Mutterstimme - Sohn gefallen (1917)

Gedicht zum Thema Trauer/Traurigkeit

von  Saira

Im Dämmerschoß der Stube sitz ich reglos,
die Spindel schweigt, die Hände ruhn auf deinen Zeilen.
Ein Tuch leg ich auf offne Nacht in mir,
doch wach bleibt mir der Schmerz, darin zu weilen.

 

Der Bote stand im Hof mit starrem Blick,
sein Siegel roch nach fernem Erdengrund.
Sein Schritt war Pflicht, sein Atem fremd und kühl,
als rief die Zeit aus eines Abgrunds Schlund.

 

Die Magd bringt karge Speise in das Haus,
ein Brot, so hart wie unsre Tage schwer.
Wir hungern nicht nach Leib und Krume bloß,
wir hungern nach dem Halt von einst und mehr.

 

Der Wagen knarrt im Abend durch das Tor,
die Pferde dampfen wie ein stumm Gebet.
Ein Staub legt sich auf jeden schweren Tag,
als ob die Zeit im Atem stockend steht.

 

Der Hagestolz vom Nachbarhof verflucht
den Krieg und Gott mit rauer, wilder Zung,
ersinnt sich Felder ohne Herrenjoch,
doch geht, als trieb ihn Pflicht und alte Bindung.

 

Im Spinnraum flüstert man von Tod und Ehre,
vom Sohn, der fern im Feld gefallen ist,
vom Heldenlob, das man im Dorf vermehre,
doch auch vom Leid, das jede Mutter misst.

 

Die Herren walten überm kleinen Dorf,
die Glocke teilt den Tag in müde Teile.
Mein Kummer ruht in deinen Worten sacht,
darin mit müdem Geist ich still verweile.

 

Erschöpft verharre ich im schwindenden Geleucht,
die Glocke schneidet mir die Stunden klein:
Gestern warst du Kind im Hof bei mir,
heut bist du fern – und bleibst doch immer mein.

 

Und über Dach und Staub und dunkle Flur
seh ich den Stern, der überm Grabe steht,
er bleibt mir nah, so sanft und namenlos,
bis auch dein Bild im Dunst vergeht.


 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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