Die Begrüßung durch den Professor und die zweitlesende Professorin war höflich gewesen und ließ auch noch keine Rückschlüsse zu. Wir hatten uns an einen kleinen Besuchertisch gesetzt und meine Diplomarbeit lag auf dem Tisch.
„Herr von B., wir haben Sie ja hierher eingeladen. um Ihnen ihre Note mitzuteilen und die Arbeit mit ihnen zu besprechen. Ich will es kurz machen."
Er holte tief Luft und fuhr fort: „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, so eine Arbeit abzuliefern? In all den Jahren meiner Lehrtätigkeit hier an der FH ist mir ein solcher Mist noch nicht untergekommen. Diese Arbeit,“ er nahm sie nun in die Hand und hielt sie mir mit erkennbarer Wut hin, „ist das Allerletzte. Eine absolute Frechheit! Und entsprechend fällt auch meine Bewertung aus. Ungenügend! Sie sind durchgefallen!“
Die Worte standen wie gemeißelt im Raum. Die Urteilsverkündung war vollzogen: Ungenügend! Durchgefallen! hallte es in mir nach. Ich schaute ihn betroffen an. Mit so einem drastischen Urteil und Wutausbruch hatte ich nicht gerechnet.
Aber der Zorn des Professors war noch nicht verraucht. Er ging nun in medias res und ließ wirklich kein gutes Haar an der ganzen Arbeit.
"Total unwissenschaftlich, bestenfalls eine Bibelarbeit minderer Qualität. Mal ganz abgesehen von den zahlreichen Rechtschreib- und Grammatikfehlern. Es ist einfach unglaublich, was Sie sich da geleistet haben!“ Und damit endete seine Gardinenpredigt genauso abrupt wie sie begonnen hatte.
Die Zweitprofessorin wollte mich wohl schonen und sagte nur: „Ich schließe mich den Ausführungen von Professor R. im Wesentlichen an. Das ist wirklich keine wissenschaftliche Arbeit. Auch von mir ein Ungenügend.“
Beide blickten mich an. Offensichtlich erwarteten sie eine Stellungnahme von mir. Ich zuckte mit den Achseln: „Was soll ich sagen? Sie haben vermutlich Recht! Mir ging es da mehr um die Wahrheit!!“
Professor R. verzog das Gesicht: „Ihre Wahrheit hätten Sie im Schlusskapitel ja immer noch verkünden können, aber erst nachdem Sie das Thema in wissenschaftlicher Weise bearbeitet hätten. Haben Sie das während Ihres Studiums nicht gelernt?“ Ich schwieg. Er hatte Recht. Was sollte ich da noch groß sagen?
Der Professor erhob sich nun und sagte: „Gut, Sie wissen, dass Sie innerhalb von drei Jahren die Arbeit noch einmal schreiben können. Und wenn Sie wollen, auch bei mir! Wir würden dann aber eine genaue Literaturliste festlegen, an die Sie sich dann halten müssen!“
Er reichte mir die Hand und sagte dann in einem etwas milderen Tonfall: „Also, überlegen Sie es sich!“
Später in der Cafeteria der FH dachte ich kurz nach: War es das jetzt? Das Angebot des Professor empfand ich als sehr fair, aber war es nicht vielleicht besser einen Schlussstrich zu ziehen und ein Ende mit Schrecken zu akzeptieren?