Durch den Riss im Wind

Gedicht zum Thema Missbrauch

von  Saira

Ein blasses Lächeln weckte mich,
der Schatten kroch mit schwerem Tritt,
ich fasste nach dem schwachen Licht.
Ein Teil von mir, das er mir nahm,
durch einen Schnitt, so bitter-kalt,
Vertrauen schwand in seiner Hand.
 

Sein erstes Wort, so süß, so leicht,
es schwang und füllte meine Welt,
sein Lied, es brach und starb im Ton,
denn unter jedem Atemhauch
verschlang die Nacht, was Tag versprach,
bis nichts mehr blieb, als dunkles Fallen.

 

Die Augen trüb, das Bild verschwommen,
mein Antlitz fort, von ihm gelöscht.
Die Luft zerbrach wie Glas im Sturm,
mein Spiegelbild, ein Riss im Wind,
die Welt zerfiel, als stürb sie selbst,
als mein Schrei die Luft zerriss.

 

Sein bleiches Grinsen, tief in mir,
die ersten Laute, die er sprach,
trugen mich in seine Dunkelheit.
Verdorrt die Blüte, die als Kind begann,
bereits in seinen Falten welkte,
während ich naiv noch träumte.

 

So leicht, so schwankend, ohne Halt,
dreht sich die Welt seither um mich,
verlor mich selbst im Nebelgrau.
Die Drahtgespinste, scharf wie Eis,
durchtrennten mich, als plötzlich kalt
der letzte Funken Liebe starb.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026





Anmerkung von Saira:

Dieses Gedicht wird aus der Perspektive eines lyrischen Ichs erzählt, das mit intensiven Gefühlen von Verlust, Zerrissenheit und Dunkelheit konfrontiert wird.

Hinweis: Der Verfasser wünscht generell keine Kommentare von niemand, Citronella, Moppel, Verlo und Otto.

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Kommentare zu diesem Text


 Hannes (18.02.26, 20:34)

 Saira meinte dazu am 19.02.26 um 11:17:

Der Sturm hat sie nicht gebrochen -
nur gelehrt, stiller zu blühen.

 Moppel (19.02.26, 09:49)
Mensch, Saira. Sollte sich das Lyrickich nicht Hilfge suchen? Schwer auszuhalten, sowas... lG von M.

 Saira antwortete darauf am 19.02.26 um 11:28:
Hallo Moppel,

das Gedicht zeigt einen seelischen Ausnahmezustand in stark verdichteter Form. Es versucht weniger, eine konkrete Geschichte zu erzählen, als einen inneren Riss sprachlich erfahrbar zu machen. Das lyrische Ich ist dabei eher eine poetische Figur: ein Resonanzraum für Gefühle wie Verlust, Ohnmacht und Zerrissenheit.

Ob Hilfe möglich ist, bleibt bewusst offen. Die Lyrik stellt hier eher die Frage, als dass sie Antworten gibt. Sie hält den Moment aus, ohne ihn aufzulösen. 

Danke für dein Feedback zu diesem Grenzgang der Sprache und fürs Mitgehen durch seine dunkleren Räume.

LG
Saira

 Reliwette (19.02.26, 11:31)
Liebe Siggi-Saira,
Ob Missbrauch- auch seelischer Art und Weise, ob Vergewaltigung. sind ein Thema, dessen sich die Öffentlichkeit oft verschließt. Als Opfer, als geschundenes Menschen"kind" oder erwachsene Person entwickeln sich - wie Du es lyrisch anschneidest - nicht nur Enttäuschengen, sondern leider auch tiefere seelische Wunden. Noch verabscheuungswürdiger ist, wenn Menschen mit Abhängigen Personen diesen "Bruch" begehen. Dass Du dieses Thema lyrisch verarbeitet hast, zeigt, dass Du eine starke Frau bist. Mir fiele es sehr schwer, dieses Thema ohne Anklage literarisch "anzugehen". Ich habe mit solchen "Tätern" beruflich umgehen müssen, und die Chefpychologin fragte in die Runde: "Traut es sich jemand nicht zu, mit diesem Klienten unvoreingenommen arbeiten zu können? ...."Ja, ich!"
Dein Text wirft mich in schlimme Erinnerungen zurück, obschon Du sehr sensibel mit dem Thema umgegangen bist. Wie Du schon an anderer Stelle richtig sagst: Ich schreibe , ohne direkt beteilig zu sein aus der Vorstellung heraus.während du (also ich) schreibe und male überwiegend aus persönlichem Leben und entsprechender Betroffenheit. Komischerweise kommen beide Betrachtungsweisen auf einen Nenner. Und noch etwas: Ich musste den Widerspruch von Verhaltenstherapie  und Justizvollzug aktiv mittragen. Viele "Knackis" haben mir voll vertraut, sahen in mir den "Kunstlehrer", aber ich sagte ihnen auch:"Bleibt nachts in Euren Zellen, denn wenn es hart auf hart kommt, (du einen Ausbruchsversuch riskierst) mag es sein, dass einer von uns schlecht zielt und dein Bein verfehlt und dich statt dessen über" den Haufen" schießt.

