Die kleine Bärbel - (Am Dang)

Text zum Thema Kinder/ Kindheit

von  Gabyi

Unten am Dang, ganz in der Nähe von der Stelle, wo der Strandsand sehr fein war, spielten die verwahrlosten Kinder der Nachkriegszeit. Ihre Gesichter waren bräunlich-schmuddelig verfärbt, an ihren Körpern steckten kurze Lederhosen, welche die überforderten Mütter nicht waschen mussten. Sie spielten “Die Maier'sche Brücke”, die Maier'sche Brücke, die ist schon längst zerbrochen oder “Es gingen zwei Pantöffelchen” in unsererm Kreis herum. Dabei standen sie an einer Mauer und ein Kind ging hin und zurück, ein Wandspiel. Oder Hinkepott, wo man mit Kreide quadratische Muster auf die Straße malte und darauf hin und her herumsprang. Oder Gummitwist mit einem Gummiband, das an zwei Kindern befestigt wurde oder bedarfsweise an einer Mülltonne. Hier in der Nähe vom Dang wohnte auch die kleine Bärbel mit ihrem Vater und sie trug zwei goldene Ohrringe an ihren Ohren mit roten Steinen aus Rubin.
Sie quengelte immer und immer “Mhh Backe, ähem, mhh Backe ähem”, und keiner wusste, was sie wollte. Empathie gab es damals eher noch selten. Es war etwas kurz nach dem großen Krieg, da waren die Menschen noch hartherzig und abgebrüht.

Das beobachtete ein älteres Mädchen namens Sabrina Schafsfuß. Sie betrachtete die Kleine mit einer Mischung aus Ekel und Wohlwollen. Ekel deswegen, weil sich über das Gesicht der Kleinen grüne Schnodden verteilt hatten und Wohlwollen, weil sie ansonsten auch irgendwie niedlich aussah. Sabrina gefiel es immer, wenn Babies weinten und häufig kniff sie ihnen in die Backen, um sie zum Weinen zu bringen. Kinderwagen standen früher häufig und oft unbeobachtet mitten auf den Bürgersteigen.
Sabrina war dermaßen sozialisiert, dass sie gelernt hatte, dass Ohrringe ein Merkmal von Zigeunern oder armen Leuten waren. Beide standen nicht sehr hoch in ihrer Gunst und mit der Zeit verfestigte sich bei ihr der unbändige Wunsch, der kleinen Bärbel einen Ohrring abzureißen. Sie verzichtete dabei auf Empathie und jegliches Mitgefühl, denn sie wollte nur einfach gern einen Ohrring haben. So schmiedete sie einen Plan, das Kind in eine Falle zu locken. Unten am Dang war eine gute Stelle dafür, relativ menschenleer und ganz nah am Ostseestrand.


Fortsetzung folgt



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online: