Wenn du denkst, es geht nicht mehr ...
Anekdote zum Thema Abgrund
von Bluebird
An dieser Stelle möchte ich von einem Urlaubserlebnis berichten. Mit etwa 40 anderen deutschen Jungs war ich in einem CVJM-Ferienlager am Ossiacher See in Kärnten untergebracht.
In der letzten Woche beteiligte ich mich mit zwanzig der Jungs und einem Betreuer an einer zweitägigen Radtour zum Milchstätter See. Nach fünfstündiger Fahrt erreichten wir den See und bauten an einer günstigen Stelle unsere Zelte auf.
Nach einer ausgiebigen Abkühlung im See gab es dann noch einen sehr schönen Lagerfeuerabend mit Spiel und Spaß, bevor wir dann in unsere Zelte krochen. Ich mit dem Gefühl tiefer Verbundenheit mit der Gruppe und auch der Natur. Vielleicht sogar mit Gott!
Am nächsten Morgen war ich schon früh wach und machte mich zusammen mit einem anderen, älteren Jungen - wir hatten uns am Vorabend freiwillig gemeldet - auf die Suche nach einem Bäckerladen im benachbarten Dorf. Aber mit wenig Erfolg.
Erst auf der anderen Seite des Sees wurden wir fündig und kehrten mit Brötchen, Butter und Marmelade nach mehr als zwei Stunden Fahrradfahrt und einer vollständigen Umrundung des Sees in unser Camp zurück.
Wir wurden mit großem Hallo empfangen. Endlich konnte gefrühstückt werden. Ich sprang noch kurz in den See, um mich abzukühlen.
Dies war ein Fehler, wie sich kurz darauf herausstellte. Alle Brötchen waren aufgegessen. Enttäuscht über so viel Rücksichtslosigkeit, beschwerte mich beim Betreuer. Der zuckte nur mit den Achseln und lehrte mich: "Da hättest du halt besser aufpassen müssen!"
Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel. Ich spürte die zusätzliche Morgenfahrt und meinen leeren Magen. Nach zwei Stunden Fahrt war ich restlos erschöpft und sagte das auch unserem Betreuer. Der ordnete eine kleine Pause an, aber unter den Jungs kam schon bald ein leichtes Murren auf. Sie wollten weiterfahren und so schlug ich vor, dass sie ja weiterfahren könnten. Ich würde sie dann später wieder einholen.
Der Betreuer fragte zwar schon nach, ob das für mich wirklich in Ordnung sei, aber war sichtlich erleichtert als ich das bejahte. Und so blieb ich allein zurück, mitten in einem fremden Land!
Spätestens jetzt war ich zutiefst menschlich enttäuscht. Erst mein Frühstück verzehren und mich nun auch noch völlig ermattet zurücklassen! Und das alles nach dem tollen gemeinsamen Abend.
Nach etwa zehn Minuten nahm ich die Fahrt wieder auf, um dann nach etwa hundert Metern aufzugeben. Ich legte mich bei sengender Hitze einfach auf den Radweg und schlief ein.
Ich weiß nicht, wie lange ich so gelegen habe. Jedenfalls rüttelte mich plötzlich jemand wach. Ein Mann mittleren Alters beugte sich über mich: „Alles in Ordnung? Kann ich dir helfen?“ fragte er mit österreichischem Dialekt.
Ich erklärte ihm kurz die Sachlage, woraufhin er mir anbot mich in seinem Wagen mitzunehmen. Was ich allerdings dankend ablehnte: „Ich fahre gleich weiter!“
„Am besten sofort!“, sagte er auf den Himmel zeigend. „Gleich wird es einen ziemlichen Wolkenbruch geben!“
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt! Mit dem einsetzenden Regen kehrte mein Kampfgeist zurück. Wie entfesselt trat ich in die Pedalen und nach etwa 20 Minuten hatte ich die Jungs und den Betreuer erreicht, die sich angesichts des Regens untergestellt hatten.
Ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, raste ich an ihnen vorbei. Ich hörte lautes Rufen hinter mir, dann waren die größeren Jungs auf ihre Fahrräder gestiegen und hinter mir her.
Bis zum Ossiacher See gab es ein wildes Radrennen, bei dem ich schließlich auf Platz 5 landete.
Damals wie heute bin ich zutiefst davon überzeugt, dass Gott mir den rettenden Regen geschickt hat. Aber mir auch eine Lektion bezüglich meiner Mitmenschen erteilt hat: „Vertraue ihnen nicht zu sehr!“