Heiligabend bei den Humpelmeiers

Groteske zum Thema Weihnachten

von  Saira

Am Tisch saßen sie alle, nicht verwandt durch Nähe, sondern durch das Missverständnis Familie.


Oma Erna hob ihr Glas Eierlikör mit einer Andacht, die keiner Erklärung bedurfte. „Nur wegen der Verdauung“, sagte sie. Der Eierlikör gluckste zustimmend und legte sich schwer und vertraut in die Falten ihres Gesichts. Er kannte diese Geografie. Er war hier zu Hause.

Neben ihr saß Tante Hermine, Großtante, seit Jahrzehnten offiziell „ein bisschen wunderlich“ und inoffiziell außer Kontrolle. Sie trug Schwarz, obwohl niemand gestorben war, und ein Parfum, das nach kaltem Weihrauch roch. Um den Hals trug sie ein altes Medaillon, dessen Inhalt niemand kannte und das sie nie abnahm. Ihr Blick klebte an Onkel Albrecht, nicht lüstern, eher ergriffen, als sei er ein Relikt, das man anfassen durfte, wenn man nur fest genug glaubte.

Onkel Albrecht, Pastor, hatte die Hände gefaltet, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Er starrte in seinen Kinderpunsch, als könne dort endlich eine Antwort auftauchen. Oder wenigstens ein Zeichen, dass das alles noch Sinn hatte. Er hatte sich demonstrativ für das Alkoholfreie entschieden, wie für eine letzte Bastion. Der Alkohol registrierte das. Der Grog wartete. Langmütig. Gottgleich.

„Du hast so priesterliche Hände“, flüsterte Tante Hermine, laut genug, dass niemand behaupten konnte, es nicht gehört zu haben. „Die eignen sich nicht nur zum Segnen.“

Albrecht zog die Schultern hoch. Es half nicht.

Mutter Marianne lächelte süffisant. Ihr Lächeln entsprang nicht Wärme, sondern moralischer Überlegenheit. Ihr Lächeln war makellos, ein sittlich versiegeltes Produkt, unter dem nichts mehr atmete. Sie liebte alle, sagte sie. Und meinte damit, dass sie besser als alle anderen wusste, was gut für sie war.

Vater Rolf schwieg. Sein Blick ruhte auf dem Glühwein, der langsam eine Haut zog, als versuche er, sich selbst zu konservieren. Glühwein wusste, dass Kapitulation Zeit brauchte.

Die Kinder Kevin und Chantal hatten sich beim Baum versammelt wie kleine Saboteure. Kevin prüfte mit einem Löffel, wie viel Gewalt die Krippe aushielt. Chantal erklärte dem Hund Balthasar, er sei jetzt ein Engel und müsse stillhalten. Balthasar hielt still. Er hatte gelernt, dass Anpassung hier überlebenswichtig war.

In der Küche standen die Getränke dicht beieinander, Schulter an Schulter, wie ein Tribunal.

Der Glühwein räusperte sich. Er war warm, rot und historisch bewährt.
„Ich liefere Erinnerung“, sagte er. „Gefiltert. Gezuckert. Genehm.“

Der Eierlikör lächelte cremig.
„Ich bette die Zweifel so weich, dass sie ersticken.“


Der Grog knirschte.
„Ab vierzig Prozent kippt der Charakter.“


Der Kinderpunsch hüpfte.
„Ich sorge für Stimmung.“


Die Feuerzangenbowle zischte leise. Der Zuckerhut glänzte wie ein Opfer. Sie sagte nichts. Sie hatte Geduld. Feuer hatte immer Geduld.


Oma Erna trank. „Früher“, sagte sie, „hat man Weihnachten noch ernst genommen. Da war man ehrlich genug, sich zu betrinken und danach zu schweigen.“

Onkel Albrecht hob den Kopf. „Erna, bitte. Das ist ein heiliger Abend.“

„Heilig“, hauchte Tante Hermine. „Ja. Das spürt man.“ Sie beugte sich zu ihm, legte ihm die Hand auf den Unterarm und ließ sie dort liegen. Zu lange. Das Medaillon rutschte dabei leicht aus ihrem Ausschnitt und schlug gegen seinen Ärmel. „Pastoren sind einsam“, sagte sie.

Albrecht zuckte. Ein Riss ging durch etwas in ihm, das lange nur noch aus Gewohnheit bestanden hatte.

