Es war im Jahr 2030. Weltweit hatte KI eine nie für möglich gehaltene Glücksphase ausgelöst. Und das rasend schnell!
Kriege und Wettrüsten waren eingestellt, Ressourcenverschwendung und CO2-Ausstoß gebändigt, die Erderwärmung gestoppt. Mehr noch: Es wurde wieder kalt, und KI sorgte auch wieder für richtig schöne Winter mit Dauerfrost und viel Schnee.
Was konnten die Menschen sich Schöneres wünschen? Sie hatten ja in den schlimmen 20er Jahren schon aufgehört, sich zu vermehren. Ja, statt Kinder in die damals so bedrohte Welt zu setzen, hatten sie sich lieber Hunde angeschafft. Der Hund war immer schon des Menschen bester Freund gewesen.
Als der Planet von einer Krise in die nächste schlitterte, wurde der Vierbeiner noch einmal überhöht: Symbol des verlässlich Guten, treuer Begleiter für die dunklen Tage, ja, auch Projektion einer Wiedergutmachung an der so brutal geschädigten Schöpfung.
Die Zahl der Hunde war also rapide in die Höhe geschnellt, und als 2030 unsere Welt endlich wieder im Lot war und richtig schöne Winter erleben durfte mit Dauerfrost und ganz viel Schnee, da passierte, was auch die schlaueste KI nicht vorhersehen konnte: Die Masse der Hunde flutete die Städte.
Was in den wärmeren Jahreszeiten wegfließt und versickert, das kann im Winter bei Dauerfrost eben diesen diskreten und wenig anstößigen Weg nicht nehmen. Auf dem Schnee gefriert die Hundepisse und bleibt als schön gesprenkelte gelbe Flatsche am Wegesrand sichtbar.
Als die Welt 2030 also wieder so schön im Lot war und die Menschen eigentlich eitel Freude hätte haben können vor allem in den knackigen Wintern mit Dauerfrost und viel Schnee, da sorgte diese Hundepisse für gravierende Konflikte – überall wurde es gelb, und mit jedem Tag Frost wurde dieser Ausfluss präsenter. Man bedenke dabei: Statistisch kam auf fast jeden zweiten Haushalt ein Hund, der täglich gerne drei-, viermal seine Duftmarke setzen musste. Folge: Ganze Städte waren gelb – sprich: angepisst, und: ganze Städte fingen wieder an, Bürgersteig-Wehren zu gründen, Patrouillen für bestimmte „Dospots“ zu organisieren und sich in Hasskampagnen zu entzweien.
KI war da machtlos, lieferten sich Hundehasser und Hundehalter doch zumeist draußen im Freien ihre immer gewalttätigeren Kämpfe. Hundehalter haben ja schon mal etwas Unbelehrbar-Missionarisches, und die Hundehasser wähnen immer gleich die Gattung Mensch in Gefahr. Auch die Hunde selbst, die nun qua natura einfach mal müssen dürfen müssen, litten unter so viel bashing, und die Städte hallten bald wider von ihrem Geheul.
Historisch gesehen war es ein brutaler Rückfall in die 20er Jahre, so, als ob die Menschen nicht wirklich gelernt hätten, ihre Ressentiments zu bändigen. KI hin, KI her - vielleicht braucht der Zweibeiner ja diese Art Scharmützel?