Das Einhorn im Treppenhaus

Bild

von  ViktorVanHynthersin

I.
Depressives Neonlicht
fährt Geisterbahn
auf dem Treppengeländer.

Giftgrün gesprühte Graffiti
ersetzen hier den Wald,
Raumspray heuchelt Natur.


II.
Die Augen aufgerissen,
mit bebenden Flanken
aus Nüstern blutend,

das Horn auf immer verloren,
das einst stolze Haupt gesenkt,
hat seine Flucht ein Ende.


III.
Autobahnen schlucken Wälder,
Mobilität frisst Bäume,
und die Stadt ihre Lunge.

Märchenwälder gibt es in Märchen,
Märchen stehen in Märchenbüchern.
Ein Einhorn findet hier kein Asyl.


IV.
56 klebrige Klingelknöpfe,
56 verstopfte Briefkästen,
56 Wohnungen, kein Zuhause.

Hier lebt keine Jungfrau
und niemand mehr,
der reinen Herzens ist.

Kommentare zu diesem Text


 irakulani (14.03.12)
Lieber Viktor, welch eine tolle Idee, dieses Fabelwesen in einem grau-schmutzig-kargen mit Graffiti verschönten Wohnblocktreppenhaus auszusetzen…

Wenn auch der Glaube herrscht, dass ein Einhorn „karges und verwüstetes Land" wieder zum Blühen bringen könne – hier versagen wohl die magischen Kräfte…
Kein Wunder, denn „hier wohnt keine Jungfrau die reinen Herzens wäre“, bei das Einhorn innehalten und ausruhen könnte.

Graue depressive Realität lässt keinen Raum für magische Phantasie; gelungen umgesetzt, lieber Viktor!

Ich habe bei Lesen Mitleid für das gehetzte Tier empfunden – und ebenso für all die Menschen, die hier kein Zuhause mehr finden…

Herzliche Grüße,
Ira

 AZU20 meinte dazu am 14.03.12:
Toller Kommentar. Sehe ich ähnlich. LG

 moonlighting antwortete darauf am 19.03.12:
Thats it ...

LG
Moonlight

 FloravonBistram (14.03.12)
Bedrückend und ernüchternd, die Hoffnungslosigkeit. Leben ohne Träume und Märchen.
LG Flo
Jack (33)
(14.03.12)
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magenta (65) schrieb daraufhin am 14.03.12:
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Jack (33) äußerte darauf am 14.03.12:
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Feuerbändigerin (23) ergänzte dazu am 16.06.12:
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magenta (65)
(14.03.12)
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 Lluviagata (14.03.12)
Sehr sehr anrührend, Vic. Einhörner, diese magischen Wesen in der Stadt, unvorstellbar. Einwandfreie Gegenüberstellung von Magie und graubunter Wirklichkeit.

(Kommentar korrigiert am 14.03.2012)
Steyk (61)
(14.03.12)
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 Peer meinte dazu am 14.03.12:
So sehe ich das auch, die beschriebenen Gegensätze könnten größer nicht sein, weshalb der Text so unter die Haut geht. Fröstel...
LG Peer
supernova (51)
(14.03.12)
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 Georg Maria Wilke (14.03.12)
Wo begegnet der Mythos den Alltag oder haben wir die Metamorphose, die sich im Sprachduktus versteckt hat, nur einfach übersehen?
Ein schmerzhafter Verlust oder ein neuer Gewinn. Doch "Wehmut" zieht durch dein Gedicht. Sehr intensives Bild - ein sehr gutes Sprachbild.
Liebe Grüße, Georg

 loslosch (14.03.12)
aus einer uralten kabarett-sendung ist mir der satzfetzen in erinnerung: "kein maiglöcken lugt aus den pflastersteinen." herr google war hilflos.

damals wurde das thema persifliert. vorbei, die zeit. lothar

 Didi.Costaire (14.03.12)
Hallo Viktor,
das Einhorn bildet einen perfekten Gegensatz zu den kalten Steinen. Fabel und Realität sind zwei Welten, die nicht zusammenpassen. Gut dargestellt.
Liebe Grüße, Dirk