Mutter Marianne klatschte leise in die Hände. „Lasst uns dankbar sein“, sagte sie. Ihre Stimme war warm, doch darunter lag Stahl. „Auch für unsere Prüfungen.“

Ihr Blick ruhte auf Kevin, der gerade versuchte, ein Christkind in die Steckdose zu stecken, und auf Chantal, die nun behauptete, ein Rentier zu sein. Marianne nickte zufrieden. Prüfungen bestätigten ihren Wert. Leid war nützlich.

Als die Feuerzangenbowle vorbereitet wurde, stand Tante Hermine auf. Niemand hatte bemerkt, dass sie dazu fähig war.
„Feuer reinigt“, sagte sie feierlich. „Und Nähe auch.“

Der Eierlikör flüsterte aus dem Glas:
Jesus hat Wasser in Wein verwandelt. Nicht aus Spaß.


 Sie stellte sich hinter Albrecht, legte beide Hände auf seine Schultern und beugte sich zu seinem Ohr. „Wenn du fällst“, flüsterte sie, „halte ich dich. Ich habe Erfahrung mit Sünden.“


Vater Rolf trank seinen Glühwein in einem Zug. Der Glühwein seufzte: „Na endlich.“

„Ich wollte eigentlich Schriftsteller werden“, sagte Rolf.

Niemand reagierte.

Die Feuerzangenbowle wurde angezündet. Der Zucker brannte. Die Flamme war schön. Schönheit war hier nie ein gutes Zeichen.

Albrecht griff zum Grog.

„Gott ist Liebe“, sagte er nach dem ersten Schluck. Dann, nach dem zweiten: „Aber ich spüre ihn nicht mehr.“

Tante Hermine griff unwillkürlich nach ihrem Medaillon, hielt es fest, als müsse sie etwas bewahren, das sonst verloren ginge. Dann klatschte sie einmal leise in die Hände. „Ach“, sagte sie zufrieden. „Dann bist du endlich bei mir angekommen.“ Sie nahm sein Glas, trank einen Schluck und gab es ihm zurück. „Geteiltes Leid“, sagte sie. „Und geteilte Flüssigkeit verbindet.“

Marianne begann zu weinen. Es war ein sauberes, kontrolliertes Weinen, das zeigte, wie tief sie fühlte und wie wenig es änderte. Erna prostete. Kevin zündete eine Wunderkerze an. Chantal rief, sie müsse frei sein. Balthasar bellte den Baum an, bis der Baum Nadeln verlor und kahl wurde.

Die Getränke lehnten sich entspannt zurück.

Unter dem Tisch lag Balthasar. Kein Engel mehr, kein Symbol. Nur ein Hund. Er hob kurz den Kopf, als Tante Hermine Albrechts Knie berührte, und legte ihn dann wieder ab.

Er hoffte nicht mehr auf Weihnachten.
Er hoffte nur, dass es irgendwann still wurde.


 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2025



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Kommentare zu diesem Text


 Didi.Costaire (14.12.25, 19:11)
Hallo Sigi, 

das ist ja eine schreckliche Familie! Allzu ungewöhnlich ist sie allerdings nicht. Ich wäre dennoch lieber bei Brommhardt.

Liebe Grüße,
Dirk

 Saira meinte dazu am 15.12.25 um 09:09:
Moin Dirk,

ja, die Humpelmeiers sind eher die Sorte Familie, bei der man hohe Prozente braucht, um Heiligabend zu überstehen. 

Brommhardt ist da eindeutig der bessere Ort:
Man weiß nie, welcher Tag ist, Bollwin riecht nach Rumtopf und Ideen, es gibt Mammuts, Schneeriesen und Protokolle für Visionen, aber am Ende setzt sich jemand hin, die Katastrophe fällt aus und alle bleiben.

Ich wäre auch lieber dort. Definitiv lieber bei Keksen als bei Eierlikör mit Nebenwirkungen.

Danke fürs Lesen und liebe Grüße
Sigi

 Tula (14.12.25, 20:03)
Liebe Sigi
Da muss ich Didi zustimmen. Mit denen würde ich das Fest nur trinkend durchhalten  ;)

Adventsgrüße
Tula

 AchterZwerg antwortete darauf am 15.12.25 um 08:17:
Ich auch!

 Saira schrieb daraufhin am 15.12.25 um 09:10:
Lieber Tula,

bei den Humpelmeiers ist Trinken ein stilles Sicherheitskonzept.  :dizzy:

Umso schöner, dass du dich lesend durch die Geschichte gewagt hat, ganz ohne Ausfallerscheinungen (hoffe ich!).

