Haus-Chat

Kurzprosa zum Thema Gesellschaft/ Soziales

von  Saira

Im Hausflur roch es nach Waschpulver und Lieferpizza.


Irgendwo summte ein Akkuschrauber. Aus dem dritten Stock dröhnte dumpfer Technobeat durch die Wände. Aus einer Wohnung schallte Kindergeschrei. Jemand nieste.


Frau Meier stand am Briefkasten und sortierte Werbung aus.


„Schon wieder Mieterhöhung“, murmelte sie.


„Aber neue Fenster kriegen wir natürlich nicht.“


„Dafür haben wir jetzt WLAN im Keller“, sagte Herr Brandt und schnaufte die Treppe hoch.


Über der Haustür blinkte die Lampe hektisch. Seit drei Monaten hatte sie einen Wackelkontakt.


Daneben hing ein neues Schild:


BITTE KEINE WERBUNG EINWERFEN!!!
DANKE, DIE HAUSVERWALTUNG


Frau Meier schnaubte.


„Für Schilder reicht das Geld immer.“


Sie zog die Haustür nur halb hinter sich zu.


„Hast du gesehen, wer gestern Nacht wieder bei der Neuen war?“


„Der mit dem schwarzen Tesla?“


Herr Brandt war sofort interessiert.


„Natürlich der. Und heute früh kam schon wieder ein Lieferdienst.“


„Sushi.“


Frau Meier hob ihre Stimme.


„Wer um diese Uhrzeit Sushi bestellt, hat kein geregeltes Leben.“


Dabei dachte sie an die Rabattmarken in ihrer Jackentasche. An den kaputten Reißverschluss ihres Wintermantels. An die vierzehn Euro, die bis zum Monatsende noch auf ihrem Konto lagen.


Oben knallte eine Tür.


„Und die Pakete erst“, sagte Herr Brandt.


„Jeden Tag drei Stück. Ich frag mich langsam, ob die arbeitet oder nur bestellt.“


„Influencerin.“


Frau Meier sprach das Wort aus wie früher andere Leute „Gammler“.


Sie wusste längst nicht mehr, was heute überhaupt noch als richtige Arbeit galt.

Ihre Tochter verdiente Geld am Laptop. Der Nachbar im Dachgeschoss ebenfalls.

Nur sie selbst stand jeden Morgen um halb fünf auf und hob Konservendosen über Scanner.


Und trotzdem wurde das Geld jeden Monat früher knapp.


Im zweiten Stock öffnete sich vorsichtig eine Tür.


Frau Özdemir steckte den Kopf heraus.


„Wen meint ihr?“


„Na die aus der Vier. Die mit den weißen Sneakern.“


„Ach die.“


Frau Özdemir nickte.


„Die filmt sich manchmal im Treppenhaus. Gestern hat sie bestimmt fünfmal dieselbe Szene aufgenommen. Immer wieder mit ihrem Kaffee die Stufen runter.“


Herr Brandt schnaubte.


„Kein Wunder, dass die Nebenkosten steigen.“


„Meine Enkelin macht das auch“, sagte Frau Özdemir leise.


„Sie sagt, man muss sichtbar sein.“


Für einen Moment sagte niemand etwas.


Aus einer Wohnung lief der Fernseher.

Inflation. Entlassungen. Krieg.

Der Nachrichtensprecher klang müde.


„Früher wollte man seine Ruhe“, murmelte Herr Brandt.


„Heute will jeder gesehen werden.“


„Früher konnte man sich Ruhe auch leisten“, sagte Frau Özdemir.


Herr Brandt schwieg.


Aus dem Innenhof bellte ein Hund.


„Und dann diese Fahrradgeschichte“, setzte Frau Meier nach.


„Jemand hat an meinem E-Bike herumgefummelt. Der Sattel steht schief.“


„Vielleicht der Student aus dem Dachgeschoss“, sagte Herr Brandt sofort.


„Der sieht aus, als würde er nachts Graffiti sprühen.“


„Der programmiert irgendwas.“


„Ist doch dasselbe heutzutage.“


Niemand lachte.


Im Haus-Chat schrieb nie jemand „Guten Morgen“.


Aber sobald ein Fahrrad schief stand oder ein Paket zu lange im Flur lag, erschienen innerhalb von Minuten acht Nachrichten hintereinander.


Mit Ausrufezeichen.


Und Menschen, die wochenlang kein Wort miteinander wechselten, entwickelten plötzlich erstaunliche Mitteilungsfreude.


Plötzlich ging die Haustür auf.


Niemand bemerkte sofort, dass es stiller wurde.


Die Neue aus der Vier trat herein.


Kopfhörer.

Einkaufstaschen.

Weiße Sneaker.

Augenringe.


Sie blieb stehen.


