Ömchen

Gedicht zum Thema Annäherung

von  altezeit

„Ausweisen!“, zischte Ömchen

zahnlückig, zahnlückig, zahnlückig,

kreuzrubbelnd und sichelschwingend,

das müde Resthaar in Zorngiebel gelegt-

wie es sich drohend um

ihr bissiges Pfirsichkernantlitz rankte!

Zittrigen Schritts auf die Dämmerung zu, zu

zermürbt und zerkaut ist die Zukunft-

dieser verrottete Plastikfetzen

war einmal Gas-, nein Heißluftballon-

nichts fliegt, nichts fliegt, nichts hüpft in ihr,

ein Spuk hockt ihr auf dem Buckel,

der Funke Zinnober,

den sie versprüht, ist kalt,

Ömchen kann immer noch zubeißen,

mit den verbliebenen Zähnen

reißt sie an den Häuten der Überlebenden,

appetitlos und roh,

ihr Atem: ein Bronzegelddunst

ihr Herz: ins Becken gerutscht,

altes Eisen.

 

Und wie gestern und letztes Jahr

verschloss sich mein Mark

vor einer Berührung mit ihr,

nur meine Hand hielt ich

in die Aschewolken aus ihrem Mund

reglos, nicht fächelnd

es gibt kein Rankommen an das Biest,

Insekten sind zärtlicher,

sang mir die Lerche ins Ohr

und streifte mit ihrem Flügel

mein Schlüsselbein

als sie fiel – Ömchen: 

holte mit ihrem Spazierhammer aus

und traf sie im Sturz.

 

Erst, als die neuen Kinder

mich in ihre glänzenden Augen aufnahmen,

wurde es wieder Tag,

für einen Augenblick nur,

gemeinsam bliesen wir in die Singvogelfedern

und mein bissiges, selbstzerfressenes Ömchen

spuckte und zuckte und wand sich

schraubte sich in den Asphalt und verteerte.

Wie sie da zur Statue versteift

in der untergehenden Sonne zerfiel,

unheilbar verzagt,

hätte ich ihr so gern

das entzündete Zahnfleisch gestreichelt,

 

aber ich wusste um ihre Tollwut.


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Kommentare zu diesem Text


 Quoth (03.04.26, 14:04)
Ein wortgewaltiger Text, mit dem Du Dich hier vorstellst. Herzlich willkommen, altezeit! Geradezu programmatisch wehrt er sich dagegen, von alten Menschen Güte, Weisheit und Wohlwollen zu erwarten. Aggressive Verbitterung - ja, auch mit der kann es zu Ende gehen.

 altezeit meinte dazu am 03.04.26 um 21:23:
Hallo Quoth, ich habe irgendwie auch zärtliche Gefühle für Ömchen. Sie verzweifelt. An sich und an der Welt. Ich will sie näher kennenlernen. In anderen Texten. Mal schauen, was dabei rauskommt. LG, altezeit.

Antwort geändert am 03.04.2026 um 21:24 Uhr

 Saira (03.04.26, 21:02)
Moin,

ich überlege noch, ob ich Ömchen bemitleiden oder mich vor ihr verstecken soll. Vermutlich beides. 

Ein Gedicht wie ein Besuch ohne Vorankündigung – man vergisst ihn nicht.  :(

LG
Saira

Kommentar geändert am 03.04.2026 um 21:02 Uhr

 altezeit antwortete darauf am 03.04.26 um 21:26:
Hallo Saira, oder beides? Beide Sichtweisen auf die Figur sind im Text angelegt. LG, altezeit.

 Hannes (03.04.26, 22:18)
Kräftig, prall, herb und eindrucksvoll !

 altezeit schrieb daraufhin am 04.04.26 um 14:23:
Hallo Hannes, stellst du dir Ömchens Körper analog dazu vor? LG, altezeit

 Hannes äußerte darauf am 04.04.26 um 19:35:
Lieber nicht, ich hab' mit meiner  Beschreibung eigentlich deinen Text gemeint.

