Schwarzer Winter

Gedicht zum Thema Mensch (-sein, -heit)

von  Saira

Die Waffen flüstern.
Sie heißen Frost.

 

Sie fallen
auf Städte in der Ukraine,
auf das,
was Leben war,
in Gaza.
Danach heißen die Orte
nur noch:
hier
und hier.

Kälte liegt auf Kinderkörpern,
während Anzüge sprechen.
Von Maß.
Von Recht.
Von Notwendigkeit.

Hunger zieht ein.
Er reist ohne Namen.
Er kommt durch Sperren,
durch verbrannte Felder,
durch Häfen,
die geschlossen bleiben,
weil Druck
ein saubereres Wort ist
als Grausamkeit.

Der Strom geht.
In Krankenhäusern.
In Kellern.

Und mit dem Strom
geht die Zeit,
in der man hätte
aufstehen können.

In Brutkästen
sitzt die Nacht
und lernt,
wie lange Bündnisse
abwarten,
wie lange Staaten
abwägen,
wie lange Macht
sich selbst entschuldigt,
bis aus Gründen
Gräber werden.

Menschen schrumpfen
zu Punkten.
Zu Lagen.
Zu Schäden.

Schreie
passen nicht
in diese Sprache.
Sie fallen
aus den Papieren
und bleiben
bei den Körpern.

Wo ist der Geist,
der erkennt:
Hier stirbt nicht nur Leben,
hier stirbt Maß?

Was ist der Mensch,
der Winter befiehlt
und ihn Ordnung nennt?

Ein Wesen mit Händen,
die liefern,
und Stimmen,
die Bedauern üben.

Ein Mund,
der Frieden sagt
und Waffen meint.

Ein anderer,
der Sicherheit sagt
und Vernichtung duldet.

Vielleicht ist Krieg
kein Ausbruch,
sondern ein Zustand,
in dem Verantwortung
so lange geteilt wird,
bis sie
niemand
mehr trägt.

Doch jedes Kind
unter Trümmern,
jede Kehle
in der Nacht,
jede Hand,
die ins Leere greift,
ruft:

Der Mensch
ist mehr
als seine Systeme.

Und wer das vergisst,
vernichtet nicht nur andere,
sondern
das Letzte,
was ihn
Mensch
sein lässt.

 

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026




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