Der letzte Wille

Verserzählung zum Thema Abrechnung

von  Saira

Im Wartezimmer roch es
nach Bohnerwachs
und alten Mänteln.

 

Herr Krüger, der Notar,
ordnete die Blätter
wie ein Priester
die letzten Sakramente.

 

Am Fenster saß
Carola mit den Perlenohrringen.
Sie lächelte schon
in das kommende Geld hinein.

 

Neben ihr
Bernd, der Sohn,
mit den feuchten Händen
und den Wettschulden im Kopf.

 

Helene, die Schwester,
ganz in Schwarz,
obwohl sie den Alten
nie besucht hatte.

 

Und Rüdiger,
der Neffe mit dem roten Schal,
der jedem erzählte,
wie eng er dem Verstorbenen
verbunden gewesen sei.

 

Keiner sah den Gärtner an.

 

Johann stand still
an der Tür,
die Erde noch
unter den Nägeln.

 

Herr Krüger räusperte sich.

 

Die Uhr tickte
wie ein Beil.

 

„Im Vollbesitz meiner Kräfte“,
las er vor,
„entziehe ich sämtlichen Verwandten
jeglichen Pflichtteil.“

 

Da hob Carola den Kopf
wie ein Pferd vor dem Schlag.

 

Bernd fluchte leise.

 

Helene wurde grau
um den Mund.

 

Rüdiger lachte noch kurz,
dieses dünne Lachen
von Menschen,
die sich unsterblich glauben.

 

Dann kam der Grund.

 

Der Alte hatte
jahrelang Tagebuch geführt. 

Mit Datum.
Mit Uhrzeit.
Mit Namen.

 

Wer Silberbesteck stahl.
Wer Medikamente austauschte.
Wer Unterschriften fälschte.
Wer ihn im Pflegebett
„endlich verrecken“ hörbar nannte.

 

Herr Krüger las nüchtern weiter,
während draußen
eine Amsel sang.

 

„Meine Familie wartete
auf mein Ende.

 

Nur Johann
wartete auf den Frühling.“

 

Der Gärtner hatte ihn gewaschen,
als er sich einnässte.

 

Hatte ihm im Winter
Feuer gemacht.

 

Hatte den verwilderten Garten
wieder blühen lassen,
damit der Alte
noch einmal Rosen sah.

 

Und als der Krebs kam,
war Johann der Einzige,
der blieb.

 

Ganz still
saß er nun da,
während die anderen
wie ausgeweidete Tiere wirkten.

 

Kein Pflichtteil.

Nicht ein Ring.
Nicht ein Löffel.
Nicht die Villa.

 

Alles ging an den Mann
mit den schmutzigen Händen.

 

Draußen bewegte der Wind
die Hecken.

 

Und irgendwo
platzte Carola
der falsche Pelzknopf
vom Hals.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026


Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Aber (23.05.26, 11:56)
Ja, liebe Saira, nicht umsonst habe ich nach der Fachhochschulreife das Gärtnerhandwerk erlernt.

 Saira meinte dazu am 23.05.26 um 13:42:
Gratulation zur Berufswahl, lieber Aaron!

Literarisch gesehen seid ihr ohnehin beneidenswert vielseitig einsetzbar: mal Liebhaber, mal Mörder und gelegentlich sogar die anständigsten Erben im ganzen Haus.   :D

LG

Saira

 Reliwette (23.05.26, 12:42)
Liebe Saira,
leider ist das in vielen Erbfällen Realität. Dem Notar ist es egal, er hat sein Honorar im Sack! Aber wenn Geierwallis und deren Sprößlinge eine herbe Enttäuschung hinnehmen müssen, sagen doch feinfühlende Menschen: "Geschieht ihnen recht!" Ich hatte auch einen Schwager in der "Familie", der schon die Wäsche im Kleiderschrank durchforstete, nachdem der Betstatter gerade die tote Mutter in den schwarzen Wagen verfrachtet hatte.
Trotz allem ist dieser Text so verfasst, als ob die Beteiligten samt falschem Pelzknopf noch im Raume sind.
Chapeau!
Und lieber Gruß!
Reli

 Saira antwortete darauf am 23.05.26 um 13:53:
Lieber Reli,

gab es nicht einmal einen Film namens „Die Geierwally“? Irgendwo in düsteren Bergen, voller Tragik und menschlicher Abgründe? 

Dein Schwager hätte sich mit Carola vermutlich blendend verstanden. Solche Nachlasspiraten kenne ich leider ebenfalls aus der eigenen Verwandtschaftschronik.

Dass du die Figuren noch im Raum gespürt hast, freut mich besonders. 

Ich danke dir sehr für dein Chapeau.  :)

Liebe Grüße
Saira
Zur Zeit online: