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Teil 3

Roman zum Thema Arbeit und Beruf

von  NormanM.

„Herr Meier, danke, dass Sie sich noch einmal die Zeit genommen haben“, begrüßte mich der Ausbildungsleiter. Heute wirkte er viel freundlicher als beim ersten Gespräch.
„Der Grund, warum wir uns heute noch einmal zusammen gefunden haben, ist, dass ich Ihnen Herrn Winkelmann vom Arbeitgeberverband vorstellen möchte.“
Die zweite Person, die sich in dem Raum befand, erhob sich, um mich zu begrüßen. Er wirkte sehr nett, trug eine Brille, einen Schnauzbart und graue lichter werdende Haare. Sein Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor, allerdings konnte ich es nicht zuordnen.
„Normalerweise bilden wir immer zwei Industriekaufleute aus“, fuhr der erste Gesprächspartner fort. „In diesem Jahr soll noch ein Dritter von uns ausgebildet werden, der allerdings dann nicht direkt bei uns angestellt ist, sondern über den Arbeitgeberverband. Dazu wird Ihnen Herr Winkelmann Genaueres erzählen.“
„Ja, Herr Meier, das Wichtigste hat Ihnen ja Herr Rahneberg schon erzählt“, fing Herr Winkelmann dann an. Nun wusste ich auch wie der Ausbildungsleiter heißt, dieser hatte seinen Namen ja immer noch nicht gesagt. Zwar wusste ich ihn schon von Thorsten, aber jetzt wusste ich definitiv, dass ich es wirklich bisher mit ihm zu tun gehabt hatte.
„Ich bin jetzt nun hier, da ich Sie auch gern kennen lernen möchte. Wissen Sie, was der Arbeitgeberverband für eine Vertretung ist?“
Ich hatte mich natürlich vorher über seine Funktionen und Aufgaben informiert und konnte die Frage bejahen und gab kurz wieder, was ich wusste.
„Richtig, ganz genau. Sie möchten ja von der CDTS AG zum Industriekaufmann ausgebildet werden. Wie sind Sie denn zu diesem Berufswunsch gekommen?“
Ich fragte mich, wieso ich das alles noch einmal erzählen musste, wenn das Gespräch doch angeblich nur wegen Formalitäten stattfand, wie Thorsten es gesagt hatte. Ich gab dieselbe Antwort wie im ersten Gespräch.
„Haben Sie denn eine Vorstellung, was ein Industriekaufmann überhaupt macht?“
Natürlich hatte ich die, ich bewarb mich ja nicht um einen Ausbildungsplatz zu einem Beruf, den ich nicht kannte. Das sagte ich ihm zwar nicht so, aber ich nannte ihm einige Aufgabenbereiche und konnte ihm einen typischen Arbeitsalltag eines Industriekaufmanns darstellen. Meine Mutter war auch Industriekauffrau, dementsprechend wusste ich einiges über den Beruf.
„Sie haben sich, wie ich sehe, gut informiert. Sie müssen nur wissen, dass die Ausbildung kein Vergnügen ist und man dafür was tun muss.“
„Das weiß ich“, antwortete ich.
„Zu einer Ausbildung gehört schon ein gewisses Maß an Lernbereitschaft und Motivation. Verstehen Sie `n bisschen Bock genügt da nicht, bei mir muss ein Stück Holz nicht einfach nur warm werden, es muss glühen. Sind Sie auch jemand, der glüht?“
So harmlos wie er auf den ersten Blick schien, war er wohl doch nicht. Langsam ging er mir echt auf den Geist. Ich fragte mich, was er eigentlich von mir wollte. Woher wollte er wissen, wie motiviert ich war. Es kam mir so vor, als wenn er nach einem Grund suche, um mir einzureden, dass diese Ausbildung nichts für mich ist.
„Nein! Ich glühe nicht nur, ich brenne sogar“, antwortete ich bestimmt.
Da lachte er nur dumm. Dann fing er an, mich über Schulnoten zu befragen, warum meine Noten in dem Fach gut waren und in jenem Fach nicht so gut. Ich kam mir wie in einem Verhör vor. Ich dachte an Thorstens Worte. Von wegen, ich hätte nichts zu befürchten. All diese Fragen hier sollten nur Formalität sein?
Nachdem keine Fragen mehr auftraten, bat mich der Ausbildungsleiter, draußen vor dem Büro noch mal Platz zu nehmen, da sie sich noch beraten wollten. Mich interessierte wirklich brennend, was Thorsten mir da erzählt hatte. Eigentlich konnte ich mir nicht vorstellen, dass er mir einen Bären aufbinden wollte. Er war nicht wirklich der Typ für so etwas, ihm konnte man schon trauen. Ich vermutete eher, dass er entweder etwas missverstanden hatte oder dass sein Kollege was falsch verstanden hatte. Trotzdem war ich fix und fertig und wusste nicht, was ich tun sollte. Das war nun wirklich die letzte Chance.
Ich wartete. Nach zehn Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, bat mich der Ausbilder wieder herein.
„Also Herr Meier, wir sind noch zu keinem richtigen Entschluss gekommen. Wir werden noch einmal Rücksprache mit der Personalleitung halten und Ihnen dann im Laufe der nächsten Woche unsere Entscheidung mitteilen.

