Ein Weiter für dich

Gedicht zum Thema Gedanken

von  Saira

Du bist keiner,
den man in einen Rahmen hängt,
kein Bild, das still wird unter Glas.

 

Du bist eher
eine Tür im Wind,
die sich öffnet, wenn niemand klopft
und doch immer jemand eintritt.

 

Die Jahre tragen bei dir kein Gewicht;
sie leuchten wie Kiesel im Wasser,
vom Strom rund geschliffen,
nicht verbraucht, nur verwandelt.

 

Du gehst nicht durch Räume –
du erschaffst sie.
Zwischen zwei Gedanken
spannst du ein Seil aus Fragen,
und wer es betritt,
merkt erst später,
dass er längst
sein Gleichgewicht verloren hat –
und dafür etwas anderes fand:
Nähe.

 

Dein „Labyrinth“
ist kein Ort aus Mauern,
sondern ein Herz,
das viele Wege kennt
und keinen vergisst.

 

Dort flüstern Worte
nicht nach Bedeutung,
sondern nach Berührung.
Dort stolpert man
über ein Lächeln im Absurden
und hebt es auf,
als wäre es ein Fundstück aus Licht.

 

Du hast die Kunst
aus stillen Zimmern geholt
und ihr beigebracht,
wieder zu atmen
zwischen Stimmen,
zwischen Händen,
zwischen den feinen Rissen des Alltags.

 

Und immer liegt
unter deinem Blick
dieses Wissen:
wir alle sind aus feinem Glas
und gerade deshalb
so klingend,
wenn wir einander berühren.

 

Lieber Reli,
du bist kein Alter geworden,
du bist ein Weiter.

 

Ein Weitergehen
durch Zeit,
durch Menschen,
durch das Unfertige,
das du nie glätten wolltest.

 

Möge dein Weg
lange unvorhersehbar bleiben,
mögen deine Fragen
weite Kreise ziehen
in den Herzen anderer,
und möge das Leben dir
immer wieder begegnen,
so wie du ihm:
offen, wach,
mit diesem stillen Lächeln,
das selbst im Widerspruch
noch Wärme trägt.

 

Alles Gute dir, Kunstmeister,
du lebst
wie ein Gespräch,
das niemals endet.

 

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 franky (10.04.26, 08:41)
Hi liebe Sigi, 

"Du bist eher
eine Tür im Wind,
die sich öffnet, wenn niemand klopft
und doch immer jemand eintritt."


Sehr schöne Gedanken, 
sie heben einen in ein höheres Niveau 

Liebe Grüße von Franky 

 Reliwette (10.04.26, 09:21)
"Meine" liebe Saira,
Du ehrst mich mit Deinen wunderschönen Grüßen zu meinem "Burzeltag". Ich bin es gar nicht gewohnt, dass sich eine Silbenfee so viele Gedanken um meine Wenigkeit macht. Alles Wehen um mich sende ich Dir in Seidenpapier zurück. Es ist tatsächlich so, dass der alte Kunstmeister doch nur eine liebevolle Erfindung von mir ist. In Wirklichkeit ist meine Größe zwischen Daumen und Zeigefinger zu bemessen. Der Blick in den Sternenhimmel stutzt alle Erdenbewohner  auf das Maß zurecht, das ihnen gebührt, auch einen Donald Trump, der es gar nicht verdient, in einem Forum wie dem KV erwähnt zu werden. Um so herzlicher mein Dank für den liebevollen
Text, der Deine poetische Sprache verkörpert und selbst zu Licht wird.

Ganz herzlicher Dank, ein freundschaftlicher entfernter Drücker!
Ein Gruß!
Reli

 AnneSeltmann (10.04.26, 09:30)
Guten Morgen!

Das ist ein Text, der nicht lobt, sondern bewegt.
Er umkreist sein Gegenüber nicht von außen, sondern tritt ein – genau so, wie er es beschreibt. Diese Tür im Wind ist mehr als ein Bild: Sie wird zur Haltung des ganzen Gedichts. Alles bleibt in Bewegung, nichts wird fixiert oder abgeschlossen. Sehr stimmig.
Besonders stark ist, wie du Alter verweigerst und stattdessen „Weiter“ setzt. Das kippt die Erwartung leise, aber wirkungsvoll. Überhaupt liegt die Kraft weniger in großen Effekten als in diesem ruhigen Verschieben von Bedeutungen – Glas, Labyrinth, Räume – alles wird geöffnet, nicht erklärt.
Manchmal ist der Text nah an der Fülle, fast zu reich an Bildern. Aber genau darin liegt auch sein Sog: Man wird nicht geführt, sondern hineingezogen.
Am schönsten vielleicht:
dass Nähe hier nicht behauptet wird, sondern entsteht – beim Lesen.
Ein Text wie ein Gespräch, das man nicht beendet, sondern mitnimmt.



LG

Anne
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