Bevor die Möwen ihn rufen

Gedicht zum Thema Stimmung

von  Saira

Der Deich
kennt den Namen des Windes,
lange bevor
die Möwen ihn rufen.

 

Er steht,
wo Himmel und Erde
einander begegnen,
und trägt seit Jahrhunderten
die Sprache der Gezeiten.

 

Gräser neigen sich
vor dem Atem des Meeres.

 

Wildrosen
halten das Licht
zwischen ihren Blüten fest.

 

Schilf
zeichnet feine Linien
in die Luft.

 

Der Morgen
legt Silber
auf das Wasser.

 

Der Abend
schenkt dem Himmel
Bernsteinlicht.

 

Über allem

Ziehen Wolken.

 

Nur der Deich
bleibt.

 

Er kennt
das Kommen
und das Gehen.

 

Er hört
den ersten Ruf
der Wildgänse,

 

den Nebel,
der lautlos zieht,

 

das Schweigen
nach dem Sturm,

den Flug


einer einzelnen Möwe
gegen den Wind.

 

Nie erzählt er,
was er gesehen hat.

Er gibt nichts preis.

 

Jeder Sturm
schreibt

eine neue Falte
in sein Gesicht.

 

Und doch
bleibt
seine Ruhe.

 

Beständigkeit
ist nicht

das Bleiben.

 

Sie ist
die Kunst,

 

jeden Wind
kommen zu lassen,

 

jede Flut
zu empfangen,

 

jede Welle
wieder ziehen zu sehen.

 

Wenn die Dämmerung
über das Land sinkt,

 

stehen Himmel,
Meer
und Deich

 

für einen Augenblick

im selben Atem.

 

Der Deich
spricht nicht.

 

Er steht.

 

Und wer lange genug bleibt,

 

hört,

 

was der Wind

 

nie vergessen hat.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026




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Anmerkung von Saira:

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (29.06.26, 11:20)
Hallo Sigi,

Kopf in den Wind,
Hacken in den Klei,
stehst du auf dem Deich,
kräftig und frei.

Standhafte Grüße
Ekki

 Saira meinte dazu am 29.06.26 um 14:11:
Moin, leve Ekki,

wat för'n fein Reem! 

So mööt dat wesen: Kopp in'n Wind un de Hacken fast in'n Klei. Beter kann man den Deich sien Wesen fast nich beschrieven. He gifft Halt, ahn veel Woorden to maken.

Hartlichen Dank för dien schöönen Veers. He hett mi bannig freit.

Leev Gröten
Sigi

 Reliwette (29.06.26, 11:47)
Hallo, liebe Saira.
 
                          Wo de hohen Dieke sünd:
                 wunners moi hest schrieven dat Vertelske

                  hier nun das Ostfriesenlied in plattdüsk: 
 
                      Mien Ostfreesland, miene Heimat,
                      wo de hohen Dieke  sünd
                      is de Heimat van mien Ahnen,
                      Ik bün een Ostfreesenkind
 
                      Wor de Harle treckt nah Norden
                      wor de Möhlen dreihn sük in`t Wind,
                      is de Heimat van mien Ahnen,
                      ik  bün een Ostfreesenkind

                      Bün ik eenmal in de Fremde,
                      treckt mi dat  noht Heimat hen,
                      wiel nur an Ostfreeslands
                      Küste glukelig un tofree ik bün

                      Alles is noch so as immer:
                       Dünensand un Nordseestrand,
                       nur ik bün in`t hohe Oller,
                       treu noch immer Heim un Land
 
Deine sehr romantische Lyrik past zum ostfriesischen Heimat lied!!
Ich kann es auf dem Akkordeon spielen, sogar zweistimmig. Danke!

Lieber Gruß!  Reli

Kommentar geändert am 29.06.2026 um 11:56 Uhr

Kommentar geändert am 29.06.2026 um 11:58 Uhr

Kommentar geändert am 29.06.2026 um 11:59 Uhr

Kommentar geändert am 29.06.2026 um 12:10 Uhr

 Saira antwortete darauf am 29.06.26 um 14:20:
Moin, leve Reli,

wat heff ik mi över dien Kommentar freut! Dat hett mi richtig in't Hart raakt.

Dat Ostfreesland-Leed kenn ik, un as ik de Wöör leest heff, kunn ik den Wind över de Dieken fast spören. Dat passt würklich mooi to mien Gedicht. Heimat is ja nich blot een Steed up de Landkoort. Heimat is dat, wat in een sien Hart wohnt: de Wind, dat Rüüschen vun't Meer, de Möwen, de Gezeiten un all de Erinnerungen, de een nich wedder loslaat.

Dat du dat Leed ok noch tweestimmig up dien Akkordeon spelen kannst, hett mi ganz besünners freut. Bi dien Wöör harr ik glieks dat Geföhl, as wenn de Tön över de Dieken trecken un sik mit den Wind vermengen. Dat is een bannig schööne Vörstellung.

Ik glööv, de Deich kann blots so still stahn, wiel he allens kennt: Freud un Leed, Storm un Still, Kamen un Gahn. Un villicht liggt jüst dorin sien Kraft.

Hartlichen Dank för dien warmen Wöör. Du hest mien Gedicht nich blot leest, du hest dat mit dien Hart anhöört. Dat bedüüdt mi bannig veel.

Heel leev Gröten ut Schleswig-Holstein to Ostfreesland un een hartlichen Drücker för di.

Saira

 Drita (03.07.26, 03:38)
Liebe Saira,

„Bevor die Möwen ihn rufen“ ist ein wunderschöner Titel, der die Atmosphäre des Gedichts bereits in sich trägt. Mit stillen, präzisen Bildern wird der Deich zu einem Sinnbild für Gelassenheit, Beständigkeit und die Weisheit der Natur. 
:)
Liebe Grüsse
Drita

 Saira schrieb daraufhin am 03.07.26 um 09:50:
Liebe Drita,

dein Feedback freut mich. Vielen Dank!

Liebe Grüße
Saira
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