Die Stimmen der Kinder werden bleiben

Gedicht zum Thema Hoffnung/Hoffnungslosigkeit

von  AnneSeltmann


Die Stimmen der Kinder
ziehen wie Wind
durch staubige Straßen
durch Schlaf
durch Ländergrenzen

 

ein Ruf
leicht wie Papier
und schwer
wie die Nacht

 

sie sprechen von Frieden
mit Händen
die kaum gelernt haben
festzuhalten

 

sie tragen
das Morgen
unter den Lidern

und irgendwo


zwischen Sirenen
und schweigenden Fenstern
fällt ein Traum
lautlos zu Boden

 

doch Hoffnung
dieses kleine Tier
schlägt weiter
in ihren Brustkörben

 

Die Stimmen der Kinder
gehen um die Welt
barfuß
durch Hunger
durch Regen
durch Feuer

 

sie säen Zukunft
in Erde
die niemand mehr ansieht

 

wie lange
wollen wir noch
an den Mauern stehen
mit verschlossenen Blicken

 

denn ihre Stimmen
sind längst
das Licht
am Rand unserer Müdigkeit

 

sie bauen Brücken
aus Liedern
aus Atem
aus einem einzigen
ehrlichen Satz

 

und in ihren Augen
liegt bereits
die kommende Zeit

 

Die Stimmen der Kinder
werden bleiben

 

wie ein Echo
unter der Haut der Welt



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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (27.05.26, 17:45)
Hallo Anne,
dein beeindruckendes Gedicht erinnert mich an den Vers von Marlene Dietrichs Song "Sag mir, wo die Blumen sind?" "Wann wird man je verstehn?"
Wenn wir aufhören, mit den Kindern zu hoffen, geben wir uns auf.
Liebe Grüße
Ekki

 Saira (27.05.26, 18:56)
Liebe Anne,

du schmückst den Schmerz nicht aus, sondern lässt ihn durch deine stillen Bilder sprechen.

Die Kinder sind bei dir nicht nur Opfer einer erschöpften Welt, sondern Träger von etwas, das größer ist als Angst und Zerstörung.

sie tragen / das Morgen / unter den Lidern
– darin liegt eine ungeheure Zärtlichkeit, aber auch eine stille Anklage an uns Erwachsene.

Und die Zeile:

„doch Hoffnung
dieses kleine Tier“
berührt mich tief im Inneren.

Sehr eindringlich geschrieben.

Herzliche Grüße
Sigrun
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