Es ist schon beeindruckend, mit welcher Pimmligkeit sich bestimmte Leute in ihre ideologische Komfortzone einbauen, als hätten sie einen Staat aus Watte um sich herum errichtet, in dem jede Kritik sofort als Kugelhagel empfunden wird. Dieselben Nazischweine, die sonst Tag und Nacht davon schwafeln, „die schweigende Mehrheit“ zu vertreten, kriegen plötzlich Schluckauf, wenn real existierende Menschen vor ihrer Tür auftauchen und laut sagen, dass sie ihren autoritären Mist nicht akzeptieren. Und dann behaupten sie im Brustton der Selbstmitleidsreligion, „niemand wisse, wer angefangen habe“, während die Polizei vor lauter Überabsicherung schon aussieht wie eine bewaffnete Boygroup, die kurz vor ihrem Tourauftakt steht.
Diese Ersatzdramatik ist mittlerweile das politische Grundnahrungsmittel der Rechten: eine Mischung aus Opfermythos, inszenierter Hysterie und der weinerlichen Behauptung, die Demokratie würde in Flammen stehen, sobald ihnen jemand widerspricht. Und jedes Mal, wenn sie ihren klapprigen Erzählwagen wieder in die Öffentlichkeit schieben, tun manche Kommentatoren so, als hätten sie gerade die Offenbarung erhalten und müssten jetzt das Abendland vor einer Horde junger Leute retten, die in Wahrheit einfach nur keinen Bock auf autoritäre Menschenfeindlichkeit haben. Aber klar, besser den Alarmknopf drücken, als einmal die politischen Inhalte zu reflektieren, die zwischen Provokation und Verfassungsfeindlichkeit pendeln wie eine schlecht eingestellte Wanduhr. Diese ganze Nummer mit „aber die Gewalt!!“ ist auch nur deshalb so praktisch, weil sie nie erwähnt, wie Gewalt wirklich funktioniert: strukturell. Von oben nach unten. Von denen, die staatliche Apparate hinter sich haben, zu denen, die protestieren müssen, weil sie sonst gar kein Werkzeug haben, um wahrgenommen zu werden. Und dann sitzen sie da und tun so, als würden Demonstrierende, die ihnen widersprechen, gleich das Ende der Zivilisation einleiten. Währenddessen behaupten sie, die Polizei würde „Demokratie schützen“, als wäre Demokratie der militärisch abgesicherte Freifahrtschein für ihre Parolen. Und kaum sagt jemand, dass Protest gegen rechte Politik legitim ist, springen sie wie die politische Ausgabe eines schlecht geladenen Akkus auf und fuchteln mit RAF, Stasi und Hamburg wie mit einem Set historischer Jokerkarten herum, die man jederzeit als Notbremse ziehen kann, wenn einem die Argumente abhandenkommen.
Der urdeutsche Reflex: sobald links irgendwo im Satz auftaucht, wird das kollektive Archiv geöffnet und die alte Feindmarkierung herausgezogen, damit man nichts Neues denken muss. Und dann wundern sie sich ernsthaft, warum niemand mehr ihre Dramaturgie glaubt, die aussieht wie das Drehbuch einer schlechten Vorabendserie. Zwischendrin reden Kommentatoren über „alte Menschen, die…“ – als wären ältere Personen automatisch moralische Kompassnadeln, die zwingend recht haben müssen, nur weil sie mehr Lebensjahre gesammelt haben. Nicht als Beschimpfung, sondern als Hinweis darauf, wie infantil diese Argumentationsabkürzung ist. Alter ersetzt keine Analyse.
Und nur weil jemand alt ist, heißt das nicht, dass er oder sie nicht denselben manipulativen Erzählungen aufsitzt wie der Rest der Gesellschaft. Dieses Reflex-Gewinke mit Generationen funktioniert nur als rhetorischer Nebel, der verhindern soll, dass man systematisch über Machtverhältnisse spricht. Am Ende bleibt der Eindruck, dass hier Leute hektisch versuchen, einen politischen Bedeutungsverlust zu kaschieren, indem sie überall Gewaltfantasien wittern, die gar nicht ihnen gelten.
Ihre größte Panik ist nicht die Demo vor der Tür, sondern der Gedanke, sie könnten nicht länger bestimmen, wie politische Realität beschrieben wird. Und darum greifen sie zu dieser ganzen lächerlichen Selbstviktimisierung und Moppelkotze, als wären sie fragile Kunstobjekte in einer Vitrine, die am liebsten jede Woche neu zertifiziert hätten, dass sie immer noch „die Angegriffenen“ sind.
Wer bei jedem Protest sofort von „Bananenrepublik“ faselt, zeigt nur, wie weit er sich bereits von einem politischen Diskurs entfernt hat, in dem man nicht als tragische Bühnenfigur herumrennen darf, sobald man Gegenwind spürt.
Und das eigentlich Gefährliche an dieser ganzen Chose ist nicht das, was auf der Straße passiert, sondern das, was in den Köpfen derer abläuft, die jede Form von Widerspruch als Angriff auf ihre Existenz inszenieren. Die Gefahr sitzt nicht vermummt in Gießen. Sie sitzt unvermummt im Kommentarbereich und hält sich für die Stimme der Nation. Am Ende bleibt nur die bittere Wahrheit stehen: Nicht die Straße bedroht ihre Welt sondern der Moment, in dem endlich niemand mehr bereit ist, ihre selbstverliebte Opferpose für Realität zu halten.