Die Unterwelt der Entwässerungskanäle

Kurzgeschichte zum Thema Schicksal

von  EkkehartMittelberg

Er war schon immer neugierig auf eine Entdeckungstour durch das Kanalsystem. Er sagte sich, wenn er sie auf eigene Faust unternähme, würde er auch nicht davor zurückscheuen, sein Unterbewusstsein bis in den letzten Winkel zu durchforschen. Er hatte sich Pläne des Kanalsystems besorgt und wusste, wo der Einstiegsgulli war. Nachdem er sich mit einem Stemmeisen und einer Strickleiter bewaffnet hatte, stieg er in die Unterwelt hinab.

Er hatte die Wirkung des schlüpfrigen Untergrunds, des modrigen Geruchs  und des Zwielichts unterschätzt. Die ersten Ratten, die ihm begegneten, erschienen ihm bedrohlich wie kleine Alligatoren. Aber bald hatten sich seine Sinne an die diffuse neue Umgebung gewöhnt und er schritt in Erwartung neuer Abenteuer mutig voran. Er hielt den Plan des Kanalsystems sorgfältig über Wasser und war stolz darauf, ihn dekodieren zu können.

Doch dann geschah es, dass er eine Stufe nach unten übersehen hatte. Plötzlich befand er sich bis zum Hals in dem brackigen, stinkenden Wasser. Er erschrak so sehr, dass er den Plan des Kanalsystems losließ, den die Strömung des Wassers ins Dunkle riss und hinter einer Abbiegung verschwinden ließ. Zwar hastete er hinterher, aber der Orkus hatte das rettende Objekt verschluckt.

Er wusste, dass er nur überleben könnte, wenn er jetzt kaltblütig blieb. Also zwang er sich mit eiserner Energie zur Ruhe. Er hatte zwar meistens auf den Plan gesehen, aber auch versucht, sich die Schraffur der Wände des Kanalsystems einzuprägen. So arbeitete er sich mit zahlreichen Abirrungen dem Einstiegsgulli entgegen. Er hoffte darauf, dass kommunale Arbeiter in dem System unterwegs seien und rief immer wieder um Hilfe, wobei ihm klar wurde, dass er seinen Standort nicht präzise beschreiben konnte. So verhallten seine Rufe in den finsteren Höhlengängen und ihr schwaches ergebnisloses Echo brachte ihn zur Verzweiflung.

Allmählich begann er zu frieren und mit der Kälte, die seine Glieder lähmte, erfror sein Mut. Hunger und Durst marterten ihn zusätzlich, aber sein Überlebenswille war stark, obwohl er wusste, dass er immer planloser im Kreise herumlief. Doch der Zufall kam ihm zur Hilfe. Er entdeckte in der Ferne einen großen hellen Fleck, auf den er mit letzter Kraft zustolperte. Er erreichte tatsächlich sein Einstiegsloch.

Doch als er sein Gesicht dem rettenden Licht entgegenstreckte, durchfuhr ihn ein jäher Schrecken. Jemand hatte das schwere Gulligitter mit dem draußen liegenden Stemmeisen wieder auf die Öffnung gesetzt. Er konnte es nicht hochstemmen und rief, bis seine Stimme erstarb.



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