Die Beschwerde der Frau Immergrün – Teil III

Groteske zum Thema Gerechtigkeit/ Ungerechtigkeit

von  Saira

Gustav Schnurrbein hatte sich am späten Nachmittag heimlich in die Besenkammer zurückgezogen, um ein wenig Ruhe zu inhalieren. Doch das Schicksal – genauer gesagt der Krähwinkler Amtstelefonapparat – hatte andere Pläne. Er klingelte mit einer Entschlossenheit, die auf ein erneutes Drama schließen ließ.


Schnurrbein seufzte so tief, dass der Besen sich erschüttert aus dem Eimer lehnte. Er verließ die Kammer, schleppte sich gottergeben zum Schreibtisch und nahm ab.


„Schnurrbein.“


Stille.
Dann ein dumpfes Krächzen.


„Hier spricht … Brunhild Borkenhauer.“


Schnurrbein bekam Schnappatmung. Brunhild Borkenhauer. Die Achte Zwergin. Die, von der man munkelte, sie sei aus den Märchen entfernt worden, weil sie sämtliche Fußnoten in kleine Gartenzwerge verwandelt hatte.


„Was gibt es denn, Frau … äh … Borkenhauer?“ fragte Schnurrbein mit der Stimme eines Mannes, der innerlich sein Testament überarbeitete.


Brunhild räusperte sich.


Da sah er sie – sie telefonierte vom Nebenapparat des Kollegen Wichtig, der sich gerade an der Ostsee erholte. Sie war ungefähr so groß wie ein pralles Sofakissen, das sich aus Trotz zusammengefaltet hatte, um effizienter schimpfen zu können. Ihr Haar: ein rotbraunes Wirrwerk, eine Art explodierte Waldkobold-Gedankenwolke. Ihr Blick: funkelnd, aufmüpfig, viel zu lebendig für eine amtliche Schwarzseherin. Dazu trug sie eine grün-violette Zwergentracht.


Was niemand im Dorf wusste: Brunhild war gar keine echte Zwergin. Sie war eine humorvolle Koboldin, die sich tarnte – wegen der besseren Rentenoptionen.


„Ich beschwere mich offiziell“, sagte sie. „Über die Demonstration.“


„Welche denn?“ fragte Schnurrbein vorsichtig.


„Alle!“ röhrte Brunhild. „Die Schnecken. Die Frösche. Diese Kräuterhexe mit der Beinwellpampe. Und dieser Kartoffelmann mit seinem revolutionären Gemüse! Sie blockieren meinen Weg zum Dorfbrunnen! Ich wollte mich dort – wie jeden Tag – über die Weltlage beschweren, aber ich kam nicht durch!“


„Haben Sie versucht, außen herumzugehen?“


„Ich war zweimal kurz davor, jemanden aus Versehen glücklich zu machen!“, fauchte Brunhild. „Das wäre … fatal!“


Schnurrbein nickte.


Brunhild war Schwarzseherin aus Leidenschaft.
Offizielle Berufsbezeichnung:
Orakel für negative Ausgangsszenarien, Schwerpunkt pessimistische Prognostik. Ihr Einkommen beruhte darauf, dass die Dinge schlecht liefen. Optimismus galt steuerrechtlich als Berufsgefährdung.


„Also fordern Sie …?“


„Ruhe!“ schrie Brunhild. „Ordnung! Und ein sofortiges Verbot jeglicher spektraler Lebensfreude im öffentlichen Raum!“


Im Hintergrund hörte man etwas schwer umfallen – vermutlich der Besen.


Draußen ertönte ein Panikschrei. Schnurrbein stürzte hinaus – und da saßen sie alle: Schnecken, Frösche, Kräuterweiber, das Kartoffelorakel.


Alle starrten auf die Zwergin, die neben Schnurrbein stand wie eine fingerhutgroße Naturgewalt. Sie hatte ein winziges Klemmbrett ausgepackt, dazu einen Bleistift, der verdächtig an einen Knochen erinnerte. Während Brunhild auf dem Klemmbrett schrieb, begann der Stift leise zu knurren. „Ruhig, Waldi“, murmelte sie. „Wir sind gleich durch.“


Dann las sie vor:

„Gemäß Beschwerdeverordnung 3b, Abschnitt 7 ›Unerlaubte Moralanhebung im öffentlichen Raum‹ verhänge ich hiermit ein Bußgeld in Höhe von …“


Die Schnecken kreischten. Die Frösche kippten fast rückwärts. Meta Schlümpfchen reimte im Atemnot-Takt. Gertrud Stibitz stürzte kopfüber in ihre Beinwell-Emulsion.


„Brunhild!“, rief Schnurrbein. „Wollen Sie das Dorf ins Chaos stürzen!?“


Brunhild blinzelte ihn unschuldig an.


„Das Dorf
ist das Chaos. Ich mach nur die Buchhaltung.“


„Sie können doch nicht alle bestrafen!“, rief Schnurrbein.


