Das Archiv der Glücksschlächter

Verserzählung zum Thema Sprache/ Sprachen

von  Saira

Es gab ein Haus
am Rand der Stimmen,
wo selbst die Stille
zu Flüstern zerbrach.

 

Seine Wände
waren aus nachgedunkeltem Holz,
doch wer sie berührte,
spürte kein Material –
sondern geronnene Jahre,
zu Planken gepresst.

 

Die Regale standen
wie verharschte Wälder,
und zwischen ihren Reihen
hingen Sätze
wie erfrorene Vögel im Flug.

 

Dort lebten
die Glücksschlächter.

 

Ihr Atem
ließ Tinte gerinnen.
Ihre Schritte
löschten Fußspuren,
noch ehe sie entstanden.

 

Zwischen den Zimmern
türmten sich Manuskripte
wie aufgebahrte Wortleiber –
Metaphern
mit Druckspuren am Hals.

 

Baltasar Grimmkarg
glitt durch die bleichen Bibliotheken
mit einem Messer,
das nicht schnitt,
sondern Jahresringe
aus Sprache löste.

 

Ursula Brandneid
blätterte in ihrem Register,
und jedes Umblättern
klang wie das Brechen
eines dünnen Knochens.

 

Die Zwillinge Riss und Reiß
zogen Fäden aus Texten,
bis ganze Erzählungen
auseinanderfielen
wie schlecht vernähte Himmel.

 

Ihre Augen
waren Spiegel ohne Rückseite:
Wärme wurde Kälte –
das Haus verglaste von innen.

 

Sie verbrannten gefaltete Gedichte,
doch das Feuer
gab kein Licht,
nur den Rauch
verlorener Möglichkeiten.

 

Und während sie
Namen aus den Verzeichnissen strichen,
geschah jenseits ihrer Mauern
etwas,
das sie nie berechnet hatten:

Einige Stimmen
waren nicht verstummt.

 

Sie schrieben weiter.
Nicht laut.
Nicht gefällig.
Sondern wie Menschen,
die in eingestürzten Stollen
mit nackten Fingern
nach Luft graben.

 

Ihre Sätze
waren keine Schwerter,
sie waren Wurzeln,
die selbst durch Schutt
Wasser fanden.

 

Sie schrieben
auf Rückseiten von Verrissen,
in die Ränder der Ablehnung,
mit Tinte,
angerührt aus Leidenschaft
und frühem Licht.

 

Und wo ihre Worte fielen,
begann etwas zu wurzeln.

Keine Revanche.
Kein Triumph.
Sondern Wärme.

 

In der Nacht,
als die Zunft sich selbst
bis zur Unkenntlichkeit kürzte,
schlug eine Glocke.

 

Ihr Klang
war nicht warm.
Er kam
wie Metall auf Knochen,
trocken,
ohne Verheißung.

 

Aus den Rissen der Fundamente
regte sich Leben –
doch nicht das,
auf das die Hoffnung gewartet hatte.

 

Die neuen Schreiber
krochen hervor,
blind wie zuvor,
weich wie unbeschriebene Seiten –
doch ihre Federn
waren bereits gehärtet
an überliefertem Urteil.

 

Sie tasteten sich
durch die Trümmer der Alten,
lasen in deren Narben
wie in Lehrbüchern.

 

Und sie lernten schnell.

Sie übten das Schneiden
an noch atmenden Sätzen,
probierten Verrisse
wie fremde Mäntel,
die ihnen bald passten.

 

Hass und Neid
trieben ihre Tinte noch immer an –
doch nun
lief der Wahnsinn
in präzisen Rädern.

Draußen
schrieben jene weiter,
die nie verstummt waren.

 

Ihre Worte wuchsen,
trotz allem,
durch Schutt und Spott.

 

Doch jedes Leuchten
warf Schatten.

 

In ihnen
saßen sie wieder –
die neuen Glücksschlächter:
aufmerksamer,
geschmeidiger,
mit feineren Messern.

 

Sie hatten gelernt,
dass offene Grausamkeit
zu sichtbar war.

 

Nun nannten sie es Diskurs.
Oder Qualität.
Oder Einordnung.

 

Sie lächelten
mit schmalen Klingen im Mund.

 

Die bleiche Bibliothek
stand noch.
Ihre Mauern
hatten nur die Farbe gewechselt.

 

Wo einst Erstarrung herrschte,
herrschte nun Betrieb –
doch in den Kellern
lagen weiterhin
die erfrorenen Vögel der Sätze.

 

Manchmal,
wenn ein mutiges Wort
zu hell aufflammte,
erzitterten die Regale.

 

Dann griff irgendwo
eine Hand zum Messer.
Nicht aus Hunger –
aus Gewohnheit.

 

Und nichts endete.

Die Glocke schlug weiter.
Regelmäßig.