Chapeau!
Lieber poetischer Gruß"
Hartmut

 Saira schrieb daraufhin am 19.02.26 um 12:03:
Lieber Hartmut,

hab vielen Dank für deinen ausführlichen, sehr persönlichen Kommentar und für die Offenheit, mit der du deine beruflichen Erfahrungen hier einbringst. Man spürt beim Lesen, dass dein Zugang zum Text stark aus gelebter Praxis kommt und genau dadurch eine eigene Tiefe bekommt. Gerade deine Schilderungen aus dem Spannungsfeld zwischen pädagogischem Anspruch und der Realität des Justizvollzugs lassen mich erahnen, wie komplex und widersprüchlich dieses Arbeitsumfeld gewesen sein muss. Dass du dort als Kunstlehrer gewirkt hast, erscheint mir in diesem Zusammenhang bedeutsam, da Kunst Räume schafft, in denen etwas sichtbar werden darf, das im Alltag oft verborgen bleibt.

Mir selbst lag beim Schreiben weniger an einer anklagenden oder dokumentarischen Annäherung an das Thema, sondern an einer sprachlichen Verdichtung innerer Zustände. Das lyrische Ich verstehe ich hier nicht als biografisch gebundene Figur, sondern eher als poetischen Resonanzraum … als Stimme, die Zerrissenheit, Vertrauensbruch und Entfremdung in Bilder fasst. 

Vielleicht berühren sich hier Bild und Sprache auf eine ähnliche Weise: Wie ein gemaltes Motiv nicht erklärt, sondern andeutet, so versucht auch das Gedicht, Brüche nicht auszudefinieren, sondern sichtbar zu machen. Ein Riss im Wind ist letztlich ein Bild, so wie eine Linie auf der Leinwand mehr meint als nur ihre Form.

Lyrik kann einen inneren Bruch sichtbar machen, ohne ihn festzuschreiben und ohne ihn an eine konkrete Geschichte zu binden. So entsteht ein offener Raum, in dem unterschiedliche Leserzugänge nebeneinanderstehen dürfen. Ähnlich wie in der bildenden Kunst kann jeder Betrachter etwas anderes im Motiv entdecken, abhängig von eigener Erfahrung, Haltung und Erinnerung.

Dein Hinweis auf die gesellschaftliche Sprachlosigkeit gegenüber solchen Themen berührt dabei einen wichtigen Punkt. Literatur kann hier manchmal eine leise Form von Sichtbarkeit schaffen, nicht therapeutisch, nicht anklagend, sondern wahrnehmend. 

Vielleicht ist sie in diesem Sinn der sprachliche Gegenraum zu dem, was du im Atelier ermöglicht hast: ein Ort, an dem Brüche, Spannungen und Widersprüche Form annehmen dürfen, ohne sofort bewertet zu werden.

Ich danke dir für deine tiefgründigen Gedanken, die du mit dem Text verbunden hast.

Lieber poetischer Gruß
von Sigi, Saira oder Sigrun  :)  
 

 TassoTuwas (20.02.26, 09:31)
Eine bedrückende Schilderung von Zerstörung des Vertrauens, von Verlust des Glaubens an beschützende Liebe, von Angst und Hilflosigkeit und einer Scham, die die Unschuldigen verfolgt, aber nicht die Täter.
Wie oft gibt es dieses Leiden hinter den Fassaden der Anständigkeit, das stumm und unentdeckt bleibt.

Liebe Grüße
TT

 Saira äußerte darauf am 20.02.26 um 12:09:
Lieber Tasso,

deine Worte greifen dorthin, wo es im Gedicht kaum noch Sprache gibt. Diese von dir benannte Scham. Sie haftet so oft an den Falschen wie ein fremdes Kleid, das man nicht ablegen kann, obwohl es nie für einen genäht war. 

Auch dein Bild von dem Leid hinter den Fassaden trägt viel Wahrheit in sich. Es ist dieses Verborgene, das mich beim Schreiben begleitet hat – nicht das Sichtbare, nicht das Berichtbare, sondern das, was unter der Oberfläche weiterlebt, oft unbemerkt, oft ungehört.

Ich danke dir fürs aufmerksame Lesen und für deine behutsame Art, dich dem Text zu nähern.

Herzliche Grüße
Sigi
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