Ich heiße Herbert. Chinatown ist mein Revier, auch wenn es nie wirklich mir gehört hat. Die Gassen riechen nach altem Fett und warmem Reis, nach Nacht und Dingen, die niemand mehr will. Mein Vater ist unbekannt. Vielleicht war er mutig. Vielleicht feige. Meine Mama hieß Susi. Sie war alles, was ich hatte.
Aber ich war nicht immer allein.
Ich hatte Geschwister. Drei. Da war Rudi, der Größte von uns, der schon als Welpe so tat, als müsse er auf alle aufpassen. Leni, die schneller rannte als ihr Schatten. Und Paulchen, der Kleinste, der sich nachts an meine Seite drückte und nach Mama roch.
Eines Morgens kamen Männer.
Ihre Stimmen waren laut, ihre Hände hart. Sie trugen Säcke und Seile. Mama knurrte, und in ihrem Knurren lag etwas, das ich erst später Angst nennen lernte. Wir rannten. Zu langsam.
Die Männer packten Rudi zuerst, dann Leni. Paulchen schrie. Einer der Männer trat nach mir, als ich ihm in die Wade biss. Er verfehlte mich knapp. Ich stolperte, rollte unter den Container, dorthin, wo es dunkel und eng war. Mama warf sich vor den Eingang, knurrte, fletschte die Zähne. Für mich.
Die Männer fluchten. Sie griffen noch einmal, aber ihre Hände passten nicht hinein. Sie hatten, was sie wollten. Dann waren sie weg.
Mama suchte sie tagelang. Ich lief an ihrer Seite, bis unsere Pfoten wund waren. Wir fanden nichts. Nur Spuren ohne Ziel.
Mama starb langsam, von innen.
Seit die Männer unsere Geschwister geholt hatten, war etwas in ihr gebrochen. Sie wachte kaum noch richtig. Ihr Blick ging oft an mir vorbei, als sähe sie etwas, das ich nicht sehen konnte. Manchmal stand sie plötzlich auf und lief los, ohne Ziel, ohne Geruch. Dann blieb sie wieder stehen, als hätte sie vergessen, warum sie gegangen war.
Sie fraß kaum. Wenn sie etwas fand, schob sie es mir zu. Immer mir. Ich wurde stärker. Sie wurde dünner. Nachts hörte ich sie leise winseln, nicht laut, eher wie eine Erinnerung an Schmerz. Ich legte mich an sie, aber selbst meine Wärme erreichte sie nicht mehr ganz.
Am Ende war sie müde. So müde, dass selbst Aufstehen zu viel war.Ich fand sie nahe bei den Müllcontainern, dort, wo wir früher Schutz gesucht hatten. Kein Blut. Kein Kampf. Nur ihr Körper, der einfach aufgehört hatte mitzumachen. Als hätte ihre Seele beschlossen, dass sie genug gesucht hatte.
Meine Welt war klein und dunkel geworden. Ich schlief unter Treppen, in Kartons, zwischen Dingen, die niemand mehr wollte. Ich mied andere Hunde. Zu viel Verlust klebte am Geruch von Nähe.
Eines Abends jedoch knurrte es hinter mir. Tief. Ruhig. Nicht feindlich. Ich drehte mich um und sah einen, im Regen stehenden, alten Schäferhund mit nur einem Ohr und Augen, die mehr gesehen hatten, als sie verrieten. Seine Stimme klang wie Schmirgelpapier auf Stein. Er fragte nicht, warum ich allein war. Er sagte nur: Du stehst im falschen Wind.
Er hieß Kurt. Er behauptete, früher Polizeihund gewesen zu sein, was wahrscheinlich stimmte oder zumindest gut klang. Er roch nach Regen und Stolz und blieb. Und weil er blieb, blieb ich auch. Von ihm lernte ich, wie man Würste aus offenen Taschen holt, ohne dass Hände nach einem schlagen.
Dann war da Mila, eine kleine weiße Hündin mit krummen Beinen und großen Augen. Sie gab leise, glucksende Geräusche von sich, wenn einer von uns ihr den Bauch leckte, und ihr Schwanz schlug dabei gegen den Boden. Mila war überzeugt, dass jeder Mensch irgendwo tief drin gut sei. Wir ließen sie in dem Glauben. Manchmal braucht eine Bande jemanden, der an Wunder glaubt.
Und Bao, ein dicker Mops mit ständigem Atemnot-Geräusch, der schon auf der Straße geboren worden war und behauptete, er sei nur aus Versehen fett. Er kannte jede Hintertür, jede Gasse, jeden Ort, an dem Reis herunterfiel oder jemand etwas Essbares entsorgte. Ohne Bao wären wir verhungert. Oder zumindest schlecht gelaunt.
