Widerlich

Text

von  Mondscheinsonate

Diese künstlichen Städte der Reichen und Schönen in der Wüste hasse ich wie die Pest, meine Freundin schickt mir im Sekundentakt Fotos aus Dubai, hat keine Million am Konto, prasst, schwärmt von einem Armband um 1000 Euro, das "zu teuer" ist, aber eine Stunde Jet-Ski um 500 Euro, wo nachher Verletzungen am Schienbein einhergingen und nur der Mann Spaß hatte, sind natürlich drin. Dubai lebt in Wahrheit von den Möchtegerns, lockt sie an wie die Motten zum Licht. Im Hintergrund Menschenrechtsverletzungen, gut kaschiert durch viele Wasserfontänen und Aquarien. Die armseligen Palmen im Beton würde man am Liebsten umarmen und sie trösten. 

Ich hasste auch schon die Billigversion in Hurghada, nur Beton und abends die Stimme des Islam, danach wurde es eiskalt, Weste anziehen. 

Nein, wirklich, ich hasse es abgrundtief. Wo etwas nicht hingehört, da soll es meiner Ansicht auch nicht sein und irgendwann wird sich die Natur rächen. 

Der Gedanke wird nicht eintreten, es trifft immer nur die Ärmsten der Armen, nicht die Dekadenz. So stand ich in der wahren Natur, mitten auf Fundamenten, der Tsunami riss alles davon. Frauen und Kinder liefen noch in den Zug, aber der wurde vom Wasser überflutet und wer nicht ertrank, der wurde zerquetscht, gnadenlos, ja, dort stand ich und sah auf das weite hellblaue Meer, es war gerade Ebbe, alles ruhig, es glitzerte. 

Sie schreibt: "Das ist das Paradies!" Eine Betonwüste mit künstlich aufgeschütteten Strand, perlenschnurartig aufgefädelt die Liegestühle, Menschenmassen, sie regt sich über die Klimakonferenz auf, dass "die ja nur gratis Urlaub machen wollen," ich schreibe zurück, dass wir uns auf das "Niveau jetzt wohl nicht begeben wollen und sie war wohl noch nie auf einer Konferenz, das ist derartig anstrengend, dass man nur froh ist, wenn man abends ins Bett fallen darf."


Asien: Mitten im Dickicht, Mückenstiche, es raschelt im Gehölz. Hinaus, geradeaus führt in ein Dorf, dort ist eine offene Markthalle, das Fleisch hängt in der prallen Sonne, die Fliegen laben sich daran. Auf den Tischen stehen Gefäße mit Gewürzen und daneben Eier auf Tellern. Ein Huhn mittendrin, nervös hin und her laufend, weicht den Menschen aus. Die Füße sind unbeschuht, die Flipflops stehen auf dem Weg, Holzböden, fremde Sprache, es surrt, blaue und rote Schmetterlinge unter den Dachbalken, daneben ein Ventilator. Ein magerer Hund liegt im Schatten und döst. 

Ein Sammeltaxi, man hebt die Hand, es hält, aufspringen und zusammengepfercht zurückfahren. Die Hitze kriecht in jede Pore und wird zu Salz, das durch die Haut ausgeschieden wird und über den Körper rinnt. Es riecht nach viel Arbeit und Entbehrungen, wird gelacht. 

Abends springen unterernährte Katzen den Touristen auf den Schoß und genießen Streicheleinheiten. 

"Wieso wählt ihr ständig blau, seid gegen Flüchtlinge und überhaupt alles, was dunkel ist und andersgläubig und fliegt dann nach Dubai?" 

"Das ist was anderes."

Ach ja, genau, reiche Araber wollen wir schon, arme nicht. 


Ich gebe einer Frau für ihre Ware das 10-fache, denn ich habe ihre Kinder gesehen. Die Kleinen laufen hin und her, arbeiten fleißig mit, sind keine fünf Jahre alt. Sie bedankt sich überschwänglich. Das ist, nicht einmal im Ansatz, notwendig, aber ich freue mich. Den Kindern gebe ich Bonbons, die ich immer für Kinder eingesteckt habe, auch Stifte und kleine Blöcke, Schokolade schmilzt. 

Die Freundlichkeit kommt von Herzen, zielt auf uns ab, nicht auf unsere Brieftasche, nicht überall, in dem anderen Dorf schon, das wir durchschreiten. Dort, wo viele Touristen sind, bezahlt man und ist König. Sie bringen uns zu Essen in einfachen Tongefäßen ohne Besteck. Wir essen mit den Händen, gemeinsam mit den Gastgebern. Danach helfe ich der Frau alles wieder weg zu tragen und wir sitzen und reden gebrochenes Englisch. Sie erzählt, irgendwann war alles zu teuer und sie musste aus der Schule auf die Plantage. Sie zeigte ihre Hände, die waren vernarbt. 

Gestern gingen vier jugendliche Syrer vor mir in meiner Gasse, sie lebten das Klischee, einer blieb abrupt stehen, ich konnte nicht durch, sie brauchten die ganze Straßenbreite für sich, ich blieb auch stehen. Der, der stehenblieb, machte Kickboxingbewegungen, die anderen drei lachten, dann ging es weiter. Ich betrachtete sie, sie sind hier immer gleich, denke ich, uniformieren sich in einer wattierten schwarzen Jacke und Jogginghose sowie Sportschuhen im tiefsten Winter. Arme Burschen, denke ich, sie taten mir leid. Sie will keiner, dachte ich, das muss man einmal erleben, keiner will dich. 

Aber, sie wollen dich auch nicht, das ist die Folge davon. Keiner hat es gut gemacht, das denke ich, während ich mich frage, ja, ertappe, dass ich denke, was sie in meiner Gegend machen, da waren sie noch nie und schäme mich sogleich. In Dubai prominieren sie, die will man, die sind reich.


