Weihnachten 2035 in der Familie Müller

Kurzgeschichte zum Thema Zukunft

von  Saira

Es ist Weihnachten 2035, und die Familie Müller feiert in ihrem modernen, aber kalten Zuhause. Oma Gertrud und Opa Klaus sitzen in der Ecke des Wohnzimmers, jeder mit einem VR-Headset auf dem Kopf, während sie versuchen, sich in die digitale Weihnachtswelt zu begeben. Oma Gertrud, die immer für ihre köstlichen Plätzchen bekannt war, hat den Geruch von frisch gebackenem Gebäck gegen den süßlichen Duft von digitalem Pixelstaub eingetauscht. „Ich vermisse den echten Weihnachtsbaum“, murmelt sie, während sie auf den holografischen Weihnachtsbaum starrt, der in schillernden Farben leuchtet.

 

Die Eltern, Anna und Peter, sind ebenfalls in ihre eigenen virtuellen Welten eingetaucht. Anna hat sich in die neuesten Filter für ihre digitalen Weihnachtskarten vertieft und ruft begeistert: „Schau mal, wie toll wir aussehen!“ Sie lächelt in die Kamera, als wäre das ein Ersatz für die echte Zuneigung, die sie ihren Kindern, den Zwillingen Sophie und Max, nicht mehr geben kann. Max sitzt apathisch vor seinem Bildschirm, während Sophie versucht, mit ihrem VR-Headset zu interagieren, aber nur mit einem glitzernden Einhorn-Engel erscheint, der sie ständig daran erinnert, dass sie ihre Hausaufgaben machen soll.

 

Die beiden Kinder, einst voller Freude und Aufregung, sitzen nun in ihren eigenen kleinen Blasen, gefangen in der digitalen Welt. Ihre Geschenke sind NFTs und virtuelle Spielzeuge, die keinen echten Wert haben. „Frohe Weihnachten!“, tönt es monoton aus den holografischen Versionen ihrer Verwandten, die in der Luft schweben, doch die Gesichter sind leer und die Augen kalt.

 

Opa Klaus, der immer schon ein wenig schusselig war, hat sein VR-Headset falsch aufgesetzt und sieht nun aus wie ein überdimensionierter Weihnachtsbaum mit einem schiefen Stern auf dem Kopf. Die Stimmung ist angespannt, und die Einsamkeit wird immer greifbarer.

 

Die Katze Mieze, die sich in der Ecke des Raumes zusammengerollt hat, beobachtet das Geschehen mit einem gelangweilten Blick. Sie hat die ganze Aufregung satt und sehnt sich nach den Zeiten, als die Familie noch zusammen Plätzchen backte und Geschichten erzählte.

Die technischen Pannen häufen sich: Der Hund des Nachbarn springt versehentlich in die Kamera und wird zum unfreiwilligen Star des Abends. „Das ist ja fast so lustig wie die Zeit, als wir uns noch persönlich getroffen haben!“, sagt Opa Klaus, und die Lacher verhallen in der Stille der Einsamkeit.

 

Während die Familie versucht, den perfekten Moment festzuhalten – das perfekte Lächeln, das perfekte Geschenk – wird klar, dass die echte Verbindung längst verloren gegangen ist.

 

Die Stille ist ohrenbetäubend. Draußen weht ein eisiger Winterwind.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2024




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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (19.12.24, 10:14)
Nanu, liebe Sigi,
die haben noch einen echten Hund und nicht den iphone-gesteuerten Robotrüden?
Diese armen Menschen!

Aber vielleicht klappt es 2036 im vollatomatisierten Smarthome endlich auch in dieser Hinsicht besser!  :)

Digitale Grüße
deine komplett ausgestattete Freundin

 Saira meinte dazu am 19.12.24 um 18:59:
Liebe Heidrun,
 
vielleicht ist er der letzte Überlebende der analogen Ära, der sich weigert, in die virtuelle Realität einzutauchen!
 
Wilma findet diese Aussichten alles andere als erstrebenswert!





