Jasmin von der elften Etage oder Die wirren Gedanken der nach Mindestlohn bezahlten Bürohilfskraft Roland W. im Jahr 2035 am Aktenvernichter im Keller der volldigitalisierten Konzernzentrale.

Verserzählung zum Thema Ausbrechen

von  TassoTuwas

Er möchte manches mal das Neonlicht erschießen

und über sich bei Nacht den Sternenhimmel sehn

er möchte täglich alle Leuchtreklameschilder gießen

bis aus der Sonderangebotsflut Blätter sprießen 

und mit Jasmin in ihrem Schatten stehn 


Er möcht den Straßenlärm in Scheiben schneiden

so dünn dass bunte Vögel sich draus Nester bau'n

er stellt sich vor die Stadt mit allen Eingeweiden

auf links zu drehn und könnte sich danach gut leiden

doch hat er es verlernt sich was zu trau'n


So treibt er schon seit Jahren hin auf kleinen Wellen

hegt die Erinnerung an einen Bach mit Weidenrand

an Rosenduft an frühen Tau an schwirrende Libellen

und treibt doch immer nur um die selben Stellen

er ahnt die Dinge die ihm einst bekannt 


Und plötzlich zerren an ihm hunderttausend Fragen

wer weiß ob die Kastanien noch im Frühjahr blüh'n

in dieser Zeit wer will das mit Bestimmtheit sagen

was er nicht weiß danach kann er Jasmin befragen

er glaubt das Gras war früher mal grasgrün


Er möchte Spatzen frisches Knäckebrot hinstreuen

und weiß dabei nicht mal ob es noch Spatzen gibt

die Ungewissheit lässt ihr Aussterben bereuen

wie mag es sein sich über kleines Glück zu freuen

und Zeit besitzen prall und ungesiebt


Dann wollt er über kochend heißen Asphalt laufen

wo er den Fuß hin setzt müsst nasser Rasen blühn

und Sturm und Regen sollten seine Haare raufen

für solchen Tag würd alle Zweifel er verkaufen

und eine Frage richten an Jasmin

  




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Kommentare zu diesem Text


 Aber (30.01.26, 00:34)
Das gibt zu denken, Bro.

Kommentar geändert am 30.01.2026 um 00:39 Uhr

 TassoTuwas meinte dazu am 30.01.26 um 13:20:
Was du hiermit überzeugend bewiesen hast  :) !

 Aber antwortete darauf am 31.01.26 um 13:00:
Denken ist nicht so mein Ding, lieber Hans Georg.

 AchterZwerg (30.01.26, 07:35)
Wenn ich nicht zu faul wäre, lieber Tasso,
würde ich das passende große Gedicht heraussuchen.
Ich glaube das war Das Grundbuchamt von Georg Heym.
Auf jeden Fall zeigst du stark expressionistische Anklänge: also erinnerst mich an meine Lieblinge.  <3

 Aber schrieb daraufhin am 30.01.26 um 13:14:
Hat jemand das vollständige Heym Gedicht?

 AchterZwerg äußerte darauf am 30.01.26 um 16:17:
Ja, ich natürlich:
 
georg heym gedichte 
Ausgewählt von Christoph Meckel 
Fischer 1968

 TassoTuwas ergänzte dazu am 30.01.26 um 18:57:
Liebe Zwerg*in,
bist du etwas aus der Art geschlagen?
Ich denke da an die Heinzelmännchen*innen von Köln, die sollen ja sehr fleißig gewesen sein.
Die Erinnerung an Heym ist mir sehr angenehm (ihm vielleicht weniger)  :D !
Danke und LG
TT

 Aber meinte dazu am 31.01.26 um 13:01:
Heidrun, könntest Du das Gedicht hier kurz Posten oder mir per PN senden?

 AchterZwerg meinte dazu am 31.01.26 um 17:08:
Hallo Aber
einen Link im Netz habe ich nicht gefunden.
Meine Scannversuche sind gescheitert.  :'(
Das Buch gibt es aber für 3€ ebbes, bei booklooker.
Ein Kauf, der sich in jedem Fall lohnen wird!

https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Georg-Heym+Gedichte-Ausgew%C3%A4hlt-von-Christoph-Meckel-Fischer-B%C3%BCcherei-886/id/A02FeSjm01ZZN

Heidrun

 Aber meinte dazu am 03.02.26 um 17:02:
So toll finde ich Georg Heym nun auch wieder nicht, dass ich Geld dafür ausgäbe.

Natürlich bleibt er mein Vorbild, gratis.

 Saira (30.01.26, 12:21)
Lieber Tasso,
 
Roland W. ist eine sehr zeitdiagnostische Figur: ein Mensch im Keller der Konzernzentrale, der Akten vernichtet und von Natur träumt. Beton denkt an Bach, Neon träumt von Tau – diese Kontraste tragen den Text.
 
Die expressionistischen Stadtbilder erinnern tatsächlich an Heym, wie Heidrun schon schrieb, während die melancholischen Naturfragmente eher traklsche Züge tragen und zugleich erschreckend gegenwärtig wirken.
 
Besonders stark finde ich die leise negative Zukunftsvision dieser nahen Zukunft, in der Natur schon Erinnerung ist – ob es noch Spatzen gibt, ob Gras früher grasgrün war – und die innere Lähmung, die das Ausbrechen auf  Wunschbilder reduziert.
 
Jasmin wirkt dabei wie ein letzter Anker zur Welt, ein Rest von Beziehung und Hoffnung.
 
