Kapitel 14 – Wörter, die ausstarben

Drabble zum Thema Zeitreise

von  Saira

Historikerinnen und Historiker betrachten die Sprache als eine der zuverlässigsten Quellen vergangener Epochen.

Menschen verändern Wörter meist erst dann, wenn sich ihre Welt verändert hat.

Deshalb finden sich in Wörterbüchern oft mehr Geschichte als in manchen Denkmälern.

Die folgenden Begriffe gelten heute als Beispiele dafür.

 

Jahrhundertsommer

Bezeichnung für außergewöhnlich heiße Sommer.

Der Ausdruck verschwand allmählich aus dem Sprachgebrauch.

Nicht, weil die Sommer kühler wurden.

Sondern weil außergewöhnliche Hitze ihren Ausnahmecharakter verlor.

 

Ausnahmedürre

Früher ein seltenes Ereignis.

Später ein Wort, das immer häufiger erklärt werden musste.

Schließlich fragte man sich, was daran eigentlich noch die Ausnahme gewesen sein sollte.

 

Schneesicherheit

Ein Begriff aus der Tourismusbranche.

Er beschrieb einst die berechtigte Erwartung, dass im Winter Schnee liegen würde.

Heute begegnet man ihm vor allem in alten Reiseprospekten.

Sie werden im Unterricht gern gezeigt.

Die Schülerinnen und Schüler halten sie zunächst für Werbefotos aus einer anderen Klimazone.

 

Klimaziel

Ein häufig verwendeter politischer Begriff.

Er bezeichnete Vorhaben, die meist in zehn oder zwanzig Jahren erreicht werden sollten.

Historische Untersuchungen zeigen, dass Ziele umso überzeugender wirkten, je weiter sie in der Zukunft lagen.

 

Normalwetter

Ein Wort, das allmählich seinen festen Inhalt verlor.

Mit jeder Generation verschob sich die Vorstellung davon, was als normal galt.

Meteorologen bezeichneten dieses Phänomen später als „wandernden Maßstab“.

Die Bevölkerung nannte es einfach Gewöhnung.

 

Küstenlinie

Früher die Grenze zwischen Land und Meer.

Heute eher eine Erinnerung daran, dass auch Grenzen in Bewegung geraten können.

 

Artenvielfalt

Lange Zeit ein Begriff aus Biologie und Naturschutz.

Heute begegnet er den meisten Jugendlichen zuerst in Geschichtsbüchern.

Viele sind überrascht, wie selbstverständlich frühere Generationen von einer Vielfalt erzählten, die sie selbst nie erlebt haben.

 

Morgen

Eines der wichtigsten Wörter des frühen 21. Jahrhunderts.

Es bezeichnete ursprünglich den Tag nach heute.

In politischen Reden erhielt der Begriff jedoch eine zweite Bedeutung.

Morgen wurde zu einem Ort, an den Entscheidungen verschoben werden konnten.

Die genaue Dauer dieses Morgens ließ sich nie eindeutig bestimmen.

Manchmal betrug sie wenige Wochen.

Manchmal mehrere Jahrzehnte.

Sprachwissenschaftler vermuten, dass das Wort deshalb so beliebt war, weil es Hoffnung versprach, ohne Eile zu verlangen.

 

Anpassung

Ursprünglich die Fähigkeit des Menschen, sich veränderten Bedingungen anzupassen.

Später ein Zeichen seines Erfindungsreichtums.

Und manchmal auch eine stille Erinnerung daran, dass Anpassung etwas anderes ist als Vermeidung.

 

Letzte Chance

Eine häufig verwendete Redewendung des frühen 21. Jahrhunderts.

Erstaunlich war weniger ihre Bedeutung als ihre Anzahl.

Fast jedes Jahrzehnt besaß mehrere letzte Chancen.

Die Quellen geben darüber keine eindeutige Auskunft.

 

Am Ende dieses Kapitels notierte eine Schülerin während des Unterrichts einen Satz in den Rand ihres Buches.

Er blieb erhalten.

Wahrscheinlich, weil ihn niemand für wichtig hielt,

oder weil er wichtiger war als vieles andere.

Dort steht:

„Vielleicht sind Wörter gar nicht verschwunden.

Vielleicht haben wir nur zu lange gewartet, bis wir verstanden haben, was sie bedeuteten.“

 

Die Kinder in der Klasse schlugen ihre Bücher zu.

Eine Weile sagt niemand etwas.

