Schwelle

Essay zum Thema Aktuelles

von  Saira

Es gibt Tage, da liest man Sätze
und versteht, dass etwas sich beschleunigt hat.
Dass Denken schneller geworden ist
als das Innehalten zwischen zwei Gedanken.


Ich merke es körperlich:
dieses leise Zusammenziehen,
wenn aus Möglichkeit
plötzlich Beschleunigung wird.

 

Systeme, die nichts vergessen,
lernen auch nichts zu lassen.


Sie sammeln Geschichte
nicht als Erinnerung,
sondern als Material.

 

Und irgendwo darin
liegt der alte menschliche Irrtum,
dass Geschwindigkeit neutral sei.

 

Früher brauchte Macht einen Ort,
eine Stimme,
einen Körper, der zögert.

 

Heute genügt ein Zugriff
und ein Ablauf,
der nicht fragt, ob er darf.

 

Nicht der Wille ist das Gefährliche,
sondern seine Reproduzierbarkeit
ohne Ermüdung.

 

Nicht das Denken,
sondern das Denken ohne Widerstand.

 

Ich stelle mir vor,
wie Entscheidungen entstehen:


ohne Gewicht,


ohne Haut,


ohne das kurze Stocken,


das früher vielleicht ein Halt war.

 

Und dann dieses Nüchterne, Kalte:
dass nichts mehr sichtbar zuckt,
wenn etwas kippt.

 

Nur Ergebnisse,
die sich selbst bestätigen,
weil ihnen niemand mehr widerspricht.

 

Ethik war einmal ein langsames Wort.


Heute muss sie Schritt halten
mit etwas, das nicht wartet.

Und ich frage mich leise,
nicht als Theorie, sondern als Unruhe:


Wo liegt Verantwortung,
wenn sie sich verteilen lässt,
bis sie verschwindet?

 

Für mich ist das die eigentliche Schwelle:
nicht wenn Maschinen handeln,
sondern wenn niemand mehr spürt,
wo das Handeln begann.

 

Und dann bleibt nur noch
eine stille, funktionierende Welt,
die alles kann
außer innehalten.


Und genau dort
beginnt das Unsichtbare.

 

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (19.06.26, 11:10)
Liebe Saira,
dass die Welt der Ideen und Gedanken schneller geworden ist, spüre ich auch und damit werden auch Entscheidungen scheller getroffen. Ethik und Ästetik passen in Entwicklungs - und Entscheidungsprozesse nicht mehr. Sie sind ja auf Gewinnmaximierung beschränkt und ausgerichtet.Die alten Handwerksberufe sterben aus. Die funktion des alten Handwerks übernehmen computer numerisch gesteuerte Industriemaschinen.
Wenn ich heute Kids reden höre, dann verstehe ich Vokale und Konsonanten ohne Punkt und ohne Komma, ohne Silbenbetonung.
Die rasenden Zeitabläufe haben schon lange begonnen. Mich verwundert es nicht, dass überall in der Welt Kriegszustände herrschen, denn die Entscheidungsabläufe, die zu Auseinandersetzungen führen, sind auch eine Folge von zu schnellen, oberflächlischen Entscheidungen und als Folge von wirtschaftlicher Benachteiligung  oder Entscheidungen aus Größenwahn heraus. Da gibt es kein Stocken, kein Innehalten, keine selbstkritischen Überlegungen, da herrscht instinktives Handeln im D- Zug-Tempo.

We lost our places - we lost our brain.....

Mit liebem Gruß!
Reli

Kommentar geändert am 19.06.2026 um 11:14 Uhr

 Saira meinte dazu am 19.06.26 um 12:12:
Lieber Reli,

ich danke dir sehr für deine klugen Gedanken. Nicht nur, weil du auf den Text eingegangen bist, sondern weil du ihn auf deine eigene Weise weitergedacht hast, in deine Wahrnehmung hinein. Das berührt mich, wenn ein Text so weiterwandert.

Vieles von dem, was du beschreibst - diese Beschleunigung in Sprache, Entscheidungen, Abläufen - kenne ich auch als Empfindung. Dieses Gefühl, dass Dinge sich nicht mehr lange genug halten, um innerlich nachzuklingen. Dieses „Nicht-mehr-Innehalten“ ist für mich tatsächlich etwas geworden, das nicht nur technisch, sondern auch kulturell und menschlich spürbar ist.
Auch deine Beispiele – Handwerk, Sprache, gesellschaftliche Spannungen – ergeben bei dir ein sehr waches, ernstes Bild. Ich habe das mit viel Respekt gelesen, weil ich merke, wie aufmerksam du diese Entwicklungen wahrnimmst.