Eine leise, sehr eindringliche Ausbruchserzählung über die Kunst, sich nicht mehr zu trauen.
 
Herzliche Grüße
Sigi

 TassoTuwas meinte dazu am 31.01.26 um 09:49:
Liebe Sigi,

was kann man sagen wenn die Worte fehlen.

Herzlichen Dank
TT

 plotzn (30.01.26, 13:26)
Servus Tasso,

wenn Roland nicht bald den Arsch hochkriegt, dann kocht ein anderer Tee für Jasmin. Dass sein Job noch nicht vom Aktenvernichtungsroboter "Fegefeuer 3000" erledigt wird, ist auch kein wirklicher Trost...

Liebe Grüße
Stefan

 TassoTuwas meinte dazu am 30.01.26 um 18:44:
Moin Stefan,
ich weiß nicht, ich weiß nicht.

Der Roland ist ein verantwortungsvoller Mitarbeiter und wird die Akten gewissenhaft schreddern aber brisanten Unterlagen kopiert er sich!
Es sollte mich nicht wundern, wenn er in ein paar Jahren im Vorstand des Konzerns auftaucht  :D  !

Herzliche Grüße
TT

 Didi.Costaire (30.01.26, 20:53)
Moin Tasso,

das klingt ja deprimierend.

Verzweifelt ist der arme Kerl ist am Grübeln,
denn Akten schreddern hat er nur gelernt.
Man kann es wohl dem Roland kaum verübeln,
selbst mit Jasmin im Sinn herumzudübeln.
Der elfte Stock ist viel zu weit entfernt.

Liebe Grüße,
Dirk

 TassoTuwas meinte dazu am 01.02.26 um 11:49:
Moin Dirk,

im Keller kann man sich die Zeit vertreiben
und in der Stille den Weg nach oben planen
unten weiß man dass die Chefs nichts ahnen
oben kämpfen jeden Tag ums oben bleiben

Herzliche Grüße
TT

 harzgebirgler (31.01.26, 12:40)
..."Sag mir wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben
Sag mir wo die Blumen sind
Was ist geschehen?…"

frug einst Marlene immerhin
und kam mir dadurch in den Sinn.

LG
Henning

 TassoTuwas meinte dazu am 01.02.26 um 11:32:
Moin Henning,
ich weiß nicht ob der Roland sich mit Blumen auskennt.

Ich weiß nur auf der elften Etage steht ein Pflanzkübel mit, könnte Jasmin sein, oder Iris, oder Margareten oder...?

Liebe Grüße
TT

Antwort geändert am 01.02.2026 um 11:50 Uhr

 harzgebirgler meinte dazu am 01.02.26 um 12:20:
:) :) :D :D

 Loewenpflug (01.02.26, 12:05)
Vogelnestern geht der Atem aus die Stadt ihren Schlund weit reißet auf... Wer zählt schon des Sperlings zahl... Natur erwägt sich ihre eigene Fremde... Tragen Kastanien bereits Leichenhemde.... Und auf den Dächern sitzt bereits der Baal. Hinterm Weidenrand stehen die Birken, sie sind Pioniere, jedoch nicht zu beneiden.

Kommentar geändert am 01.02.2026 um 12:09 Uhr

 TassoTuwas meinte dazu am 02.02.26 um 00:31:
Klingt nicht schlecht!
Kann es sein, dass du auch im Keller arbeitest?

 Moppel (01.02.26, 22:35)
ungewohnter Schreibstil, streng geinah und doch locker. Fantastisch, Tasso. Das Selbstbildnis des Zaudernden. Also unser aller...
doch hat er es verlernt sich was zu trau'n".
5 DSterne und lG von M.

 TassoTuwas meinte dazu am 02.02.26 um 11:01:
Moin Moppel,
ich bin ja  noch jung und auf der Suche nach dem richtigen Schreibstil.
Da sind mir deine Sterne sehr hilfreich!
Dafür Dank und eine schöne Woche.
LG TT

 DanceWith1Life (22.07.26, 18:59)
Sag mir wo die Dichter blühen 
weder Heym noch Trakl glühen
Echt, im Keller des Konzerns
Schalldicht Aktenschredderns
Jasminverträumtes fern

 TassoTuwas meinte dazu am 23.07.26 um 10:10:
So'n Keller ist ein guter Ort zum dichten
man kann sein Werk sofort vernichten  :D !

 DanceWith1Life meinte dazu am 23.07.26 um 10:15:
Oh des Schredderns undankbares Gähnen
digital das Ende sehnen
Nicht eine Zeile überlebt
Was Dichtkunst dort im Innern webt

 Quoth meinte dazu am 23.07.26 um 10:58:
Jetzt erst entdeckt. Bemerkenswert!
Aus dem Wikipedia-Lebenslauf: Heyms
Vorbereitungsdienst im Amtsgericht  Lichterfelde bei Berlin währte allerdings kaum vier Monate, da er wegen der unzulässigen Vernichtung einer Grundbuchakte vorzeitig entlassen wurde. 
Möge es Roland W. ebenso ergehen!

 TassoTuwas meinte dazu am 25.07.26 um 09:59:
Akten vernichten ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit.
Wer den Aktenvernichter schlecht bezahlt begibt sich in Gefahr der Erpressbarkeit!
LG TT

PS Herzlichen Dank für Anm. zu Heym, "bemerkenswert" und *chen!

Antwort geändert am 25.07.2026 um 10:25 Uhr
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