Dann schaut ein Kind aus dem Fenster und fragt ganz leise:

„Worüber werden unsere Enkel einmal lesen?“

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026





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Foto für das Forum genehmigt



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Kommentare zu diesem Text


 lugarex (03.07.26, 15:03)
scheint ein Narrative zu sein, oder?

 Reliwette meinte dazu am 03.07.26 um 20:42:
Ja, ein mehrteiliges Narrativ. Um das zu verstehen, braucht es weniger Phantasie als eine gut ausgeprägte Erkenntnisfähigkeit. Ich freue mich, dass dieser Beitrag auf KV eingestellt wurde.
Hartmut T. Reliwette, Bildhauer

 Saira antwortete darauf am 05.07.26 um 10:52:
Lieber Reli,

ich danke dir. Mir ging es tatsächlich weniger darum, eine ferne Zukunft zu erfinden, als Entwicklungen gedanklich weiterzuführen, die wir heute schon beobachten können.

Deine Freude darüber, dass die Parabel auf KV steht, hat mich besonders berührt. Vielen Dank auch für dein Lob!

Liebe Grüße auch an dich, lieber Luga.
Saira

 DanceWith1Life (03.07.26, 15:43)
Gibt es den „wandernden Maßstab“ auch für gesetzliche Krankenkassen, lach?

 Saira schrieb daraufhin am 05.07.26 um 10:53:
Vielleicht. Der „wandernde Maßstab“ begegnet uns vermutlich in weit mehr Bereichen, als uns lieb ist.
LG 
Saira

 DanceWith1Life äußerte darauf am 05.07.26 um 16:33:
Denke ich auch, sehr seltsamer Virus, schon eine Unterhaltung darüber ist trickreich, denn Anpassungsfähig ist eigentlich etwas wünschenswertes, beim Virus ja nicht.

 Nuna (04.07.26, 09:12)
Hallo Saira,

eine sehr beeindruckende Zusammenfassung einer Zukunftsvision in der es bereits weit nach 12 ist. Also Hut ab vor dieser sehr ausführlichen Fleißarbeit, (im Sinne Georg Orwells 1984.)

Ich würde mir wünschen irgendetwas Positives zu lesen im Jahre 2100. Aber vielleicht ist das zu utopisch gedacht:(.

Auch habe ich bei weitem nicht die Worte dieses Werk ausreichend zu würdigen.

Liebe Grüße Nuna

 AchterZwerg ergänzte dazu am 04.07.26 um 09:47:
Liebe Sigi,

manchmal sterben auch weniger spektakuläre Wörter aus.

Da wird mir immer ganz blümerant zumute, und ich denke an all den schönen Firlefanz, den es in dieser Hinsicht früher gegeben hat. In jener Zeit als ich noch ein Dreikäsehoch war,

  • Mutter mit honetten Leuten beim Gabelfrühstück auf kommoden Polsterstühlen saß und sich dem Müßiggang ergeben hatte.
  • Pubertierend kam ich dann wieder ins Spiel, aber nur, um alle Anwesenden zu piesacken ...

  • (mindestens sieben auf einen Streich  :D  )



  • Antwort geändert am 04.07.2026 um 09:47 Uhr

     Saira meinte dazu am 05.07.26 um 11:00:
    @Nuna

    Liebe Nuna,

    vielen Dank für dein einfühlsames Lesen und deine Gedanken zur Parabel. Das ist dir absolut gelungen!  <3

    Dass du dir für das Jahr 2100 etwas Hoffnungsvolleres wünschst, kann ich gut verstehen.

    Tatsächlich wollte ich keine Welt entwerfen, in der alles verloren ist, sondern eine, in der Menschen zwar gelernt haben, mit den Folgen umzugehen, dabei aber erkennen, was sie hätten bewahren können. 

    Der Vergleich mit Orwell ehrt mich sehr. Danke!

    Liebe Grüße
    Saira


    @AchterZwerg

    Moin Heidrun,

    ohman, wie recht du hast.

    In der Tat verschwinden manchmal nicht nur große Begriffe, sondern auch diese wunderbaren kleinen Wörter, die eine ganze Stimmung oder Zeit in sich tragen. 

    „Firlefanz“, „Dreikäsehoch“ oder „honett“ erzählen fast ebenso viel Geschichte wie alte Fotografien.  :)

    Danke für deinen charmanten Gedankensprung. <3


    Liebe Grüße
    Sigi
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