Zartgewebt

Gedicht zum Thema Missbrauch

von  Saira

Ein blasses Leuchten weckte mich,
und als der Schatten näherkam,
nahm ich das zartgewebte Band.

Ein Stück von mir, das war der Preis,
gelöst aus einem stillen Schnitt –
ich legte es in deine Hand.

 

Dein erstes Wort umfing mich sacht
und trug mich federleicht dahin,
ein Traum durchwebte meinen Tag.

Dein Duft betäubte meinen Sinn
und fraß sich hungrig durch die Nacht,
bis selbst die Zeit dem Spiel erlag.

 

Dein leises Flüstern log mir Glück
und nannte Fessel Sicherheit,
dein Lachen raubte mir die Sicht.

Mit trübem Blick erkannte ich
im schemenhaften Spiegelbild
mein Konterfei als Ungesicht.

 

Ein stummer Abdruck blieb in mir,
ein Rest von dir, der tiefer drang
und aus dem Dunkel nach mir rief.

Die Blüte welkte, kaum erblüht,
in deiner Hand, vom Schmerz versehrt,
bis sie in meinem Innern schlief.

 

So schmerzgetragen, schwindelwund,
so haltlos schwankte meine Welt
im Würgegriff der Euphorie –

doch Spinnenfäden, Peitschen gleich,
zerrissen meine wunde Haut,
als mich der Traum ins Wachen schrie.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026


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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (26.08.26, 16:38)
Hallo Sigi,

Missbrauch muss nicht brutal, er kann auch zartgewebt daherkommen. Am Ende aber steht immer "zerrissen...wunde Haut."

Liebe Grüße
Ekki

 Saira meinte dazu am 26.08.26 um 20:06:
Hallo Ekki,

genau darin liegt für mich die eigentliche Tragik des LyrIchs: Das Zerstörerische kündigt sich nicht als Gewalt an, sondern zunächst als etwas Zartes, beinahe Behutsames. Das LyrIch erkennt die Fessel erst, als das vermeintliche Glück längst begonnen hat, seine Wahrnehmung und sein Selbstbild zu verändern. Das „Zartgewebte“ ist deshalb Schutzversprechen und Falle zugleich und am Ende zeigt sich, was darunter verborgen war.

Danke dir für dein genaues Lesen!

Liebe Grüße
Sigi

 Reliwette (26.08.26, 17:26)
Hallo Saira,
Missbrauch, sexueller Missbrauch, vor allem bei Kindern und Abhängigen ist eines der schlmmsten Delikte und kommen unmittelbar hniter Mord und Totschlag.Wenn er gewaltfrei geschieht, beinhaltet das Delikt auch noch das Delikt des Betruges.
Das Gedicht beleuchtet diese Variante des Missbrauchs sehr intensiv.
Bei den Betroffenen bleibt ein Trauma zurück!

Lieber Gruß! Reli

Kommentar geändert am 26.08.2026 um 17:29 Uhr

 Saira antwortete darauf am 26.08.26 um 20:09:
Lieber Reli,

ja, und gerade die von dir angesprochene gewaltfreie Form wollte ich mit dem Gedicht erfassen. Das LyrIch erlebt den Missbrauch zunächst nicht als solchen. Nähe, Zuwendung und das Versprechen von Sicherheit verschleiern, was tatsächlich geschieht. Darin liegt für mich das besonders Verstörende: Die Verletzung entsteht nicht nur durch das Handeln des Gegenübers, sondern auch dadurch, dass die eigene Wahrnehmung des LyrIchs manipuliert wird.

Das Trauma zeigt sich deshalb im Gedicht nicht nur als Erinnerung an Geschehenes, sondern als Beschädigung des Selbstbildes, bis hin zum „Konterfei als Ungesicht“.

Ich danke dir für deine Gedanken zu meinem Gedicht!

Liebe Grüße
Saira

 eiskimo (26.08.26, 21:41)
Du fasst etwas in Worte, was in den Opfern lastet und zehrt - so fühlt man als Außenstehender wenigstens im Ansatz etwas von diesem Wundsein mit.
Es ist wichtig, es spürbar zu machen. Auch so respektvoll, wie Du das kannst.
Liebe Grüße
Eiskimo

 Saira schrieb daraufhin am 28.08.26 um 09:30:
Salut Eiskimo,

dein Wort vom „Wundsein“ trifft sehr genau, was ich mit dem Gedicht spürbar machen wollte. 

Mir war dabei wichtig, nicht das Geschehen selbst in den Vordergrund zu rücken, sondern das, was es im Inneren eines Menschen hinterlässt und dies, wie du schreibst, mit dem nötigen Respekt zu tun.

Danke dir sehr für deine einfühlsamen Worte!
Liebe Grüße
Saira
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