Die Anatomie des Neids

Gedicht zum Thema Missgunst

von  Saira

Wer Formen misst, statt Sinn zu sehn,
hat längst die Sicht verlernt.
Wer Wandel spürt und „Lüge“ schreit,
ist meist nur selbst verzehrt.
Aus manchen Zeilen steigt empor
ein Schatten, still und schlicht:
Wer Täuschung ruft, wo keine ist,
entlarvt vor allem –
sein Gesicht.


Wer jedes Maß zum Urteil macht,
verengt den eignen Geist.
Wo Wechsel fließt, wird rasch Verdacht
zum kleinen Herrschaftstrick.
Und wer in fremden Zügen „List“
und „Schummel“ wittern will,
der spricht vor allem eines aus:
die Angst –
im eignen Bild.

 

Aus Ritzen, die die arme Seele scheut,
da sinkt ein alter Trieb hinab.
Ein Augenschnitt, fixiert auf fremdes Sein,
enthüllt, was tief im Innern blieb.

Wo stiller Mangel Übermaß
an andren Silhouetten sucht,
entlarvt der Drang nach Deutung stets
den Kern –
verdrängter Furcht.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2025



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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (03.12.25, 20:40)
Es gibt den tröstenden Spruch, dass man sich Neid verdienen muss.
Das stimmt zwar, nimmt dem Gesicht des Neids aber nicht die Verzerrung.

 Saira meinte dazu am 04.12.25 um 11:05:
Hallo Ekki,

ja, Neid will verdient sein – und dennoch bleibt die Grimasse, die er hervorbringt, das wahre Gesicht dessen, der ihn trägt.

Manchmal wird erst durch diese Verzerrung sichtbar,
welche inneren Bewegungen dahinterstehen.

Ich schätze deinen Blick sehr.

Herzlich
Sigi

 TassoTuwas (05.12.25, 20:01)
Liebe Sigi,
Neid begleitet die Menschheit seit ihrem Dasein. 
Ihn zu beseitigen wäre nur möglich in einem Gesellschaftssystem, in dem es keine materiellen, moralischen und bildungsbedingten Unterschiede geben würde.
Theoretisch vorstellbar, praktisch unmöglich.
Es gibt kein Paradies auf Erden.
Herzliche Grüße
TT

 Saira antwortete darauf am 06.12.25 um 10:33:
Lieber Tasso,

Neid lässt sich wohl nie ganz aus der Welt schaffen. Selbst der erste Garten kannte ihn, und seine Stimme ist heute nicht leiser geworden. 

Manchmal spricht sie mit großem Eifer und kleiner Seele.

Liebe Grüße
Sigi
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