Ich

Kurzprosa

von  BeBa

Ich weiß, es hört sich verrückt an, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich gestern mir selbst begegnet bin. Sie werden zunächst mit einem Wie bitte? reagieren, denn Sie sind sich sicher, dass Sie mich falsch verstanden haben.
Das kann ich verstehen, und doch werde ich wiederholen, dass ich mir gestern begegnet bin. Sie werden dann einen Augenblick still sein. Ich stelle mir Ihren Blick vor und lese daraus Ihre Gedanken. Verrückt? Der falsche Ausdruck, irre trifft es besser, denken Sie. Und ja, Sie haben Recht.
Und doch, ob Sie es glauben oder nicht, genauso war es. Ich bin momentan zur Kur in diesem kleinen Ort. Der Grund tut nichts zur Sache. Vor einer Woche bin ich hier angekommen, habe seitdem vormittags und nachmittags Therapiestunden, Anwendungen und sonstige Maßnahmen über mich ergehen lassen. Sogar das Heilwasser trinke ich.
Aber die Abende nach dem festgelegten Programm gehören mir. Und so habe ich seitdem abendlich eine andere Lokalität besucht und die gutbürgerliche lokale Gastronomie genossen, sowohl was das Essen anbelangt als auch die süffigen weißen und ganz besonders die roten Weine aus der Gegend.
Gestern hatte ich mir das Lokal "Zur Alten Wutz" ausgesucht. An sich unterscheiden sich die örtlichen Lokale wenig voneinander. Überall ist es duster, von Nikotin vernebelt und der Geruch von Bier und Wein wabert durch den gesamten Gastraum. Ich fand einen kleinen Tisch für zwei Personen und glaubte, sicher zu sein, allein zu bleiben.
Wie jeden Abend bestellte ich mir ein erstes Viertel vom roten Hauswein. Dazu diesmal von der Karte den Wildschweinbraten, verleitet vom Namen des Lokals.
„Aber bitte nicht von der alten Wutz!“, scherzte ich mit dem Kellner, der sich sichtlich angestrengt um ein Lächeln bemühte. Das wäre nicht nötig gewesen, denn dass ich nicht der geborene Witzbold bin, weiß ich selbst. Und das wurde mir unverzüglich bestätigt, nachdem der Kellner fort war.
"So alt, dieser Kalauer!", sagte die Person, die aus heiterem Himmel plötzlich mir gegenüber saß. Ja, aus heiterem Himmel, auch wenn es schwer zu glauben ist. Und so kann ich Ihnen auch Ihre Frage nicht beantworten, woher diese Person denn so plötzlich gekommen ist.
„Was glaubst du, wie oft der arme Tropf (er bzw. ich, aber das verstehen Sie erst ein paar weiteren Zeilen später, meinte damit den Kellner!) das schon gehört hat?“
Du? Sagte er DU? Aber sicher, und was hätte ich dagegen sagen sollen? Er, der mir da gegenüber saß, das war ICH! Ja, ich weiß, verrückt und irre, ich hatte das ja zu Beginn dieses Textes eingeräumt.
Sie lesen diese Zeilen, denken sich Ihren Teil. Doch glauben Sie mir, ich saß mir leibhaftig gegenüber. Dieser Person, die ICH war.
Und ICH hatte ja Recht. Mein Kalauer war keine Glanzleistung und ich dachte darüber nach, mich beim Kellner zu entschuldigen.
„Mach dir keinen Kopf,“, meinte ich zu mir, der meine Zweifel mitgelesen hatte, „der Mann ist Schlimmeres gewohnt.“
Ganz bestimmt. Wir verstanden uns von Beginn an.
Wenig später wurde mir dieser wunderbar zarte und leckere Wildschweinbraten serviert. Statt eines weiteren Viertels bestellte ich eine Flasche des herrlichen Rotweins und ein zusätzliches Glas für mich. Der Kellner ließ sich nichts anmerken, doch ich und sicherlich auch ICH spürten, dass er nicht recht verstand. Ich bot meinem Gegenüber an, ihm etwas zu essen zu bestellen, aber er hatte keinen Hunger. Also genoss ich den Wutzbraten allein. Dem Rotwein war ICH jedoch nicht abgeneigt, so dass ich am Ende mein Viertel und zwei Flaschen Wein auf der Rechnung hatte.
Als wir die Lokalität verließen, bedankte ĬCH mich artig für die Einladung. Ich verstand nicht recht, denn eingeladen hatte ich mich nicht, aber am Ende sah ich einfach darüber hinweg. So, und weil ich generell nicht alles auf die Goldwaage lege, trennten wir uns friedlich.
Am nächsten Vormittag fragte mich mein behandelnder Arzt nach meinem Befinden und den Erlebnissen seit unserer letzten Therapiestunde. Von Beginn der Kur an hatte ich ihn immer enttäuschen müssen, weil ich nichts erlebt hatte. Jetzt erzählte ich ihm erleichtert vom Zusammentreffen mit mir in der Alten Wutz. Der Arzt nickte freundlich und schlug vor, dass ich MICH zu einer der nächsten Therapiestunden mitbringen solle.
Ich hoffe jetzt, mich demnächst wieder zu treffen. Aber ich möchte auch Sie bitten, und das ist der eigentliche Grund für all die Zeilen: Falls Sie mir begegnen, dann richten Sie mir doch bitte aus, dass ich mich dringend brauche.