Der Technobeat dröhnte weiter.


Niemand sagte etwas.


Für einen Augenblick standen alle da wie ertappt.


Dann lächelte sie müde.


„Ach.“


Sie sah von einem zum anderen.


„Ihr seid also die Hausgemeinschaft.“


Herr Brandt betrachtete plötzlich sehr interessiert das Treppengeländer.


Frau Meier faltete ihren Prospekt zusammen.


Frau Özdemir verschwand fast wieder hinter ihrer Tür.


Die Neue zog die Kopfhörer vom Hals.


„Keine Sorge“, sagte sie.


„Die Tanzvideos sind bald vorbei. Ich brauch nur noch genug Klicks, damit ich nächsten Monat meine Miete zahlen kann.“


Niemand antwortete.


„Und falls jemand meinen Zalando-Karton gesucht hat ...“


Sie lächelte.


„Da waren übrigens nur Kompressionsstrümpfe für meine Mutter drin.“

Stille.


Irgendwo tropfte ein Wasserhahn.


Dann vibrierte ein Handy.


BITTE DIE HAUSTÜR NICHT KNALLEN!!!


Darunter drei Daumen-hoch-Emojis.


 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text

adlibitum (26)
(29.05.26, 10:19)
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 Saira meinte dazu am 29.05.26 um 14:47:
Hallo adlibitum,

vielen Dank für deine Gedanken! Du hast Recht, die Kopfhörer könnten tatsächlich als Schutzschild dienen, ein kleiner Panzer gegen die Blicke und Vorurteile der anderen.

Ich sehe auch, was du mit den Kompressionsstrümpfen meinst. Sie waren eigentlich ein winziges Detail, das zeigen sollte: Jeder trägt seine eigenen kleinen Geschichten und Sorgen mit sich herum, auch wenn sie auf den ersten Blick banal wirken.

Besonders dein Vorschlag zum Schluss hat mich überzeugt. Je länger ich darüber nachdenke, desto stimmiger erscheint es mir, den Text tatsächlich nach den Daumen-hoch-Emojis enden zu lassen. Die Pointe sitzt dort eigentlich schon, und die Stille danach spricht für sich. Diesen Hinweis werde ich gerne übernehmen.

Danke für deine aufmerksame Rückmeldung und die Anregungen. So etwas hilft mir immer, einen Text noch einmal mit anderen Augen zu betrachten.

Liebe Grüße
Saira

 Reliwette (29.05.26, 10:49)
Hallo Saira,
so eine Hausgemeinschaft hat es in sich. Es gibt andererseits Hausgemeinschaften, deren Bewohner sich nur zu den Haussitzungen treffen, um einen Vorschlag abzuarbeiten, ob die Balkone neue FLIESEN BEKOMMEN SOLLEN, oder einen neuen Fassadenanstrich.
Diese Situationen finden wir hauptsächlich in mehrstöckigen Etagen mit Eigentumswohnungen. Da gibt es Pensionäre, die nichts anderes im Sinn haben, als neue Renovierungsideen zu entwerfen und andere  Nachbarn in hohe Kosten zu stürzen, haben ihre Freude daran.
Wo Menschen in unmittelbarer Nachbarschschft wohnen, kann aber genau das passieren, was du aufgeschlüsselt hast.
Ich rate nur jedem:"Augen auf beim Kauen!"

Lieber Gruß! Reli

 Saira antwortete darauf am 29.05.26 um 14:58:
Lieber Reli,

vielen Dank für deinen Kommentar.

Eigentlich steckt in meinem Text auch ein wenig Gesellschaftskritik. Während viele Menschen finanziell unter Druck stehen und die Nachrichten voller Krisen sind, wird die Aufmerksamkeit oft auf den Nachbarn, die Nachbarin, ein Paket oder einen schiefen Fahrradsattel gelenkt.

Mich interessiert dieser Widerspruch. 

Liebe Grüße
Saira

 Fridolin schrieb daraufhin am 30.05.26 um 08:22:
Während viele Menschen finanziell unter Druck stehen und die Nachrichten voller Krisen sind, wird die Aufmerksamkeit oft auf den Nachbarn, die Nachbarin, ein Paket oder einen schiefen Fahrradsattel gelenkt.
Aufmerksamkeit für den Nachbarn wäre ja eine schöne Sache, aber es handelt sich hier um Aufmerksamkeit gegen ihn. Genau das lebt uns die "große Politik" derzeit vor, die Medien käuen es wieder. Kein Versuch, die Nachbarn zu verstehen - Versteher ist sogar zum Schimpfwort geworden, wird sanktioniert.

Ist es nicht einfach ein entsetzlicher, aber momentan bei uns auf allen Ebenen gültiger, ja geradezu propagierter "lifestyle"?

