Universum-10A-

Erzählung

von  Imitologiker

Universum 001
Kapitel 10A – Frau Lis Garten
Die ISS hatte sich verändert. Sie war längst nicht mehr nur eine Raumstation. Von hier aus wurden Forschungsgruppen koordiniert, Frachtrouten abgestimmt und neue Projekte aufeinander abgestimmt. Manche nannten sie inzwischen einfach die Dachorganisation des Sonnensystems.
Hans staunte jedes Mal, wenn er durch die Gänge ging. Hinter einer Tür arbeiteten Zeitlogistiker an den nächsten Frachtrouten zwischen Erde und Mars. Ein Stockwerk höher planten Mediziner neue Langzeitmissionen. Wieder ein paar Räume weiter experimentierten Biologen mit synthetischen Kleinstlebewesen.
Eigentlich hatte Hans nur einen Termin im Koordinationsbüro.
Auf dem Türschild stand:
„Dr. Li – Koordination Forschung ISS“
Als Hans eintrat, blickte eine Frau von einer Pflanzenkultur auf.
„Sie müssen Hans sein. Der Professor hat schon viel von Ihnen erzählt.“
Hans schaute überrascht auf die kleinen grünen Pflanzen.
„Pflegen Sie hier einen Garten?“
Dr. Li lächelte.
„Ja. Das ist mein Hobby.“
„Mitten auf einer Raumstation?“
„Gerade hier. Ein Garten zeigt einem jeden Tag, dass große Dinge langsam wachsen.“
Sie gingen gemeinsam zum Panoramafenster.
Draußen zog ein Frachter gemächlich an der Station vorbei. Weiter entfernt beschleunigte ein Raumgleiter zum Mond. Auf den Anzeigen liefen Meldungen über Touristenflüge, neue Materialdepots und den regelmäßigen Verkehr zwischen Erde und Mars.
„Vor wenigen Jahren wäre das alles noch eine Schlagzeile gewesen“, sagte Hans.
„Heute gehört es zum Alltag“, antwortete Dr. Li. „Und genau dann beginnt Infrastruktur.“
Sie blieb vor einer ausgedienten dritten Raketenstufe stehen, die an einem Dock befestigt war.
„Was wird daraus? Ein Frachter?“, fragte Hans.
„Nein.“
Sie strich mit der Hand über die Außenhülle.
„Ein Biotop.“
Hans musste lachen.
„Sie sehen in alten Raketen etwas völlig anderes als Janeway.“
„Das ist das Schöne daran“, sagte Dr. Li. „Sie baut Verkehrsnetze. Ich pflege Gärten.“
Sie öffnete eine kleine Schleuse. Im Inneren arbeiteten winzige synthetische Organismen an feinen Röhrchen und Membranen.
„Noch sind sie unscheinbar“, sagte Dr. Li. „Aber sie arbeiten als Schwarm. Irgendwann werden wir sie wahrscheinlich nur noch die Bienen von Ceres nennen.“
Hans beobachtete die winzigen Helfer.
„Warum Ceres?“
„Weil dort eines Tages ihr größter Garten entstehen soll.“
Sie lächelte.
„Noch ahnt niemand, dass dieses kleine Biotop einmal eine Schlüsselrolle spielen wird.“


Möchtest Du einen Kommentar abgeben?
Diesen Text kommentieren
Zur Zeit online: