Briefe an den Abgrund

Kurzgeschichte zum Thema Psychologische Phänomene

von  Saira

Eva Blond lebte in einer kleinen Ortschaft nordwestlich von London – einem Ort, der in Pendlerfahrplänen existierte, sonst jedoch kaum Spuren hinterließ. Reihen identischer Häuser, früh verlöschende Fenster, Züge, die Menschen brachten und forttrugen, ohne je etwas zurückzulassen.

Ihr Leben verlief in lautlosen Abläufen.

Sie war 31, unscheinbar wie ein Schemen, und arbeitete im Schichtdienst einer Verpackungsfabrik. Stunde um Stunde glitten ihre Hände über Förderbänder, falteten Kartons, schoben Waren in normierte Formen. Das Stampfen der Maschinen vibrierte durch den Boden bis in ihre Knochen. Wenn sie heimkehrte, summte das Dröhnen noch in ihr nach – als liefe das Band in ihrem Inneren weiter.

Sie sprach wenig. Hatte keine Familie, keine Freunde. Wer ihr begegnete, vergaß sie rasch. Nachbarn hielten sie für sonderbar.

Was niemand sah, war die Spannung in ihr – ein beharrliches Empfinden, das weder Angst noch Sehnsucht war, sondern etwas Drittes. Etwas Tieferes. Es lag unter ihren Gedanken wie ein dunkler Wasserspiegel. Sie vermied es, hinabzusehen.

Erst als sie von Rainer Würger hörte, bekam dieses namenlose Gefühl eine Richtung.

Sein Name lag wie ein fauliger Schatten über den Zeitungen. Vor mehr als fünfzehn Jahren war er verurteilt worden, eine junge Frau auf besonders brutale Weise vergewaltigt und ermordet zu haben. Teile ihrer Leiche fehlten. Die Tat hatte weit über die Stadt hinaus Schlagzeilen gemacht.

Doch hinter der bekannten Geschichte lauerte mehr.

Ermittler waren auf Hinweise weiterer Frauen gestoßen – verschwundene Existenzen, lose Spuren, nie ausreichend für eine Anklage. Keine Leichen. Keine Tatorte. Keine verwertbaren Überreste.

In den Verhörprotokollen tauchte ein Wort auf, das zunächst unbeachtet blieb:

Hunger.

Würger benutzte es ohne Zusammenhang. Beiläufig. Fast gedankenverloren.

Nachgewiesen worden war nur ein Mord. Dafür erhielt er lebenslange Haft.

Fünfzehn Jahre später galt er als „geändert“. Therapieprogramme. Gutachten. Gespräche. Schließlich Haftprüfung.

„Ein Mann, der sich gebessert hat?“

„Zweite Chance für einen Geänderten?“

Als Eva von der möglichen Entlassung hörte, wusste sie, dass er der Mann war, der in ihren Albträumen lauerte.

Und doch geschah etwas, das sie nicht verhindern konnte:

Eine Faszination, schwer wie Blei, zog sie zu ihm hinab.

Die Medien verbreiteten sein Bild. Ein Gesicht mit einem Blick, in dem sie Schmerz zu erkennen glaubte.

Doch darunter lag etwas anderes.

Etwas Tieferes.

Etwas, das nicht litt – sondern wartete.

Sie fröstelte.

Er ist wie ein Magnet, dachte sie. Ein Magnet für all das, was wir fürchten.

Sie begann zu suchen. Archivaufnahmen. Prozessbilder. Vergilbte Artikel.

Ein Foto brannte sich fest: Würger hinter Gittern, den Kopf gesenkt, der Blick unter den Brauen verborgen.

Das Bild blieb nicht still. Es arbeitete in ihr weiter, wie ein Splitter unter der Haut. Seine Vergangenheit schien nicht vergangen – nur versenkt.

Was sie von ihm wusste, war wenig.

Ein Name.

Ein Urteil.

Ein Gesicht auf Papier.

Und doch genügte es.

Die Vorstellung von ihm begann Räume in ihr zu besetzen, die zuvor leer gewesen waren. Was als Beobachtung begonnen hatte, wurde zu einem Drang … nicht nach Nähe, sondern nach der Berührung des Abgrunds selbst.