„Ich bestrafe die Welt aus Prinzip gleichmäßig“, sagte Brunhild. „Das ist meine Form von Gerechtigkeit.“


Ein Windstoß erfasste das Bußgeldformular.


Es segelte elegant – wie ein Todesurteil im Ballett – direkt in den Dorfteich.

Quakbert Ömmel sprang hinterher, fischte es heraus, las, erbleichte – und flüsterte:


„Da steht … wir müssen alle … Bußgeld zahlen.“


Stille.
Schockstarre.

Dann:
Flucht.
Alle.
In alle Richtungen.
Nicht metaphysisch. Ganz praktisch.

Nur Brunhild blieb stehen.
Ihre kleine Gestalt warf einen langen Schatten, der aussah wie drohendes Verwaltungsrecht.

Sie hob triumphierend ihr Klemmbrett.
„Ha! Wieder ein Tag gerettet.“


Schnurrbein schrieb in sein Einsatzbuch:
„Fall beendet. Ursache: Bürokratie. Wirkung: Massenflucht.
Neue Gefahr: Achte Zwergin.“


Hinter einem Busch hockte Brunhild, rieb sich die Hände und kicherte.
Ein Koboldkicher. Ein gefährliches.


Und gleichzeitig … irgendwie entzückend.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2025



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Kommentare zu diesem Text


 DanceWith1Life (20.11.25, 11:50)
Also das wenn Pumuckl liest, schreibt er seine Autobiografie neu, von wegen auf den Leim gehen, pitschepüh

 Saira meinte dazu am 20.11.25 um 22:04:
Der Pumuckl hätte in Krähwinkel Hausverbot, fürchte ich  :ermm:

 AchterZwerg (21.11.25, 08:09)
Liebe Sigi,

zwar halte ich mich häufig in Frankfurt/Main auf, glotze dort aber keineswegs missmutig aus irgendeinem Fenster wie weiland Arthur Schopenhauer. Und schon gar nicht "wie das drohende Verwaltungsrecht" (gaaanz herrlich!). 
Im Gegenteil!  :D

Mit der Buchhaltung und vornehmlich mit den Bußgeldformularen bin ich aber grundsätzlich einverstanden. - Nach jahrzehntelanger Übung (Mathe hat mir damals die Abiturnote versaut) sehe selbst ich mich in der Lage, einfache Additionen und Subtraktionen durchzuführen. Das Ergebnis lautet immer: "Alles Fake!"

Das prägt. Und löst gleichwohl Lachtränen bei mir aus, wie du ganz richtig erkennst. Denn:

Demgemäß wird man als den Grundfehler des weiblichen Charakters Ungerechtigkeit finden. Er entsteht zunächst aus dem dargelegten Mangel an Vernünftigkeit und Ueberlegung, wird zudem aber noch dadurch unterstützt, daß sie, als die schwächeren, von der Natur nicht auf die Kraft, sondern auf die List angewiesen sind: daher ihre instinktartige Verschlagenheit und ihr unvertilgbarer Hang zum Lügen.
...
Schopenhauer: "Über die Weiber"

Schade eigentlich, dass auch du ...  :P


(Ich liebe und verehre Schopenhauer übrigens. Echt jetzt.)

 Saira antwortete darauf am 21.11.25 um 10:30:
Liebe Heidrun,

vielleicht hätte selbst Schopenhauer sein Fenster geschlossen, wenn er gesehen hätte, wie viel leiser Humor in einer Achten Zwergin wohnen kann.  :)

Brunhild ist nur dein literarischer Schatten und du bist das Lächeln, das ihn beweglich macht.

Danke und <3 liche Grüße
Sigi

Antwort geändert am 21.11.2025 um 19:41 Uhr

 TassoTuwas (21.11.25, 20:24)
Hallo Sigi,
wegen meiner Urlaubsplanung habe ich gerade mit einem Ministerialdirigenten des Auswärtigen Amtes telefoniert. 
Er sagte mir, sie arbeiten mit Hochdruck an einer großflächigen Reisewarnung für das Gebiet Krähwinkel-Unterbühl.
Das gibt dann wohl nix, oder wie man sagt: "Shit happens"  :O !
Liebe Grüße
TT

 AchterZwerg schrieb daraufhin am 22.11.25 um 08:06:

 Saira äußerte darauf am 22.11.25 um 09:42:
Lieber Tasso,

die Reisewarnung ist hier bereits eingetroffen. Sehr bedauerlich  :( Sie kam per Schneckenpost und wurde von drei Fröschen gegengequakt.

 
Herzliche Grüße aus der offiziell gefährdeten Gegend
Sigi

 plotzn (23.11.25, 11:24)
Ja, die gute Brunhild, liebe Sigi!

Eine Warnung steckt schon in ihrem Pseudonym Achte(!) Zwergin. Und wehe man (be)achtet sie nicht...

Der arme Schnurrbein kann einem wirklich leid tun. Bei so viel pessimistischer Prognostik wird er früher oder später in der Psychiatrie landen.

Liebe Grüße
Stefan
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