 HannaScotti (05.04.26, 12:32)
Diese Zerrissenheit zermürbt. Ihr Herz ins Becken gerutscht. Blumige Sprache. Zu blumig? nein, in ihr lebt und bebt das Leben, von niemand gesehen, von niemand beachtet. Ein Ist - Zustand, der nie vergeht, so scheint es.....So wahr, so schmerzhaft wahr....Es geht unter die Haut, schmerzt...
LG Hanna

 altezeit ergänzte dazu am 05.04.26 um 13:43:
Hallo Hanna, es freut mich sehr, dass du sie so sehen kannst! LG, altezeit

 HannaScotti meinte dazu am 05.04.26 um 15:19:
Liebe altezeit, darf ich etwas anmerken : ich bezweifle, dass diese Frau, die du beschreibst, ein Ömchen ist. Sie wird vielleicht als eine solche gesehen, aber in meinen Augen ist sie eine gestandene Frau, die wirklich und realistisch hinschaut. Ich finde dein Gedicht wortgewaltig, es schreit, verzweifelt und gerecht. Es steht nicht über den Dingen, sondern mitten drin.

 altezeit meinte dazu am 06.04.26 um 15:05:
Hallo Hanna, ich finde, ein Ömchen zu sein und eine gestandene Frau zu sein, schließt sich nicht aus. Diese Figur ist beides und noch viel mehr. LG, altezeit.

 HannaScotti meinte dazu am 06.04.26 um 18:05:
Ja, diese Figur birgt viele Möglichkeiten, das ist ja das Wunderbare daran. Du hast das gut und fein getroffen. Ich ging von mir aus, ein Ömchen ist für mich ein fast hilfloses Bündel Mensch. Ich sehe, das du diesen Begriff weiter und umfassender fasst. 
LG Hanna

 S4SCH4 (05.04.26, 23:20)
Die Oma fordert Ausweis(dokumente), schaut dabei in die Kamera dieser textlichen (Geburtstags)dokumentation und kaut, kaut, kaut. An der Zukunft und mit wundem Zahnfleisch, wie ein Tier und mit Lebensatem von Wechselgeld. Ömchen, etwas Altes, ein/e Land/schaft(?), eine traditionelle deutsche Schuld? Eine Matriarchin?
Das scheinbar Anverwandte (m/w/d) daran lässt den Wunsch durchscheinen, sie, die Alte, solle innerlich doch fliegen und hüpfen … ein flüchtiger Wunsch und schnell wieder fort. Im Wortgewaltigen untergegangen.

Der zweite Teil (Absatz) wird griffig und scheint klar zu machen: es geht um einen Jahrestag: Geburtstag? Feiertag? Befreiungstag? Fraglich. Anfassen. Atem. Annäherung. Und schließlich: Schläge. Die herzeiserne Erziehung ruft und damit …

… treten die „neuen Kinder“ (Enkel oder Generation xyz) auf den Plan. Sie verbünden sich schließlich und lassen die Alte im Sonnenuntergang zu Staub zerfallen. Sorge und Mund(propaganda) bleiben bis(s) zum Schluss.


Interessanter Text, danke und beste Grüße, Sascha

 altezeit meinte dazu am 06.04.26 um 15:07:
Hallo S4SCH4, interessante Deutung. Wie du auf Geburtstag und Schuld kommst, verstehe ich zwar nicht, muss ich aber auch nicht. Die Interpretation gehört dem Leser. LG, altezeit

 Alabanda (06.04.26, 03:00)
Ist es die eigene Oma, die von lyrisch ich Ömchen genannt wird?

Falls ja, muss man sie bemittleiden, für den Enkel der sie bloßstellt. Falls nein muss man lyrichs Oma bemitleiden für den Enkel, der eine andere so schnöde in das ihr gebürende Verwandschaftsverhältnis  einsetzt.

 altezeit meinte dazu am 06.04.26 um 15:12:
Hallo Alabanda, es ist mir neu, dass ein lyrisches Ich eine eigene Oma haben kann. Du hast nicht Mitleid mit der literarischen Figur Ömchen, sondern mit einer von dir imaginierten RL-Oma, das ist ein interessanter, ungewöhnlicher Ansatz. LG, altezeit

 Alabanda meinte dazu am 06.04.26 um 17:27:
Eine fiktive Figur kann selbstverständlich entsprechend fiktive Verwandte haben, die der Leser mehr oder weniger mag. So funktionieren 90% aller Romane.

 altezeit meinte dazu am 06.04.26 um 18:09:
Das lyrische Ich ist zunächst eine Sprecherinstanz. Es kann eine fiktive Figur sein, aber nicht notwendigerweise.