Schließlich schrieb sie ihm.

Der Brief ging an die Haftanstalt, während draußen bereits über seine Entlassung verhandelt wurde.

Sie hatte lange auf das leere Blatt gestarrt. Nicht aus Wortmangel, sondern weil jede Zeile eine Grenze überschritt. Mauern, Stacheldraht, Zensur – all das lag zwischen ihnen. Und doch fühlte es sich an, als schreibe sie direkt in sein Denken.

Als sie den Umschlag einwarf, hatte sie das Gefühl, einen Mechanismus in Gang gesetzt zu haben.

Seine Antwort kam schnell.

Der Umschlag trug den nüchternen Stempel der Anstalt. Die Handschrift war ruhig. Präzise. Fast sorgfältig zärtlich.

„Du hast also den Mut gehabt, mir zu schreiben. Ich habe dich erwartet.“

Die Worte waren schlicht. Gerade deshalb wirkten sie wie ein Griff um ihr Handgelenk.

Was Eva nicht wusste:

Dieser Brief war längst Teil einer Choreographie.

Während Gutachter über seine „Veränderung“ diskutierten, bereitete Würger eine andere Form von Entlassung vor – eine, die nicht ihn hinaus-, sondern andere hineinführte.

Und Eva hatte mit ihrer Handschrift den ersten Schlüssel geliefert.

„Ich will verstehen, was dich so stark macht“, schrieb sie zurück.

„Du willst verstehen?“, antwortete er.

„Oh, Eva. Du wirst mehr als das verstehen. Du wirst fühlen.“

Die Besuche begannen.

Der Besucherraum roch nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee. Neonlicht lag flach auf den Tischen. Zwischen ihnen Glas, Metall, Aufsicht.

Eva glaubte, sie könne das Böse aus sicherer Distanz betrachten.

Doch Distanz war eine Illusion.

Mit jedem Treffen vertiefte sich der Sog. Seine Ruhe. Seine Kälte. Die chirurgische Aufmerksamkeit, mit der er jede Regung in ihr verfolgte.

„Du bist so sicher“, sagte er einmal leise.

„Du glaubst, du steuerst das hier. Aber du bist längst Teil der Versuchsanordnung.“

Sie lachte – zu schnell, zu dünn.

Er lächelte nur flüchtig. Ein Zucken, das mehr Abwesenheit als Wärme verriet.

„Du hast den ersten Schritt getan, ohne zu wissen, dass der Weg schon unter dir lag.“

Der Tag seiner Entlassung kam.

Der Himmel hing bleiern über dem Gefängnistor. Nieselregen legte sich wie Staub auf Asphalt und Haut.

Eva wartete im Auto. Der Motor lief. Ihre Hände lagen reglos im Schoß.

Als das Tor aufglitt, geschah es lautlos – fast feierlich. Würger trat heraus, begleitet von einem Beamten, der sich rasch wieder zurückzog.

Er blieb einen Moment stehen. Atmete. Hob langsam den Kopf, als prüfe er die Welt auf ihren Geschmack.

Dann sah er sie.

Nicht überrascht.

Nicht suchend.

Erkennend.

Als hätte er gewusst, wo sie stehen würde.

Eva stieg aus. Für einen Augenblick glaubte sie, den Boden unter sich schwanken zu fühlen – wie nach zu langer Maschinenarbeit, wenn das Förderband noch im Körper nachlief.

Er trat näher. Zu nah.

„Du bist gekommen“, sagte er.

Es klang nicht dankbar.

Eher bestätigend.

In diesem Moment begriff sie – zu spät –, dass sie sich in ein Geflecht begeben hatte, das lange vor ihr geknüpft worden war.

Er hatte nie vorgehabt, sich zu ändern.

Was als Faszination begonnen hatte, war zu etwas anderem geworden: einer kalten, unausweichlichen Bewegung, die sie beide erfasst hatte – nur dass er ihre Richtung bestimmte.

„Das Böse lebt nicht hinter Gittern“, sagte er später ruhig.

„Es lebt in uns allen. Aber du, Eva …“

Er beugte sich leicht zu ihr.

„… du hast mir die Tür geöffnet.“

Es gab keinen Wendepunkt mehr.

Was sie nicht verstanden hatte: Seine Kontrolle hatte begonnen, lange bevor sie seinen Namen gekannt hatte. Sie war kein Zufall gewesen. Sondern Kulmination.

Und als sie glaubte, das Muster zu erkennen, war sie längst Teil davon geworden.

Als sie zu ihm aufsah, hielt sein Blick sie fest – ruhig, prüfend, beinahe geduldig.

Da erkannte sie in seinen Augen etwas, das sie all die Zeit nicht gesehen und falsch gedeutet hatte:

keine Wut.

keinen Schmerz.

Nur

einen unstillbaren Hunger.



© Sigrun Al-Badri / 2026




Anmerkung von Saira:

Diese Geschichte entstand aus meiner literarischen Neugier auf ein Phänomen, das ebenso verstörend wie gesellschaftlich aufschlussreich ist: Hybristophilie – die Faszination für Gewaltverbrecher.

Mich beschäftigte dabei weniger der Täter als die eigentümliche Anziehungskraft, die von ihm ausgeht. Genauer gesagt: die Frage, warum Serienmörder Liebesbriefe erhalten, während freundliche, steuerzahlende Durchschnittsmenschen ihr Dasein in stiller Bedeutungslosigkeit beschließen.

Der Text versteht sich daher auch als kleine literarische Gegenstimme zur hartnäckigen Romantisierung realer Gewalt. Denn die Faszination für Täter ist kein exotisches Randphänomen, sondern Teil einer kulturellen Schieflage, in der Abgründe Aufmerksamkeit erzeugen und Aufmerksamkeit nicht selten mit Bedeutung verwechselt wird.

Sollte diese Geschichte Irritation auslösen, so wäre genau das beabsichtigt.

Hinweis: Der Verfasser wünscht generell keine Kommentare von Teo und Moppel.

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Kommentare zu diesem Text


 Didi.Costaire (09.02.26, 15:40)
Hallo Sigi,

eine spannende Erzählung, aber verdammt gruselig. Ein wirklich seltsames Phänomen. 

Liebe Grüße,
Dirk

 Saira meinte dazu am 09.02.26 um 17:14:
Hallo Dirk,

danke dir! „Spannend, aber gruselig“ trifft tatsächlich ziemlich genau die Wirkung, die ich beabsichtigt habe. Mich reizte gerade diese stille, schleichende Form des Unheimlichen … weniger das Offensichtliche als das psychologisch Verschobene.

Und ja, das Phänomen selbst bleibt verstörend, gerade weil es real existiert.

Liebe Grüße
Sigi

 EVdR (09.02.26, 16:48)
Die Faszination für Täter entspringt wohl der Neugierde, Sensationslus.
Opfer sind nur ein klollaterales Ereignis und schnell vergessen

Der Knastbruder ist wenigstens ehrlich in seiner Gewalt.

Der Büro-Täter ist feige, weil er sich hinter Paragraphen versteckt.

Beide fressen Seelen, aber nur einer wird dafür „Täter“ genannt.

 Saira antwortete darauf am 09.02.26 um 17:15:
Danke dir für deine Gedanken, EVdR.

Das Thema berührt viele Ebenen: von medialer Sensationslogik bis hin zu strukturellen Formen von Gewalt. Meine Geschichte greift davon bewusst nur einen Ausschnitt heraus: die individuelle, psychologische Faszination.

Umso interessanter, welche weiterführenden Perspektiven du hineinliest.

LG
Saira

 Hannes (09.02.26, 23:32)
Erst gestern waren wir mit Freunden in einem kleinem Münchner Hinterhoftheater bei einer wunderbaren Lesung.
Da hätte dein Text als krönende Zugabe wunderbar gepasst.
Der
Hannes
 https://www.fraunhofertheater.de/spielplan/cpevent/2b26f695-b2f1-4f7c-a240-b274d55be290

 Saira schrieb daraufhin am 10.02.26 um 09:59:
Hallo Hannes,

das Fraunhofer Theater muss ein ganz besonderer Ort für literarische Lesungen sein! Sophie von Kessel kenne ich als faszinierende Schauspielerin. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie als Leserin die Atmosphäre der Schauerromantik perfekt eingefangen hat. Es muss ein spannender und zugleich unheimlicher Abend gewesen sein.

