Das Gesicht hinter der Handschrift

Dialog zum Thema Psychologie

von  Saira

Psychiater:
Sie sprechen oft von anderen Menschen.
Merkwürdig selten von sich selbst.


Patient:
Andere Menschen sind interessanter.

Psychiater:
Weil sie Fehler machen?

Patient:
Weil sie Schwachstellen haben.

Psychiater:
Und die suchen Sie?

Patient:
Jeder sucht etwas.

Psychiater:
Sie suchen keine Nähe.

Patient:
Nähe ist überschätzt.

Psychiater:
Was suchen Sie dann?

Patient:
Die Stelle, an der jemand aufbricht.

Psychiater:
Aufbricht?

Patient:
Jeder Mensch hat eine Naht.
Man muss nur lange genug daran ziehen.

Psychiater:
Warum?

Patient:
Weil dahinter die Wahrheit liegt.

Psychiater:
Oder weil Sie sehen wollen, wie etwas zerreißt?

Der Patient schweigt.

Psychiater:
Sie schreiben nicht, um verstanden zu werden.

Patient:
Nein.

Psychiater:
Auch nicht, um gehört zu werden.

Patient:
Nein.

Psychiater:
Wofür dann?

Patient:
Um einzudringen.

Psychiater:
Wie ein Einbrecher?

Patient:
Wie Wasser.

Psychiater:
Wasser löscht.

Patient:
Wasser zerstört auch Fundamente.

Der Psychiater macht sich eine Notiz.

Psychiater:
Und wenn die Menschen Sie ignorieren?

Patient:
Tun sie nicht.

Psychiater:
Woher wissen Sie das?

Patient:
Weil sie reagieren.

Psychiater:
Sie beobachten die Reaktion.

Patient:
Natürlich.

Psychiater:
Ist das der eigentliche Zweck?

Patient:
Welcher?

Psychiater:
Nicht die Nachricht.

Patient:


Psychiater:
Sondern die Erschütterung.

Der Patient lächelt. Zum ersten Mal.

Patient:
Sie stellen die falschen Fragen.

Psychiater:
Dann helfen Sie mir.

Patient:
Die Nachricht ist bedeutungslos.

Psychiater:
Und was ist bedeutend?

Patient:
Der Moment danach.

Psychiater:
Welcher Moment?

Patient:
Wenn sie anfängt zu grübeln.

Psychiater:
Wenn andere an ihr zweifeln?

Patient:
Vielleicht.

Psychiater:
Erregt Sie das?

Patient:
Ja, sehr.

Der Patient lehnt sich zurück und blickt auf die Beule in seiner Hose.

Patient:
Ich will, dass sie leidet.

Psychiater:
Warum?

Patient:
Weil es mich erregt. Das hatten wir schon.

Wieder Schweigen.

Psychiater:
Sie verstecken sich im Schatten.

Ein Zucken im Gesicht des Patienten, diesmal sichtbarer. Ein kaltes Schaudern läuft durch ihn.

Psychiater:
Das ist der Grund, nicht wahr?

Patient:
Welcher Grund?

Psychiater:
Dass niemand Ihren Namen sehen darf.

Sein Blick wandert kurz nervös zur Tür, als hätte er das Gefühl, jemand hätte ihn erkannt.

Patient:
Das … das ist vernünftig.

Psychiater:
Nein.
Das ist Angst.
Jemand weiß, wer Sie wirklich sind, nicht wahr?
Und er oder sie beobachtet Sie.

Die Luft im Raum wird drückend. Seine Hände zittern leicht, das Gesicht rötet sich.

Patient:
Sie verstehen nichts.

Psychiater:
Dann erklären Sie es mir.

Patient:
Manche Menschen verdienen es, getroffen zu werden.

Psychiater:
Und deshalb verstecken Sie sich?

Patient:
Ich verstecke mich nicht.

Psychiater:
Dann unterschreiben Sie.

Der Patient schweigt, die Kiefermuskeln angespannt.

Psychiater:
Schreiben Sie Ihren Namen darunter.
Nur einmal.

Das Schweigen dauert lange. Ein kaum hörbares Flüstern in seinem Kopf, die Angst steigt.

Psychiater:
Sehen Sie?
Darum geht es nie um Mut.
Nie um Wahrheit.
Nie um Gerechtigkeit.

Der Patient blickt zur Tür, das Auge huscht unruhig über den Raum. Er hat das Gefühl, dass „sie“ ihn beobachtet.

Psychiater:
Wer überzeugt ist, im Recht zu sein,
hat keinen Grund, sein Gesicht zu verhüllen.
Nur wer den eigenen Schatten kennt,
besteht auf Dunkelheit.

Wieder Stille.

Psychiater:
Darf ich Ihnen sagen, was ich sehe?

Patient:
Tun Sie sich keinen Zwang an.

Psychiater:
Ich sehe keinen Jäger.
Ich sehe einen Mann,
der nachts Steine gegen fremde Fenster wirft
und tagsüber behauptet, der Wind sei schuld gewesen.

Zum ersten Mal verliert der Patient sein Lächeln. Die Angst, erkannt zu werden, mischt sich mit Wut.

Psychiater:
Und ich glaube, das macht Sie wütender als alles andere:
Dass sie weitergeht.
Dass sie schreibt.
Dass sie lacht.
Dass sie lebt.
Während Sie noch immer vor verschlossenen Türen stehen und auf das Echo Ihrer eigenen Schläge lauschen.

Der Patient ballt die Fäuste, das Gesicht rot und wutverzerrt, die Stimme überschlägt sich, ein cholerischer Anfall.

Patient:
Sie verstehen nicht! Sie verstehen überhaupt nichts!
Ich … ich kontrolliere sie! Ich … ich zerreiße … ich … sie verdient es!

Er springt auf, trommelt auf den Tisch, das Atmen schwer, die Augen wild. Die Maske fällt. Die Bosheit liegt offen. Doch die Angst, erkannt zu werden, flackert in seinen Blicken auf.

Psychiater (ruhig, wie ein Schatten im Hintergrund):
Sehen Sie?
Das ist die Wahrheit.
Nicht die Briefe. Nicht die Masken.
Nicht die Andeutungen.
Sondern Sie selbst.

Der Patient hält inne. Ein Zittern läuft durch die Hände, der Atem rast. Die Wut glimmt noch in den Augen, aber die Angst ist jetzt sichtbar. Die Maske ist gefallen.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 Verlo (08.06.26, 19:36)
Saira, ich habe den ganzen Text gelesen, nicht nur einmal, habe aber noch keine Vorstellung, warum es geht. 

Vor allen Dingen frage ich mich, warum der Patient zum Psychiater geht und sich dann so blödkommen läßt.

Ich werde den Text in mir arbeiten lassen. Mal sehn, was er mir sagt.

 Reliwette meinte dazu am 08.06.26 um 21:25:
Hallo, Venlo.
 mache Klienten gehen nicht aus freien Stücken zum Psychiater.. Machmal werden Gutachten erstellt, um z.B. eine Schuldfunfähigkeit /Schuldfähigkeit bei einer schweren Straftat festzustellen oder ob eine psychische Abnormität vorlieg, z.b. eine Verhaltensstörung.oder eine Pychose.
 
 Mit frdl. Gruß! Hartmut
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