Kunibert, Siegfried und das Odeur der Verwesung

Historisches Drama zum Thema Betrachtung

von  Saira

Kunibert, arbeitsloser Kesselflicker, Tagträumer und offizieller Patron der verpassten Gelegenheiten, hockte mit der Anmut eines lahmen Ochsens auf dem Marktplatz. Dort, wo der Wind die Gerüche von ranzigem Talg, altem Fisch und den latenten Ausdünstungen des öffentlichen Aborthauses zu einer Ode an die Verwesung verwirbelte, studierte er die Bekanntmachungen am Pranger. Die Auswahl an freien Gewerken war wie immer berauschend: Henker (mit Aussicht auf Kopfgeld und gelegentlichem Kopfverlust), Hofnarr (mit Aussicht auf Kopfschmerzen und Fußtritten) oder – welch Offenbarung – Kesselflicker.

 

„Wenigstens muss ich mich nicht mit kunstvollen Pergamenten und güldenen Siegeln beim Stadtrat bewerben“, murmelte er und kritzelte ein paar Verse für den nächsten Dichterwettstreit auf die Rückseite eines alten Ablassbriefes, dessen Wert inzwischen nur noch zum Ausstopfen von Hühnern oder als Notpapier auf dem Donnerbalken taugte.

 

Sein Freund Siegfried, ein Ritter von so zweifelhaftem Heldenmut, dass selbst die Hofnarren beim Anblick seiner rostigen Rüstung in schallendes Gelächter ausbrachen, schleppte sich heran wie ein abgewiesener Reliquienhändler nach der Fastenzeit. Die Augen trüb wie das Wasser im Burggraben nach dem alljährlichen Schweinebad, das Gesicht verzogen, als hätte er soeben auf dem öffentlichen Plumpsklo nach Sinn und Ehre gesucht – und beides nicht gefunden. „Zu viele Drachen, zu wenig Zeit für die Pilgerreise“, röchelte er, wobei sein Atem nach einer Mischung aus Met, Reue und dem letzten Wirtshausbesuch roch. „Gestern ein Drache, heute ein Turnier, morgen vielleicht die Pest. Ich bräuchte ein Jahr im Kloster – oder wenigstens ein Bad, bevor mich die Flöhe heiligsprechen.“

 

„Ein Bad?“, prustete Kunibert, dass ihm beinahe der speckige Filzhut von der Läusemähne rutschte. „Ein Bad gibt’s hier doch nur zur Frühjahrsmesse – und auch nur, wenn der Abt nicht wieder das Wasser für seine Bierbrauerei abzweigt. Bis dahin bleibt dir das Duftwasser aus der Alchemistenküche: ein feines Bouquet aus Schwefel, Verzweiflung und dem zarten Odeur des Totengräbers nach einer langen Nachtschicht. Und wenn’s gar zu arg stinkt, hilft nur noch ein Sprung in den Burggraben. Aber sei gewarnt: Wer da wieder rauskommt, ist entweder tot oder immun gegen alles, was die nächste Pestwelle bringt!“

 

Da kam ein Bote herbeigeeilt, keuchend wie ein Mönch nach der Fastenzeit, mit einer Brieftaube auf der Schulter, die aussah, als hätte sie schon drei Kreuzzüge, eine Pestwelle und den letzten Kirchenbann überlebt. „Nachricht für Kunibert!“, rief er. „Dein Liebesbrief ist angekommen – von vor fünf Jahren!“

 

Kunibert riss das Siegel auf, als wäre es ein Schatz aus dem Drachenhort. „Sie liebt mich!“, rief er, während die Taube sich mit letzter Kraft auf den nächstbesten Misthaufen fallen ließ.

 

Am anderen Ende des Marktplatzes versammelten sich die Modebewussten der Stadt, ein Anblick, der selbst den Totengräber aus seiner Gruft gelockt hätte. „Schwarz ist das neue Schwarz!“, riefen sie und präsentierten stolz ihre Pestmasken, als wären es Kronjuwelen. „Und dazu diese schicken Lederhandschuhe – ein Muss für jeden, der noch Hände hat!“ Im Hintergrund stand ein lebensmüder Ritter, der das bunte Treiben mit leerem Blick verfolgte. Er hatte genug von Turnieren, genug von Minnegesang, genug von der ewigen Suche nach Ehre und dem noch ewigerem Gestank, der selbst den heiligen Veit aus der Kirche getrieben hätte. Mit einem letzten, dramatischen Seufzer stapfte er zur Latrine, zog den Helm tief ins Gesicht und sprang kopfüber hinein. So endete das Leben des Ritters, der lieber im Abort versank, als noch einen weiteren Tag in dieser modischen Hölle zu verbringen. Die Krähen auf dem Dach nickten zustimmend.