 Alabanda meinte dazu am 09.04.26 um 15:24:
"Ömchen" die Verkleinerungsform von "Oma" ist ein Verwandschaftsgrad, ohne (fiktive) Enkel-Figur(en), kann so ein Verwandschaftsgrad nicht existieren. Eine enkellose "Oma" gibt es nicht, bzw. eine enkellose Figur ist keine "Oma". Wird sie dennoch so bezeichnet, wertet man den Verwandschaftsgrad ab, in etwa so wie dazumal die Kita-Kinder ihre Erzieherinnen "Tante" nennen mussten.

 FrankReich meinte dazu am 14.04.26 um 17:35:
@Alabanda
Deiner Behauptung, dass der Verwandtschaftsgrad  abgewertet wird, widerspreche ich, allerdings werden ältere Frauen insgesamt über einen Kamm geschoren, wenn sie als Oma tituliert werden, ob sie es nun sind oder nicht.
In obiger "Beschreibung" wird die Hauptfigur vom Erzählpart jedoch als "mein Ömchen" bezeichnet, somit ereilt den Begriff eine ironische bis sarkastische Verwendung, etwa als Ersatzwort für "(mein) Drachen" oder "(mein) Miststück". 
Daher zielt die Abwertung im vorliegenden Text nicht auf die Allgemeinheit, sondern auf eine spezielle Figur, aber hey, verbitterte Menschen gibt es nun einmal selbst in der Verwandtschaft. 
Vielleicht ist das "Ömchen" in obigem Ged(ich)t aber auch nur eine Persönlichkeitsform des Lyrich. 👋😉

@altezeit
Wenn es doch nur so einfach wäre. 😃

 altezeit meinte dazu am 15.04.26 um 13:36:
Danke, FrankReich! Das hätte ich selbst nicht besser schreiben können. LG altezeit

 AchterZwerg (27.04.26, 10:28)
Leider, meine Liebe (denn das bist du ja schon jetzt - lyrisch gesehen)


bist du mir bislang ungelesen über den Schirm gehuscht!

Ein grandioses, ganz wunderbares Gedicht, das Teilen meiner Generation mal so richtig auf die Fresse schlägt. Und dies absolut verdient!

Oft sind gerade wir Alten Vorreiterinnen von Hetze und Ausländerhass, die mit gichtigen Händen auf Vertriebene deuten, denen die Heimat nichts mehr als eine einzige Ruine bedeutet.

Der Ömchen-Bonus zieht hier nur bedingt. ---

In der Ausführung ohne Fehl und Tadel, finde ich, mit formidablem Schluss!  <3

 altezeit meinte dazu am 27.04.26 um 15:35:
Hallo AchterZwerg, es gibt solche und solche Ömchen. Nicht alle haben Tollwut. Liebe Grüße von altezeit.

 niemand meinte dazu am 27.04.26 um 15:47:
Hallo AchterZwerg, es gibt solche und solche Ömchen. Nicht alle haben Tollwut. Liebe Grüße von altezeit.
...Wie wahr, wie wahr ...    :D

 altezeit meinte dazu am 28.04.26 um 09:17:
Mir ging es um sowohl ... als auch in diesem Gedicht.

 Moppel (27.04.26, 18:06)
sehr gut geschrieben, dein Einstand. Lässt einen zwiegespalten zurück. Ömchen, die Verniedlichung steht im krassen Gegensatz zum Harte der Aussage.Der Bilder.
Erschreckend irgendwie.
lG von M.

 altezeit meinte dazu am 28.04.26 um 09:20:
Hallo Moppel, ich wollte dieser Härte mit Zärtlichkeit begegnen, ohne Hoffnung auf Aufweichen. Lg altezeit
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