Aufrecht im Wind

Gedicht zum Thema Lebensbetrachtung

von  Saira

Im Schatten alter Bäume stehst du still,
ein Halm im Feld, der wachsen möchte, will.
Erkenntnis ist kein Ziel, kein festes Ende,
sie bleibt ein Weg, stets offen für die Wende. 

Bewahr dein Rückgrat, steh aufrecht im Leben,
lass Mut und Würde stets nach vorne streben,
denn Wert entsteht nicht durch Vergleich allein,
du bist dir selbst genug – und darfst es sein. 

Ein Unikat, das Freude weiter schenkt,
das Vielfalt lebt und oft an andre denkt.
Dein Anderssein ist niemals ganz allein,
es kann für viele Segen, Hoffnung sein. 

So such den Platz, doch fürchte dich nicht sehr
vor Einsamkeit im tiefen Menschenmeer,
das dich vergisst, dich selten wirklich misst –
du bist, was tief im Innern du auch bist.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2025





Anmerkung von Saira:

Durch Fritz Pfeiffers Gedicht „Hoher Anspruch“ inspiriert.

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (15.05.25, 16:55)
Hallo Sigi,
scheinbar leben wir in einer pluralistischen Gesellschaft, die tolerant gegenüber Anderssein ist.  Doch der Schein trügt. Es bedarf nach wie vor viel Mut, sich gegen den Mainstream zu bekennen.

Liebe Grüße
Ekki

 Saira meinte dazu am 16.05.25 um 10:59:
Hallo Ekki,

es ist ein Balanceakt zwischen Anpassung und Authentizität – und der Mut, den du ansprichst, ist dabei unverzichtbar. Manchmal frage ich mich, ob echte Toleranz nicht erst dann beginnt, wenn wir Anderssein nicht nur dulden, sondern wertschätzen.
 
Liebe Grüße
Sigi

 AchterZwerg (15.05.25, 17:11)
Liebe Sigrun,

bald wird wohl Einsamkeit eines der letzten Privilegien in einer überfüllte Welt sein. Und sich die Sinnsuche, ganz wie du es darstellst, komplett nach innen verschieben.

Wohl dem, der dann dem eigenen Anspruch (und seiner Verifizierung) gerecht werden kann.

Herzliche Grüße
Heidrun

 Saira antwortete darauf am 16.05.25 um 11:00:
Liebe Heidrun,
 
ich frage mich oft, ob die innere Verifizierung nicht sogar wichtiger ist als jede äußere Anerkennung.
 
In der Stille begegnen wir uns selbst – und vielleicht auch dem, was uns wirklich ausmacht.
 
Herzliche Grüße
Sigi

 Teo (15.05.25, 17:45)
Hi Sigi,
meinen zwei klugen Vortexter haben es teilweise schon auf den Punkt gebracht. Obwohl...Toleranz in unserer Gesellschaft verliert sich. Gerade bei kV bemerke ich aber, es sind allerdings immer die selben, die eine doch sehr hohe Toleranz gegenüber der eigenen Meinung haben. Und sei es der größte Schwachsinn.
Zu deinem Gedicht...immer zu seiner Meinung stehen, immer aufrecht durchs Leben gehen, anders sein im positiven Sinne. Ja, gibt es. Auch hier im Forum.
Sich vor der Einsamkeit fürchten...zumindest da zähle ich mich dazu.
Ein anrührendes Gedicht.
Lieben Gruß
Teo

 Saira schrieb daraufhin am 16.05.25 um 11:01:
Hi Teo,
 
du hast recht, Toleranz wird oft sehr selektiv gelebt – besonders, wenn es um die eigene Meinung geht. Es ist wirklich nicht leicht, immer aufrecht zu bleiben, vor allem, wenn Gegenwind kommt. Aber ich finde, es lohnt sich!
 
Deine Ehrlichkeit in Bezug auf das Thema Einsamkeit berührt mich. Dieses Gefühl kennen viele, aber nur wenige sprechen es offen aus.
 
Danke für deine Worte und liebe Grüße
Sigi

 plotzn (16.05.25, 08:56)
Servus Sigi,

immer aufrecht stehen zu bleiben, auf wenn einem der Wind um die Ohren pfeift, ist eine bewundernswerte Eigenschaft. Es gibt solche Menschen, aber sie sind nach meiner begrenzten persönlichen Stichprobe rar. Was nicht heiß, dass man sich nicht immer wieder darum bemühen sollte, solange Wille und Kraft reichen.

Liebe Grüße
Stefan

 Saira äußerte darauf am 16.05.25 um 11:03:
Servus, lieber Stefan,

vielleicht ist es gerade das Bemühen, das uns menschlich macht – nicht das perfekte Durchhalten. Es ist ein ständiger Prozess, sich immer wieder aufzurichten, auch wenn der Wind stark bläst.
 