 

Im Wirtshaus, wo der Geruch von Met, Mief und mittelalterlicher Hygiene um die Vorherrschaft rang, fand der große Dichterwettstreit statt. Die Luft war so dick, dass selbst die Fliegen freiwillig das Weite suchten und sich lieber auf dem Abort niederließen. Minnesänger traten gegeneinander an, der Verlierer musste am nächsten Tag als Kesselflicker schuften – eine Strafe, schlimmer als ein Jahr im Kerker oder ein Tag beim Zahnbrecher.


Kunibert versuchte sein Glück:

 

„Oh holde Maid, dein Haar so fein,
doch leider riechst du wie ein Schwein.
Dein Lächeln strahlt wie frischer Schnee,
doch deine Füße – oh weh, oh weh!“

 

Das Publikum tobte – ob vor Lachen oder wegen des Geruchs, war nicht ganz klar. Der Wirt öffnete vorsichtshalber die Fenster, auf dass frische Luft und neue Reime Einzug hielten. Ein Mönch murmelte ein Stoßgebet, der Henker wetzte schon mal das Beil – man wusste ja nie, wann ein Vers zum letzten Stündlein rief.

 

Und so drehte sich das Rad des Schicksals weiter, quietschend wie Kuniberts letzter Kessel – und alle warteten auf das nächste große Ereignis: das Bad zur Frühjahrsmesse, das so selten war, dass selbst die Spinnen in den Ecken ihre Netze abstaubten.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2025




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Kommentare zu diesem Text


 plotzn (14.05.25, 17:05)
Genau so stelle ich mir das Mittelalter vor, liebe Sigi, und bin dann froh, dass ich ein moderner Hofnarr bin.

Trotz gelegentlicher Anleihen bei Gleichgesinnten kann ich Dir mit beiden Händen liebe Grüße zuwinken.

Stefan

 Saira meinte dazu am 15.05.25 um 09:35:
Lieber Stefan,

im Mittelalter hätte man dich für so viel Frohsinn vermutlich gleich zum Chef der Latrinenwache gemacht

 
Liebe Grüße zurück, ebenfalls winkend :D
Sigi

 Teo (14.05.25, 17:18)
Ja Sigi....
Das is ja sowas von authentisch.
Da hat man ja schon beim Lesen das Verlangen sich zu duschen.
Trotz alledem...wirklich gern gelesen.
Es grüßt 
Teo

 Saira antwortete darauf am 15.05.25 um 09:36:
Moin Teo,
 
freut mich, dass mein Text so realistisch war, dass du gleich nach der Seife greifen wolltest   Im Mittelalter hätte man dich für so viel Reinlichkeit vermutlich für einen Alchemisten gehalten.
 
Danke für’s tapfere Lesen!
 
Liebe Grüße
Sigi

 Tula (15.05.25, 00:01)
Jo, liebe Sigi
Es stank eben schon immer ... nach irgendwas. 
Ein wirklich vorzügliches Theater, das uns ganz und gar nicht an die heutige Zeit erinnert. Immerhin haben wir fast alle wenigstens  einen Deo-Roller im Bad stehen.

Närrische Grüße
Tula

 Saira schrieb daraufhin am 15.05.25 um 09:38:
Lieber Tula,
 
das Theater der Vergangenheit: große Dramen, kleine Fenster und ein Hauch von „Eau de Mittelalter“. Heute gibt’s immerhin die „Frische Brise“ – und wenn selbst die nicht hilft, bleibt immer noch die Nasenklammer
 
Es grüßt dich mit frischem Wind
Sigi

 TassoTuwas (15.05.25, 09:48)
Oh, oh Sigi,

meine ganze Mittelalterbegeisterung ist wie eine morsche Latrine ins Wanken geraten.
Das hast du dir nie und nimmer ausgedacht, auch nicht geträumt. Sei ehrlich, du warst live dabei!
   :D  
Herzliche Grüße
TT

 Saira äußerte darauf am 15.05.25 um 11:20:
Lieber Tasso,
 
du hast recht: Die Latrinen-Legende lebt! Ich war dabei  Und ich kann dir sagen, die Latrinen waren nicht das Schlimmste – es gab auch noch die mittelalterlichen Socken


Mit tapferem Gruß
Sigi
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