Punkt

Gedicht zum Thema Ende

von  Saira

Er tritt aus dem Schatten,
eine Fußnote im Manuskript der Nacht,
im Mantel aus staubigem Asphalt.

 

Die Stadt legt ihm ihre Zunge um den Hals
und kaut gedankenlos an seinem Fleisch.
Reklamen predigen Erlösung im Sonderangebot,
lackierte Särge stehen geschniegelt im Schaufenster
und spiegeln die Augen zurück,
deren Bilanz sie längst kennen.

 

Automaten verschlucken Münzen,
spucken Hoffnung in Portionen aus.
Die Kanalisation trägt Parfum,
damit Armut nicht stinkt, sondern still fault.

 

Ein Baum steht unter Bewährung,
mit Schal gegen die Sinnfragen.
Ein Haus wirft seine Haut ab,
Ziegel bröckeln aus dem Gebiss der Zeit.

 

Fettgeruch und Bieratem salben die Nacht.
Absätze klopfen Morsezeichen der Begierde,
in Waschsalons zerreißen Paradiesvögel
die Liturgie aus Weiß und Bunt,
als ließe sich Reinheit auswringen.
Zeitungen prügeln sich selbst in den Tod
hinter bernsteinfarbenem Glas.

 

Eine Greisin weicht dem eigenen Herzschlag,
dem Steckbrief ihres Körpers.

 

Er geht vorbei.
Schmerz zahlt jeder in Raten.

 

Ein Hund prüft ihn, wittert Endlichkeit,

wo Menschen nichts sehen,
und flieht vor dem Gestank.
Der Fremde trägt den Punkt im Atem.

Sein Schritt ist Löschung.

 

An der Ecke schwankt ein Mann,
ein Satzfragment ohne Adressat,
das niemanden mehr braucht
und niemanden erwartet.


 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Didi.Costaire (26.01.26, 14:15)
Moin Sigi,

die Schönheit der Worte, mit denen du die Trostlosigkeit beschreibst, lässt eine bessere Realität möglich erscheinen. 

Liebe Grüße, 
Dirk

 Saira meinte dazu am 26.01.26 um 18:37:
Danke, Dirk. Mich tröstet manchmal der Gedanke, dass selbst Dunkelheit in Sprache etwas Formbares wird.
 
Liebe Grüße
Sigi

 eiskimo (26.01.26, 14:53)
Ich spüre hier so etwas wie die Grammatik des Todes, ungeschönte  Satzfragmente, die das unaufhaltsame Ableben bebildern.
Sehr stark!

Eiskimo

 Saira antwortete darauf am 26.01.26 um 18:39:

Grammatik des Todes
das ist fast schon Poetik. Ich denke, Lyrik ist immer der Versuch, diese Grammatik kurz sichtbar zu machen, bevor sie uns verschluckt.

 
Danke und liebe Grüße
Saira

 EkkehartMittelberg (26.01.26, 15:16)
Hallo Sigi,
die Originalität der Bildern und Metapern in diesem Gedicht sucht ihresgleichen.
Liebe Grüße
Ekki

 Saira schrieb daraufhin am 26.01.26 um 18:39:
Lieber Ekki, 

danke dir. Ich wollte, dass die Bilder wie Randnotizen der Stadt wirken … eigenwillig, manchmal verstörend. Schön, dass dir diese Eigenart aufgefallen ist.

Liebe Grüße
Sigi

 Hannes (26.01.26, 20:16)
Dein Gedicht ist weit mehr als
eine Fußnote im Manuskript der Nacht
Danke wieder einmal für diese kostbaren und außergewöhlichen Zeilen.
Der Hannes

 Saira äußerte darauf am 27.01.26 um 18:19:
Moin Hannes,

danke für dieses schöne Echo und für das Aufgreifen der Zeile. Das freut mich sehr.  :)


Liebe Grüße
Saira

 AchterZwerg (27.01.26, 06:39)
Dein wunderbares Gedicht passt gut zu einigen Kommentaren unter Ekkis "Obdachlosigkeit.

