2 Wie Piu – Chu lernte, den Lauf der Zeit zu verstehen….

Erzählung zum Thema Zeit

von  kirchheimrunner

1.1   Piu – Chu´s Heimat in den Bergen

 

Hoch über unserem kleinen Dorf, das von der Provinzhauptstadt aus nur mit einem Ochsenkarren zu erreichen war, schmiegte sich eine kleine Eremitenklause an einen Felsen. So weit, so gut. Die Welt war – von dort aus gesehen viele Ewigkeiten weit entfernt.

 

Doch für Piu-Chu, dem weisen Einsiedler, war diese Welt groß genug.

 

Ich kenne keinen im Dorf, der mehr als 30 Meilen, - und das sind gut und gerne 2 bis 3 Tagesreisen aus unserer Heimat in den Bergen, - fortgewandert ist. So dürft ihr euch nicht wundern:

 

Niemand von uns wusste, keiner ahnte, und nicht einem interessierte es, was sich im großen Reich der Mitte Jahr für Jahr zugetragen hatte. Alles aber auch - wirklich alles  - war zu weit weg.

 

Alles war zu groß, zu unerreichbar und zu unglaublich.

Das Reich unseres Kaisers war so groß, dass es nirgendwo begann und im Nirgendwo endete.

 

Es ist einfach so:

 

 In einer Welt, die so weit und so unglaublich unendlich ist; in dieser Welt ist für unser Dorf und für das Kloster über dem Fluss kein Platz mehr übrig.

 

All das kümmerte die Menschen, die in den kleinen, engen und bescheidenen Strohhütten lebten, wenig. Ihnen genügten die Teesträucher, die Reisfelder und der Bambuswald am Karpfenteich.

 

Weil wir alle, - angefangen bei unseren Großeltern, den Eltern und lieben Verwandten, alles verschlafen hatten, was im Tal, in den Städten und Palästen der Mandarine geschah, hatten wir keinen Grund Unglück zu befürchten oder traurig zu werden.

 

Uns genügten die unglaublich phantastischen Geschichten, die uns Wanderer und Pilger – abends im Schein der Laternen – im Flüsterton, und mit vorgehaltener Hand weitererzählt hatten.

 

Mein liebstes Märchen ist und bleibt die Geschichte von einem Kaiser, der in am Rande seiner Palaststadt Pinyin Běijīng – hoch im Norden des Landes eine Mauer bauen ließ – von einem Ende seiner Welt, bis zum anderen Ende seines Reiches.

 

Ist das nicht eine unglaubliche Flunkerei?


 

1.2   Was uns der Dichter Shi-Yang berichtet…

 

Keine Angst, die Geschichte, die ich euch heute erzähle, ist nicht erfunden, sie ist so wahr, wie ich Shi-Yang heiße!

 

Die Hauptperson meiner Erzählung ist – wie könnte es auch anders sein, der weise, alte Pui – Chu.

 

Manche könnten behaupten, dass er einen beschränkten Horizont hatte.

 

Mein Onkel zum Beispiel sagte immer: Das Ganze, lange entbehrungsreiche Leben, des greisen Piu – Chu passt in eine Nussschale. Die Sprüche und Weisheiten, die er von sich gibt, können nicht größer als eine Erbse sein.

 

Aber bitte, urteilt selbst.

 

Piu – Chu lebte jahrelang als Eremit im kleinen windschiefen Eremitenkloster an der Felswand über dem Yang – Tse.

 

 

 

Sprudelnd und rauschend zwängte sich der Fluss zwischen den Felsen des Lao Jun Shan und den roten Sandsteinfelsen von Dan – Xia hindurch.

 

Weit über dem Kloster flatterten tausende Gebetsfahnen bis hinauf zu den schneebedeckten Gipfeln des mächtigen Yulong Xueshan Gebirges.

 

Das alles war Anfang und Ende der Welt des Piu – Chu.

 

Klein wie eine Nussschale?

