Briefe an den Abgrund
Kurzgeschichte zum Thema Psychologische Phänomene
von Saira
Anmerkung von Saira:
Diese Geschichte entstand aus meiner literarischen Neugier auf ein Phänomen, das ebenso verstörend wie gesellschaftlich aufschlussreich ist: Hybristophilie – die Faszination für Gewaltverbrecher.
Mich beschäftigte dabei weniger der Täter als die eigentümliche Anziehungskraft, die von ihm ausgeht. Genauer gesagt: die Frage, warum Serienmörder Liebesbriefe erhalten, während freundliche, steuerzahlende Durchschnittsmenschen ihr Dasein in stiller Bedeutungslosigkeit beschließen.
Der Text versteht sich daher auch als kleine literarische Gegenstimme zur hartnäckigen Romantisierung realer Gewalt. Denn die Faszination für Täter ist kein exotisches Randphänomen, sondern Teil einer kulturellen Schieflage, in der Abgründe Aufmerksamkeit erzeugen und Aufmerksamkeit nicht selten mit Bedeutung verwechselt wird.
Sollte diese Geschichte Irritation auslösen, so wäre genau das beabsichtigt.
Kommentare zu diesem Text
eine spannende Erzählung, aber verdammt gruselig. Ein wirklich seltsames Phänomen.
Liebe Grüße,
Dirk
danke dir! „Spannend, aber gruselig“ trifft tatsächlich ziemlich genau die Wirkung, die ich beabsichtigt habe. Mich reizte gerade diese stille, schleichende Form des Unheimlichen … weniger das Offensichtliche als das psychologisch Verschobene.
Und ja, das Phänomen selbst bleibt verstörend, gerade weil es real existiert.
Liebe Grüße
Sigi
Opfer sind nur ein klollaterales Ereignis und schnell vergessen
Der Knastbruder ist wenigstens ehrlich in seiner Gewalt.
Der Büro-Täter ist feige, weil er sich hinter Paragraphen versteckt.
Beide fressen Seelen, aber nur einer wird dafür „Täter“ genannt.
Das Thema berührt viele Ebenen: von medialer Sensationslogik bis hin zu strukturellen Formen von Gewalt. Meine Geschichte greift davon bewusst nur einen Ausschnitt heraus: die individuelle, psychologische Faszination.
Umso interessanter, welche weiterführenden Perspektiven du hineinliest.
LG
Saira
Da hätte dein Text als krönende Zugabe wunderbar gepasst.
Der
Hannes
https://www.fraunhofertheater.de/spielplan/cpevent/2b26f695-b2f1-4f7c-a240-b274d55be290
das Fraunhofer Theater muss ein ganz besonderer Ort für literarische Lesungen sein! Sophie von Kessel kenne ich als faszinierende Schauspielerin. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie als Leserin die Atmosphäre der Schauerromantik perfekt eingefangen hat. Es muss ein spannender und zugleich unheimlicher Abend gewesen sein.
Herzliche Grüße und danke für deine Wertschätzung zu meinem Text,
Saira
ein seltenes aber bekanntes und für die meisten kaum zu verstehendes Phänomen, das zu beschreiben, ohne sich des reißerischen oder moralisch Besserwisserischen zu bedienen, braucht großes literarisches Fingerspitzengefühl.
Das ist gelungen.
In der so erzählten Geschichte bleibt das Ende offen, ein letzter Funken Hoffnung glimmt.
Herzliche Grüße
TT
ganz lieben Dank für dein aufmerksames Lesen und deine wertschätzenden Worte.
Dass du ausgerechnet das „Fingerspitzengefühl“ hervorhebst, freut mich besonders. Genau dort lag für mich beim Schreiben die größte Fallhöhe: nicht ins Reißerische zu kippen, aber auch nicht ins moralische Dozieren. Weder wollte ich den Täter zum dunklen Mythos überhöhen, noch Eva auf die Schablone eines „naiven Opfers“ reduzieren. Mich interessierte vielmehr dieser leise, gefährliche Sog … gespeist aus Projektion, innerer Leere, dem Wunsch nach Bedeutung … und aus dem verhängnisvollen Glauben, man könne den Abgrund betrachten, ohne dass er zurückblickt.
Umso schöner, dass du die Haltung dahinter spürst: nicht sensationshungrig, aber eben auch nicht beschwichtigend.
Den Hoffnungsschimmer, den du im offenen Ende wahrnimmst, finde ich spannend. Für mich ist er eher ein sehr zartes, unsicheres Flackern: weniger Rettung als ein Moment des Erkennens.
Danke dir sehr fürs Mitdenken und Mitfühlen.
Herzliche Grüße
Sigi
dass sich vor allem ledige und/oder vereinsamte Frauen in "Knackis" verlieben, ist nicht selten. Dass eine Rechtsanwältin sich in einen Verbrecher verliebte, ihm hörig wurde und ihm sogarr eine Schusswaffe beim Besuch übergab, ist vorgekommen.
