Die Herberge

Parabel zum Thema Abgrund

von  Quoth

Dieser Text ist Teil der Serie  Parabeln
Was für eine tolle Idee, die Herberge in einer alten Burg einzurichten! Ich bin mit den Kindern unterwegs, und sie starren befremdet das brüchige Gemäuer an: „Darin sollen wir schlafen?“ „Na klar," erkläre ich ihnen, "darin wurde schon vor 600 Jahren geschlafen, gewohnt, gegessen und getrunken!“ Die Schlafkammern sind oben im Bergfried untergebracht, an seinen Wänden wendelt eine schmale geländerlose Treppe empor, wir müssen uns eng an die Mauer drücken, was mit dem vielen Wandergepäck nicht einfach ist. Die vor mir steigenden Kinder schreien vor Angst. „Bald sind wir oben!“ rufe ich ihnen ermutigend zu – aber die Treppe scheint endlos. Warum hat man die Bergfriede so schrecklich hoch gebaut? Um die Wahrscheinlichkeit eines Überraschungsangriffs zu senken! Da stürzt Piet, der Fünfjährige, samt Rucksack  in die Tiefe. Wir müssten uns kümmern – aber die Treppe ist von Massen nach oben strebender Wanderer verstopft. Wir müssen weiter, immer weiter nach oben, und ich ahne: Als Vater von vier prächtigen Kindern bin ich aufgebrochen, kinderlos werde ich heimkehren.

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Kommentare zu diesem Text


 BeBa (19.08.21)
Herrlich, wie sich die Situation überraschend entwickelt. Dabei geht es los wie so oft während eines familiären Urlaubs.

Die Wendeltreppe auch als Sinnbild für die Zuspitzung gefällt mir.

Mich beschäftigt noch, warum Piet "schweigend" in die Tiefe stürzt.

Sehr gern gelesen.

Kommentar geändert am 19.08.2021 um 14:01 Uhr

 Quoth meinte dazu am 19.08.21:
Vielen Dank, BeBa für den Kommentar und die Empfehlung. Habe das "schweigend" gestrichen, ist unangebracht! Gruß Quoth
Graeculus (76)
(19.08.21)
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 Quoth antwortete darauf am 20.08.21:
Vielen Dank, o Graecule! Für mich sind Alpträume literarische Realität. Ich bevorzuge übrigens die Schreibung mit p, weil das Drückende darin besser zum Ausdruck kommt! Gruß Quoth

 Willibald (19.08.21)
O Gott!

Der einzige Trost, den ich auf die Schnelle fand: Quoth setzt Kommata wie in alten Zeiten von Wolkenstein und Eisenpflicht , fast ohne Veränderungen .

Vale

Kommentar geändert am 19.08.2021 um 17:57 Uhr

 Quoth schrieb daraufhin am 20.08.21:
Stimmt, Willibald - ich mag die der Software geschuldeten Kommas hinter Ausrufungs- und Fragezeichen der direkten Rede nicht, und ich mag den Verzicht auf Beistriche zwischen Hauptsätzen nicht, die durch und oder oder verbunden sind. Im ersteren Fall will ich mich um Besserung bemühen, im zweiten setze ich ein erlaubtes, ein Kannkomma und fühle mich wohl dabei!
"O Gott!" Ist das eine Anrufung des Kunstgottes, der solchen Mist zulässt? So dass Deine Empfehlung dahingehend zu verstehen ist, man solle sich den Text einmal anschauen, um zu sehen, wie man n i c h t schreiben soll? Gruß Quoth

Antwort geändert am 20.08.2021 um 07:23 Uhr

 Willibald äußerte darauf am 20.08.21:
Nein, das ist ein Ausruf des Erschreckens mitten in und am Schluss der Geschichte, die sich virtuos erzählt, weil ohne Brokat und Pathos erzählt.

Trost und Bedürfnis war dem Leser der schnelle Sprung in eine Metaebene, einmal in die Ebene Wolkensteiner Vergangenheit, dann in die Ebene und Niederungen der Orthographie.

Sei herzlich gegrüßt.

 Willibald ergänzte dazu am 20.08.21:
Ausserdem erinnerte ich mich, wie der 8jährige Willibald mit der Klasse zusammen den Bergfried der Mildenburg erstieg, die Treppe hatte eine Brettersicherung und die Beleuchtung funzelte vor sich hin. Als ich meinen linken Fuss aufsetzen wollte, fand er nichts und stocherte kurz ins Leere. Eine Ahnung von Fall und Dunkelheit und Ende. Oben auf dem Bergfried schaute ich nicht nach unten.
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