 EkkehartMittelberg (14.03.12)
Lieber Viktor,
dein Text hat mich auf den ersten Blick geschmerzt und deprimiert. Ist doch das Einhorn, Symbol einer poetischen Gegenwelt, verletzt. Aber dein sensibles Gedicht bewahrt die Erinnerung an das Märchenhafte, und wir können nicht wissen, ob ihm die Zukunft für immer verschlossen ist.
Herzliche Grüße
Ekki
SigrunAl-Badri (52)
(14.03.12)
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Gruszka (62)
(14.03.12)
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 mnt (14.03.12)
I finde ich hervorragend gelungen! An sich, die Idee und Umsetzung des Bildes finde ich gut.
Bei III bin ich mir nicht sicher, obs „Autobahnen schlucken Wälder“ und „Mobilität frisst Bäume“ braucht. Man könnte das eine als das andere ansehen, muss aber nicht. Anstelle der Mobilität könnte man etwas im Sinne der „Wegwerfgesellschaft“ einbauen. Nur eine Idee.
„56 Wohnungen, kein Zuhause“ überzeugt mich, wäre an sich schon ein treffender Schluss.
Grüße mnt
cassiopaia77 (34)
(14.03.12)
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Popelubu (74)
(14.03.12)
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stimulanzia (48)
(14.03.12)
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baerin (53)
(14.03.12)
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 TassoTuwas (15.03.12)
Es gibt ein Wort dafür. GROßARTIG!!! LG TT

 poena (15.03.12)
das gedicht empfehle ich richtig gerne. ich liebe derlei schräge gegenden mit graffittis und diesem gefühl von romantisch-märchenhaftem-jetzt kaputt, das in erster und letzter strophe für mich besonders deutlich spürbar wird. s3 brauche ich zur erklärung nicht.-die würde ich streichen.
lieben gruß, s

 princess meinte dazu am 15.03.12:
Nun überlege ich schon seit gestern, wie ich einen Kommentar zum Text formulieren könnte. Prinzessinnen sind nämlich sehr eigen, wenn es um Einhörner geht. Jetzt hat das Überlegen ein Ende. Ich unterschreibe einfach hier.
KoKa (44)
(15.03.12)
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 loslosch (15.03.12)
... Depressives Neonlicht ... [ich lese heraus: depressiv stimmendes neonlicht.]

eine putzige hypallage. es gibt einige großmeister hier, die mit dem wort auf kriegsfuß stehen ...

es geht aber nur, viktor, wenn neonlicht tatsächlich ein verstärker ist. bisher dachte ich, licht sei generell ein antidepressivum. natürlich ist warmes licht wirksamer. lo
Skandia (43)
(20.03.12)
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chinansky (29)
(22.03.12)
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 HerrSonnenschein (04.05.12)
Ganz, ganz starker Text! Sehr gerne gelesen. Fantastische Bilder für das Kopfkino. LG Jörg
Gringo (60)
(18.07.12)
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 RomanTikker (18.07.12)
Starkes Bild, gefällt mir, schaurig, trostlos, karg und doch irgendwie zauberhaft, es ist ja immer noch ein Einhorn. Aber was hat es mit der 56 auf sich? Implikationen, dass anstelle der fünften und sechsten Strophe in der vierten schon Schluss ist, Klappe zu, Affe tot? Oder habe ich da eine Bildungslücke? Zahlensymbolik? Ein Literaturmotiv? Quersumme 11, jaja, aber, äh, ... Oder habe ich etwas übersehen? Ich bin auch gerade zu ungeduldig um mir in aller breite Gedanken darüber zu mache. Falls die 56 eine bewusste Entscheidung war, wäre ich dankbar für einen Hinweis. Falls ich schlichtweg ein Brett vorm'm Kopf habe, dann bitte ich um Nachsicht, bin in Gedanken einfach zu sehr mit meiner ganz privaten Einhornzucht zugange ...
Unverballhornte Grüße!
Roman

 ViktorVanHynthersin meinte dazu am 18.07.12:
Hallo Roman,
vielen Dank für Deinen Kommentar und die Empfehlung. Die Anzahl der Wohnungen ist willkürlich gewählt, wurde jedoch durch ein Foto inspieriert: http://www.keinegalerie.de/details.php?image_id=23797&mode=search
Herzliche Grüße
Viktor

 RomanTikker meinte dazu am 18.07.12:
Danke, Viktor, für die Erhellung! Sehr stimmig, das ganze, gefällt mir wirklich. Ein starkes Foto auch. Alles Gute wünscht: Roman

 rabenvata (21.07.12)
früher schon oftmals in der meist nächtlichen Tristesse von Millionenstädten unterwegs gewesen weigere mich zu glauben, dass es wirklich niemanden mit reinem Herzen und keine Jungfrau mehr gibt, wo ein Einhorn noch Asyl findet. Nein, nein, nein ... aber so verdammt real dein Bild ... und so oft gefühlt ... und einige Male auf kleine Wunder gestossen sozusagen ...
mit liebem Gruß
der noch nicht ganz hoffnungslose
rv.
HvidLiljer (35)
(21.07.12)
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