auf die paar Arbeitskräfte und das Land hier konnte man getrost verzichten.

Aber auf das Serum nicht...

Fro gab seinen Männern einen Wink. Keiner von ihnen war sonderlich gut drauf. Sie waren seit Tagen marschiert, die Vorräte waren knapp und einen Tag länger hätten sie in der Einöde nicht mehr ausgehalten und hätten umkehren müssen. Und mit leeren Händen zurück zur Basis zu kehren war schlecht. Sehr schlecht.

Es gab keine Warnung für die Menschen im Dorf.
Kein Warnschuss, kein Rufen, keine Vorbereitung.
Die Soldaten fielen einfach in die Häuser ein, zerrten Frauen, Männer, Kinder und Alte gleichermaßen heraus. Sie ließen sie sich vor den Häusern hinknien. Kinder waren besonders wertvoll. Der Wasseranteil in ihrem Körper war höher als bei Frauen oder Alten.

Fro ließ seine Leute erledigen weshalb sie hergekommen waren. Er wusste, dass sie das brauchten. Die Gewalt, die Schläge, die sie austeilten, das Anbrüllen, bevor man den Menschen Injektoren in die Arterien jagte und ihnen nach und nach ihr Serum absaugte. War die Gewalt unnötig, gegen die ohnehin Todgeweihten? Fro hatte schon vor Jahren aufgehört, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Denn bei Gott, er wusste, dass seine Soldaten das brauchten. Das Feindbild. Anders würden sie nicht weiterleben können... niemals.

Während seine Männer also taten, was sie taten, schloss Fro seinen Kontrollgang im Dorf ab. Hinter ein paar Bäumen entdeckte er noch ein kleines Haus, eines, welches sie übersehen hatten. Er runzelte die Stirn und schulterte sein Plasmagewehr, als er die Tür einfach aufstieß. Sie war nicht abgeschlossen.

Er trat ein. Es gab nur einen Raum, spärlich eingerichtet. Eine Kochecke, ein Bett, Tisch, zwei Stühle... ein paar Schränke. Eine Kiste. Es roch nach Staub und getrockneten Kräutern. Die Tür fiel hinter Fro in's Schloss und die Schreie, das Brüllen, das Weinen, es wurde leiser, irgendwie unwirklich, weit weg. Es fiel kaum Licht in die Hütte, denn ein löchriger Vorhang versperrte das einzige Fenster.
Fro ließ den Blick schweifen und entdeckte schließlich eine zusammengekauerte Gestalt auf dem Bett sitzen.
Es war ein junger Mann, nicht viel älter als Fro selbst und wohl kaum jünger. Er fiel also genau in das Schema für gutes Serum.
Der Mann umklammerte seine Beine, die er an den Körper gezogen hatte und blickte Fro aus erstaunlich hellen, blauen Augen an.
„Bitte,“ wimmerte er, „Sie müssen das nicht tun. Sie können wieder gehen und mich nie gefunden haben. Ich bitte Sie... wir haben doch nie etwas getan...“ 

Fro verzog den Mund, sagte aber nichts. Er hielt es nicht einmal für nötig, das Gewehr zu entsichern. Der Bursche war keine Gefahr.

Es war Routine für Fro. Er nahm den Injektor von seinem Gürtel und ging zum Bett. Panisch wich der Mann zurück, bis er nur noch die Wand im Rücken hatte. 

„Was haben Sie vor? Was ist das für eine Spritze? Was wollen Sie von mir?“ wimmerte er wieder, appelierte an Fros Mitleid mit seinen großen, traurigen, blauen Augen. Aber Fro fühlte nichts. Keine Reue, kein Mitleid.

Er packte den Mann an den Haaren, um seinen Kopf zur Seite zu biegen und die Halsschlagader frei zu legen. Der Kerl wehrte sich kraftlos und ziemlich ineffektiv. Fro setzte den Injektor an, runzelte dann aber die Stirn. Er sah über die Schulter zur Tür und lauschte. Seine Soldaten würden noch eine Weile beschäftigt sein. Also schaute er wieder zu dem armen Kerl mit den verdammt blauen Augen und ließ den Injektor sinken.
„Oh Gott! Gott sei Dank!“ keuchte dieser schwer atmend. „Danke, ich danke Ihnen...“ brabbelte er weiter, in der falschen Hoffnung, Fro würde ihn in Ruhe lassen.
„Du dankst mir?“ brummte Fro und schnaubte dann verächtlich. „Das solltest du nicht. Das solltest du wirklich nicht.“ Er hatte die eine Hand immer noch in den Haaren seines Opfers verkrallt, es musste schmerzen. In der anderen Hand hielt er den Injektor, den er aber wieder in seiner Tasche verstaute, ehe er den Gürtel seiner Hose öffnete. Der anfängliche Hoffnungsschimmer in den Augen des Mannes verwandelte sich in blanke Panik.

Oh diese blauen, blauen Augen.



Anmerkung von Judas:

L'appel du vide - französisch, im englischen als call of the void bekannt, etwa "Der Ruf der Leere". Die kleine Stimme, die einem manchmal sagt, von der Klippe zu springen etc.

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Kommentare zu diesem Text


 Quoth (29.01.24, 12:13)
Ja, Wassermangel auf dem Mars. Gruslig vor allem die Vorstellung, dass die Menschen vor den Problemen in ihrer Heimat auf einen anderen Planeten geflohen sind, nur um auch ihre Probleme dorthin mitzunehmen. "Man nimmt sich mit, wohin man geht." (Ernst Bloch)

 Judas meinte dazu am 29.01.24 um 12:19:
Die Kriege der Zukunft werden definitiv um Wasser gefochten werden. Zumindest sagte das 1985 Boutros Boutros-Ghali (aber er sagte es ein bisschen anders). Konflikte um Wasser gibt es schon unter Afrikanischen Stämmen und wenn die Kommerzialisierung des Planeten weiter und weiter voranschreitet und irgendwann alles Privatbesitz eines Konzerns ist (Nestlé arbeitet ja gut darauf hin zB), sehe ich durchaus, dass Kriege um Wasser geführt werden könnte.
Danke!
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