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Kommentare zu diesem Text


 Quoth (24.03.24, 09:05)
Was mich erstaunt, ist die Gewissheit, mit der Du von Anfang an wusstest, dass dieser Andere an Deinem Tisch, Du selbst warst. Hast Du Dich nicht eine Sekunde gefragt: Wer ist das? und Dich dann langsam und zögernd zu der schrecklichen Gewissheit vorgetastet, dass Du es selbst warst?

 BeBa meinte dazu am 25.03.24 um 22:44:
Hallo Quoth,

ich erkenne mich doch, so alt bin ich doch noch nicht.  ;) Und so viel Platz gab es in der Geschichte nicht, dass ich all das noch reinpacken konnte.

Aber im Ernst: Gute Anregung, vielleicht bau ich da das eine oder andere noch ein, wenn ich überarbeite.

Danke dir und LG,
BeBa

 willemswelt (24.03.24, 09:38)
Find deine Beschreibung deines `Ich` schon sehr interessant-hab selber einige Therapien hinter mir und erinnere mich,wie ein Therapeut in meiner Gruppe zu einem Mitpatienten sagte:`Geh doch mal in das Nebenzimmer und stell dich vor den Spiegel,der dort steht,schau eine halbe Stunde (etwa) in den den Spiegel und komm dann wieder`-Wir Mitpatienten waren schon durcheinander bei der Vorstellung-hab es zuHause dann auch gemacht und gemerkt,wie schwer es war, mein Bild von mir so lange auszuhalten und merke heute noch,wie gerne ich doch an dem Bild(hier im Forum)an mir mir `bastele´,um ja nicht irgendetwas von mir deutlich zu machen,was ich an mir selber nicht so `toll`finde-einen Gruß zum frühen Tag,Willem

 BeBa antwortete darauf am 25.03.24 um 22:45:
Lieber Willem,

ja, das ist in der Tat ein ernstes Thema. Danke für deine Gedanken und Worte dazu.

LG
BeBa

 diestelzie (24.03.24, 10:30)
Ich finde es ja eher bedenklich, dass du dich, eben erst gefunden, wieder von dir verabschiedet hast. Dabei bist doch genau du der Mensch, der dich bis an dein Lebensende begleitet. Also nichts wie los auf die Suche nach dir. Verlass dich nicht auf Andere. Finde dich selbst!

Liebe Grüße
Kerstin

 BeBa schrieb daraufhin am 25.03.24 um 22:46:
Wahre Worte, liebe Kerstin. Danke dir für den Ratschlag.  ;)

LG
BeBa

 GastIltis (24.03.24, 12:50)
Ja BeBa, 
so geht es einem, wenn man sich selbst nicht kennt.
Ich hatte mich einmal wegen eines Zeckenbisses in der Notaufnahme gemeldet, weil er eine Rötung von etwa Handtellergröße eingenommen hatte, und ich zuvor Fieberschübe hatte, die denen ähnelten, die Jahre zuvor dazu führten, dass ich wegen einer Hepatitis siebzehn Tage in der Klinik war.
Dieses Mal war die Ärztin ungläubig und meinte, dass ich mich mit ihr vor einen Spiegel stellen sollte, was wir auch taten. Nach dem Unterschied zwischen uns befragt, sagte ich, dass sie deutlich jünger und kleiner sei. Und was wäre mit dem Gesicht? Da war ich vorsichtig und deutete an, dass sie hübscher und freundlicher aussähe.
Und die Nasen? Ja, meint ich, meine ist größer und dunkler.
In dem Moment nahm das Gespräch eine andere Wendung. Zum Glück hatte ich die Kliniks-Unterlagen vom 17-Tage-Aufenthalt mit, sodass sie sich nicht traute, auch ob ihres Verdachtes, den ich natürlich strikt zurückwies (Frage: was ist mit dir? Frage zurückgezogen), mich abzuweisen.
Kurz: ich wurde drei Tage durchgecheckt, und es wurde ein „Mitnahmeeffekt“ festgestellt, was das auch immer bedeutete.
Nun bist du dran. Liebe Grüße von Gil.

 BeBa äußerte darauf am 25.03.24 um 22:48:
Hallo GiL,

danke für deine Erinnerungen. Deine Kommentare, die ja eigentlich immer eigenständige Prosa sind, lese ich doch immer wieder gern.

Nun bin ich dran? Boah, lieber nicht, lieber GiL.

LG
BeBa
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