Die Geliebte aus Papier

Gedicht zum Thema Literatur

von  Saira

Ich habe dich nicht
auf einer Straße gefunden
und auch nicht im Sommerlicht meines Gartens.

 

Ich fand dich
zwischen zwei Seiten,
wo die Stille wohnt.

 

Dort lagst du,
in schwarzer Tinte verborgen,
wie ein Herz,
das erst zu schlagen beginnt,
wenn jemand den Satz berührt.

 

Manchmal öffne ich ein Buch
wie andere ein Fenster zur Nacht
und plötzlich
weht eine fremde Zeit
durch mein Zimmer.

 

Dann sitzen wir zusammen,
du und ich,
am Rand eines Absatzes,
während Wörter
wie Zugvögel über die Seiten ziehen.

 

Du sprichst nicht laut,
doch ich höre dich
in den Zwischenräumen der Sätze,
dort, wo die Sprache
ihre Schuhe auszieht.

 

Und wenn ich lese,
geschieht etwas Seltsames:
Meine Hände halten Papier,
doch meine Seele
ein Leben.

 

Denn Bücher sind keine Dinge.
Sie sind
schlafende Universen,
die darauf warten,
dass jemand sie liebt
und aufschlägt
wie eine Tür aus Sternen.

 

Und jedes Mal,
wenn ich eine Seite umblättere,
ist es ein wenig so,
als streifte meine Hand
durch das Haar der Zeit.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026




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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (11.03.26, 10:28)
Liebe Saira,
wie schön und bedeutsam hast Du dieses Gedicht gewebt, ein lyrisches Gedicht.
Die Sternentür ist weit geöffnet

Es grüßt Dich aus dem Universum

Reli

 Saira meinte dazu am 12.03.26 um 09:03:
Lieber Reli,

ich danke dir für deine warmen Worte. Vielleicht öffnet sich die Sternentür immer dann ein wenig weiter, wenn Leser wie du sie berühren.

Liebe Grüße
Saira

 plotzn (11.03.26, 12:52)
Servus Sigi,

eine wuderschöne Hommage an die besten Seiten der Menschheit.

Liebe Grüße
Stefan

 EkkehartMittelberg antwortete darauf am 11.03.26 um 14:04:
Liebe Sigi,
deine Metaphernsterne zur Literatur funkeln.
Gute Literatur treibt dem Papier die Trockenheit aus und bemalt es mit dem warmherzigen Blut der Liebe und dem Licht der Erkenntnis.
Herzliche Grüße
Ekki

 Saira schrieb daraufhin am 12.03.26 um 09:05:
@plotzn

Servus Stefan,


deine Worte freuen mich sehr. Vielleicht sind Bücher tatsächlich Orte, an denen das Beste der Menschheit still weiterlebt – Seite für Seite. 


Liebe Grüße
Sigi

 
@Ekkehart

Lieber Ekki,


ich danke dir für deine poetische Rückmeldung. Es ist wohl eines der stillen Wunder der Literatur, dass aus bloßen Seiten plötzlich etwas entsteht, das zu fühlen und zu denken beginnt.


Herzliche Grüße
Sigi

 Didi.Costaire (11.03.26, 15:35)
Moin Sigi,

das ist eine wirklich schöne Liebeserklärung.

Herzliche Grüße,
Dirk

 Saira äußerte darauf am 12.03.26 um 09:06:
Moin Dirk,

wie schön, dass du es so empfindest. Literatur ist für mich tatsächlich eine stille Liebesgeschichte zwischen Leser und Welt.


Herzliche Grüße
Sigi

 DanceWith1Life (11.03.26, 17:01)
Wenn das Elon liest müssen seine Androiden Gedichte aufsagen, Alexa, wo hab ich meine Lesebrille verlegt?
Sorry, sie hätten das garnicht schreiben können, wenn sie diese nicht auf ihrer Nase hätten

 Saira ergänzte dazu am 12.03.26 um 09:07:
Moin Dance,

wer weiß – vielleicht können Maschinen eines Tages Gedichte aufsagen. Aber ich glaube, das Zittern zwischen zwei Versen wird immer menschlich bleiben.


LG
Saira

 DanceWith1Life meinte dazu am 12.03.26 um 12:05:
Das Androidentheater der Zukunft ist frei von Lampenfieber und Zögern, die Suche nach der perfekten Interpretation und Performance in Vollendung. Oder zumindest wird es uns als solches verkauft, es tut gut einen Text zu lesen der das menschlich sein zu so einer spannenden Sache macht, wie dir das gelungen ist.

Antwort geändert am 12.03.2026 um 15:19 Uhr

 Saira meinte dazu am 12.03.26 um 14:15:
Ich danke dir herzlich für deine Worte.  :)

LG
Saira

 Bergmann (11.03.26, 17:49)
Am interessantesten die Stelle, wo die Sprache ihre Schuhe auszieht. Das ließe sich - in einem anderen Gedicht - vertiefen, erweitern, etwa, wenn die Sprache dem Leser die Schuhe auszieht, oder wenn die Sprache sich warm anzieht oder einen Helm aufsetzt (in diesen gefährlichen Zeitenwenden) usw. 
U.

 Saira meinte dazu am 12.03.26 um 09:11:
Lieber Bergmann,

ich habe mich über deinen Kommentar sehr gefreut. Dein Gedanke ist anregend, gerade weil er das Bild weiterdenken möchte. Vielleicht zieht die Sprache ihre Schuhe aus, wenn sie den Raum der Poesie betritt – weil sie dort nicht mehr auftreten muss, sondern ankommen darf.

In einer Welt, in der Worte sich oft schützen, wappnen oder behaupten müssen, beginnt ein Gedicht genau dort, wo sie ihre Wehrlosigkeit zulassen.

Herzliche Grüße
Saira

 TassoTuwas (12.03.26, 10:24)
Hallo Sigi,
was ist nicht schon alles dem Papier anvertraut worden, Ängste wie Freuden, Sehnsüchte und Glücksmomente.
Das Papier ist der sicherste Platz von Geheimnissen, solange man sie für sich bewahren will.
Manchmal aber wäre es ein Verlust etwas vor der Öffentlichkeit zu verstecken  :)  !
Herzliche Grüße
TT

 Saira meinte dazu am 12.03.26 um 11:51:
Lieber Tasso,

du hast recht – Papier ist ein geduldiger Hüter menschlicher Geheimnisse. Seit Jahrhunderten liegen darauf Sorgen, Hoffnungen, Sehnsüchte und vieles mehr – Spuren eines gelebten Lebens.

Oft vertrauen wir dem Papier gerade deshalb so viel an, weil es schweigen kann. Es bewahrt, ohne zu urteilen.

Und doch geschieht etwas Merkwürdiges, sobald ein anderer Mensch eine Seite aufschlägt: Was eben noch ein verborgenes Geheimnis war, beginnt plötzlich zu atmen.

Dann wandern Gedanken aus der Stille eines Herzens in die Stille eines anderen. Es ist die Magie der Literatur.

Herzliche Grüße
Sigi

 lugarex (12.03.26, 12:04)
SHÖJN!, wie pflegte mein iranischer Teppichverkäufer aus Ifahan feuerich sagen, wirklich "SCHÖJN", gratiliere <3

 Saira meinte dazu am 12.03.26 um 14:18:
Lieber Lugarex,

dein begeistertes „SCHÖJN“ klingt fast, als käme es direkt aus einem Basar in Isfahan. 

Vielen Dank für diese schöne und <3 liche Rückmeldung.

Liebe Grüße
Saira
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