Lissabon frisst langsam

Text

von  Isensee

Ich bin nicht angekommen.
Ich wurde ausgespuckt.

Der Zug, das Flugzeug, der Gedanke – egal.
Irgendwann stand ich hier, und die Stadt hatte mich schon im Mund.
Lissabon kaut leise.

Nicht wie Leipzig, das beißt.
Lissabon zermürbt.

Leipzig war ein geschlossenes System.
Graue Regeln, graue Gesichter, jeder wusste, wer du bist, noch bevor du etwas sagst.
Ein Ghetto mit Ideologie.
Ein Ghetto, das sich für Kultur hält.
Ich war Teil davon.
Ich roch genauso.


Jetzt: Hügel.
Unentschlossenheit aus Stein.
Straßen, die sich winden wie Eingeweide.
Die Stadt ist kein Raster, sie ist ein Körper ohne Anatomiebuch.

Ich wohne in einem Zimmer, das früher jemandem gehört hat, der jetzt tot ist oder glücklich – hier ist das dasselbe.
Die Wände schwitzen Geschichte.
Die Fliesen sind rissig wie alte Zähne.
Ich schlafe schlecht, aber ehrlich.

Tagsüber irre ich herum.

Die Sonne macht alles verdächtig.
Sie beleuchtet auch das, was man lieber im Schatten lässt.
Meine Gedanken zum Beispiel.

In Leipzig war das Elend horizontal.
Breit, flächig, solidarisch.
Hier ist es vertikal.
Es fällt.
Es stürzt.
Es kommt von oben.


Ich sehe Menschen, die seit Jahrzehnten dieselbe Treppe hochgehen.
Ihre Körper wissen es, ihre Gesichter nicht mehr.
Sie sprechen mit der Stadt, nicht mit mir.
Ich verstehe kein Wort und alles zugleich.

Das Meer ist immer in der Nähe.
Wie eine Option.
Wie eine Drohung, die höflich bleibt.
Es sagt: Du könntest verschwinden, wenn du wolltest.
Ich will nicht.
Noch nicht.


Nachts zerfällt die Stadt in Geräusche.
Metall, Gelächter, Schritte, die keinen Körper mehr haben.
Ich höre mich selbst denken, zu laut.
Ich höre Leipzig in mir weiterreden, beleidigt, dass ich gegangen bin.

Ich habe mein altes Ghetto mitgenommen.
Es wohnt jetzt in meinem Brustkorb.
Manchmal klopft es von innen, als wolle es raus.
Ich lasse es nicht.
Ich brauche es noch.
Als Referenz.


Lissabon ist kein Neuanfang.
Es ist ein anderes Ende.
Eines mit Farbe.
Mit Musik.
Mit Verwesung im Sonnenlicht.

Ich lerne, wie man hier krank ist.
Langsam.
Ohne Drama.
Mit Würde vielleicht, wenn man Glück hat.


Ich sitze auf Mauern und denke nichts.
Das ist neu.
In Leipzig war Denken Pflicht.
Hier ist es ein Fehler, den man sich leisten kann.

Ich bin niemand hier.
Und das ist das Gefährlichste, was mir je passiert ist.

Die Stadt schaut mir zu,
nicht interessiert,
nicht feindlich,
nur aufmerksam genug, um mich nicht zu retten.

Und ich?

Ich lasse mich.
Ich lasse mich zerlegen, neu sortieren, weich machen.

Ein Tier ohne Gerüst.
In einer Stadt, die weiß, wie man so etwas hält,
ohne es zu tragen.




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