Universum 001 Kapitel 9A – Kamingespräche mit einem Kalifen
Am Abend saß Hans allein in seinem kleinen Studentenapartment. Die alte Mappe lag vor ihm auf dem Tisch. Das Papier war vergilbt, an den Rändern leicht ausgefranst. Vorsichtig strich er über den Deckel. Darauf stand in sauberer Handschrift: »Kamingespräche mit einem Kalifen«. »Na gut«, murmelte Hans. »Mal sehen, was Pferde mit Raumfahrt zu tun haben.« Er schlug die erste Seite auf. Lieber Herr … hochwohlgeboren, von Allah geliebt … und was dergleichen höfliche Anreden mehr erforderlich sind … »Sagt mir«, begann der Kalif, »wie gelangt ihr in eurer Zeit zur Moschee?« Der Erzähler räusperte sich. »Eure Hoheit, in zweitausend Jahren gibt es an der Stelle Eures Palastes viele Wohnungen. Ich verlasse meine Wohnung, gehe zu einer Bushaltestelle und alle zehn Minuten hält dort eine Kutsche – wir nennen sie Bus.« Der Kalif runzelte die Stirn. »Alle zehn Minuten? Dann müssen den ganzen Tag Kutschen unterwegs sein!« »Ja.« »Und an der nächsten Haltestelle wartet gleichzeitig schon die nächste?« »Ja.« Der Kalif begann im Kopf zu rechnen. Plötzlich hob er die Hand. »Halt! Allein die Pferdeäpfel! Wer räumt sie weg? Wer versorgt all diese Pferde? Wer bezahlt die Stallungen?« Hans musste unwillkürlich lächeln. Er hob den Blick von der Mappe und erinnerte sich an den Professor. »Studieren Sie niemals zuerst die Fahrzeuge. Studieren Sie die Haltestellen.« Langsam verstand Hans. Es ging in dieser Geschichte überhaupt nicht um Pferde. Es ging um Infrastruktur. Um Versorgung. Um Wartung. Um all die unscheinbaren Dinge, die niemand bemerkte, solange sie funktionierten. Er schlug die Mappe wieder auf und las weiter. Zum ersten Mal fragte er sich nicht mehr, wie man schneller zum Mars fliegen könnte. Sondern: »Wer bringt eigentlich in vier Jahren den nächsten Container dorthin?« Hans lehnte sich zurück. Er lächelte. »Jetzt verstehe ich, Herr Professor.« Am nächsten Morgen würde er mit einer völlig anderen Vorstellung von Raumfahrt die Universität betreten.