Herzliche Grüße und danke für deine Wertschätzung zu meinem Text,
Saira

 Alabanda (10.02.26, 16:36)
"Eva Blond" wie kommst du bloß auf so einen Namen, der Wink vom Zaunpfahl für Blondinen, hach diese niedlichen Dummchen, die fallen bei jeden Witz rein, da ahnt man  schon von Anfang an, mit dieser kann es kein gutes Ende nehmen.

 Saira äußerte darauf am 10.02.26 um 19:36:
Es ist interessant, dass du den Namen ‚Blond‘ als Klischee siehst. Der Name sollte keine stereotype Vorstellung von Naivität oder Oberflächlichkeit bedienen. Vielmehr wollte ich eine Figur erschaffen, die mit dieser Wahrnehmung zu kämpfen hat. Eva ist alles andere als eine einfache, naive Figur ... sie ist jemand, der mit sich selbst, ihrer Faszination für das Dunkle und ihrer eigenen Dunkelheit kämpft. Der Name ‚Blond‘ dient hier eher als Spiegel für die Art und Weise, wie wir Menschen oft nach außen hin reduzieren, was in der Tiefe unserer Wahrnehmung eine weitaus komplexere Geschichte verbirgt.

 TassoTuwas (15.02.26, 09:43)
Hallo Sigi,

ein seltenes aber bekanntes und für die meisten kaum zu verstehendes Phänomen, das zu beschreiben, ohne sich des reißerischen oder moralisch Besserwisserischen zu bedienen, braucht großes literarisches Fingerspitzengefühl.
Das ist gelungen.
In der so erzählten Geschichte bleibt das Ende offen, ein letzter Funken Hoffnung glimmt.

Herzliche Grüße
TT

 Saira ergänzte dazu am 15.02.26 um 10:43:
Moin Tasso,

ganz lieben Dank für dein aufmerksames Lesen und deine wertschätzenden Worte.

Dass du ausgerechnet das „Fingerspitzengefühl“ hervorhebst, freut mich besonders. Genau dort lag für mich beim Schreiben die größte Fallhöhe: nicht ins Reißerische zu kippen, aber auch nicht ins moralische Dozieren. Weder wollte ich den Täter zum dunklen Mythos überhöhen, noch Eva auf die Schablone eines „naiven Opfers“ reduzieren. Mich interessierte vielmehr dieser leise, gefährliche Sog … gespeist aus Projektion, innerer Leere, dem Wunsch nach Bedeutung … und aus dem verhängnisvollen Glauben, man könne den Abgrund betrachten, ohne dass er zurückblickt.

Umso schöner, dass du die Haltung dahinter spürst: nicht sensationshungrig, aber eben auch nicht beschwichtigend.

Den Hoffnungsschimmer, den du im offenen Ende wahrnimmst, finde ich spannend. Für mich ist er eher ein sehr zartes, unsicheres Flackern: weniger Rettung als ein Moment des Erkennens. 

Danke dir sehr fürs Mitdenken und Mitfühlen.

Herzliche Grüße
Sigi

 Reliwette (18.02.26, 00:32)
Moin,Sigrun,
dass sich vor allem ledige und/oder vereinsamte Frauen in "Knackis" verlieben,  ist nicht selten. Dass eine Rechtsanwältin sich in einen Verbrecher verliebte, ihm hörig wurde und ihm sogarr eine Schusswaffe beim Besuch übergab, ist vorgekommen.

Ein täuschender Strafgefangener wirkte konsequent im Redaktionsteam einer literarischen "Knastzeitung" mit Außenwirkung.  Er brachte eindrucksvolle Texte ein, mit denen er Anerkennung fand.
Somit ergab sich für ihn die Gelegenheit, sich an eine junge Frau innerhalb einer Kontaktgruppe heran zu machen, was für die Frau zu schwerwiegenden Ereignissen führte. Er dominierte die Junge Frau, machte sie abhängig,so dass sie ihn bei einem Raubüberfall während eines Freiganges zur Seite stand. Die Eltern der jungen, nicht vorbestraften Dame machten der Anstalt im Nachhinein schwere Vorwürfe. Das Mindestalter für Kontaktgruppenmitglieder war auf 18 Jahre festgelegt.

