Karl 1917 – Kunkelstube der Seele

Gedicht zum Thema Wehmut

von  Saira

Im Gemach der Nacht sitz ich allein,
die Stube atmet Jahre, staubverhangen.
Mein Herz ein Hagestolz, hart wie Stein,
im Bann der Dinge still gefangen.

 

Wehmut steht wie Magd am Tor
und reicht mir Minne ohne Namen.
Der Weltlauf fließt im fernen Chor,
ich bleibe Fron und Traum zusammen.

 

Das Fuhrwerk der Erinnerung
rollt stumm durch meiner Stunden Gassen.
Der Postillon der Dämmerung
ruft seinen Leumund aus verblassten Massen.

 

Ich hadre still mit Herzeleid,
ersinne mir verlorne Gärten,
wo niemand darbt in enger Zeit,
wo Seelentrost die Felder härtet.

 

In meiner Kunkelstube tief
erzählt der Wind von andren Zeiten.
Er trägt die Worte, die wir nie
zu schreiben lernten, leis im Weiten.

 

Ob Obrigkeit, ob Unbillsschwere,
es schwindet im entzweiten Atem.
Nur ein Stern, so sanft und hehre,
bleibt über meinem Namen.

 

 

© Sigrun Al-Badri, 2026







Anmerkung von Saira:

In Anlehnung an die Bild- und Sprachwelt der deutschen Symbolisten.
 
Hagestolz – älterer Junggeselle.
Minne – idealisierte Liebe.
Kunkelstube – Spinnstube der Frauen. Hier: Stube tief im Inneren
hehr – erhaben, würdevoll.

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Kommentare zu diesem Text


 KriegerinDerTräume (22.01.26, 13:12)
"Im Gemach der Nacht sitz ich allein,
die Stube atmet Jahre, staubverhangen.
"

wunderbar beschrieben. So wie der Rest auch. Sehr Bilderreich.
"verlorne Gärten,...wo Seelentrost die Felder härtet."- gefällt mir auch.

LG A.

 Saira meinte dazu am 23.01.26 um 19:16:
Danke dir! Die „verlornen Gärten“ sind für mich ein Sehnsuchtsort, den Karl vielleicht nie betreten kann, der ihn aber dennoch trägt. Schön, dass dieses Bild zu dir gesprochen hat.

LG
Saira

 Didi.Costaire (22.01.26, 18:48)
Hallo Sigi,

wahrscheinlich handelt es sich um einen Monolog und Karl hätte das alles uns gar nicht erzählt. Umso interessanter der Einblick in die Tiefen seines Seelenlebens.

Liebe Grüße, 
Dirk

 Saira antwortete darauf am 23.01.26 um 19:17:
Hallo Dirk,

ja, genau so ist es gedacht: als ein leiser innerer Monolog, ein Blick in das, was ungesagt bleibt.

 
Herzliche Grüße
Sigi


Antwort geändert am 23.01.2026 um 19:18 Uhr

 DanceWith1Life (23.01.26, 15:43)
Wie so oft wird klar, dass dort im Garten nur gedeiht was wir gesät, 
Der Staub der über allen liegt
Ich nenne ihn zur Zeit
Gefrorenen Nebel weil er die Sicht versperrt,
Es muss noch einen Schlüssel geben

Kommentar geändert am 23.01.2026 um 15:44 Uhr

 Saira schrieb daraufhin am 23.01.26 um 19:18:
Hallo Dance,

„Gefrorener Nebel“ ist ein starkes Bild. Ob es einen Schlüssel gibt … das bleibt offen, aber Karl sucht ihn, vielleicht unbewusst, in der Erinnerung.


Liebe Grüße
Saira

 TassoTuwas (26.01.26, 10:44)
Liebe Sigi,
das Gedicht erinnert mich an die arme Zeit nach dem Krieg. Wenn sich der Tag neigte saß man in der Dämmerung zusammen, das war die Dunkelstunde. Da waren die Stimmen leiser, jeder ging seinen Gedanken nach und Erinnerungen wurden ausgetauscht.
Zusammensein war Wärme!
Liebe Grüße
TT

 Saira äußerte darauf am 26.01.26 um 14:05:
Lieber Tasso,

das ist ein schönes kulturgeschichtliches Echo. Die „Dunkelstunde“ als Ort des Erzählens, des Teilens von Erinnerungen … eine orale Kunkelstube der Seele.


Mein Gedicht versucht eher, die innere Version dieses Raumes zu fassen: den Ort, an dem Erinnerungen allein mit uns sprechen.


Deine Lesart erweitert diesen Raum ins Kollektive und macht ihn wärmer.

 
Vielen Dank dafür!
 
Liebe Grüße
Sigi

 EkkehartMittelberg (28.01.26, 16:14)
Hallo Sigi,
im Licht deiner Lyrik leuchtet Schönheit aus dem Dunkel der Vergangenheit.
Liebe Grüße
Ekki

 Saira ergänzte dazu am 28.01.26 um 19:42:
Hallo Ekki,

dein Bild vom Leuchten im Dunkel berührt mich. Karls Zeit ist voller Schatten, und das Gedicht mag ein kleiner Schein sein, der darüberstehen darf.

Liebe Grüße
Sigi
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