Der Beitel

Parabel zum Thema Kunst/ Künstler/ Kitsch

von  Quoth

Dieser Text ist Teil der Serie  Parabeln
Der Beitel drang in das jahrelang vorgelagerte Lindenholz ein und arbeitete Lippen heraus, Lippen von einer Schönheit, Fülle und einem Ebenmaß, dass es unmöglich war, sie zu betrachten, ohne an Küssen zu denken. Und wem sollten diese Lippen gehören? Einer reuevoll verschleierten Maria-Magdalena, in der die Ambivalenz des Weiblichen zwischen Sinn- und Sittlichkeit perfekt zum Ausdruck kam. Was für ein wundervolles Werkzeug ist der Holz bearbeitende und nach dem Willen des Schnitzers gelenkte, formende Beitel! Täglich angeschärft am nasskalten Schleifstein, wird er immer kürzer, bis er durch einen Nachfolger ersetzt werden muss … Doch dieser Künstler, nennen wir ihn Arthur, lebte mit Magda, seiner Frau, und Magda sah, wie ihr Mann immer mehr in die Fänge seiner eigenen Kunst geriet, dass er die Marien-Magdalenen, die er fertigte, mehr liebte als sie, und da sprach sie das vernichtende Wort aus und bezeichnete, was er schuf, als Kitsch, steigerte es noch in süßlichen, in verlogenen und schließlich heuchlerischen Kitsch, bis Arthur es eines Nachts nicht mehr aushielt und ihr den Beitel, seine Ambivalenz als Werkzeug blutig enthüllend, tief ins Herz rammte.

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Kommentare zu diesem Text


 Létranger (05.08.21)
deftig, heftig .

Gönne dem drittletzten Wort noch ein "s".

LG Lé.

 Quoth meinte dazu am 05.08.21:
Hab ich gemacht. Danke!
Graeculus (76)
(05.08.21)
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 Quoth antwortete darauf am 05.08.21:
Vor allem dann nicht, wenn die Kritik durch Eifersucht auf das Werk (oder auf die Zeit, die ihm gewidmet wird) verschärft ist. Vielen Dank, Graeculus.
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