Völlig demotiviert und niedergeschlagen fuhr ich wieder nach Hause. Ich konnte das Ergebnis schon erahnen. Außerdem war ich sauer auf Thorsten, auch wenn es nicht seine Schuld war. Aber ich hatte mir nur unnötig Hoffnungen gemacht, die mir nun wieder genommen wurden.
„Wie? Es hieß doch, es ist alles klar“, meinte mein Vater, als ich von dem Reinfall erzählte.
„Ja, hieß es. Aber anscheinend ist dem doch nicht so. Was weiß ich, was Thorsten da verstanden hat“, gab ich völlig genervt zurück.
„Also ist es doch noch nicht klar“, fragte meine Mutter nach.
„Nein, sag ich doch“, antwortete ich richtig gereizt. Ich hatte inzwischen auch keine Lust, noch mal bei Thorsten nachzufragen, es brachte ja eh nichts.

Ich ging erstmal in den Wald, wo meine Rockerkollegen auch waren. Das war meist der übliche Treffpunkt, dort wurde gesoffen, gekifft und Musik gehört. Mit diesen Leuten verbrachte ich meistens meine Freizeit, zumindest, wenn ich nichts anderes zu tun hatte. Eigentlich hatte dieses ganze Abhängen überhaupt keinen Sinn, aber ich war damals eben noch jung.
An dem Tag war für mich Frustsaufen angesagt. Ich hatte am nächsten Tag eh frei und musste nicht zum Zivildienst, da konnte ich mich auch voll laufen lassen. Sechs Flaschen Bier zog ich leer. Na ja, im Vergleich zu den anderen war es nichts Besonderes. Bei einigen gehörten zehn Flaschen am Tag zur Tagesordnung, an Wochenenden schafften sie es auf den Tag verteilt sogar auf 20 Flaschen. Davon war ich weit entfernt. Sechs Flaschen waren für einen Abend schon viel für meine Verhältnisse. Und dabei kiffte ich ordentlich. Da sah die Welt schon wieder ganz anders aus, all meine Sorgen waren wie weg geblasen. Ach, ich mach das alles schon, dachte ich nur. Anscheinend ging es mir wohl zu gut, dass ich besoffen und bekifft, wie ich war, nach Hause ging und mir nicht einmal die Mühe machte, es zu überspielen. Von meinen Eltern gab es erstmal eine Standpauke. Wo ich denn jetzt herkomme. Mit was für Leuten ich abhing. Ob ich jetzt zum Säufer werden will. Dass ich lieber an meine Zukunft denken solle. Irgendwie hörte ich auch gar nicht richtig hin. Dafür konnte ich mir am nächsten Morgen, als ich wieder nüchtern war, die Standpauke noch einmal anhören.
„Na, bist du wieder nüchtern?“, fragte meine Mutter. Ich nickte.
„Hast du wenigstens Kopfschmerzen?“, fragte mein Vater. Wieder nickte ich, obwohl ich keine hatte. Damals kannte ich so etwas wie Kater noch gar nicht.
„Siehst du, das kommt davon. Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein.“
„Du kannst ja ruhig mal ein Bier trinken. Aber muss es dann gleich so viel sein und dann noch mitten in der Woche? Wieviel hast du denn getrunken?“
„Sechs Flaschen.“
„Willst du, dass das zur Gewohnheit wird?“
„Nein, natürlich nicht.“ Und das wollte ich wirklich nicht.
„Dann hör auch auf damit. Scheint ja nicht der richtige Umgang für dich zu sein.“
Wenn die wüssten, dass nicht nur Alkohol im Spiel gewesen war, dachte ich nur. Auch hatte ich ihnen nicht gesagt, dass wir uns draußen im Wald immer zum Saufen treffen, sondern dass wir bei einem Freund zu Hause waren.

Am darauf folgenden Montag meldete sich Thorsten wieder. Er hatte schon über seinen „Kontaktmann“ erfahren, wie das Gespräch gelaufen war. Nun lauteten die Neuigkeiten, dass dieser Herr Winkelmann vom Arbeitgeberverband gegen mich war und nun entschieden wurde, dass ich nicht, sondern ein anderer Bewerber über den Arbeitgeberverband eingestellt werde und ich nun doch direkt über die CDTS. Das hörte sich ja gut an, aber wahrscheinlich würde es in einigen Tagen sowieso wieder anders heißen.
Einige Tage später bekam ich Post. Und es war ein großer Umschlag. Und was bedeutete ein großer Umschlag? Dass die Bewerbungsunterlagen zurückgeschickt werden. Ich war außer mir vor Wut und schmiss den Umschlag, ohne ihn zu öffnen, durchs Wohnzimmer. Hatte ich es doch geahnt. Ich hatte keine Lust, ihn zu öffnen, da ich ja wusste, was drin steht, aber ich wollte Thorsten das Schreiben unter die Nase halten. So öffnete ich den Umschlag.

„Sehr geehrter Herr Meier,

wir freuen uns Ihnen einen Ausbildungsvertrag anbieten zu können (…)“


...
Fortsetzung folgt.

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