Wir werden sehen und staunen:

 

Als der weise Piu – Chu alt und grau geworden war, sah er sein Ende kommen. Auf einen Stock gestützt stieg, er eines Morgens unter tausend Mühsalen die Steintreppen zum Flussufer hinunter, um sich die schwarzen Schatten seiner Schuld abzuwaschen und den Göttern zu danken.

 

 

Viele Male schon hatte er den beschwerlichen Weg auf sich genommen. Als Kind, als junger Mann und nun – am heutigen Morgen - als altersschwacher Greis.

 

Vielleicht ein letztes Mal grüßte er freudig die Morgensonne, die ihre Strahlen im Wasser badete. Er sagte den Wassernixen „einen guten Tag“, und freute sich über jeden der Wassertropfen, die tausendfach über die Steine sprangen.

 

Ich kenne all eure Namen, ihr hundertfach blinkenden Sonnenstrahlen, ihr freundlichen Nixen, ihr Geister der Tiefe und ihr sprudelnde Wasser.

 

Ich kenne euch seit vielen Jahren, darum meine Freunde sage ich euch allen heute ein letztes Lebe-wohl.

 

Piu – Chu wartete vielleicht hundert Atemzüge lang. Die Sonne verschwand hinter den Felsentürmen. Das Wasser hörte auf zu rauschen. Auch der Gesang der Nixen und Melusinen war verstummt.

 

Nach einer langen Zeit des Schweigens und der Stille raunte ihm der Flussgeist zu:

 

Wer bist du?

 

Du meinst uns zu kennen, viele Jahre schon. Du nennst uns mit Namen, die wir nicht haben Du rufst uns, aber wir kennen dich nicht. Wir haben dich nie gesehen! Sag uns, wer du bist.

 

  

Bedenke eines, alter Mann und lass dich nicht täuschen: alles fließt, alles vergeht – und du steigst nie zweimal in den gleichen Fluss.

 

Was Gestern war, ist heute nicht.

Ist nur Schatten und hat kein Gesicht.

Was heute lebt und strebt,

hat früher sicherlich nie gelebt.



Shi- Yang = Dichter

Der Jangtsekiang, kurz Jangtse (chinesisch 長江 / , „Langer Strom, Langer Fluss“, kurz: , Jiāng), ist der längste Fluss Chinas. Mit 6380 Kilometern. Nach dem Nil und dem Amazonas ist er der drittlängste Strom der Welt. Sein Quellgebiet liegt im Hochland von Tibet in Qinghai. Er mündet ins Ostchinesische Meer.

 

Der Danxia-Berg ist der größte landschaftlich reizvolle Ort in der Provinz Guangdong, ein landschaftlich reizvoller Ort, der von Danxia-Landformen und einem Weltnaturerbe dominiert wird. Der Danxia-Berg besteht aus mehr als 680 Teilen rotem Sandkonglomerat, darunter Steinblicke, Steinmauern, Steinsäulen und natürliche Brücken. Daher heißt es Danxia Berg (Dan und Xia geben in der chinesischen Sprache alle die Farbe Rot an).

 

Das Yulong Xueshan (chinesisch 玉龍雪山 / 龙雪山, Pinyin Yùlóng Xuěshān – „Jadedrachen-Schneegebirge“) ist ein Bergmassiv unweit von Lijiang im Nordwesten der Provinz Yunnan in der Volksrepublik China. Der höchste Gipfel ist der 5596 m hohe Shanzidou (chinesisch 扇子陡, Pinyin Shànzidǒu). Die eine Seite des Massivs bildet die eine Kante der Tiger-Sprung-Schlucht (虎跳峽 / 虎跳峡).

Das Panta - Rhei Die Flusslehre ist im Zusammenhang mit Heraklits Lehre von der Einheit aller Dinge zu verstehen: „Verbindungen: Ganzes und Nichtganzes, Zusammengehendes und Auseinanderstrebendes, Einklang und Missklang und aus Allem Eins und aus Einem Alles.“
Platons Zitat Pánta chorei kaì oudèn ménei ist die knappste Formulierung der Flusslehre Heraklits, die besagt: Alles fließt und nichts bleibt; es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.



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