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Kurzgeschichte zum Thema Absurdes

von  Rollsen

"Du bist unausstehlich", sage ich. "Willst Du mir nicht sagen, was los ist?"
Mein Bruder wollte nicht.
Ich hakte nach:
"Ärger mit der Freundin?"
"Nein."
"Ärger auf der Arbeit?"
"Ja."
"Was genau?"
Er erzählte es mir: "Mein Chef" - sagte er - "ist ein Arsch. Er behandelt mich nicht gut, er weiß mich nicht richtig zu würdigen. Mich und meine Arbeit."
"Konkreter?"
"Er kritisiert mich nicht. Ihm gefällt, was ich mache und wie ich es mache, sagt mein Chef, aber ich glaube ihm nicht."
"Ist das alles? Deinem Chef gefällt deine Arbeit und hin und wieder meckert er? Ist das nicht normal?" frage ich.
"Er meckert nicht. Er lobt. Aber es ist die Art, wie er das sagt."
"Bitte? Wie er dich kritisiert?"
"Du verstehst nicht. Es ist nicht die Art, wie er kritisiert oder ob er überhaupt kritisiert. Es gibt keine Kritik. Es ist die Art, wie er mich lobt. Er sagt das so süffisant."
"Süffisant? Ehrlich?"
"Ja. Er lächelt dabei."
"Ahja. Und du bist dir auch sicher, dass du dir das nicht einbildest? Siehst du vielleicht ein Problem, wo gar keines ist?"
"Ausgeschlossen!"
"Wie du meinst."
"Ich bin jetzt sogar befördert worden! Daran ist er sicher schuld. 1000 Euro netto mehr im Monat. Dieser Penner!"
"Also..."
"...und einen Dienstwagen haben sie mir auch gegeben!"
"Äh..."
"...und eine eigene Sekretärin!"
"HALT, warte! Realitäts-Check! Dein Boss ist voll des Lobes, krittelt nicht an Dir herum, sorgt für eine Beförderung, verschafft Dir einen Dienstwagen und eine eigene Kaffeekocherin und Du maulst herum?"
"Ich sage Dir, da stimmt was nicht! Da ist irgendwas im Busch."

Der hat Probleme, dachte ich mir, die hätte ich gerne. Aber langsam kam mir ein Verdacht.

"Denkst du daran zu kündigen?"
"Ja, ich denke, das wäre das beste. Diese Arschgeigen! Das zahle ich denen heim! Und mit den Betriebsgeheimnissen gehe ich zur Konkurrenz! Oder zu Wikileaks!"
"Ok, tu das. Ist vielleicht auch besser. Diese Schweine haben das sicher nicht besser verdient."

Mein Verdacht erhärtete sich langsam.

"Wo wir uns hier unterhalten: wie geht es eigentlich deiner Freundin?"
"Ich will mich von ihr trennen"
"Oh. Was ist denn?"
"Der Ofen ist wohl aus."
"Gab es Streit?"
"Nein, aber ich glaube, da ist etwas seltsames an ihr. Ich kann es nicht beschreiben, aber irgendwas ist merkwürdig..."
"Lass mal raten: ihr habt keinen Streit, sie liebt dich und zeigt es dir auch und im Bett ist auch alles zufriedenstellend?"
"Ja, mehr als das, viel mehr. Sie ist toll. Sie bringt mich zum lachen, ich bringe sie zum lachen, wir verstehen uns, sie ist zärtlich, verständnisvoll, undsoweiter, aber irgendwas ist komisch..."
"Sagtest du bereits, aber warte mal kurz, ich bin gleich wieder zurück."

"So da bin ich wieder. Wundere Dich nicht über die Sonnenbrille, die ich mir aufgesetzt habe; dafür gibt es einen Grund."
"Sieht auch albern aus, außerdem ist es schon dunkel. Welchen Grund denn? Und was willst du eigentlich mit den Tischtennisschlägern?"
"Gemach, gemach. Vorher beantworte mir bitte eine Frage: du hattest mir vor kurzem von deinen Verspannungen in einer Schulter erzählt. Welche Schulter war das noch?"
"Meine linke, aber was soll das?"
"Bitte kurz stillhalten..."
"Aber..."
"Den Rand sollst du auch halten!"

Ich stand direkt vor meinem Bruder, streckte langsam, gaaaanz langsam die Arme aus, blinzelte, sah ich was? Ich kniff trotz aufgesetzter Sonnenbrille, die Augen etwas zusammen, konzentrierte mich auf seine Schulter, sah ich was? Vorsichtig, gaaaanz sachte, DA!"

PATSCH!

Ich sah ganz kurz eine Regung auf der Schulter, genau das, was ich brauchte, um ganz sicher gehen zu können, je einen Tischtennisschläger in jeder Hand, holte aus und schlug zu. Genau auf die Stelle kurz über der Schulter meines Bruders. Er war verwirrt, am meisten vielleicht von meinem breiten Grinsen und verstand nicht, was vorgefallen war. Ich reichte ihm die Sonnenbrille.

"Sag nichts und setz die Brille auf."
"Mpf".
Und jetzt sieh mal nach unten auf den Fußboden. Dort zwischen dem Blumenkübel und dem Hocker. Siehst du es?"
"Nein, ich kann nicht - oh! Was ist denn das?"
"Was ich vermutet hatte. Man sieht es nicht richtig, aber mit Spezial-Sonnenbrille und wenn man richtig hinsieht, kann man etwas erkennen. Jetzt wo es tot ist, schimmert es leicht. Etwas mehr als vorher, aber fast noch zu schwach, um es zu erkennen."
"Was. Ist. Das?"
"Kennst Du noch diese alten Zeichentricksendungen von früher? Tom und Jerry und sowas? Da tauchten doch manchmal diese Engelchen und Teufelchen auf, die auf den Schultern saßen und den Figuren Gutes wie Böses einredeten und sie manipulierten. Natürlich total verkitscht mit Engelsflügeln und Teufelsdreizack und sowas."
"Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dass..."
"Doch, das will ich. Es gibt nur einen Unterschied zwischen Tom & Jerry und dem toten Geschmiere da unten".
"Welchen?"
"Es gibt nur die Teufelsausgabe."

Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (01.03.11)
Lieber Rollsen, gut gemacht, wie du den Bruder Absurdes mit Absurdem beantworten lässt.
Ich denke, die von dir geschilderte Absurdität ist im realen Leben gar nicht so selten.
Liebe Grüße
Ekki
Lykos (17)
(12.03.11)
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 Rollsen meinte dazu am 12.03.11:
Danke, das geht runter wie Öl! :) Für meinen Geschmack habe ich hier sogar etwas zu wenig geschrieben und hätte das Ganze auch noch weiter ausbauen und stricken können, aber ich tue mich immer schwer mit der Handlungsdichte und -Umfang. Wenn man viel schreibt, kann man auch viel dabei schwafeln, schreibt man wenig, schreibt man vielleicht zu wenig.
Lykos (17) antwortete darauf am 13.03.11:
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