Warum ich Veronika dankbar bin

Betrachtung zum Thema Lebensweg

von  Citronella

Wenn Veronika und ihre Freundin Doro in der Mittagspause kichernd Arm in Arm ins Zentrum unseres kleinen Städtchens strebten, blieben viele Blicke an diesen beiden lebensfrohen jungen Frauen hängen: Die etwas zu kurzen Miniröcke, die für ihre pummeligen Oberschenkel eigentlich nicht so recht geeignet waren, wippten im Gleichklang mit bunten Ohrgehängen. Dass sie die Mittagspause, meistens im Stadtgrill, etwas überzogen, wurde nicht so streng gesehen. Denn sie hatten Rückendeckung in der Firma.


Wir waren Kolleginnen. Veronika und ich teilten uns ein kleines Büro, und so konnte ich das Öfteren mitbekommen, wie sie ganz ungeniert mit dem Prokuristen und dem Juniorchef flirtete. Es galt als offenes Geheimnis, dass sie mit beiden, die gut zwanzig Jahre älter waren als sie, mehr als nur befreundet war.


Veronika wurde in jenem Frühjahr 21 und war damit nur zwei Jahre älter als ich, kam mir aber unendlich viel lebenserfahrener vor. Ihr Vater war Inhaber einer Vertriebsfirma für kunterbunten Modeschmuck, den sie selbst gerne trug. Auch mir schenkte sie einige Male solche bunten Teile, die zwar zu 1968 passten, aber überhaupt nicht zu mir. Einige wenige Male gingen wir zusammen aus.


Noch im selben Sommer zogen Veronika und Doro überraschenderweise zusammen nach München. Veronika schrieb mir begeisterte Briefe. Offensichtlich hatte sie schon auf der Hinreise einen netten jungen Mann kennengelernt, mit dem sie und Doro dann auch gleich zusammengezogen waren. Sie bewohnten eine kleine Altbauwohnung nicht weit von der Leopoldstraße entfernt – also mitten im pulsierenden Schwabing. Als sie mich zum Oktoberfest einlud, nahm ich begeistert an.


Es wurde eine turbulente Woche. Das Großstadtflair, die Schwabinger Discos, die Wiesn – noch nie hatte ich mich so frei gefühlt. Seit Längerem plante ich schon die Flucht aus dem Provinzmief. Hier fand ich, was ich gesucht hatte. Als Krönung kam am Ende der Woche noch ein heftiger Flirt mit einem Studenten dazu.


Gleich nach meiner Rückkehr begann ich Bewerbungen zu schreiben, gegen den heftigen Widerstand meiner Eltern. Im November dann die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, die kurzfristige Zusage zu einem interessanten Job und die Kündigung am alten Arbeitsplatz. Meine Eltern erkannten, dass ich nicht mehr zu halten war und ein weiteres Jahr im Elternhaus, das mir noch zur Volljährigkeit fehlte, niemandem helfen würde.


Am 2. Januar erwarteten mich Veronika und ihr Freund am Münchner Hauptbahnhof und fuhren mich zu meiner neuen Unterkunft, die ich über eine Zeitungsannonce gefunden hatte. Wir verabredeten uns noch einige Male, aber Veronika erwies sich als unzuverlässig und manchmal schwer durchschaubar. Ich war sehr schnell eingebunden in mein neues Umfeld am Arbeitsplatz und fand dort sofort zwei Freundinnen. Freizeitaktivitäten wurden auch im Kollegenkreis großgeschrieben. Die Welten von Veronika und mir schienen nun nicht mehr miteinander vereinbar. Meine Mutter war darüber sehr froh. Sie hatte Veronika immer für ein Flittchen gehalten und größte Sorgen gehabt, dass deren Einfluss mich auf die schiefe Bahn bringen könnte.


Irgendwann hörte ich durch eine gemeinsame Bekannte, dass Veronika nach Hamburg gezogen sei. Und noch viel später hieß es, sie sei dort auf dem Strich gelandet – was ich nicht glauben wollte, aber auch nicht für absolut unmöglich hielt. Ich habe nie wieder von ihr gehört.


Ihre Todesanzeige fand ich vor einiger Zeit durch Zufall: Offensichtlich hatte sie wieder in Süddeutschland gelebt und war sogar verheiratet gewesen.


Mir wurde an jenem Tag noch einmal bewusst, welchen Einfluss sie doch auf mein Leben gehabt hatte, obwohl wir nicht sehr eng und auch nur sehr kurz befreundet waren. Aber hätte ich damals nicht ihre Einladung nach München angenommen, wer weiß, wann ich den Absprung geschafft hätte.


Den netten Studenten aus der Disco sah ich übrigens später nur ein einziges Mal wieder. Er schien im Alltag wohl doch andere Interessen zu haben.




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Kommentare zu diesem Text


 Moppel (05.05.26, 19:57)
es gibt keine Zufälle im Leben, Citro...lG von M.

 Citronella meinte dazu am 05.05.26 um 21:25:
Das sehe ich anders ...
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