Anfang ohne Hände

Gedicht zum Thema Apokalypse

von  Saira

Ein Blau,
verletzt,
dreht sich im Schatten der Zeit
wie ein abgerissener Nerv.

 

Ewigkeit:
Staub, der glaubt,
unsterblich zu sein.

 

Der Anfang simuliert sich selbst,
ein Architekt mit amputierten Händen,
fragt den Schutt,
ob Mensch noch ein Name ist.

 

Rauch kniet.
Eis schweigt.
Winde wiegen Knochen.

 

Im Riss der Erde
trinkt ein grüner Puls
die Tränen der Nacht.
Ein Atem.
Ein Schrei.
Ausgelöscht.

 

Das Unverderbliche
legt Eier ins Nichts.
Die Leere wird Brutkasten.
Münder huldigen ihm,
mit Zähnen.

 

Eine Lehmschöpfung greift
nach dem Artefakt Apfel.

 

Der Sturm erinnert sich.
Der Tag zieht die Haut aus.
Die Nacht zieht sie an.

 

Atem brennt.
Zeit geht.
Zeit geht weiter, ohne uns.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026




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Kommentare zu diesem Text


 KriegerinDerTräume (29.01.26, 10:48)
Starker Anfang. Starke Metaphern. Sehr lebendige Zeilen. LG A.

"Rauch kniet.
Eis schweigt.
"


"Der Sturm erinnert sich.
Der Tag zieht die Haut aus.
Die Nacht zieht sie an.
"

 Saira meinte dazu am 30.01.26 um 11:56:
Es freut mich sehr, dass die Bilder für dich eigenständig wirken konnten.


LG

 EkkehartMittelberg (29.01.26, 17:45)
Hallo Sigi,
originelle Metaphern beschwören die Apokalypse und dann wird deutlich, dass sie bedeutungslos ist gegenüber der alles beherrschenden Zeit.
Liebe Grüße
Ekki

 Saira antwortete darauf am 30.01.26 um 11:57:
Moin Ekki,

ich habe die Apokalypse weniger als Ereignis gedacht, sondern als Offenbarung: Dass Zeit nicht „mit“ uns ist, sondern uns nur trägt und fallen lässt. Deine Beobachtung trifft genau diesen Gedanken.

 
Liebe Grüße
Sigi

 AchterZwerg (30.01.26, 07:12)
Liebe Sigi,

gern schließe ich mich den Lobpreisungen meiner Vorkommentatoren an.

ein Architekt mit amputierten Händen,
fragt den Schutt,
ob Mensch noch ein Name ist.
Der Philosoph Schopenhauer pflegte seinen Pudel im Zorn "du Mensch!" zu nennen. Normalerweise aber "Atman", die Weltenseele.

Oder kurz "Butz."  8-)

 Saira schrieb daraufhin am 30.01.26 um 11:57:
Liebe Heidrun,

schöne Assoziation. Der Architekt im Schutt könnte wirklich so ein schopenhauerischer „du Mensch!“-Rufer sein – einer, der merkt, dass der Name verhallt. „Atman“ wäre Trost, Butz ein letzter irdischer Anker.

 
Liebe Grüße
Sigi

 Didi.Costaire (30.01.26, 11:24)
Hallo Sigi,

mit dem, was er glaubt, liegt der Staub ganz richtig. Und nun wischt ihn auch niemand mehr weg.

Eindrucksvolle Verse!

Liebe Grüße, 
Dirk

 Saira äußerte darauf am 30.01.26 um 11:58:
Hallo Dirk,

Staub, der glaubt und niemand wischt ihn weg. Dieses Bild trägt für mich viel von der stillen Endgültigkeit.

 
Danke dir fürs Lob.
 
Liebe Grüße
Sigi

 TassoTuwas (01.02.26, 11:03)
Hallo Sigi,
alle Warnungen vor der Apokalypse werden untergehen im immer schriller werdenden Getöse von falschen Prophezeiungen.

Du malst schrecklich-wunderschöne Bilder!

Das Tröstende am Weltuntergang wird sein, dass mit ihm zum ersten Mal alle Menschen gleich sein werden.

Liebe Grüße
TT

 Saira ergänzte dazu am 01.02.26 um 12:50:
Lieber Tasso,

ja, das Getöse übertönt die Warnungen, bis selbst das Ende nur noch ein Geräusch unter vielen ist.

Die Vorstellung, dass wir im Untergang gleich werden, ist tröstlich und schmerzlich zugleich: ein Frieden, der zu spät kommt.

Ich danke dir für diese Nähe zum Text.

Herzliche Grüße
Sigi

 Reliwette (19.02.26, 12:23)
Liebe Sigrun

"Es ist die Zeit, die uns mahnt: Nichts Irdisches währt ewig!"

Gut ist, wenn man es weiß, denn dann ist das Streben nach Macht und Unterwerfung völlig sinnlos.
 
"Und die Philosophen stolpern über das letzte Blatt, das von der schon kahlen Birke taumelt".

"Ein Blick in die Astronomie klärt banges Hoffen!" Tröstlich vielleicht, dass ohne  Luft kein Knall  und im unendlichen Raum fehlt dem Wiegen ohne Schwerkraft jede Bedeutung".

Spielt "hoppe, hoppe, Reiter", so lange noch ein Knie zur Verfügung steht.

Mit unendlichem Gruß!
Hartmut

 Saira meinte dazu am 19.02.26 um 20:36:
Lieber Hartmut,

dein astronomischer Blick verschiebt die Verhältnisse. Im Raum ohne Luft verstummt jeder Knall, und ohne Schwerkraft verliert selbst das Wiegen sein Gewicht. Das Dröhnen, das uns hier so groß erscheint, schrumpft dort oben zu einer lautlosen Geste.

In dieser Weite liegt ein eigener Trost: dass weder Triumph noch Untergang Bestand haben, sondern alles in dieselbe Stille übergeht.

„Hoppe, hoppe, Reiter“ ... ein letzter kindlicher Trotz gegen die Zeit, solange noch ein Knie trägt und Erinnerung Bewegung kennt.

Herzliche Grüße
Sigi ...oder ...  :)
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