Ein täuschender Strafgefangener wirkte konsequent im Redaktionsteam einer literarischen "Knastzeitung" mit Außenwirkung. Er brachte eindrucksvolle Texte ein, mit denen er Anerkennung fand.
Somit ergab sich für ihn die Gelegenheit, sich an eine junge Frau innerhalb einer Kontaktgruppe heran zu machen, was für die Frau zu schwerwiegenden Ereignissen führte. Er dominierte die Junge Frau, machte sie abhängig,so dass sie ihn bei einem Raubüberfall während eines Freiganges zur Seite stand. Die Eltern der jungen, nicht vorbestraften Dame machten der Anstalt im Nachhinein schwere Vorwürfe. Das Mindestalter für Kontaktgruppenmitglieder war auf 18 Jahre festgelegt.
Ein anderer Fall: Eine russische Lehrerin verliebte sich per Brief-und Fotopost in einen recht "einfachen"Straftäter, der in der Mucki-Bude seinen Körper trainiert hatte, so dass er optisch "etwas hermachte." Als das Therapie-Team von seinen Heiratsabsichten erfuhr,, schrillten alle Alarmglocken. Überlegungen kreisten um das Thema. Was passiert, nachdem die russische Dame die deutsche Staatsangehörigkeit durch die Heirat erlangen würde?
Die "dunkle Seite"scheint, wie Du schreibst, in einigen Fällen eine magische Anziehungskraft auszuüben, aber oft wirkt das Phänomen Helfersyndrom als Verbindungselement zwischen den extremen Lebensverhältnissen, oder aber Frauen wissen, dass der Angebetete zwar ein Krimineller ist, aber der kann nicht weglaufen, solange er sich in Haft befindet.
Dein Text ist gut aufgebaut und schlüssig. Ich konnte nicht umhin, der dunklen Seite noch einige Aspekte hinzuzufügen. Wir sollten uns zusammentun, um ein Buch über den Justizvollzug insbesondere über die Sozialtherapie innerhalb des Justizvollzuges zu schreiben. Die Ereignisse, die ich erlebte, sind dermaßen abgehoben, dass mir kaum einer diese Verläufe abnehmen würde.. Außerdem will ich meine Kollegen und Kolleginnen nicht verunglimpfen. Die haben es ohnehin sehr schwer, diesen Beruf bis zu ihrer Pensionierung heil und gesund zu überstehen.
Ich bitte um Nachsicht, dass ich meine eigenen Erfahrungen in Deinen wundervollen Text eingebracht habe.
Lieber Gruß!
Hartmut
dein Kommentar hat in mir eine eigentümliche Stille hinterlassen – jene Art von Nachhall, die entsteht, wenn Erzähltes nicht nur gedacht, sondern erlebt worden ist.
Die Beispiele, die du schilderst, tragen diese Schwere gelebter Wirklichkeit in sich: Begegnungen, in denen Nähe und Abhängigkeit ineinandergreifen, in denen Faszination nicht wie ein Funke wirkt, sondern eher wie ein langsames, dunkles Einsickern.
Besonders dein Gedanke an das Helfersyndrom blieb bei mir haften. Dieses Bedürfnis, einen Verlorenen zu retten und dabei vielleicht selbst Schritt für Schritt in seine Tiefe hinabzugeraten, berührt etwas sehr Menschliches: den Wunsch, gebraucht zu werden, Bedeutung zu spüren, selbst dort, wo das Dunkel längst dichter ist als das Licht.
Mein Text selbst tastet eher diese innere Schwelle ab. Nicht die dokumentierte Tat, nicht die Fallgeschichte, sondern den Moment davor: wenn aus Distanz ein leises Hingezogensein wird, aus Beobachtung eine unsichtbare Bindung. Wenn der Abgrund nicht ruft, sondern still wartet … und jemand beginnt, sich ihm zuzuneigen.
Darum empfinde ich deine Ergänzungen auch nicht als „Einbringen“ in meinen Text, sondern wie eine zweite Perspektive auf dasselbe Gefälle: einmal von innen ertastet, einmal von außen bezeugt.
Dein Gedanke an ein gemeinsames Buch spricht mich durchaus an. Gerade die Verbindung deiner gelebten Erfahrungen mit meinem eher literarisch-psychologischen Zugang könnte eine spannende Tiefe entfalten.
Im Moment jedoch bindet mich ein neuer Roman, an dem ich intensiv arbeite und der mir in diesem Jahr kaum Raum für ein weiteres Projekt lässt. Danach aber kann ich mir gut vorstellen, diesen Gedanken noch einmal gemeinsam weiterzudenken …
Danke dir jedenfalls für das Vertrauen, mit dem du deine Eindrücke hier teilst und für den Blick hinter jene Türen, die für viele verschlossen bleiben.
Liebe Grüße
Sigrun