Wie ein Amt.

 

Die Ungebrochenen schrieben.

Die Bibliothek atmete nicht.
Sie arbeitete.

Leise.

Unaufhörlich.

Mit geschärften Federn
im blinden Zwielicht.



 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (24.02.26, 10:27)
Liebe Saira, 
dieser Text ist sehr mutig. Wir sprachen darüber, welchen Einfluss kann Literatur auf diese Ebene irrer Erscheinungen haben, und weshalb schreiben die sehenden Autoren/Innen, die Schriftsteller/Innen und gestaltenden Bildenden Kunstschaffenden weiter, wenn doch die schnelllebende Wirklichkeit alles Liebenswerte auszulöschen droht?
Macht weiter, noch sind wir!
Es grüßt und winkt!
Hartmut

 Saira meinte dazu am 24.02.26 um 10:45:
Lieber Hartmut,

du fragst nach dem Einfluss von Literatur auf diesen Ebenen der Verrohung.

Ich fürchte, sie verhindert sie nicht. Aber sie widerspricht.

Jeder geschriebene Satz, der sich nicht beugt, ist ein kleiner Akt der Unverfügbarkeit.

Vielleicht ist das ihre eigentliche Kraft:
nicht zu siegen, sondern sich nicht vereinnahmen zu lassen.

„Noch sind wir“ klingt für mich deshalb weniger wie Hoffnung, mehr wie Widerstand auf leiser Frequenz.

Herzliche Grüße
Saira

 Didi.Costaire (24.02.26, 18:26)
Hallo Sigi,

solche Leute gibt es im Miniaturformat sogar bei kV. Du hast sie grandios beschrieben.

Liebe Grüße,
Dirk

 Tula antwortete darauf am 24.02.26 um 22:36:
:D

 Saira schrieb daraufhin am 25.02.26 um 09:55:
Moin Dirk,

ja, sie existieren auch im Kleinformat – sozusagen
als Reiseausgabe.  8-)

Wenn der Text etwas „grandios“ getroffen hat, lag das vermutlich weniger an Übertreibung als an Wiedererkennung.

Liebe Grüße
Saira

@Tula

Antwort geändert am 25.02.2026 um 09:56 Uhr

 Quoth (25.02.26, 10:46)
Den Grundgedanken von einer sich gegen Meinungsdiktatur wehrenden und behauptenden Minderheit kennen wir alle aus Ray Bradburys "Fahrenheit 451". Ob es erneut zu Bücherverbrennungen kommen wird? Und wer sind die Verbrenner, die woken Cancel-Culture Fans oder die Anhänger einer White Supremacy?

 Saira äußerte darauf am 25.02.26 um 18:23:
Hallo Quoth,

dein Verweis auf Fahrenheit 451 hat mich sofort angesprochen. Diese Idee, dass eine Minderheit Sprache und Gedanken bewahrt, während um sie herum Vereinheitlichung greift, berührt auch für mich einen zentralen Punkt meines Textes.

Ich merke nur, dass ich die Parallele nicht ganz offen in alle Richtungen lese. Für mich liegt sie stärker dort, wo Ideologien beginnen, Vielfalt als Bedrohung zu empfinden, wo Ausschluss, Überlegenheitsdenken oder der Wunsch nach „Reinheit“ ins Spiel kommen.

Bradburys Welt entsteht ja aus der Angst vor Differenz und aus dem Drang, alles Komplexe zu glätten. In diesem Sinne sehe ich die „Verbrenner“ gedanklich näher bei autoritären, ausgrenzenden Strömungen.

Mein Text wollte genau diese Mechanik sichtbar machen:
was passiert, wenn Sprache eingehegt oder normiert wird, weil Abweichung nicht mehr ausgehalten wird.

Deinen Vergleich finde ich deshalb sehr klug. 

Liebe Grüße
Saira

 eiskimo (25.02.26, 11:04)
Schreibfreude trifft Tintenkiller ... ist meine erste, sehr verkürzende Assoziation, wobei der Tintenkiller nicht nur schlachtet, er schwärzt und er ertränkt... Oh, je!
Aber, liebe Saira, die Ironie Deiner so facettenreichen Verserzählung ist: Die Schreibfreude (besser: Schreibkunst!) feiert mit Dir Auferstehung, aber wie!!
LG
Eiskimo

 Saira ergänzte dazu am 25.02.26 um 18:30:
Lieber eiskimo,

„Tintenkiller“ ist ein herrlich treffendes Wort, fast schon eine eigene Figur aus der Bibliothek.

Und vielleicht stimmt es:
Je mehr geschwärzt wird, desto hartnäckiger sucht sich die Tinte neue Wege.

Sie scheint ein ausgeprägtes Auferstehungstalent zu haben.  :)

Herzliche Grüße
Saira
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