 Ein anderer Fall: Eine russische Lehrerin verliebte sich per Brief-und Fotopost in einen recht "einfachen"Straftäter, der in der Mucki-Bude seinen Körper trainiert hatte, so dass er optisch "etwas hermachte." Als das Therapie-Team von seinen Heiratsabsichten erfuhr,, schrillten alle Alarmglocken. Überlegungen kreisten um das Thema. Was passiert, nachdem die russische Dame die deutsche Staatsangehörigkeit durch die Heirat erlangen würde?

Die "dunkle Seite"scheint, wie Du schreibst, in einigen Fällen eine magische Anziehungskraft auszuüben, aber oft wirkt das Phänomen Helfersyndrom als Verbindungselement zwischen den extremen Lebensverhältnissen, oder aber Frauen wissen, dass der Angebetete zwar ein Krimineller ist, aber der kann nicht weglaufen, solange er sich in Haft befindet.
Dein Text ist gut aufgebaut und schlüssig. Ich konnte nicht umhin, der dunklen Seite noch einige Aspekte hinzuzufügen. Wir sollten uns zusammentun, um ein Buch über den Justizvollzug insbesondere über die Sozialtherapie innerhalb des Justizvollzuges zu schreiben. Die Ereignisse, die ich erlebte, sind dermaßen abgehoben, dass mir kaum einer diese Verläufe abnehmen würde.. Außerdem will ich meine Kollegen und Kolleginnen nicht verunglimpfen. Die haben es ohnehin sehr schwer, diesen Beruf bis zu ihrer Pensionierung heil und gesund zu überstehen.
Ich bitte um Nachsicht, dass ich meine eigenen Erfahrungen in Deinen wundervollen Text eingebracht habe.
Lieber Gruß!
Hartmut

 Saira meinte dazu am 18.02.26 um 09:45:
Moin Hartmut,

dein Kommentar hat in mir eine eigentümliche Stille hinterlassen – jene Art von Nachhall, die entsteht, wenn Erzähltes nicht nur gedacht, sondern erlebt worden ist.

Die Beispiele, die du schilderst, tragen diese Schwere gelebter Wirklichkeit in sich: Begegnungen, in denen Nähe und Abhängigkeit ineinandergreifen, in denen Faszination nicht wie ein Funke wirkt, sondern eher wie ein langsames, dunkles Einsickern.

Besonders dein Gedanke an das Helfersyndrom blieb bei mir haften. Dieses Bedürfnis, einen Verlorenen zu retten und dabei vielleicht selbst Schritt für Schritt in seine Tiefe hinabzugeraten, berührt etwas sehr Menschliches: den Wunsch, gebraucht zu werden, Bedeutung zu spüren, selbst dort, wo das Dunkel längst dichter ist als das Licht.

Mein Text selbst tastet eher diese innere Schwelle ab. Nicht die dokumentierte Tat, nicht die Fallgeschichte, sondern den Moment davor: wenn aus Distanz ein leises Hingezogensein wird, aus Beobachtung eine unsichtbare Bindung. Wenn der Abgrund nicht ruft, sondern still wartet … und jemand beginnt, sich ihm zuzuneigen.

Darum empfinde ich deine Ergänzungen auch nicht als „Einbringen“ in meinen Text, sondern wie eine zweite Perspektive auf dasselbe Gefälle: einmal von innen ertastet, einmal von außen bezeugt.

Dein Gedanke an ein gemeinsames Buch spricht mich durchaus an. Gerade die Verbindung deiner gelebten Erfahrungen mit meinem eher literarisch-psychologischen Zugang könnte eine spannende Tiefe entfalten. 

Im Moment jedoch bindet mich ein neuer Roman, an dem ich intensiv arbeite und der mir in diesem Jahr kaum Raum für ein weiteres Projekt lässt. Danach aber kann ich mir gut vorstellen, diesen Gedanken noch einmal gemeinsam weiterzudenken … 

Danke dir jedenfalls für das Vertrauen, mit dem du deine Eindrücke hier teilst und für den Blick hinter jene Türen, die für viele verschlossen bleiben.

Liebe Grüße
Sigrun
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