 Reliwette äußerte darauf am 30.05.26 um 09:12:
Ja, lieber Fridolin,
 du hast das sehr gut erkannt und definiert. Das sind regelrechte gruppendynomische Prozesse. Die Einzelnen gesellen sich zur Gruppe der Mehrheit. So schützen sie sich vor Angriffen durch die Gruppe und wer durch den "Türspalt" "schießt" bleibt weitgehend unsichtbar - denkt er/sie, dabei wissen alle, wer was gesagt hat
Lieber Gruß! Hartmut.

 Saira ergänzte dazu am 30.05.26 um 11:37:
Lieber Fridolin, lieber Reli,

ich danke euch.

Mir geht es dabei auch nicht um die einzelnen Personen, sondern um das, was zwischen ihnen passiert. Wie schnell Urteile entstehen, nur weil man einen Ausschnitt sieht: ein Paket, einen schiefen Fahrradsattel oder ein Geräusch im Hausflur. Aus einer kleinen Beobachtung wird dann schnell eine ganze Geschichte.

Wirkliches Verstehen braucht Zeit. Es setzt voraus, dass man zuhört und bereit ist, die eigene Sicht auch einmal zurückzustellen. Deshalb wollte ich in der Szene zeigen, wie diese Dynamik funktioniert, wie Aufmerksamkeit gegen jemanden gerichtet wird, obwohl eigentlich alle mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt sind.

Für mich liegt darin die Ironie: Jeder kämpft für sich, und trotzdem richtet sich der Blick immer auf die anderen. Genau das wollte ich im kleinen Maßstab einer Hausgemeinschaft zeigen.

Danke euch für eure Gedanken. Sie haben noch einmal eine Seite des Textes aufgegriffen, die mir beim Schreiben wichtig war.

Liebe Grüße
Saira

 diestelzie (29.05.26, 13:23)
Diese Kommunikation im Hausflur hätte durchaus auch im Internet stattfinden können. Die Menschen ändern sich nicht. Missgunst, Neid und den Drang, irgendwo dazuzugehören, gab es, gibt es und wird es weiterhin geben.

Mir gefällt die realistische Szene. Ich war beim Lesen sofort mittendrinn.

Liebe Grüße
Kerstin

 Saira meinte dazu am 29.05.26 um 15:00:
Danke, Kerstin! Ja, die Szene sollte diese alltägliche Mischung aus Missgunst, Neugier und dem Wunsch, dazuzugehören, einfangen.

Es freut mich sehr, dass du dich beim Lesen direkt mittendrinn gefühlt hast. Genau dieses unmittelbare Gefühl wollte ich vermitteln.

Liebe Grüße
Sigi

 TassoTuwas (01.06.26, 02:46)
Liebe Sigi,
diesen Text kann man lesen und hat sofort eine Vorstellung von den Hausbewohnern und was sie so umtreibt. Wenn man es nicht selbst erlebt hat, dann hat man davon gehört. Man weiß, das gibt es, schmunzelt oder schüttelt den Kopf, in diesem Fall ist es ein unterhaltsamer Spaß.
Oder man wird nachdenklich und fragt sich, was ist los mit diesen Menschen, sie reden zwar miteinander aber hauptsächlich über einander. Eigentlich sind sie alle, jeder auf seine Art unzufrieden mit dem Leben, aber offensichtlich nicht bereit etwas zu ändern.
Vergnügen oder Betroffenheit, das entscheidet jeder für sich.
Dieser Text ist ein, ich vermute, gewollter, und gelungener Fingerzeig auf die Ambivalenz der Gesellschaft. 
Gemeint sind die geschilderten Personen in der Geschichte, als auch die Leser.
Herzliche Grüße
TT

 Saira meinte dazu am 01.06.26 um 14:01:
Lieber Tasso,

hab vielen Dank für deine aufmerksamen Gedanken zu meinem Text.

Ich freue mich, dass du beide Ebenen wahrgenommen hast. Man kann, wie du richtig schreibst, die Szene mit einem Schmunzeln lesen, als eine Sammlung alltäglicher Beobachtungen aus einem ganz gewöhnlichen Haus. Gleichzeitig steckt hinter den Gesprächen aber auch etwas Nachdenkliches: Einsamkeit, Unsicherheit, finanzielle Sorgen und die Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören.

Für mich wurde das Haus beim Schreiben zu einem kleinen Spiegel unserer Zeit, in dem sich vieles verdichtet, was wir auch außerhalb seiner Wände beobachten können: kleine Dramen, flüchtige Begegnungen und die ständige Aufmerksamkeit füreinander.

Nochmals danke, dass du die Gedanken hinter der Geschichte so treffend aufgegriffen hast.

Herzliche Grüße
Sigi
 
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