Klassentreffen

Alltagsgedicht

von  Redux

las sie mal wieder
die alten tagebücher in blauer tinte
fand den wieder
der ich mal war
den sitzenbleiber
der nie eine freundin bekam
den fünfenschreiber
die trübe tasse
der mit dem geringsten selbstbewusstsein auf diesem grauenvollen planeten
dabei wurde ich so wütend
dass ich kurzentschlossen
die ganzen langen jahre zurück lief
um zu zeigen
was ich jetzt bin
und was ich jetzt kann
und alle waren sie noch da
franky der leithammel
und janne die klassenprinzessin
und cheesy unser klassenclown
öffnete erwartungsvoll die tür
um zu zeigen
dass ich jetzt der bin
der ich immer sein wollte
aber ich sah sofort
in diesem raum
war ich immer noch der
der ich war
und würde es auch immer bleiben:
schlug die tür zu
hörte schallendes gelächter
durch flatternde jahrzehnte
und eilte wie ein begossener hund
durch die achtziger
und neunziger
bis ins heute
überlegte hin und her:
vielleicht mit sechzig noch einmal
hinunterlaufen
oder nie mehr
und sich einreden
dass sie es nicht besser verdienen
was jedoch hieße:
ein längst geschmacklos gekautes kaugummi
bis zum lebensende
im mund behalten zu müsssen:
klappte einstweilen das pochende buch zu
und legte es in die schublade:
in die unterste



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Kommentare zu diesem Text


 IngeWrobel (27.06.26, 08:00)
das pochende buch
stark!

 Drita (27.06.26, 08:02)
Dieses Gedicht hinterlässt keinen lauten Schmerz, sondern eine stille Melancholie, die noch lange nachklingt. Es ist ehrlich, menschlich und erschreckend wahr.

LG
Drita
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