Wenn Erinnerung leise wird

Gedicht zum Thema Beobachtungen

von  AnneSeltmann



meine mutter
steht im flur

 

und betrachtet den schlüssel
als wäre er
ein tier ohne namen

 

draußen
fällt regen gegen die scheiben

 

dieser geduldige
graue regen
der nichts erklärt

 

sie fragt mich
wann ihre mutter kommt

 

ich sage
bald

 

und erschrecke
wie leicht die lüge geworden ist

 

auf dem tisch
liegen äpfel

 

einer davon
hat eine weiche stelle

wir sprechen lange darüber

 

früher
kannte sie jedes kraut
jeden geburtstag
jede angst in meinem gesicht

 

jetzt verirrt sie sich
zwischen zwei silben

 

manchmal
lacht sie plötzlich

 

hell
fast kindlich

 

als hätte jemand
die schwere aus ihrem kopf genommen

 

dann wieder
dieses suchen

 

in schubladen
in wörtern
in mir

 

ich lerne
dass abschied
nicht immer geht

 

manchmal bleibt er sitzen
am küchentisch

 

tagelang

 

abends
halte ich ihre hand

 

sie betrachtet mich freundlich

 

wie eine frau
die glaubt
mich irgendwoher zu kennen



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Kommentare zu diesem Text


 Vaga (07.05.26, 12:12)
Meine Gedanken dazu: 
Wenn die Zeit kommt, in der sie (doppeldeutig - Zeit u. LyrDu) nicht mehr sein wird, wie hier in der Noch-Zeit so eindrucks- und liebevoll (auch zwischen den Zeilen) beschrieben, wird dann für das LyrIch die Erinnerung zunächst unerträglich laut sein, ehe sie leiser und leiser und erträglicher wird? Nachdenkl. Gruß - Vaga
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