Es tropfte!!

Satire zum Thema Allzu Menschliches

von  tastifix

Ich gehe in mich. Es läßt mir keine Ruhe. Ich kann den Gedanken einfach nicht mehr abschütteln.

Was für ein Mensch bin ich eigentlich? Grundsätzlich kann ich mir zumindest zusagen, dass ich einer bin. Ist doch schon mal toll, nicht?

Was die vielen detaillierteren, mich betreffenden Angaben angeht, sind das so viele, dass ich hier mal mindestens so an die zweitausend davon einfach unter den Tisch fallen lasse.

Es geht mir jetzt ausschließlich um diese eine Veranlagung, die ich noch nie habe verstecken können und die zu verheimlichen ich auch niemals imstande sein werde.

Also:
Dass ich gerne schreibe, weiß hier jeder. Dass ich demnach bestimmt auch gerne lese, vermutet jeder. Aber, was ich gerne lese, verlangt nach einer Aufklärung. Das kann nämlich keiner einfach so erraten.

Ich lese gerne Ernstes, ich lese sehr gerne Amüsantes und ich schäme mich nicht, es zuzugeben: Ich schwärme für Schmalz!!

Allerdings muss der so dick aufgetragen sein, dass mir beim Schmöckern nach spätestens fünf Minuten die Tränen rollen. Dies dann allerdings weniger vor Rührung, sondern eher vor Lachen, weil alles so herrlich dämlich ist und darin so unwahrscheinlich leicht durchschaubar. Andernfalls ist das in meinem Dafürhalten ein niveauloser Schmalz.

Eine Zeitlang las ich nur noch selten, sondern saß vor der geliebten Glotze, die doch tatsächlich mehr als genug anschauliche Schmalzthemen offerierte. Diese waren in durch ihre mehr als naiven Titel beim Blättern durch die Fernsehzeitung sofort ins Auge springende Sendungen gepackt.

Ich möchte sie nicht alle aufzählen, denn sonst kriege ich vielleicht noch Ärger und dieses vielfachen Blödsinns wegen noch Nervenkraft einzusetzen, weigere ich mich ganz ausdrücklich.

Eine Zeitlang lang ließ ich mich doch tatsächlich von dem Quatsch berieseln, wie es gleich mir wohl für eine kürzere Weile so Manchem erging. Nach der vierhunderfünfundvierzigsten Folge einer allseits mehr als bekannten Serie allerdings schaltete mein Verstand auf stur:
"Nicht mehr mit mir!"

Notgedrungen suchte ich mir ein anderes Betätigungsfeld, um mich auf ähnliche Weise zu betätigen, nämlich, mir tropfenden Schmalz einzusaugen bis in den hintersten Winkel meines ach so nach Romantik süchtigen Herzens.

Also sagte ich jener irren Serie Lebewohl und verzichtete damit doch tatsächlich auf die wirklich unbezweifelbar  lebenswichtigen Informationen der betreffenden Folge und auch der aller noch zu erwartenden Fortsetzungen. Inständig hoffte ich beziehungsweise war mir da eigentlich relativ  sicher, dass meine eigene Lebensroute deswegen keinerlei Umwege nehmen würde.

Zu meinem Segen kam mir vage die Erinnerung, die sich dann auch recht fix manifestierte, daran, dass ich ja des Lesens mächtig war und eigentlich mal wieder einem Buchgeschäft mit meinem Besuch eine dann überaus große Ehre erweisen zuteil könnte. Eine recht große Buchhandlung sollte es sein, denn in den kleinen würde ich garantiert nicht fündig werden.

Da Düsseldorf eine Stadt mit gutem Kulturangebot ist, brauchte nicht lange zu fahnden, bis ich das fand, was mein Herz begehrte.

Kurz danrauf stand ich denn im Geschäft meiner Wahl inmitten von Regalen bis unter die Decke. Klassiker schauten mir entgegen und natürlich auch die gesamte Literatur der Moderne.

Ein bestimmtes Regal zog mich magisch an. Die Titel der Bücher brachten mein Herz zum Klopfen, bis es dann schließlich zu rasen begann. Ich war am Ziel meiner Träume angelangt:

Ich hatte sie gefunden, die Schmalz-Autorin, deretwegen anfangs des vorigen Jahrhunderts sich garantiert zahllose Frauen beinahe unter den Tisch geheult und damit der Taschentuchindustrie zu ungeahnter Blüte verholfen hatten:
Hedwig Courts-Mahler, meiner Meinung nach in jenem Genre eine wahre Zauberin!

Wie hypnotisiert starrte ich auf die Einbände, deren Outfit allein mich bereits in die Träume der heilen Welt entführte.
Ich bezähmte micht nicht länger. Beinahe mit Ehrfurcht klaubte ich mir einen Band heraus, schlug ihn auf und sofort war es um mich geschehen.

Ich vergaß meine Umgebung, versank in jener Welt voller Lieblichkeit und Rosen überall, identifizierte mich mit den Helden dieser Geschichten, litt wowie freute mich mit ihnen und verschlang gierig die schwülstigen Liebeserklärungen, die in schöner Regelmäßigkeit auf jeder zwanzigsten Seite zu lesen waren.

Ach, seuufz! Ich schwamm innerlich weg, "wegger" ging es gar nicht. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dann leider nicht nur innerlich hin und futsch war, als ich jene, der Heldin begegnende, bedeutungsschwangere Situation mit durchlebte.

Da stand: ´Sie schaute in seine tiefblauen Augen, Augen, so tief wie das Meer, die vor überschäumender Liebe zu ihr so strahlten wie die gleißende Sonne am Sommerhimmel. Sein inbrünstiger Blick versengte sich in den ihrigen, usw. ... usw. ... `
Den Rest möchte ich Ihnen ersparen.

Was ich Ihnen aber nicht ersparen werde, ist meine Reaktion darauf:
Zuerst war es nur ein schüchterner Tropfen, der sich verschämt seinen Weg in der Nähe des rechten Ohres über meine Wange bahnte. Dem allerdings folgten dann ganz viele, alles andere als schüchterne Tränen, die ungehemmt und weithin für jeden sichtbar, über mein Gesicht rollten. Sie vereinigten sich zui einem wahren Wasserfall und ich war mitnichten mehr fähig, dem auch nur im Ansatze etwa Einhalt zu gebieten.
Oh, welch` eine Wonne! Es war ja noch schmalziger als im Fernsehen!!

Ich erwarb dieses Buch, raste anschließend fix zu Aldi und kaufte dessen gesamten Taschentuchvorrat auf - für alle Fälle!

Kommentare zu diesem Text


 Sonnenaufgang (10.09.07)
und inzwischen hast du das buch sicher schon durchgelesen, hm?
gaby, du schreibst so, als wenn man dabei gewesen ist.
war wieder ein vergnügen, deinen allzu menschlichen text zu lesen.
ganz liebe grüsse nach düsseldorf von deiner
feli

 tastifix meinte dazu am 10.09.07:
Hallo Feli!

Ich bin zwar sehr romantisch veranlagt, lese aber solche Bücher dennoch nicht. Die Geschichte ist beinahe völlig frei erfunden.

Ganz lieben Gruß Deine Gaby

 Sonnenaufgang antwortete darauf am 10.09.07:
tztztz, du bist mir eine
um so toller, so etwas zu erfinden
klasse gaby

 tastifix schrieb daraufhin am 11.09.07:
Danke, Feli!!

Deine Gaby
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