Mit frischem Nordwind, einer Prise Wagemut und sonnigen Grüßen
Sigi

 TassoTuwas (18.05.25, 09:38)
Liebe Sigi,

was ich lese ist sehr viel mehr als ein nachdenklich stimmendes Mutmach-Gedicht, oder eine zeitkritische Lebensbetrachtung, es ist eine Fundgrube gespickter kluger Gedanken, wie:

"Denn Wert entsteht nicht durch Vergleich allein"

Es ist ein Aufruf, der Anlass gibt, zu einer ehrlichen und schonungslosen Standortbestimmung.

Dir einen schönen Sonntag
TT

 Saira ergänzte dazu am 19.05.25 um 09:37:
Lieber Tasso,
 
ich danke dir von Herzen für deine wertschätzenden Worte!

Es ist wunderbar zu wissen, dass du die tieferen Botschaften in meinem Gedicht erkennst – das bedeutet mir viel.


Möge die Woche für dich voller schöner und inspirierender Gedanken sein!

 
Herzliche Grüße
Sigi

 Rothenfels (13.06.25, 13:45)
Hallo,
mir gefallen viele kleine Dinge an deinem Gedicht.

"ein Halm im Feld, der wachsen möchte, will" ist ein Reim, der zunächst äußerlich fast ein wenig gezwungen scheint, sich tatsächlich allerdings sehr stark inhaltlich einfügt und sauber klingt - kudos!

Über "Stolz und Ehre" bin ich allerdings gestolpert, werden sie leider im rechtsradikalen Sprachgebrauch in dieser Kombination sehr explizit gebraucht. Das hinterlässt einen faden Beigeschmack und wirkt (insb. bei "Ehre") auch mE für den Rest des Gedichtes eher deplatziert. Ist das im vollen Bewusstsein gewählt?

"du bist dir selbst genug – und darfst es sein." ist eine schöne (gewollte?) Anlehnung an Goethes Osterspaziergang, ohne zu aufdringlich zu sein. Gefällt mir sehr!

Gibt es einen besonderen Grund, warum du den Paarreim (der hier übrigens insgesamt gut wirkt!) in der letzten Strophe auflöst (sehr - Schar)?

"du bist, was tief im Innern du auch bist." gefällt mir ebenfalls sehr. Es ist ein wenig eine tiefere und positivere Umsetzung des "it is what it is". Keine Resignation, sondern beruhigende Akzeptanz, gleichzeitig individuelle Vielfalt, wertfreie Anerkennung. Schön!

Freundlichst,
TvR

 Saira meinte dazu am 13.06.25 um 18:17:
Hallo Rothenfels,
 
herzlichen Dank für deinen ausführlichen und differenzierten Kommentar zu meinem Gedicht! Es freut mich sehr, dass dir viele Details gefallen haben und du dir die Zeit genommen hast, so genau auf einzelne Verse einzugehen.

Deine Anmerkung zu „Stolz und Ehre“ finde ich sehr berechtigt und wichtig. Mir war beim Schreiben tatsächlich nicht bewusst, wie stark diese Begriffe – vor allem in Kombination – im rechtsradikalen Sprachgebrauch konnotiert sind. Das war keinesfalls meine Absicht, und ich danke dir für den sensiblen Hinweis. Für mich standen diese Worte ursprünglich für innere Aufrichtigkeit und Selbstachtung, aber ich sehe ein, dass sie missverständlich wirken können.

Ich habe überlegt, wie ich die Zeile umformulieren könnte, um die positive Intention zu bewahren, ohne problematische Assoziationen zu wecken, und habe folgende Änderung vorgenommen:

„Bewahr dein Rückgrat, steh aufrecht im Leben,
lass Mut und Würde stets nach vorne streben,“


Auch dein Hinweis auf den Paarreim in der letzten Strophe ist sehr hilfreich. Tatsächlich habe ich beim Schreiben mit dem Klang und der Wirkung gespielt, aber ich sehe, dass der Reim „sehr – Schar“ nicht nur holprig wirkt, sondern auch einfach nicht passt. Ich werde folgende Umformulierung vornehmen:

„So such den Platz, doch fürchte dich nicht sehr
vor Einsamkeit im tiefen Menschenmeer,
das dich vergisst, dich selten wirklich misst –
du bist, was tief im Innern du auch bist.“


Zu deiner Anmerkung bezüglich der Zeile „du bist dir selbst genug – und darfst es sein.“ und der Parallele zu Goethes Osterspaziergang: Tatsächlich war die Anlehnung an Goethes berühmte Zeile „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ durchaus beabsichtigt, allerdings eher als leise Hommage und nicht als direkte Übernahme. Mir ging es darum, das Gefühl von Selbstgenügsamkeit und innerer Erlaubnis zu transportieren – ähnlich wie Goethe es in seinem Osterspaziergang ausdrückt, aber in einem moderneren, persönlicheren Kontext. Es freut mich sehr, dass dir diese Anspielung aufgefallen ist und sie für dich stimmig wirkt!

Nochmals vielen Dank für deine wertschätzende und konstruktive Rückmeldung!

Herzliche Grüße
Saira
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