Zwietracht

Gedankengedicht zum Thema Schuld

von  Saira

Am Anfang steht, was niemals endet,
am Ende keimt Beginn.
Die Zeit bewahrt das alte Muster,
doch alles wandelt sich.
Seit unser Ursprung sich verlor,
teilt sich das Los entzwei:
Dem einen blieben Licht und Thron,
dem andern Schatten bei.

 

Ein Schlachtenfeld aus eigner Hand,
mit Sorgfalt aufgebaut.
Die Wesen fanden ihre Form,
wie eine Ordnung es gebot.
Dann zog der freie Wille ein,
ganz lautlos, unbeirrt.
So wurden Güte und Verfehlung
erst möglich in der Welt.

 

Die Fäden liegen straff gespannt,
der Raum bleibt eng bemessen.
Doch manches wächst im Stillen dort,
wo Freiheit Wurzeln schlug.
Verlangt wird Treue ohne Maß,
doch nicht ein jedes Herz
beugt sich vor großer Macht
und schweigt aus Furcht und Schmerz.

 

Der Tod vollendet jeden Zug,
unbeirrbar, still.
Er nimmt die letzte Spielfigur,
wenn jeder Zug verstummt.
Vergessen wurde ihr geschenkt,
nicht aber Furcht und Pflicht,
denn selbst nach ihrem letzten Schritt
erlischt das Urteil nicht.

 

Sie wissen wenig, glauben viel,
so scheint ihr Los bestimmt.
Nur manche fragen gegenan,
ob wahr ist, was man glaubt.
Das Spiel besteht. Die Antwort schweigt,
verborgen bleibt der Sinn.
Und fällt der letzte Würfel einst,
fragt alles neu: Wohin?

 

 

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 Aber (25.06.26, 10:49)
Erinnert mich an das Duell Kasparow gegen Karpow, liebe Sigrun, in welchem eine ähnliche Stimmung herrschte.

 Saira meinte dazu am 25.06.26 um 17:32:
Moin Aaron,

was für ein spannender Vergleich. Tatsächlich lebt das Gedicht von einer ähnlichen Spannung wie eine lange Schachpartie: Jeder Zug scheint unabwendbar und dennoch trägt jede Entscheidung das Potenzial in sich, alles zu verändern. Bei Kasparow und Karpow ging es ja ebenfalls um Strategie, Geduld und die Last jeder einzelnen Entscheidung.

LG
Sigrun

 EkkehartMittelberg (25.06.26, 11:00)
Hallo Sigi.
angesichts des Todes wird einem bewusst, dass Zwietracht Verantwortung fordert.
Mich überrascht immer wieder, wie deine Lyrik die Breite zwischen innovativen und traditionellen Darstellungsformen auslotet.

Liebe Grüße
Ekki

 Saira antwortete darauf am 25.06.26 um 17:35:
Hallo Ekki,

dass du die Verbindung von traditionellen Formen und neuen Gedanken bemerkst, freut mich sehr. Ich empfinde beides nicht als Gegensatz. Für mich darf ein klassischer Rahmen durchaus Fragen tragen, die zeitlos sind und dennoch immer wieder neu gestellt werden.

Danke und liebe Grüße
Sigi

 Reliwette (25.06.26, 12:03)
Wenn der letzte Zug verstummt, liebe Saira, ist es Zeit, die Karten neu zu mischen und an die Spieler zu verteilen. Im Seelngarten gibt es nur einen Joker. Wer ihn findet, kann das Spiel verlassen und sich neu orientieren. Dann kann sich das Wunder ereignen im Seelen-Zaubergarten. Das wünsche ich dir von Herzen!
Mit liebem Gruß!
Reli

Kommentar geändert am 25.06.2026 um 12:04 Uhr

 Saira schrieb daraufhin am 25.06.26 um 17:40:
Lieber Reli,

wie schön, dass du aus meinem Gedicht ein Kartenspiel werden lässt. Das gefällt mir, denn die Bilder erzählen letztlich vom Leben und von den Entscheidungen, die wir treffen.

Besonders dein Gedanke vom Joker im Seelengarten berührt mich sehr. Vielleicht ist dieser Joker gar keine Karte, sondern die Fähigkeit, den eigenen Blick zu verändern. 

Danke für deinen weisen Gedanken und deine guten Wünsche. Ich nehme sie mit einem Lächeln entgegen.

Liebe Grüße
Saira

 TassoTuwas (26.06.26, 12:12)
Hallo Sigi,

die Macht und ihr Missbrauch nährt sich aus der Uneinigkeit der großen Masse. Das zu erreichen ist Zwietracht ein wirksames Mittel für Neid, Misstrauen und Egoismus.

Die Frage nach dem "Wohin", ist längst beantwortet, findet aber keine Mehrheit, denn die Furcht, die Gegenwart zu verpassen, lasst keine Zeit an die Zukunft zu denken.

Liebe Grüße
TT
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