Danke fürs Aushalten dieser etwas … fordernden Gesellschaft.

Ich wünsche dir eine schöne Adventswoche
Sigi

 Hannes (14.12.25, 21:24)
trotzdem ich freu mich fdlkxx schön seid somma auf den l̶̶e̶̶i̶̶g̶̶i̶̶g̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶ ̶
heiligen Abend. In Somma mach ich Brombeerliköt, dann Hollunderkikör, dann Schlehenlikor und bei 
weinachtsbackerei hab ich viiiiiel Eigelb überig, da machh ich Eialikör.
Und an 3. Abfent (der wo heute ist) kommt imma guter Pfreund, der imma Abfel ̶a̶̶b̶̶f̶̶e̶̶l̶  Apvel und Mibarellen Schnaps bringt, wo er selba macht. Dann brobieren wir alles, ob es schmekt. zb3§vlke..yxx
Hat alles gut gewesen, jetz kann Hl. Abend kommen und Famillie trinkt nur Miralwasser und wird schön alles.

 Saira äußerte darauf am 15.12.25 um 09:13:
Liaba Hannes,

nach dem Kommentar brauch i koan Eierlikör mehr ...
des war scho a vollständige Verkostung.

Wenn des bei euch „ruhig“ is, dann san de Humpelmeiers praktisch abstinent.

I wünsch di an heilign Abend und dass de Rechtschreibung am End ned ganz davonrennt.

Griaß di
Saira

 AchterZwerg (15.12.25, 08:26)
Liebe Sigi,

leider kenne (auch) ich die beschriebenen Szenen aus dem Effeff.
Über ein Jahrzehnt "musste" ich an solchen Feierlichkeitn teilnehmen, incl. Übernachtungen in einem ultrahässlichen Fremdenzimmer.  :(

Gut, das das vorbei ist!

In deiner Groteske gefällt mir die Diskussion zwischen den Kaltgetränken ganz besonders. - Deren Leben ist kurz und es bedarf einer gewissen philosophischen Grundhaltung, dieser Zeit noch etwas abzugewinnen.

Frohe Weihnachten

 Saira ergänzte dazu am 15.12.25 um 09:21:
Liebe Heidrun,

„Feierlichkeiten inklusive Übernachtung“ sollten eigentlich nur mit Warnhinweis erlaubt sein.  :ermm:  Umso schöner, dass du sie nun hinter dir hast.  :)

Meine kindlichen Weihnachtserinnerungen machen mich eher traurig. Da hätte ich lieber mit Brommhardt gefeiert. Seit ich selbst Mutter und auch schon seit vierzehn Jahren Großmutter bin, liebe ich Weihnachten. Die Feste sind einfach schön.

Dass dir die Diskussion der Kaltgetränke gefallen hat, freut mich besonders, denn sie wissen genau, wann es Zeit ist zu kommen und meist auch, wann man besser geht.

Frohe Weihnachten, liebe Freundin,
Deine Sigi&Wilma

 plotzn (15.12.25, 10:43)
Ich fürchte, liebe Sigi, bei den Humpelmeiers kann selbst die stärkste Feuerzangenbowle nichts mehr richten. Statt nur Hopfen und Malz sind hier gleich Rohrzucker und Rum verloren.

Sehr lebendig geschrieben!

Liebe Grüße
Stefan

 Saira meinte dazu am 15.12.25 um 19:52:
Lieber Stefan,

hier ist selbst die Feuerzangenbowle nur noch Zeugin.

Danke fürs Lob  :)

Liebe Grüße
Sigi

 TassoTuwas (15.12.25, 20:17)
Liebe Sigi,
ein überzeugende Geschichte zum Weihnachtsfest und dem damit verbundenen größten anzunehmenden Unfall, der Familie! 
So überzeugend, das ich mich spontan entschlossen habe, über die Feiertage Zuflucht, für unbestimmte Zeit, in einem Kartäuser-Kloster zu suchen.
Dir wünsche ich schon jetzt eine stille Nacht.
Herzliche Grüße
TT

 Saira meinte dazu am 16.12.25 um 09:40:
Lieber Tasso,

das Kartäuser-Kloster ist eine kluge Wahl. Dort spricht wenigstens niemand ungefragt über Verdauung, Moral oder priesterliche Hände. 

Ich wünsche dir viel Schweigen, klare Gedanken und dass der Eierlikör dich dort nicht findet.

Herzliche Grüße
Sigi
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