Das noch ungeborene Buch

Gedicht zum Thema Literatur

von  Saira

Du bist noch nicht geschrieben
und doch kenne ich dich.

Du gehst bereits
durch meine Gedanken
wie ein leiser Gast,
der die Räume prüft,
in denen er später wohnen wird.

Manchmal setzt du dich
in die Stille meiner Nächte
und wartest,
bis ich den ersten Satz wage.

Dann spüre ich dich –
wie eine Bewegung
unter der Oberfläche der Sprache.

Du bist noch namenlos.
Und doch
trägst du bereits Gesichter:

Menschen aus vergangenen Zeiten,
die im Nebel meiner Vorstellung stehen
und darauf hoffen,
dass ich sie ans Licht rufe.

Du bist wie ein Stern,
der noch nicht aufgegangen ist
und doch
das Dunkel verändert.

Und ich liebe dich
auf eine seltsame Weise –
nicht wie etwas,
das mir gehört,
sondern wie etwas,
das mich ruft.

Denn ein Buch
wird nicht geschrieben,
weil wir es wollen.

Ein Buch
geschieht.

Es wächst
in den verborgenen Gärten der Sprache,
bis eines Tages
die erste Zeile
sich öffnet wie ein Tor.

Und dann,
wenn der letzte Satz zur Ruhe kommt,
weiß ich:

Ich habe dich nicht erschaffen.
Ich habe dich
nur
ans Licht begleitet.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (12.03.26, 15:01)
Liebe Saira,
Du wirst Dein Buch schreiben, weil Du in Deiner Sprache wohnst, die Dein Wesenhaftes nach außen trägt, Deine Seele. Das ist Dein Haus und zuweilen dürfen wir Deine Gäste sein.
Ich bringe Dir Blumen mit und Chapeau, meinen Hut.
Ganz herzliche Grüße!
Reli i

 Saira meinte dazu am 12.03.26 um 18:52:
Lieber Reli,

wie schön du das sagst: in der Sprache wohnen.

Dass du meine Sprache als ein Haus siehst, in dem Gäste willkommen sind, ist ein wunderbares Bild. Die Blumen nehme ich mit Dankbarkeit entgegen und deinen Hut auch, obwohl ich ihn wohl lächelnd wieder vor dir ziehe.

Herzliche Grüße
Saira

 EkkehartMittelberg (12.03.26, 15:58)
Hallo Sigi,
diesmal sehe ich etwas anders. Aber das tut der Qualität deines originellen Gedichts keinen Abbruch. Schlechte Bücher erscheinen, weil die Autoren es wollen. Gute Bücher drängen ans Licht wie eine Knospe, die der Frühling wachküsst.
Liebe Grüße
Ekki

 Saira antwortete darauf am 12.03.26 um 18:53:
Lieber Ekki,

du hast recht – es gibt Bücher, die aus bloßem Wollen entstehen. Und es gibt jene anderen, die sich beinahe selbst schreiben. Dein Bild vom Frühling, der eine Knospe wachküsst, passt wunderbar zu diesem Gedanken.

Danke für deine aufmerksame Rückmeldung.

Herzliche Grüße
Sigi

 Moppel (12.03.26, 17:23)
dein sehr schöner Gedanke, Saira. So ging es mir mit meinem "Römänchen". lG von M.

 Saira schrieb daraufhin am 12.03.26 um 18:54:
Hallo Moppel,

es ist ein schönes Gefühl, wenn man merkt, dass andere Schreibende ähnliche Erfahrungen machen. Dann weiß man: Diese seltsame Reise eines Textes ist kein einsamer Weg.

Liebe Grüße
Saira

 plotzn (13.03.26, 08:34)
Ein schönes Gleichnis, liebe Sigi! Und es kann sich glücklich schätzen, wessen Buch auf diese wunderbare Weise entsteht.

Bei mir ist es leider nur an seltenen Stelle so der Fall, der Rest ist eher Arbeit, die meist Spaß macht, aber auch mal anstrengend sein kann. Vielleicht sollte ich mal einen Geburtshelferkurs machen?

Liebe Grüße
Stefan

 Saira äußerte darauf am 13.03.26 um 09:29:
Servus Stefan,

du hast natürlich recht: Ein Buch entsteht nicht nur aus diesen geheimnisvollen Momenten, in denen es sich fast von selbst zeigt. Es besteht auch aus Handwerk, aus Ausdauer und aus den vielen Stunden, in denen man Satz für Satz trägt, prüft und manchmal wieder neu beginnen muss.

Den Geburtshelferkurs hast du vermutlich längst bestanden - ohne es zu merken.

Liebe Grüße
Sigi
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