Digitale Grüße zurück
von deiner Freundin, die gerne an gewissen alten Traditionen festhalten würde und von Wilma, die dir lauter <3 <3 <3 chen schickt

 Teo (19.12.24, 16:10)
Hi Sigi,
ein Blick in die Zukunft. Mich friert.
Ich lese Passagen in deinem Text...
Ist es zum Teil nicht heute schon so?
Eine nachdenklich machende Geschichte.
Es grüßt 
Teo

 Saira antwortete darauf am 19.12.24 um 19:00:
Moin Teo,
 
ob wir ein bisschen mehr Zeit offline verbringen sollten, um das echte Leben zu leben?
 
Danke und liebe Grüße
Sigi

 Teo schrieb daraufhin am 19.12.24 um 19:04:
NEEEEIIIINNNNN!!!!

 Saira äußerte darauf am 19.12.24 um 19:11:
Aber Dropsi, ganz ruhig, das neue Pimax Crystal VR-Headset ist schon auf dem Weg zu dir … alles wird gut! :)
Aron Manfeld (55)
(19.12.24, 16:23)
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Klemm (64) ergänzte dazu am 19.12.24 um 18:05:
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 Saira meinte dazu am 19.12.24 um 19:00:
Lieber Aron,
 
wir werden uns wohl wieder auf die einfachen Dinge im Leben besinnen müssen, denke auch ich.
 
Allerdings:
 
 
@Klemm
 
Tittytainment? Nee, bitte nicht :woot:
Klemm (64) meinte dazu am 19.12.24 um 19:15:
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 Saira meinte dazu am 19.12.24 um 19:30:
Ich habe mich mit dem Begriff „Tittytainment“ auseinandergesetzt und verstehe jetzt, was du meinst.
 
Die Zukunftsvision beschreibt „Tittytainment“ insofern, dass ein großer Teil der Bevölkerung aufgrund steigender Produktivität von der aktiven Teilnahme an der Produktion ausgeschlossen ist. Der Begriff beschreibt eine Art von „Beruhigung“ der Massen durch eine Kombination aus Grundversorgung und oberflächlicher Unterhaltung, um soziale Unruhen zu vermeiden.
 
Menschen werden in eine passive Rolle gedrängt und verlieren ihre gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung.

Das ist wirklich ein gruseliger Gedanke!
 
P.S.: und ja, Tittytainment ist für viele Menschen schon Realität.




Antwort geändert am 19.12.2024 um 19:33 Uhr
Klemm (64)
(19.12.24, 16:25)
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 Saira meinte dazu am 19.12.24 um 19:02:
Wir werden zu gefühlsarmen, einsamen Wesen werden. Das ist ein sehr trauriger Gedanke :ermm:

Antwort geändert am 19.12.2024 um 19:02 Uhr

 plotzn (19.12.24, 18:31)
Das sind ja düstere Aussichten, liebe Sigi.

Hoffen wir mal, dass es nicht (so schnell) so kommt.

Liebe Grüße und reale schöne Weihnachtstage!
Stefan

 Saira meinte dazu am 19.12.24 um 19:06:
Servus Stefan,

noch isses nicht soweit :) 

Ich wünsche dir wunderschöne Feiertage mit realem Festbraten, schönen Geschenken, die von <3 en kommen und das alles im Kreis von lieben Menschen.

Herzlichst
Sigi

 TassoTuwas (20.12.24, 10:46)
Moin Sigi,

so wird es wohl dann überall zu Weihnachten sein.
Amazon hat das weltweite Weihnachtsmonopol (WWW) erworben und das Fest voll digitalisiert.

Mit etwas Glück werde ich nach altväter:innen Art Weihnachten feiern und mich von oben über den "Modern way of X-Mas" Trubel vielleicht köstlich amüsieren, wahrscheinlich aber weinen!

Liebe Grüße
TT

 Saira meinte dazu am 20.12.24 um 18:56:
Lieber Tasso,
 
vielleicht treffen wir uns ja irgendwann da oben. Dann können wir gemeinsam feiern, lachen und weinen!
 
Herzliche Grüße
Sigi
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