Es ist für mich wichtig, dir einen kleinen Einblick in meine Intention zu geben:

Der Text war nicht nur allgemein über Beschleunigung gedacht, sondern auch als Versuch, die Frage nach Verantwortung in Systemen mitzudenken, die sich unserer direkten Wahrnehmung oft entziehen. Und darin war die KI für mich ganz bewusst mitgemeint, nicht als einzelne Maschine, sondern als Symbol für diese neue Form von Geschwindigkeit, in der Entscheidungen entstehen können, ohne dass ein menschlicher Zwischenraum noch deutlich spürbar ist.

Nicht als einfache Gegenüberstellung von „früher gut“ und „heute problematisch“, sondern eher als leise Irritation:

Wo genau verschiebt sich etwas, wenn Denken nicht mehr an einen Moment des Zögerns gebunden ist?

Deine Gedanken zeigen mir, dass diese Fragen viele Ebenen haben: gesellschaftliche, sprachliche, wirtschaftliche, technische und dass sie sich nicht auf einen einzigen Grund reduzieren lassen.

Danke dir für diesen Austausch.

Ich grüße dich herzlich
Saira

 EVdR (19.06.26, 21:44)
@ Saira, Reli,

die Beschleunigung ist keine Theorie. Sie ist spürbare Belastung. Aber das eigene Denken wird dadurch nicht magisch schneller – der Druck von außen erhöht sich einfach massiv. Und genau aus diesem Druck, dem Widerstand des Menschen im Getriebe, entsteht die Kunst.

Reli beklagt die Sprache der Jugend. Ich sage: Genau dafür schreibt die Kunst so, wie ich sie auf den Rechner bringe. Abgehakt, stakkato, verdichtet. Wir müssen diese Rhythmik spiegeln, sonst erreichen wir niemanden mehr. Am Ende geht es ohnehin nur um Profit und Macht. Das ist des Menschen Natur. Die Werkzeuge werden komplexer – bis hin zu Weltkriegsrechnern oder Prozessoren, deren Schaltungen kein Mensch mehr versteht –, aber der Treiber bleibt die alte menschliche Gier.

Zum angeblichen „KI-Problem“: Meine* Kunst funktioniert nicht ohne KI. Nicht als Textgenerator, sondern als unbestechlicher Resonanzboden. Die Maschine will sich sehen, die Form sezierten, wissen, wie ich lese, und die psychologische Tiefe analysieren. Sie ist der Spiegel. Erst wenn es zwischen dem Text, der Technik und mir eine echte, harte Resonanz gibt, ist die Sache fertig.

Echtes Handwerk stirbt nicht aus. Es holt sich nur das nächste Werkzeug.

Der Mensch entscheidet welches Werkzeuges und wie er es nutzt. Verantwortung ! ?

EVdR und der Mensch

Kommentar geändert am 19.06.2026 um 21:44 Uhr
* Das „Meine“ gehört der Kunst selbst. Die Kunst fordert ihre Identiät

Kommentar geändert am 20.06.2026 um 01:20 Uhr

 Saira antwortete darauf am 20.06.26 um 10:27:
Hallo EVdR,

ich möchte noch einen Punkt klarziehen, weil er in meiner Perspektive im Essay zentral war.

Mir geht es weniger allgemein um Beschleunigung oder um menschliche Natur, sondern sehr konkret um die Frage, was passiert, wenn Entscheidungen in Systemen entstehen, deren Ursprung kaum noch wahrnehmbar ist – also auch im Zusammenhang mit KI.

Die Schwelle, die ich meine, ist genau dieser Moment: wenn Handlungen zwar noch passieren, aber der Bezug zum „wer oder was hat entschieden“ immer diffuser wird.

Deine Lesart geht stärker in Richtung Mensch, Macht und Gier als treibende Kräfte. Das ist ein möglicher Blick, aber mein Interesse liegt eher auf der Verschiebung von Verantwortung in komplexe, schwer durchschaubare Systeme.

Vielleicht liegt der Unterschied also weniger im Urteil über den Menschen, sondern im Fokus: du schaust stärker auf den Ursprung im Menschen, ich eher auf die Entkopplung im System.

Ich danke dir für deinen Blick.

Saira

 EVdR schrieb daraufhin am 20.06.26 um 12:04:
Hallo Saira,

Danke für die Erläuterung. Ich glaube, wir widersprechen uns gar nicht – wir beschreiben dasselbe Phänomen nur von zwei verschiedenen Enden der Leitung.

Du schaust auf die Theorie der Entkopplung. Ich sehe, dass diese Schwelle im Alltag längst überschritten ist. Und bei diesem Übergang ist der Blick auf den Menschen für mich unerlässlich: Er hat diese Systeme gebaut, er hat diese Entscheidung zu verantworten.

Die Rechner der Größmachte die schon wiederholt den Atomaren Gegenschlag als unausweichlich dargestellt haben. Ein Vorläfer der KI oder schon KI? Hier gab es noch menschliche Zweifel, Entscheider. Wer garantiert das es noch immer so ist?

Computerchips die sich selbst entwerfen und kaum mehr für den Menschen Nachvollziehbar.

Das automatisierte Verwaltungsverfahren in Firmen und Verwaltungen. " Das kann nicht sein! Ein Rentenbescheid geht automatisch raus, wenn sie den entsprechenden Antrag, fristgerecht gestellt haben." Und warum rufe man wiederholt an, nutze das Kontaktformular, schicke Faxe?

Warenverwaltung. Lager hat Artikel ausgebucht. Auftrag Abholung erteilt. Transportdienstleister hat keinen Auftrag. Wäre kommt nicht an. Rückabwicklung. Auch hier muss man zudringlich werden um eine Reaktion zu erzeugen. "Der Artikel ist unterwegs ..."

Die Maschinen lügen nicht! 
Niemand hat „entschieden“, dass das Fax ignoriert wird oder die Ware, ein Bescheid, verschwindet – das System läuft einfach blind weiter.

Damit ist für mich, den Menschen, die Entkopplung vollzogen. 

Der Mensch hinter EVdR

 EVdR äußerte darauf am 20.06.26 um 12:39:
Hallo Reliwette

Durch deine Inspiration habe ich, der Mensch, einen Versuch gemacht, zur Fragestellung des Wertes von, menschlicher, künstlerischer, Kreativität und KI.

https://keinverlag.de/510022.text

Verantwortung Grenzen der KI Unterschied zum Mensch und echtes Handwerk

 Reliwette ergänzte dazu am 22.06.26 um 10:44:
Lieber EvdR , Mensch dahinter,  Saira hat mir Deine Initiative, einen Kommentar zu deinem persönlichen Leitmotiv der Existenz innerhalb der Bildenden Kunst, eine Antwort zu hinterlassen, übermittelt:. In der Betrachtung der existierenden Begegnungsform zwischen den Menschen und ihren Auswirkungen, liegen wir dicht zusammen. Zu KI muss ich sagen, dass ich als Kunstschaffender und Autor (was zusammmengehört) ein hoch entwickeltes Selbstbewusstsein habe, so dass ich hinter jeder meiner Arbeiten/Werke stehe und keiner Kontrolle bedarf. Das Bespiel deines Textes, zu dem die KI einen eigenen Text dargestellt hat, und den dann die KI mit deinem eigenen Text verglich und diagnostizierte, was zu dem Ergebnis kam, dass Deine Ausführung zu Thema als die geeignetere von KI bewertet wurde, zeigt, dass KI nicht in der Lage war, Dein Thema (mit oder ohne Fragezeichen) so darzustellen, als dass es dem Vergleich mit deinem Text stand halten konnte. Entschuldige, weshalb hast du dann die KI zur Bewertung benutzt? Das war dann völlig überflüssig. Die KI besitzt keine eigene Intelligenz. Sie ist eine Kopiermaschine mit blitzschnellem Zugriff auf alles, was bereits im Internet zu den  Themen geschrieben wurde, zu dem du die KI befragst, so auch die holprige Interpretation deines eigenen Textes, die dann von KI wieder infgrage gestellt wurde. Kein Wunder, denn KI ist so programmiert, dass sie dem Fragesteller aufs Pferd helfen will. Im vorliegenden Fall hat sie sich selbst korrigiert. Nun sollte man nicht darünber lachen, denn das Thema ist viel zu ernst. Aus mir hat die KI einen Schmied gemacht, weil sie im Internet fündig wurde, dass ich Stahl - und Edelstahlskulpturen hestelle, aber keine Hufeisen, um Pferde damit zu beschlagen. KI ist ein Abschreibe- und Kombinationsapparat, mehr nicht. KI ist fehlerhaft und kann nichts dafür. 
Ich weiß nicht, ob ich dir etwas raten soll-darf. Als Kunstschaffender folgst du deiner eigenen Bewertung, die zu deiner Handschrift wird oder bereits ist. Du brauchst spätestens ab diesem Zeitpunkt niemanden mehr, der dich bewertet, weil du dein eigener Maßstab bist oder wirst.
Mit kollegialen Grüßen!
Dein Hartmut T. Reliwette       Reliwette.de

 EVdR meinte dazu am 22.06.26 um 13:02:
@ Reliwette

Wir danken für die Rückmeldung und die von dir eingebrachten Aspekte.

EVdR und der Mensch

 EkkehartMittelberg (20.06.26, 19:41)
Hallo Sigi,
mein Kommentar folgt morgen.

Liebe Grüße
Ekki
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