Herr Mies besucht seine Frau

Verserzählung zum Thema Unterdrückung

von  Saira

Herr Mies ist neunundneunzig
und ohne nachweisbaren Defekt.
Seine Gelenke knirschen
wie Argumente,
die niemand mehr hören will,
aber sie tragen ihn noch
durch den Friedhof,
der heute bessere Laune hat als er.


Die Grabsteine stehen herum
wie Menschen,
die begriffen haben,
dass man Diskussionen
am zuverlässigsten beendet,
indem man stirbt.


Er bleibt vor ihrem Namen stehen.
Der Stein ist sauber.
Er hat ihn selbst ausgesucht,
damals,
als sie noch lebte
und bereits damit begann,
sich innerlich zurückzuziehen.

„Na“, sagt Herr Mies.
„Siehst du.
Am Ende doch hier.“

Der Wind hält kurz inne.
Diese Stimme
war nie wirklich weg.
Sie ist wie Schimmel:
kommt zurück,
egal wie oft man lüftet.

Sie starb langsam.
Nicht an Krankheit.
An ihm.

Jeden Morgen
nahm er dem Tag
die Bedeutung.
Jeder Plan
überflüssig,
jede Freude
unnötig.

Ihre Hoffnung
lief ein
wie etwas,
das man absichtlich
zu heiß wäscht,
bis es
nicht mehr brauchbar ist.

Wenn sie lachte,
legte er Fakten darüber,
so lange,
bis das Lachen
aufhörte,
sich zu lohnen.

Wenn sie träumte,
legte er Statistiken vor
und wartete,
bis der Traum
sich schämte.

Als sie krank wurde,
sagte er zufrieden:
„Ich hab’s kommen sehen.“
Wie ein Mann,
der den Brand legt
und dann die Feuerwehr ruft.

Ihr Sterben
war kein Sturz,
sondern ein Rückzug.

Ein Zimmer nach dem anderen
gab sie auf.
Argumente zuerst,
Organe später.

Der Körper folgte,
höflich,
wie jemand,
der nicht länger
zur Last fallen will.

Im Krankenhaus
piepsten die Monitore
wie kleine Optimisten,
die noch nicht verstanden hatten,
dass Hoffnung hier
keine Besuchszeiten mehr hat.

„Jetzt tu nicht so“,
sagte er,
als ihr Atem flacher wurde.
„Andere haben es schlimmer.“

Sie sah ihn an
wie einen Wetterbericht,
der seit Jahrzehnten
nur Regen meldet
und sich dafür
selbst lobt.

Der Tod kam nicht
als Erlösung,
sondern als Abkürzung.
Ein stilles Nicken
zwischen ihr
und der Stille.

Herr Mies nickte mit.
Er nickt gern.
Es spart Diskussionen.

Jetzt richtet er den Grabstrauß.
Absichtlich ein wenig schief.
Perfektion,
das wusste er,
würde falsche Hoffnungen wecken.

„Du hast es dir leicht gemacht“,
sagt er vorwurfsvoll.
„Ich muss hier noch bleiben.
Mit all dem Wissen.
Und niemandem,
der mir widerspricht.“

Ein Spatz hüpft auf den Stein,
verfehlt den Sinn
und fliegt weiter.

Ein Grab weiter
weint jemand.
Herr Mies verzieht das Gesicht.
„Übertrieben“, murmelt er.

Gefühle
waren für ihn
Fußnoten ohne Text.

Er seufzt.
Nicht aus Trauer.
Aus Gewohnheit.

Er lebt weiter
wie jemand,
dem selbst der Tod
keine Verwendung zutraut.

Beim Weggehen
stolpert er nicht.
Natürlich nicht.
Das Leben hasst ihn zu sehr,
um ihm diesen
dramaturgischen Sieg
zu gönnen.

Hinter ihm
bleibt der Friedhof zurück,
ein Ort voller Menschen,
die endlich
nichts mehr hoffen
und damit
alles richtig machen.

Herr Mies
geht nach Hause.
Morgen kommt er wieder.
Er hat Zeit.

Der Tod auch.
Er wartet nicht mehr.
Er prüft nicht.
Manche Menschen
gelten als erledigt,
lange bevor sie
eingereicht werden.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 KriegerinDerTräume (03.02.26, 16:37)
"Wenn sie träumte,
legte er Statistiken vor
und wartete,
bis der Traum
sich schämte.
"


bis der Traum sich schämte. gut beschrieben. 
Ein Gedicht zum nachdenken.

LG A.

 EkkehartMittelberg (03.02.26, 17:59)
Liebe Sigi,
diese Verserzählung mit ihren geschliffenen Formulierungen über einen miesen Typen zählt zu den besten Texten, die du geschrieben hast. Jede Strophe enthält eine Pointe.
Leider ist es so, dass Texte zu verwerflichem Verhalten nicht so gut bewertet werden wie solche mit positiven Akzenten. Schade, dass die Beurteilung von Kunst so oft vom Gefallen abhängig gemacht wird.
Liebe Grüße
Ekki

 Moppel (03.02.26, 18:17)
gut geschrieben, Saira. Aber dennoch finde ich es schwierig, solche Situationen zu bewerten. Was zwischen zwei Menschen läuft. Sicherlich gibt es psychische Abhöngigkeiten. Verletzungen. Von außen schwer zu beurteilen.Und soclh einen Menschen wie du ihn hier eichnest, kann man doch auch verlassen... jeder ist dch mündig...lG von <M.
Zur Zeit online: