Holle feiert Geburtstag

Erzählung

von  Quoth

Holle hatte Geburtstag, und aus diesem Anlass feierte er sich selbst mit einem seiner größten Kunststücke: Dem Turmbau zu Babel. So hatte Frau Raspe es genannt, unsere bibelfeste Kinderfrau. „Wenn er sich dabei mal nicht eines Tages den Hals bricht!“, hatte sie geunkt. Aufgeregt waren wir auch – aber wir wussten: Holle passiert nichts. Er wusste, wie er es anstellen musste. Oder vielmehr aufbauen. Und er band sich jedes Mal ein Frotteetuch um den Kopf. Er kannte die Risiken. Er machte es nicht zum ersten Mal, genau genommen zum dritten Mal seit Kriegsende. Die Fenster des ehemaligen Behandlungsraums standen offen. Die Reimers wohnten in der früheren Arztpraxis. Dr. Kruska war noch vor dem Krieg an einer unbekannten Krankheit verstorben. Acht Jahre lang hatte seine Witwe die Praxis ihrer gelähmten Cousine zur Verfügung gestellt. Ich erinnerte mich noch, wie ich der schwitzend im Bett liegenden Baronin in den Arm gelegt worden war. Sie knuddelte mich, aber ich war froh, als ich wieder frei war. Und jetzt herrschte hier Holle Reimer und baute seinen Turm auf. Wir, also mein Bruder und ich, der tückische Rolli und der angeberische Kris hockten in und auf der Gulaschkanone, die die Tommys im Hof zurückgelassen hatten. Über uns fuhr eine Windsbraut durch die Fichten, die neben dem Kühlhaus der Brauerei-Niederlage standen.

Es begann alles mit dem Tisch. Ein guter, stabiler Tisch, die Tischplatte wohl acht Zentimeter dick. Aber sie hatte Löcher, die man normalerweise nicht sah, wenn eine Decke darauf lag. Jetzt lag keine Decke darauf, und Holle musste höllisch aufpassen, dass nicht eins der Stuhlbeine in ein Loch geriet. Sechs Stühle bildeten das zweite Stockwerk, die stabilen Wohnzimmerstühle natürlich. Darauf kamen die leichteren, die vier Küchenstühle als dritter Stock. Darauf drei Klappstühle aus dem Hof als vierter und dann noch ein Hocker als fünfter Stock. Der Turm war fertig! Und was jetzt? Atemlos beobachteten wir, wie er sich aus einem rot gestreiften Badetuch den schützenden Turban um den Kopf wickelte. Dabei half ihm seine große Schwester Karin. Mit der hatte er sich gestern noch geprügelt, es war furchtbar gewesen, Blut war geflossen. Aber das Anlegen des Turbans ließ sie sich nicht nehmen, er war schließlich ihr Bruder. Und dann begann er mit dem Aufstieg. Wie ein Affe glitt er von Stockwerk zu Stockwerk. Es krachte. Einer der unteren Stühle war mit einem Bein in ein Loch gerutscht. Aber der Turm hielt. Holle nahm auf dem Hocker Platz. Dabei musste er den Kopf einziehen, denn der stieß schon an die Zimmerdecke. Triumphierend nahm er Blickkontakt zu uns auf. „Hals- und Beinbruch!“, rief Rolli. Und dann ging es los! Karin legte eine Platte auf mit einem schwungvollen Chor: Schowinetza!, schmetterten Männer in einer fremden Sprache.

Wir wussten ja, dass er das wieder machen wollte. Und trotzdem waren wir jedes Mal wieder fassungslos. Es war nicht sein Mut, den bewunderten wir. Aber die Verbindung mit der Sinnlosigkeit seines Tuns. Es war wahrhaftig eine Feier seiner selbst. Das machte und konnte – nur Holle. Er begann zunächst nur ein bisschen zu wippen. Das war schon riskant genug – vor allem mit dem einen Stuhl, der nur noch auf drei Beinen stand. Sein Wippen ging in ein Schaukeln über. Die Stuhlpyramide ächzte. Und knarrte. Und quietschte, als das Schaukeln immer mehr zunahm. Und dann: Ein Knirschen und Krachen, der Zusammenbruch! Nur der schwere Tisch stand noch ungerührt da. Die Stühle lagen in wüstem Chaos durcheinander. Und wo war Holle? Wir hielten die Luft an. War er diesmal zu weit gegangen? Hatte sich was getan? Es dauerte. Es rührte sich nichts. Kris guckte schon hoffnungsvoll. Würde jetzt er unser Anführer sein? Aber da bewegte sich was. Ein rotweißer Turban wurde sichtbar – und darunter Holles Gesicht – mit seinem verdammten schiefen Grinsen, das ihm keiner nachmachte, frech und unverschämt. „Holle! Holle!“ Wir krochen von der Gulaschkanone herunter und rannten an die offenen Fenster. Aber da stand Karin und platzte fast vor Stolz: „Wollt ihr ihm nicht mal gratulieren? Er wird heute neun! Wo sind die Geschenke?“




Anmerkung von Quoth:

"Giovinezza" war der Inno Trionfale der Faschisten Italiens.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (08.01.23, 19:48)
Toll dreist und sehr jung, aber mutig. Wenn ich daran denke was wir uns geleistet haben stehen mir die Haare zu Berge. 
Eine spannende Geschichte.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth meinte dazu am 09.01.23 um 10:32:
Vielen Dank, liebe Alma-Marie! Freut mich sehr, dass die Geschichte Dir gefällt und dass Du sie gleich dreifach ausgezeichnet hast. Ich denke über eine Fortsetzung nach ... Gruß Quoth
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