Unter offenem Himmel

Gedicht zum Thema Grenzen/ Grenzen überschreiten

von  Saira

Der Sturm greift tief ins Land,
pflügt seine Handschrift
in Dünengras und Haut.

Wolken treiben dunkle Herden


bis an den Rand des Sehens.

Die Nordsee atmet gegen die Küste,


nimmt den Horizont in den Mund
und spuckt ihn westwärts
ins unbewohnbare Blau.

 

Dann Sonne.

 

Ein Riss im Grau.
Licht stürzt aufs Wasser,
zerspringt auf Wellenrücken,
entzündet die kalten Münzen
der Gischt.

 

Nichts bleibt.

 

Der Wind räumt die Stille fort.
Salz liegt auf den Lippen.
Das Meer schlägt seine Stunden
gegen den nassen Sand.

 

Hier verliert die Zeit ihr Maß,
liegt weit draußen
zwischen Ebbe und Wiederkehr –
ein dunkles Tier ohne Namen.

 

Über den Dünen
duckt sich das Gras ins Wetter.
Kein Baum beschönigt die Ferne,
kein Berg hält den Blick zurück.

 

Nur Himmel,
Land
und diese ungeheure Öffnung.

 

Regen vernäht
Meer und Wolken,
löscht den Horizont.

 

Wieder Sonne,
unverschämt hell.

 

Der Sturm nimmt die Ordnung,
das Wasser die Spuren,
der Wind die letzten Worte.

 

Zwischen Salz, Licht und Regen
steht man
ohne Geländer
mitten im eigenen Leben.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026




Anmerkung von Saira:

Geschrieben an der dänischen Nordsee, wo Wind, Licht und Regen einander derzeit beinahe stündlich ablösen.

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Kommentare zu diesem Text


 franky (06.09.26, 11:19)
Hi liebe Sigi, 

"Regen vernäht
Meer und Wolken,
löscht den Horizont." 

Ganz tolle Bilder. 

Liebe Grüße von Franky 

Kommentar geändert am 06.09.2026 um 11:22 Uhr

 EVdR meinte dazu am 06.09.26 um 12:08:
Morgen Saira,

gerne bin ich am Meer. Dünen den man beim Wandern zusehen kann.

Sturm und Wellen reißen Land ins Meer, an anderer Stelle angespült. Neues Land.

Der Text erzeugt Wehmut und Sehnsucht nach Meer. Melancholie und Bilder, Erinnerungen drängen hervor.

 Saira antwortete darauf am 07.09.26 um 19:43:
@ Franky

Hi, lieber Franky,

vielen Dank. Vielleicht mag ich diese Stelle selbst deshalb so gern, weil der Regen dort nicht nur den sichtbaren Horizont auslöscht, sondern für einen Augenblick auch jede Grenze zwischen den Elementen. Meer und Himmel werden eins und der Blick verliert seinen gewohnten Halt.

Liebe Grüße
Sigi

 
@EVdR

Moin EVdR,

Wehmut und Sehnsucht ... oh ja, beides gehört für mich ganz unmittelbar zum Meer. Merkwürdig, dass eine Landschaft, die den Blick so weit nach draußen führt, uns zugleich so tief nach innen schauen lässt.

Manches taucht plötzlich auf wie etwas, das die Flut zurück an den Strand trägt.

Danke dir für diesen schönen Nachklang zu meinen Versen.

Liebe Grüße
Saira

 Reliwette (06.09.26, 12:05)
Liebe Saira,
     Dein Gedicht spiegelt alles wider, was den Besucher umfängt.
Wunderschöne lyrische Verse hast du gewebt, denen kann sich der Leser nicht entziehen - wie ich meine.
Du bekommst mal wieder ein summa cum laude von mir!
Poetische Grüße! Reli

 Saira schrieb daraufhin am 07.09.26 um 19:44:
Lieber Reli,

„Verse gewebt“ ... das ist ein schönes Bild, gerade bei diesem Gedicht. Eigentlich webt hier die Landschaft selbst unaufhörlich: aus Wind, Regen, Licht und Wasser, und kaum ist ein Bild entstanden, wird es schon vom nächsten fortgetragen.

Dass du dich meinen Versen nicht entziehen konntest, ist ein wunderbares Kompliment. Und dein summa cum laude nehme ich sehr gern mit in meinen Abend.

Herzliche Grüße
Saira
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