Der Wind hatte ihn vergessen

Brief zum Thema Betrachtung

von  Saira

Ach G.,

der Wald tut noch so,
er sei unberührt.

Aber die Wege
erzählen etwas anderes.

Sie liegen offen da,
aufgerissen
von schweren Maschinen,
und der Boden wirkt müde,
ihm wurde
zu viel genommen.

Die Rückemaschinen
rühren die Erde
zu braunem Brei,
während irgendwo
in Festmetern gerechnet wird.

Vielleicht wird ein Wald
nicht auf einmal still,
sondern Baum für Baum.

Kaum noch Wild.

Und manchmal liegt
eine solche Stille
zwischen den Bäumen,
dass sie wehtut.

Und trotzdem
singen die Vögel.

Anfangs zaghaft,
dann wieder mutiger,
als wollten sie
die Stille
nicht gewinnen lassen.

Zwischen den Zweigen
bewegen sich ihre Stimmen
wie kleine Lichtstreifen.

Und ein Specht
arbeitet meist unermüdlich,
wie der Letzte,
der den Betrieb
noch aufrechterhält.

Letztes Jahr lag ein Adler
am Weg.

Groß.
Still.

Der Wind
hatte ihn vergessen.

Ich zog ihn
an den Wegrand
und deckte ihn
mit Blättern zu.

Ein kleiner,
hilfloser Respekt
für etwas,
das größer war
als ich.

 

Ein Rotmilan zog heute vorbei
und sein Ruf hing lange
zwischen den Bäumen:

wiiiuu.
wiiiuu.
Hiähh.

Es klang so,
als würde der Himmel
trauriger werden.

Am Bach wollte ich
Wilma ein Stöckchen werfen.

Dann rutschte ich aus.

Wusch.

Da saß ich im Matsch,
und für einen Moment
musste ich lachen.

Wilma stand neben mir,
Stock im Maul,
ruhig,
geduldig,
als sei Fallen
etwas ganz Natürliches.

Vielleicht hatte sie recht.

Wer Wälder liebt,
nimmt immer etwas mit nach Hause.

Manchmal Erde.
Manchmal Traurigkeit.

Deine matschgeprüfte
S.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (26.05.26, 21:26)
Moin, liebe Saira,
das ist eine Reality - show mit Matscheinlage., aber vielen Eindrücken, an denen du uns teilhaben lässt. Ja, wenn Förster zu Unternehmern werden, ist ihr Ruf in Gefahr. Ausdünnen, aber nicht immer die Schwächsten oder krankesten Bäume, denn die will niemand haben, nicht mal zum Brennen im Winter. Der Borkenkäfer könnte das Buffet befallen. Ja, Romantik ist nicht des Waldarbeiters beste Freundin, sondern die Kettensäge.
.Sie dröhnt mit tybischerm Sägezahngeräusch und warnt vor stürzenden Bäumen. KV wird zum Zeugen für Waldfrevel in unseren Landen.
Ja, Saira, das ist deine kritische Stimme, die Gehör verdient!
Reli grüßt!

 Saira meinte dazu am 27.05.26 um 09:06:
Lieber Reli,

genau das ist das Traurige: dass der Wald heute oft rechnen können muss, bevor man ihn noch leben lässt:

Festmeter.
Ertrag.
Nutzfläche.

Und irgendwo dazwischen stehen noch die alten Bäume.

Ich danke dir, dass du so aufmerksam mit mir durch diesen Wald gegangen bist. 

Liebe Grüße
Saira

Antwort geändert am 27.05.2026 um 09:06 Uhr
Alabanda (41)
(26.05.26, 21:38)
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 Saira antwortete darauf am 27.05.26 um 09:07:
Moin Alabanda,

ja, der Adler war tatsächlich real.

Danke dir für den Hinweis mit dem NABU. 

LG
Saira

 EkkehartMittelberg (27.05.26, 12:31)
Hallo Sigi,
du zeigst uns den Wald nicht nur aus der Perspektive des Ausbeutung, sondern auch der Komik.
Nur wer sich nicht verbeißt, vermag langfristig Energieen gegen das Waldsterben zu entwickeln.
Herzliche Grüße
Ekki

 Saira schrieb daraufhin am 27.05.26 um 17:17:
Hallo Ekki,

ich glaube, Wilma war in diesem Text der vernünftigste Charakter von allen.  :)

Während ich noch über Waldsterben und verlorene Stille nachdachte, fand sie vermutlich einfach: „Mensch gefallen. Passiert.“

Danke dir sehr für deinen warmen Blick auf den Text.

Herzliche Grüße
Sigi

 Didi.Costaire (27.05.26, 21:46)
Moin Sigi,

ein Wald ohne Wild wäre schlimm, fast wie ein Hündchen ohne das richtige Händchen. Zum Glück kümmerst du dich um beides. 🤗

Liebe Grüße, 
Dirk

 Saira äußerte darauf am 28.05.26 um 12:19:
Moin Dirk,

Wilma hätte deine Prioritäten sofort verstanden:
Erst Stock. Dann Weltrettung. :)

Ich danke dir!

Liebe Grüße
Sigi
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