In dem Dorf leben Muslime und Buddhisten friedlich nebeneinander, helfen sich gegenseitig beim Verkaufen der Ware, lachen zusammen. Ich frage, wie so etwas möglich ist? Sie sagt:"Es ist egal, was wir glauben, wir sind in erster Linie Nachbarn, die sich gerne haben." 

Die Freundin schickt mir ein Foto eines reichhaltigen Buffets und ich sehne mich nach dem gemeinsamen Essen mit Mari, so hieß sie, und ihrer Familie, einfach, schlicht, mit viel Gemüse und scharf abgebratenem Fleisch. 

Der Mann war äußerst freundlich zu mir. Vorher betete er auf dem Teppich.

Die Freundin schickt mir Fotos in einem knappen Bikini, deren Frauen verhüllen sich, darunter Chanel. Anscheinend hebelt die Gier nach Geld den Glauben aus. Diese Doppelmoral kotzt mich an. Ich hasse diese Stadt. Ich will woanders hin. 



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Kommentare zu diesem Text


 Redux (02.12.23, 09:36)
Ich bin komplett bei dir. Ja. Widerlich

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.12.23 um 09:39:
Kotz. Ich hasse hochgeschaukelte Dekadenz.

 Redux antwortete darauf am 02.12.23 um 10:00:
Ich hasse Dekadenz in jeglicher Form. Dekadenz geht sehr oft mit Kleingeistigkeit einher.

 LotharAtzert (02.12.23, 10:28)
Der ursprüngliche Kommentar wurde am 02.12.2023 um 16:14 Uhr wieder zurückgezogen.

 Graeculus (02.12.23, 13:22)
Die Sache an sich ist klar. Was mich stört, ist die Textstruktur: Da sind auf der einen Seite die Schlimmen (die anderen) und auf der anderen die Guten (die Ich-Erzählerin). Das ist ein Stereotyp, das man allzuoft findet und nach Selbstgerechtigkeit riecht.
Man könnte das Verhalten der Freundin für sich selbst sprechen lassen (ohne es abzuwerten), oder man könnte zumindest die Kontrastierung mit dem eigenen, besseren Verhalten weglassen. Die Schlußfolgerung, die Du suggerierst ("widerlich"), kann man auch dem Leser überlassen.

Das ist allerdings eine Stilfrage. Andere werden das, was Du hier machst, "engagierte Literatur" nennen.

Kommentar geändert am 02.12.2023 um 13:22 Uhr

 Mondscheinsonate schrieb daraufhin am 02.12.23 um 14:07:
Mag sein, du hast Recht, jedoch wollte ich zeigen, was sie braucht und was ich brauche, gleichzeitig meinen persönlichen Ekel kundtun. Das tat gut.

 Verlo äußerte darauf am 03.12.23 um 02:30:
Graeculus:

Man könnte das Verhalten der Freundin für sich selbst sprechen lassen (ohne es abzuwerten), oder man könnte zumindest die Kontrastierung mit dem eigenen, besseren Verhalten weglassen. Die Schlußfolgerung, die Du suggerierst ("widerlich"), kann man auch dem Leser überlassen.
Ja, jeder könnte so schreiben, wie es Graeculus gut findet.

Zum Glück schreibt Mondscheinsonate so, wie sie schreibt.

Denn genau das macht den Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst.

Mondscheinsonate ist eine Künstlerin!

 Tula (02.12.23, 22:26)
Hallo Mondscheinsonate
Es wird ja nicht wenig über die Dekadenz und Scheinheiligkeit der westlichen Welt und ihrer Politik fabuliert. Was in dieser Hinsicht in anderen Teilen der Welt auf- und durchgezogen wird, stellt unsere, die ich nicht abstreiten will, absolut in den Schatten. 

LG
Tula

 Graeculus ergänzte dazu am 02.12.23 um 23:18:
Für die Verrücktheit in den Ansprüchen scheint es keine Grenze zu geben. Ist doch Elon Musk dabei, ein Unternehmen aufzubauen, das kommerzielle Reisen im Weltraum, später auf den Mond und schließlich sogar auf dem Mars anbietet.
Mondscheinsonate spricht an, daß es auch andere, genügsame Menschen gibt? gegeben hat? Mir ist nicht klar, ob diese Genügsamkeit (die ich nicht aus eigenem Erleben kenne, weil ich nie außerhalb Europas war) freiwillig oder mangels Alternative erzwungen ist.

 Mondscheinsonate meinte dazu am 02.12.23 um 23:30:
Oh, du vergisst die Buddhisten, die Monks, die sind tatsächlich selbstversunken und leben freiwillig in Armut. Denen nehm ich's ab.

 Dieter Wal (03.12.23, 05:08)
Das hat echte Reportagequalität. Die Ich-Form würde einem im Publizistikstudium abtrainiert. Doch da diese Reportage so schön ist, wird sie auch manchmal in großen deutschen Tageszeitungen selbst in Ich-Form akzeptiert. Der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch schrieb seine Reportagen in Ich-Form.

Kommentar geändert am 03.12.2023 um 06:14 Uhr

 Mondscheinsonate meinte dazu am 03.12.23 um 14:19:
Nicht nur Publizistik, auch RW, "man", aber dann mit Hand und Fuß.
Dankeschön.

 Dieter Wal meinte dazu am 04.12.23 um 08:43:
RW bedeutet? Bitte schreib jetzt nicht Landkreis Rottweil. :kissing:

 Mondscheinsonate meinte dazu am 04.12.23 um 09:22:
Rechtswissenschaften. Wir kürzen alles ab, sorry. SS= Schriftsatz, gruselig, gell?
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