 Saira ergänzte dazu am 27.01.26 um 18:20:
Liebe Heidrun,

danke dir für die Verbindung zu Ekkis Text. Obdachlosigkeit ist ja nicht nur eine soziale, sondern auch eine innere Erfahrung. Die Kommentare bei Ekki zeigen, wie schnell Empathie und Abwehr ineinander kippen können.

 
Herzliche Grüße
Sigi

 plotzn (27.01.26, 10:51)
Starke und einprägsame Bilder, die Du da aus Worten zauberst, liebe Sigi! Sie machen die Trostlosigkeit greifbar.

Ein Baum steht unter Bewährung
Ziegel bröckeln aus dem Gebiss der Zeit
Nur zwei Beispiele von Stellen, vor denen ich den Hut ziehe.


Liebe Grüße
Stefan

 Saira meinte dazu am 27.01.26 um 18:27:
Servus Stefan,

diese Bilder sind für mich kleine Vorboten des Endes: Bewährung und Verfall, Urteil und Zerfall.

Schön, dass sie bei dir Resonanz gefunden haben.

Danke und liebe Grüße
Sigi


 Moppel (27.01.26, 12:04)
ein starker Text, saira mit starken Metaphern. darum würde ich fast den letzten Vers weglassen und bei Löschung enden...Weil du dann quasi auch mit dem Punkt im Titel endest.
lG von M.

 Saira meinte dazu am 27.01.26 um 18:27:
Moin Moppel,

dein Vorschlag mit dem Punkt als Schluss hat eine schöne formale Konsequenz, die mich auch gereizt hat.

 
Ich habe mich dennoch für das Fragment danach entschieden. „Löschung“ ist ein Akt – das Satzfragment ist das, was bleibt, wenn der Akt schon vollzogen ist: ein Rest, ein Echo, ein Mensch als unvollendeter Satz in der Stadt.
 
Das Gedicht sollte nicht sauber enden, sondern nachhallen, wie ein Satz, der niemanden mehr erreicht.
 
Danke fürs genaue Mitdenken.
 
LG
Saira

 Aber meinte dazu am 27.01.26 um 18:34:
Aber nicht, dass Du mich nun in den Schatten stellst, liebe Sigrun.

 Saira meinte dazu am 28.01.26 um 09:14:
Keine Sorge, lieber Aron,  :)  ich schreibe Texte, keine Ranglisten.

Liebe Grüße
Sigrun

 TassoTuwas (28.01.26, 12:08)
Hallo Sigi,
Maler malen, Schriftsteller schreiben.
Ein starker Text ist ein Text dessen Worte beim Leser spontane Bilder auslösen.
Bei diesem Gedicht sind es die Schreckensbilder eines Goya oder Hieronymus Bosch, gemalte Albträume voller Symbolkraft, in ihrer schonungslosen Darstellung einer aus dem Gleichgewicht geratenen Welt.
Dort wie hier, gleichzeitig schrecklich und schön, in jedem Fall beeindruckend!
Herzliche Grüße
TT

 Saira meinte dazu am 28.01.26 um 19:50:
Lieber Tasso,

Goya und Bosch ... das sind Maler der entgleisten Ordnung, Chronisten des Traums und der Apokalypse. Dein Vergleich berührt mich sehr.

Ich glaube, Lyrik ist ein ähnlicher Raum: ein Bildersaal, in dem das Schreckliche Zeichen wird und das Schöne beunruhigt.

Danke für diesen kunstvollen Spiegel.

Herzliche Grüße
Sigi

 AvaLiam (31.01.26, 18:33)
.... ich betrachte hier - nach deinen wunderbaren Zeilen, die Dunkelheit respektvoll beschreiben - meinen ebenso respektvollen und würdigenden Kommentar darin, einfach einen Punkt zu setzen.

Mit einer herzlichen Umarmung
Ava
.
Zur Zeit online: