Wo die Melodien wohnen

Gedicht zum Thema Betrachtung

von  AnneSeltmann



manche melodien
nehmen keinen weg.
sie sind plötzlich da,
zwischen zwei atemzügen,
und etwas in uns
erinnert sich.

 

an einen sommer vielleicht,
den es so nie gegeben hat.
an eine tür,
die längst verschwunden ist.
an das licht auf einer wand,
an ein gesicht,
dessen namen wir
nicht mehr wissen müssen.

 

und während die töne
durch den raum gehen,
öffnet sich irgendwo
ein kleines dazwischen.

 

dort stehen wir
mit leeren händen
und vollem herzen.

 

kein bild reicht hin.
kein wort bleibt lange genug.
selbst die stille
scheint plötzlich
eine andere sprache zu sprechen.

 

manche melodien
führen uns nicht zurück.
sie führen uns auch nicht fort.

 

sie bringen uns
an jenen namenlosen ort,
an dem alles,
was wir einmal waren,
für einen augenblick

und wenn der letzte ton
verklungen ist,
bleibt etwas offen.

 

wie ein fenster
in einem haus,
das wir nie betreten haben.

und doch wissen wir:
dort waren wir schon einmal.

 



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