Bao war schon immer da. Niemand wusste genau, woher er kam, und Bao selbst erzählte jedes Mal etwas anderes. Mal behauptete er, aus einer noblen Küche geflohen zu sein, mal aus einem Tempel, in dem er zu viel geopfertes Essen erwischt hatte. Wahrscheinlich stimmte nichts davon ganz.
Was wir wussten: Er war als Welpe zwischen Essensständen groß geworden. Die Hitze hatte ihm die Schnauze kurzgehalten, der Überfluss den Körper rund gemacht. Bao lernte früh, stehen zu bleiben, wenn Menschen hastig wurden, und sich fallen zu lassen, wenn Ärger drohte. Sein Atem ging schwer, aber sein Verstand war schnell.
Er hörte Dinge, bevor sie passierten. Schritte. Klappern. Das leise Geräusch von Reis, der auf Stein fällt. Bao wusste immer, wo es etwas zu holen gab und noch besser: wann man weg sein musste. Deshalb ließen wir ihn vorgehen. Und deshalb kamen wir satt durch Nächte, die sonst hungrig geblieben wären.
Bao sagte oft: Dick ist nur ein anderes Wort für vorbereitet. Wir widersprachen ihm nie.
Später kamen zwei dazu, die selbst Chinatown noch für seltsam hielt. Der eine hieß Otto. Ein windiger Windhund mit viel zu langen Beinen und der festen Überzeugung, er sei unsichtbar, sobald er die Augen schloss. Wenn Gefahr drohte, stellte er sich mitten auf die Straße, presste die Lider zusammen und flüsterte: Ich bin weg. Niemand wusste, wie er so lange überlebt hatte. Aber irgendwie tat er es.
Die andere war Madame Pfote. Eine uralte Pudeldame mit rosa gefärbten Ohren, die früher angeblich in einem Zirkus gearbeitet hatte. Sie ging nur rückwärts Treppen hinauf und knurrte jeden an, der das Wort Platz benutzte. Madame Pfote wusste Dinge. Über Menschen. Über Fallen. Über Lügen.
Manchmal, nachts, erzählte ich ihnen von meinen Geschwistern. Kurt hörte schweigend zu. Mila jaulte leise. Bao schnarchte und tat so, als höre er nichts. Madame Pfote sagte: Vielleicht leben sie noch. Und vielleicht ist das schlimmer als tot.
Einmal glaubte ich, Rudi gesehen zu haben. Am anderen Ende der Straße, an einer Leine. Groß, mager, mit gesenktem Kopf. Ich rannte. Autos hupten. Otto schloss die Augen. Kurt zog mich zurück. Als ich wieder hinsah, war der Hund verschwunden. Seitdem weiß ich, wie Hoffnung wehtut.
Die Menschen waren anders. Da war Herr Lin, der Gemüsehändler, der mir jeden Abend eine welke Karotte zuwarf und so tat, als hätte ich sie gestohlen. Er war gut. Er roch nach Erde und Müdigkeit.
Und da war der Mann mit den Stiefeln, der Gift auslegte und trat, wenn sich etwas bewegte. Er roch nach Metall und nach etwas Kaltem, das ich benennen konnte.
Eines Nachts hörten wir das Winseln. Ein Welpe, eingeklemmt unter einer Palette, mitten im Hof der Müllcontainer. Genau dort, wo ich meine Mama gefunden hatte. Ich dachte an meine Geschwister. An den Sack. An das Wegtragen.
Ich wollte nicht hin. Meine Beine zitterten. Kurt knurrte nur: Helden zittern auch.
Der Welpe hieß später Lotte. Damals hieß sie nur Angst.
Der Mann mit den Stiefeln kam zurück. In seiner Hand ein Stück Wurst, schwer von Gift. Mila stellte sich ihm in den Weg, viel zu klein, viel zu mutig. Bao fiel vor Aufregung um. Otto schloss die Augen. Madame Pfote spuckte ihm vor die Füße. Kurt packte den Stiefel und hielt ihn fest. Und ich sprang an seinem Bein hoch und biss ihm in den Schritt. Nicht weil ich stark war, sondern weil ich wusste, was es heißt, zurückgelassen zu werden.
Der Mann schrie. Menschen schrien selten so ehrlich. Herr Lin kam gerannt, andere Menschen auch. Der Mann mit den Stiefeln verschwand, schneller als sein Mut. Lotte lebte.
Seitdem nennen sie mich manchmal Held von Chinatown. Meistens aber immer noch Streuner. Abschaum. Das ist in Ordnung. Helden müssen nicht geschniegelt sein. Sie müssen nur bleiben, wenn andere gehen.
Ich denke oft an meine Mama.
Und an Rudi. Und Leni. Und Paulchen.
Vielleicht leben sie irgendwo. Vielleicht nicht. Aber sie leben in mir.
Ich heiße Herbert.
Und ich bin nicht allein.
©Sigrun Al-Badri/ 2026